|} Die Bahnstrecke Bellinzona–Mesocco, auch Misoxerbahn, Misoxerlinie, Misoxerstrecke, Bellinzona–Mesocco-Bahn oder italienisch Ferrovia Bellinzona–Mesocco beziehungsweise Ferrovia Mesolcinese genannt, war eine meterspurige Schmalspurbahn in den Schweizer Kantonen Tessin und Graubünden. Die 31,3 Kilometer lange Strecke führte von der Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona durch die Bündner Talschaft Misox nach Mesocco. Die Strecke wurde 1907 von der Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco (BM) eröffnet, die 1942 in der Rhätischen Bahn (RhB) aufging. Der Personenverkehr wurde 1972, der Güterverkehr 2003 eingestellt. Bis 2013 betrieb die Società Esercizio Ferroviario Turistico (SEFT) auf einem 12,7 Kilometer langen Reststück eine Museumsbahn, die Ferrovia Mesolcinese (FM). Ein Projekt zur Aufwertung des Siedlungsgebietes von Roveredo sowie ein Ausbauprojekt des Kantons Tessin am ÖV-Knoten Castione-Arbedo führten 2014 zu einer weiteren Verkürzung der Strecke auf 3,9 Kilometer zwischen dem Bahnübergang Grono und Cama. Die Konzession für dieses Reststück wurde 2016 von der SEFT zurückgegeben. mini|links|Aktie über 200 Franken der Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco vom 15. Oktober 1905 mini|Höhenprofil der Strecke mini|Als Offertunterlage dienende Werkaufnahme des am 20. November 1906 ausgelieferten Gütertriebwagens Ke⁴ 501

Geschichte

Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco 1891 verlangten 25 Motionäre in Mesocco eine Bahnverbindung nach Bellinzona. Im Jahre 1895 gab es erste Planungen, das Misox mit einer vom Bahnhof Castione-Arbedo der Gotthardbahn ausgehenden Stichbahn zu erschliessen. Zuerst wurde eine normalspurige Strecke in Betracht gezogen. 1899 erteilte der Bundesrat eine Konzession für eine Strassenbahn mit lediglich 20 % Eigentrassee. Auf Vorschlag von verschiedenen Expertenkommissionen fiel schliesslich die Entscheidung zugunsten einer elektrisch betriebenen Schmalspurbahn mit Eigentrassee. Nachdem am 26. Juli 1903 in Lostallo die Betreibergesellschaft gegründet worden war, wurde am 13. Mai 1905 ein erster Vertrag zwischen der Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco und der Aktiengesellschaft vormals Johann Jakob Rieter als Generalunternehmerin abgeschlossen. Dieser sah den betriebsfertigen Bau sowie die komplette Einrichtung der Bahn vor, wobei folgende Kosten veranschlagt wurden:

Gewerk/Posten Kosten (in Fr.) Unterbau einschliesslich Stein- und Stahlbrücken 684'000.– Stationsgebäude, Remisen, Werkstatt 136'600.– Oberbau 624'360.– Wasserkraftwerk Cebbia 334'900.– Kraftverteilung 339'670.– Rollmaterial 293'000.– Signale und Telefon 13'200.– Total 2'425'730.–

Als Fertigstellungstermin für den Abschnitt Bellinzona–Lostallo wurde der 30. Juni 1906 festgelegt; für die Reststrecke bis Mesocco der 15. Oktober 1906. Die Betriebsaufnahme wurde auf den 15. Juli 1906 für den ersten Abschnitt und den 1. November 1906 für die Reststrecke geplant. Im Falle einer Nichteinhaltung der Termine verpflichtete sich Rieter, für jede Woche Verspätung eine Konventionalstrafe in Höhe von Fr. 1'000.– zu zahlen.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 4.

Die Bauarbeiten begannen im April 1905. Das 21,4 Kilometer lange erste Teilstück wurde am 6. Mai 1907 als damals modernste Bahn dem Verkehr übergeben. Es handelte sich dabei um den Abschnitt von Bellinzona über Castione-Arbedo, dem betrieblichen Mittelpunkt der Linie, Lumino, San Vittore, Roveredo, Grono, Leggia und Cama nach Lostallo. Die 9,9 Kilometer lange Fortsetzung zwischen Lostallo und Mesocco mit Stationen in Cabbiolo und Soazza folgte knapp drei Monate später und war ab dem 31. Juli 1907 befahrbar.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 3, 8. Die 31,3 Kilometer lange Gesamtstrecke wies drei Tunnel, 28 Brücken – darunter drei grosse Viadukte über den Fluss Moesa – sowie 18 Bahnhöfe beziehungsweise Haltestellen auf. Betriebsmittelpunkt war Castione-Arbedo, ein weiteres Depot samt Werkstätte befand sich am Endpunkt Mesocco. Die Maximalsteigung betrug 60 ‰, der kleinste Kurvenradius 80 Meter. Etliche Kinderkrankheiten sowohl an den Triebwagen als auch an den elektrischen Anlagen erforderten den Einsatz der Dampflokomotiven, die für den Bau der Strecke benutzt wurden. Es existieren jedoch weder Aufzeichnungen noch Fotos jener Bauloks.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 19.

Nach der Fertigstellung reichte Rieter eine Klage ein, um die Bahngesellschaft zu weiteren Zahlungen zu verpflichten. Begründet wurde der Vorstoss mit laufend geforderten Änderungen während des Baus. Zudem war ein Festpreis vereinbart worden, obwohl zahlreiche Einzelheiten zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung ungenau definiert gewesen waren. Die Klageschrift stellte in der Einleitung Folgendes fest:

«Das blosse Durchlesen des Vertrages lässt sofort erkennen, dass es sich um einen jener grossen Bauverträge handelt, welche für den Unternehmer in der Regel so gefährlich zu werden pflegen.»Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 5.

