Wertvorstellungen oder kurz Werte bezeichnen im allgemeinen Sprachgebrauch als erstrebenswert oder moralisch gut betrachtete Eigenschaften bzw. Qualitäten, die Objekten, Ideen, praktischen bzw. sittlichen Idealen, Sachverhalten, Handlungsmustern, Charaktereigenschaften oder auch Gütern beigemessen werden. Das aus den Wertvorstellungen bzw. Werten einer Gesellschaft geformte Gesamtgebilde wird als Wertesystem oder Wertordnung bezeichnet. Die Werteordnungen sowohl einzelner Menschen als auch von Gesellschaften sind oft komplexe Geflechte aus miteinander verknüpften unterschiedlich stark gewichteten Werten (es ergibt sich eine Werte-Hierarchie). Die grundlegenden Werte nennt man Grundwerte.

Die Bedeutung des Wertbegriffs verändert sich, je nachdem ob die Wertzuschreibung von Einzelnen, von sozialen Akteuren oder von einer Gesellschaft erfolgt und ob sie als objektive Erkenntnis oder subjektive Haltung verstanden wird. Mitunter gelten Wertentscheidungen als konstitutive Elemente der Kultur, insofern sie Sinnzuschreibungen innerhalb eines Sozialsystems (Gruppe, Gesellschaft usw.) festlegen. Umgekehrt ist die Kultur ein Medium, in dem Wertvorstellungen weitergegeben und verändert werden können, entweder durch direkte Vermittlung von Wertentscheidungen oder durch diese vermittelnde Gewohnheiten, Bräuche etc. Beim Versuch, einen gemeinsamen Wertekatalog zu definieren, stellen sich Fragen wie die, ob ein gemeinsamer Wertekatalog über Vorstellungen vom „Guten“ (etwa Solidarität) hinaus auch Verfahrensregeln (etwa die Rechtsstaatlichkeit) einbeziehen solle und inwieweit auch Postulate dazugehören können, welche in der Realität bisher nicht umgesetzt werden. Enthält eine Werteordnung einen alleinigen Anspruch auf Wahrheit, ist sie das Kennzeichen einer Ideologie.

Individuelle Werte und Einstellungen untersucht die Differentielle Psychologie. Das Teilen, Weitergeben oder Diskutieren von Werten in Gruppen behandeln die Sozialwissenschaften und die Sozialpsychologie. Andere Wissenschaften, wie etwa die Moraltheologie und die Pädagogik, müssen sich mit Fragen des Wertbestands und der Weitergabe von Werten direkt befassen. Diese sind darüber hinaus Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Diskussion. Im fachsprachlichen Gebrauch der deutschsprachigen Philosophie können „Werte“ zum Beispiel Teilaspekte des Guten ausmachen. Darüber hinaus existiert ein breites Spektrum philosophischer Wertbegriffe sowie moralphilosophischer und metaethischer Rahmentheorien – ein Themengebiet, das auch als Axiologie bezeichnet wird.

Abgrenzung

Der Begriff „Wert“ (ebenso Wertvorstellung, Wertschöpfung und weitere) erfährt in der Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft eine andere inhaltliche Bedeutungszuweisung als in den Geisteswissenschaften, speziell der Ethik, der Theologie, der Soziologie oder der Pädagogik. Erstere verstehen ihn im materiellen, letztere im ideellen Sinne. Beide „Werte“ treten in der Praxis häufig in Widerspruch und erschweren eine Orientierung und Prioritätensetzung. Ist es bspw. das Ziel ökonomischen Handelns, eine höchstmögliche materielle Wertschöpfung (Gewinn) zu erzielen, so geht es bei der ethischen Wertschöpfung um das Schaffen ideeller Werte.Thomas Gensicke: Zeitgeist und Wertorientierungen. In: Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2006. Eine pragmatische Jugend unter Druck. 15. Shell Jugendstudie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006.

Philosophie

In der Wertphilosophie, speziell ihrem Teilbereich Ethik, beinhalten die Begriffe „Wertvorstellung“, „Werthaltung“ oder „Wertschöpfung“ nach ihren bedeutenden Vertretern Oskar Kraus, Hermann Lotze oder Max Scheler die Fundierung und Ausrichtung des Denkens und Handelns nach ideellen Werten.

