mini|hochkant=1.25|Blick auf Wilthen Wilthen ( ) ist eine sächsische Kleinstadt in der Nähe der tschechischen Grenze am Rand der Oberlausitz im Landkreis Bautzen. Die Stadt nennt sich selbst auch „Stadt des Weinbrandes“.

Lage Wilthen liegt etwa 9 km südlich der Großen Kreisstadt Bautzen und 45 km östlich von Dresden am Butterwasser im Lausitzer Bergland.

Ortsteile sind Sora (), Irgersdorf (Wostašecy) und Tautewalde (Tućicy).

Geschichte Wilthen entstand vermutlich bereits um 1000 als sorbische Siedlung, die von deutschen Kolonisten zu einem Waldhufendorf umgestaltet wurde. 1222 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Die ersten Gebäude wurden an der geschützten Stelle errichtet, wo das Irgersdorfer Wasser ins Butterwasser mündet – dem späteren Niederdorf. Angelehnt an den Namen des ersten Siedlers wurde die Ortschaft damals „Welentin“ genannt. Noch heute erinnert der sorbische Name „Wjelećin“ daran. Bereits zu dieser Zeit verfügte der kleine Ort über eine Kirche. Allerdings ist zu deren Aussehen heute nichts mehr bekannt. 1559 fiel der Ort mit dem gesamten bischöflich-meißnischen Amt Stolpen an Kursachsen, gehörte also nicht zur böhmischen Oberlausitz, die erst 1635 im Traditionsrezess an Sachsen überging.

1585 wurde Wilthen von der Pest heimgesucht, die 148 Tote forderte. Im Jahr 1612 litten die Wilthener Einwohner unter einer großen Hungersnot, so wurden Birkenlaub roh und gekocht sowie Rinde geschabt gegessen. Während des Dreißigjährigen Krieges, vor allem zwischen 1631 und 1648, waren Kriegsunruhen, Plünderungen und Misshandlungen in Wilthen zu verzeichnen.

1668 bemühte sich Freiherr Reinhard Dietrich von Taube um das Markt- und Stadtrecht für Wilthen, welches Kurfürst Johann Georg II. im Jahr darauf an den Ort verlieh. Von diesem wurde nur wenig Gebrauch gemacht. Es fanden pro Jahr lediglich zwei Jahrmärkte statt. 1741 wurde das noch heute existierende Herrenhaus vom damaligen Lehnsherren Adam Friedrich von Braun im Rittergut erbaut.

Anfang des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Ortsbild von Wilthen zusehends. Aus dem Dorf mit Stadtrecht wurde eine Kleinstadt. 1871 wurde die Spinnerei und Weberei C. G. Thomas gegründet. In den weiteren Jahren entstehen die Fabriken von O. P. Sperling, Ernst Grahl, Augustin u. Co., Hillmann u. Thonig, Martin Forker, die Schuhfabrik Kloas, die Koffer- u. Lederwarenfabrik Liebscher u. Stolle, die Baugeschäfte Hübner und Dietrich. Das Dorf wurde größtenteils durch die 1842 gegründete Firma Hünlich mit der Herstellung von Bier und Branntwein geprägt. Das Stadtwappen zeigt noch heute einen goldenen Webschützen und eine Weintraube als Hinweis auf die beiden ältesten Industriezweige.

Mit der Industrialisierung veränderte sich auch die Einwohnerstruktur: War Wilthen noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwiegend sorbischsprachig gewesen, erfolgte der Sprachwechsel hin zum Deutschen innerhalb weniger Jahrzehnte im Zuge von Zuzug und Assimilation. In den 1880er Jahren wurde in der Wilthener Kirche noch jeden Sonntag sorbisch- und deutschsprachiger Gottesdienst gehalten. Die beiden letzten sorbischen Pfarrer in der Gemeinde waren Karl Martin Rentsch (Korla Měrćin Renč, 1882–1911) und als Nachfolger sein Sohn Johannes (Jan, 1911–1945). Etwas länger als in Wilthen selbst hielt sich das Sorbische noch in Irgersdorf und Sora.

1877 fuhren die ersten Eisenbahnen durch Wilthen. Es handelte sich damals um die Linien Neustadt–Wilthen–Sohland und Bautzen–Wilthen–Bad Schandau. Im selben Jahr wurde auch das Postamt eröffnet und die erste Fernsprechstelle eingerichtet.

1901/02 wurde unter Leitung von Pfarrer Rentsch der heutige Kirchenbau errichtet. Älter ist der Wilthener Kirchturm, er stammt noch aus dem Jahr 1704.

Zur Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 wurde das größte Lagerfass der Firma Hünlich ausgestellt und trug somit zur Bekanntheit der Wilthener Spirituosen bei. Sie wurden mit einer Goldmedaille in der Klasse Liköre und der Silbermedaille für Cognac ausgezeichnet. Das sogenannte „Pariser Fass“ wird noch in der Hardenberg-Wilthen AG ausgestellt.