Erich FrommErich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1976. differenziert in seiner Gesellschaftskritik grundsätzlich zwischen „idealistischen“ und „materialistischen“ Wertanschauungen. Dabei geht es ihm um die Alternative einer Bereicherung durch äußere Güter oder menschliche Qualitäten. Von Hermann Lotze wird der Terminus „Wert“ im Sinne eines „von den Menschen gefühlsmäßig als übergeordnet Anerkannte[n], zu dem man sich anschauend, anerkennend, verehrend, strebend, verhalten kann“ gebraucht. So ein Definitionsversuch des Kantforschers Paul Menzer, der zitiert wird bei Georgi Schischkoff: Art. Wert. In: Ders.: Philosophisches Wörterbuch. Kröner, Stuttgart 198221, S. 746f, hier: 746

Vertreter der Wertphilosophie sind der Ansicht, dass die Wertfrage bereits seit den Anfängen des philosophischen Denkens der Frage nach dem Charakter und der Seinsweise der Werte gestellt worden sei, so vor allem in der Güterethik des Aristoteles.Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, erstes Buch, erstes Kapitel; zum Beispiel nach Oelmüller/Dölle/P., S. 130 Platon beschrieb in seinem Werk die Idee des Guten.Vgl. Platon: Staat, 5.–7. Buch; zum Beispiel nach Oelmüller/Dölle/P., Seiten 120 und 125 Die antike Güterethik aristotelischen Ursprungs wurde auch in der Theologie aufgegriffen und im Rahmen der Moraltheologie weitergeführt.

Windelband, Rickert und andere entwickelten eine Wertethik mit der Intention, die philosophische Ethik stärker anthropologisch als ontologisch zu fundieren. Maßgebliche Bedeutung erhält der Begriff im Ansatz der materialen Wertethik von Max Scheler in den Jahren 1913 bis 1916. Scheler hat seine Wertethik ausdrücklich von der traditionellen Güterethik abgegrenzt.

Bochenski (1902–1995) unterschied 1959 drei Gruppen immaterieller Werte, die man durch sein Verhalten verwirklichen kann: die moralischen, die ästhetischen und die religiösen. Die moralischen Werte sind Forderung zur Tat; sie enthalten das Tun-Sollen. Die ästhetischen Werte enthalten das Sein-Sollen. Die religiösen Werte als Verbindung moralischer und ästhetischer Werte berücksichtigen auch das Nicht-Sein-Sollen und das Nicht-Tun-Sollen und geben es in Form der Sünde an.Bochenski, S. 73 f.; vgl. aus psychologischer Sicht Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie. Auer Verlag, Donauwörth 1967, S. 287–295, Begriff „Religiöse Werthaltungen“

In der jüngeren Diskussion sind die Versuche, Werte ontologisch oder anthropologisch zu begründen, stark in die Kritik geraten. So argumentiert der Freiburger Philosoph Andreas Urs Sommer 2016 in einem stark beachteten Buch,Andreas Urs Sommer: Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt, Stuttgart: Metzler 2016, vgl. Andreas Urs Sommer: Werte sind verhandelbar. Ihre grosse Leerheit ist ihre grösste Stärke. Plädoyer für einen selbstbewussten Werterelativismus, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 61, 14. März 2016, S. 29, auch unter https://www.nzz.ch/feuilleton/wertedebatte-werte-sind-verhandelbar-ld.7385 Werte seien „regulative Fiktionen“, die je nach den individuellen und sozialen Bedürfnissen immer wieder umgestaltet würden. Die Vorstellungen ewiger, für sich bestehender Werte weist Sommer zurück, ohne jedoch einen Werteverfall zu diagnostizieren. Werte seien notwendig plural und relativ – und dass sie es seien, sei begrüßenswert.

Psychologie Der Wertbegriff wurde in der Psychologie „großzügig“ gehandhabt und „vielfach nur im Sinne der Umgangssprache“Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie, S. 228. verwendet. Es war auch üblich, den in philosophischer Sichtweise eingesetzten Begriff aufgrund der Ergebnisse psychologischer Forschung zu erklären und zu variieren.vgl. Heinz Remplein: Die seelische Entwicklung des Menschen im Kindes- und Jugendalter. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel 1958, S. 121–634 (viele Nachaufl.) 1924 wurde der Begriff in dem jahrzehntelang neu aufgelegten, jugendpsychologischen Werk Eduard Sprangers in Formulierungen wie „Wertganzes“, „Wertverwirklichung“ und „Wertgehalt der Welt“ verwendet.Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters. Verlag Quelle und Meyer, Leipzig 1924, S. 19, 23 und 92 (viele Nachaufl)

Der Begriff erhielt allerdings seit den 1960er Jahren aufgrund vielfacher Untersuchungen (zum Beispiel Kurt Lewin, Clark L. Hull, Edward C. Tolman, Desmond Morris) eine definitorische Zweideutigkeit, „nach zwei Richtungen hin“ (Rolf Oerter): 1. Werte als den Dingen oder Lebewesen eigene Bezugspunkte wirken anziehend oder abstoßend. 2. Ein mit der Kultur vermittelter Wert dient als „Richtlinie“F. L. Ruch und Philip Zimbardo: Lehrbuch der Psychologie. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1975, S. 308. dem Menschen zum Verständnis bzw. zur Erkenntnis der Welt und wird infolgedessen bei der Planung des Verhaltens zur Prämisse.

Als hypothetisches Konstrukt einer Individuum-Welt-Beziehung wird der Wert entweder als Komplex von Wirkungsfaktoren der Welt auf das Lebewesen wahrgenommen oder im motivationalen Konzept des Individuums als Zielentwurf oder Korrektiv zur Gestaltung der Welt verwendet. Überwiegend war jedoch der Wertbegriff als dynamisches Konzept in der Literatur zu finden. In diesem auf eine breitere Basis psychologischer Untersuchungen gestellten „Wertkonzept“ wurden die handlungsorientierten Bedeutungen der im deutschsprachigen Raum beschriebenen Begriffe „Werterleben“ und „Wertverwirklichung“ wiedergefunden.Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie, S. 229. Als ein Ergebnis seiner Forschung über die Kognitionsentwicklung erklärte Jean Piaget 1966, dass das im Kindheitsstadium erworbene formale Denken eine später auch affektiv begleitende Voraussetzung sei, um zur Planung von Lebensentwürfen im Erwachsenenalter die „mit Zukunftsprojekten verbundenen Werte“ passend strukturieren zu können.Bärbel Inhelder, Jean Piaget: Die Psychologie des Kindes (= Fischer Taschenbücher, Band 6339). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1977 (Paris 1966, deutsche Ausgabe 1972), ISBN 3-436-02401-5, S. 109–111. Diesbezüglich merkten Inhelder und Piaget den Mangel an anderen wissenschaftlichen Untersuchungen kritisch an. Die Ergebnisse von Erik H. Erikson, M. Mead, Malinowski, Schelsky u. a. wurden relativiert; vgl. Fußnoten 8 und 10 in Kapitel 5, S. 111 und 130. Aus der Sicht der Existenzanalyse gab Viktor E. Frankl 1974 den Werten die Geltung als „umfassende Sinnmöglichkeiten“Viktor E. Frankl: Der unbewußte Gott. Psychotherapie und Religion. Kösel, München 1948–2004 und dtv Band 35058, München 201412, ISBN 3-466-20302-3, S. 72.

Innerhalb der Motivationstheorie beschrieb Otto W. Haseloff 1974 die Werteinstellungen als langfristig effiziente Wirkungskomplexe aus der Motivklasse der Strebungen, „die sozio-kulturell thematisierte und normierte Dauerquellen“ darstellen, direkten Bezug auf die „Wertsysteme und die Präferenzordnung der Persönlichkeit“ nehmen und sich „meist […] gemäß dem Gesetz von der funktionellen Autonomie der Motive“ (G. Allport) verfestigen.Otto W. Haseloff: Marktforschung und Motivationstheorie. In: Karl Christian Behrens (Hrsg.): Handbuch der Marktforschung, Band 1 Methoden der Marktforschung. Gabler, Wiesbaden 1974, S. 120. Aus einer Synopse von psychologischer mit soziologischer Literatur resultierte bei Hans Joas 2004 die Beschreibung einer inner-individuellen Dynamik in dem Begriff „Wertbindungen“, die der Mensch in einem aktiven Vorgang, „in den Prozessen der Selbstbildung und […] in Erfahrungen der Selbsttranszendenz“ entwickelt.Vgl. Hans Joas: Die Entstehung der Werte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, S. 257.

Soziale Normen