1918 besuchte König Friedrich August III. Wilthen, um das Jugendheim zu besichtigen. Die Schüler standen Spalier und Julius Hünlich, Betreiber der ersten Kindertagesstätte und Teilhaber der Hünlich AG, führte den König durch Wilthen.

Am 12. Mai 1921 wurde der Grundstein zur jetzigen Grundschule gelegt und im Jahr 1922 wurde die Schule eingeweiht. Zu dieser Zeit zählte Wilthen 3.200 Einwohner, 500 davon waren Schulkinder. 1975 wurde die Schule um den Anbau erweitert.

1922 wurde in Wilthen die 700-Jahr-Feier begangen. In der Zeppelinhalle der Firma Hünlich wurde aus diesem Anlass das Bundesgesangsfest gefeiert. 40.000 Menschen kamen zum großen Jubiläumsfest nach Wilthen.

Die Gemeinden Irgersdorf, Sora und Wilthen wurden 1936 zu einer Gemeinde zusammengeschlossen. 1974 folgte die Ortschaft Tautewalde und ist seitdem ein Ortsteil von Wilthen.

1960 starb der Mundart-Dichter Hermann Klippel in Tautewalde. Seine Werke trugen dazu bei, das Leben zur damaligen Zeit und die Oberlausitzer Mundart zu erhalten und zu verbreiten.

1969, genau 300 Jahre nach der ersten Verleihung, bekam Wilthen erneut das Stadtrecht verliehen. 1972 wurde die Stadt erstmals staatlich anerkannter Erholungsort und erhielt zu ihrem 750-jährigen Jubiläum ein neues Wappen.

Im Jahr 1991, kurz nach der Wiedervereinigung, entstand aus einem Betriebsteil des VEB VEGRO Vereinigte Grobgarnwerke Kirschau das Handelszentrum Oberland (HZO). Im darauffolgenden Jahr wurde das Immanuel-Kant-Gymnasium (IKG) gegründet.Website Immanuel-Kant-Gymnasium Wilthen Damit besitzt die Stadt mit der Goethe-Oberschule Wilthen und der Pumphut-Grundschule Wilthen drei Schulen.

Im Jahr 2000 wurde das bereits 1889 erbaute Rathaus umgebaut und renoviert und erhielt so sein heutiges Aussehen.

Einwohnerentwicklung mini|Herrenhaus Wilthen, Caritas Sozialstation St. Barbara Wie in fast allen Gemeinden der Oberlausitz nimmt auch die Einwohnerschaft in Wilthen weiter ab. Dies geschieht zum einen durch eine substantielle Abwanderung und zum anderen durch einen wachsenden Sterbeüberschuss in der überalternden Region. Als Konsequenz wurden bis 2021 mehrere industriell gefertigte Wohnbauten im Norden der Stadt abgerissen und durch die entstandene Auflockerung für mehr Wohnqualität am Standort gesorgt.

Entwicklung der Einwohnerzahl (ab 31. Dezember 1991): Datenquelle ab 1991: Statistisches Landesamt Sachsen Jahr 1834 1885 1991 2002 2004 2007 2008 2009 2010 Einwohner 1180 2035 8121 6761 6336 5870 5744 5684 5523 Jahr 2012 2013 2015 2022 Einwohner 5315 5268 5348 4827

Religion 28 % der Einwohner sind evangelisch, 5 % katholisch.Zensus 2011 Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde zu Wilthen gehört der Landeskirche Sachsens an. Die katholische Kirche St. Barbara im ehemaligen Rittergut Wilthen ist eine Filialkirche der Pfarrei Mariä Himmelfahrt mit Sitz in Schirgiswalde, Bistum Dresden-Meißen.

Politik Stadtrat Die Stadtratswahl am 9. Juni 2024 führte zu den nebenstehenden Sitzverteilungen und Ergebnissen.

Liste202420192014Sitzein %Sitzein %Sitzein %AfD740,8222,6––CDU736,5736,8840,9FDP17,1313,9212,0Freie Wählerliste Wilthener Bürger16,0314,7422,6Linke16,017,6214,5SPD13,6–4,414,9NPD––––15,0Wahlbeteiligung71,2 %62,6 %53,1 % Zusätzlich gehört dem Stadtrat der gesondert gewählte Bürgermeister an, der den Vorsitz führt. Dies ist in Wilthen Michael Herfort (CDU).

Bürgermeister Bürgermeister AmtszeitWahlen Max Otto 1922–1945 Emil Richter 7. Juni 1945–1946 Erich Große 1946–26. Dezember 1964 Hermann Schabacher (Stellvertreter bis zur Neueinsetzung) 27. Dezember 1964–10. April 1965 Herbert Grosche 11. April 1965–28. Mai 1974 Horst Hönig 29. Mai 1974–1987 Gabriele Parakeninks 1988–Mai 1990 Bernd Wucke 30. Mai 1990–7. Januar 1991 Manfred Melior (CDU, kommissarisch bis zur Neuwahl) 8. Januar 1991–27. August 1991 Knut Vetter (FDP) 28. August 1991–31. Juli 20081994, 2001 Michael Herfort (CDU) seit 1. August 2008 2008, 2015, 2022 Bürgermeister Herfort wurde bei der Bürgermeisterwahl am 7. Juni 2015 mit 98,6 % der gültigen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 46,7 % im Amt bestätigt. Nach sieben Jahren erreichte er 98,1 % bei einer Wahlbeteiligung von 54,7 %.

Wappen Das Wappen der Stadt Wilthen zeigt eine Frauengestalt auf blauem Schild. Ihre Augen sind verbunden, in der erhobenen linken Hand hält sie eine goldene Waage und in der gesenkten Hand ein goldenes Schwert. Rechts über ihr befindet sich balkenweise ein goldener Webschützen über einer goldenen Weintraube. Diese Frau stellt Justitia, die altrömische Göttin des Rechts und Verkörperung der Gerechtigkeit, dar. Das Wappen führt wahrscheinlich schon seit 1669 die Justitia, als Wilthen die Markt- und Stadtgerechtigkeit verliehen wurde. 1920 wurde das Symbol der typischen Erwerbszweige Textilindustrie und Weinbrennerei als Zeichen hinzugefügt, um den Einmaligkeitsgrundsatz zu bewahren. Die Waage der Justitia steht für Gerechtigkeit. Beide Seiten eines Konflikts sollen betrachtet und abgewogen werden. Das goldene Schwert steht für die anschließende Strafe, die den Schuldigen zusteht. Um Gerechtigkeit zu symbolisieren, sind die Augen der Frau verbunden, damit keiner zu Unrecht (aufgrund Herkunft, Aussehen, Nationalität) verurteilt oder vernachlässigt wird. Zwischen 1972 und 1992 hatte die Stadt Wilthen ein DDR-Wappen.

Wahrzeichen rechts|Pumphut Das Wahrzeichen der Stadt ist Martin Pumphut, welcher als Hexenmeister der Oberlausitz gilt. Das 2 Meter hohe Wahrzeichen wurde durch Franz Rosche, einen Krippenschnitzer aus Schluckenau, im Auftrag des Wilthener Heimat- und Gebirgsvereins, nach einem Entwurf von Franz Rösler, gefertigt. Die Figur in der Nähe des Jägerhauses wurde am 19. August 1939 aufgestellt. Nach mehreren Vandalismustaten wurde in den 1950er Jahren die Figur erstmals von Hans Thuma restauriert und im Dorf aufgestellt und später in das Foyer der Heimatstube gebracht. Herbert Michalz schuf im März 1993 eine zweite Figur, welche in der Nähe des Rathauses aufgestellt wurde. Eine private dritte Figur wurde 1998 am Pass gegenüber vom Jägerhaus aufgestellt. Um diese Sagenfigur, welche auch zum „Ehrenbürger“ ernannt wurde, ranken viele Geschichten, Lieder und Gedichte. Martin Pumphut galt als wandernder Schalk der Oberlausitz, welcher in dem Dörfchen Spohla (Hoyerswerda) geboren wurde. Er erlernte das Müllerhandwerk, sprach sorbisch und deutsch und hatte immer Streiche im Sinn. Seine Zeit verbrachte er als wandernder Müllergeselle, welcher von Mühle zu Mühle zog und für eine gute Herberge den Menschen Späße und Scherze erzählte. Als Merkmal gilt sein hoher, spitzer, breitkrempiger Hut.

Städtepartnerschaften Wilthen pflegt Städtepartnerschaften mit Eppelheim in Baden-Württemberg und Lwówek Śląski in Niederschlesien (Polen).

Kultur und Sehenswürdigkeiten Wilthen bietet zahlreiche Wandermöglichkeiten, historische Gebäude und Berggaststätten. In Wilthen befinden sich viele historische Gebäude, u. a. gut erhaltene Umgebindehäuser. Der Gasthof „Die Linde“ zeigt die für Umgebindehäuser typische Außenfassade. Stadtbildprägende Gebäude sind die Verwaltungsgebäude Zittauer Straße 12 (erbaut 1906) und St.-Barbara-Platz 8 (erbaut 1917–1921) sowie die evangelische Kirche (erbaut 1901/02 mit Turm von 1704) und das Rittergut mit Herrenhaus (1740).

Museen

Heimatstube – entstand 1954 als Heimatmuseum und zeigt unter anderem eine Oberlausitzer Weberstube aus der Zeit von 1850. Museum in der Wilthener Weinbrennerei Historische Brunnenstube – in Sora

Musik Seit 1965 gab es in Wilthen unter der Leitung von Adolf Kiertscher die „Kapelle Oberland“. 45 Jahre lang war Kiertscher der Chef der Kapelle. 2010 wurde die Leitung von ihm an Olaf Hoffmann übergeben, der die Kapelle unter dem Namen „Olaf und die Oberländer“ weiterführt.

Rad- und Wanderwege