Energieversorgung und Fahrleitung mini|hochkant|Einfache Fahrleitungskonstruktion bei Cama in Richtung Castione-Arbedo, 2005 Von Anfang an war geplant, die Bahn mit einem eigenen Wasserkraftwerk zu betreiben. Im Hinblick auf eine Erweiterung in Richtung San-Bernardino-Pass wurde beschlossen, die Moesa zu nutzen, da diese auch bei niedrigem Wasserstand eine ausreichende Leistung sicherstellte. Bei einer verfügbaren Wassermenge von etwa 560 l/s war im Kraftwerk Cebbia eine Wellenleistung von mindestens 1235 kW (1680 PS) möglich. Die Wasserfassung erfolgte nahe der Kirche San Giacomo, etwa drei Kilometer vom Bahnhof Mesocco entfernt. Die vollständig unterirdisch verlegte Rohrleitung mit 50 cm Durchmesser hatte eine Länge von 1620 Metern. Die gusseisernen Muffenrohre im oberen Bereich wurden von den Ludwig von Roll’schen Eisenwerken in Choindez geliefert, während die geschweissten Rohre im unteren Bereich vom Röhrenwalzwerk J. P. Piedbœuf & Co. aus Düsseldorf-Eller stammten. Das Maschinenhaus wurde für vier Turbinengruppen konzipiert, wovon zwei in Betrieb genommen wurden. Um die im Bahnbetrieb auftretenden extremen Belastungsspitzen auszugleichen, war eine aufwändige Geschwindigkeitsregulierungsanlage erforderlich. 1500 Volt Gleichstrom gelangten über eine 1,5 Kilometer lange Speiseleitung ins Fahrleitungsnetz bei Mesocco; Drehstrom mit einer Spannung von 10 Kilovolt führte über eine 22,2 Kilometer lange Freileitung zum Unterwerk in Roveredo. Die Leistung der zwei Generatoren war so ausgelegt, dass zwei Züge mit einem Gesamtgewicht von jeweils bis zu 55 Tonnen gleichzeitig bergwärts fahren konnten. Im Notfall genügte einer der beiden Einspeisepunkte, um den Bahnbetrieb sicherzustellen. Die Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco nahm damit eine elektrotechnische Vorreiterrolle in der Schweiz ein: Sie war 1907 die erste Schmalspurbahn des Landes, die von Beginn an mit 1500 Volt Gleichstrom betrieben wurde. Diese technische Auslegung bewährte sich bei den starken Steigungen im Misox und diente als direktes Vorbild für die in Teilstrecken zwischen 1908 und 1910 eröffnete Berninabahn. Die Fahrleitungsausleger konnten sehr kurz und die Aufhängung einfach ausgeführt werden.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 12–14.

Die Versorgung durch das bahneigene Kraftwerk bestand bis 1961; am 19. Februar übernahmen die Misoxer Kraftwerke AG (ital. Officine Idroelettriche di Mesolcina SA) diese Aufgabe. Der Einspeisungsschaltposten befand sich bei Ara oberhalb von Cabbiolo.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 29.

Auf dem verbliebenen Streckenabschnitt der FM wurde die historische Fahrleitung bis zur Betriebseinstellung funktionsfähig erhalten.

Projekt Bernhardinbahn Die nach den Normalien der Rhätischen Bahn erbaute Strecke war von Anfang an nicht als isolierte Talbahn angedacht. Bereits 1908 – ein Jahr nach der Eröffnung – reichte der erste Direktor der Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco, Silvio Tonella, ein Konzessionsgesuch für eine sogenannte Bernhardinbahn über den San-Bernardino-Pass nach Thusis ein, um dort den Anschluss an deren Bahnstrecke Landquart–Thusis herzustellen. Diese Trasse war eine von mehreren damals diskutierten Varianten einer sogenannten Ostalpenbahn. Das Post- und Eisenbahndepartement signalisierte im März 1909 nach Rücksprache mit dem Militärdepartement grundsätzliche Zustimmung. Volkswirtschaftliche und touristische Faktoren wurden hervorgehoben, und auch die Post zeigte Interesse, da diese Verbindung den aufwendigen Verkehr durch die Hinterrheintäler ersetzt hätte.Rolf Rütimann: Bellinzona–Mesocco-Bahn. S. 15.

Mit Bundesbeschluss vom 2. Februar 1923 erteilte die Bundesversammlung gemäss Botschaft des Bundesrates vom 19. Juni 1922 die Konzession für den Bau und Betrieb einer Bahnstrecke, welche Mesocco mit der Station Thusis der Rhätischen Bahn über den San-Bernardino-Pass verbinden sollte. Dieses Projekt konnte jedoch nicht verwirklicht werden; somit blieb die hier behandelte Bahnstrecke die einzige Bündner Schmalspurbahn ohne Verbindung zum Stammnetz.

Fusion mit der Rhätischen Bahn mini|Bahnhof Soazza um 1970 mini|Der ehemalige Bahnhof Soazza im Jahr 2005, 26 Jahre nach dem Trasseerückbau Nachdem sich der Verkehr in den 1930er Jahren unbefriedigend entwickelt hatte, fusionierte die Società Anonima Ferrovia elettrica Bellinzona–Mesocco zu Neujahr 1942 mit der Rhätischen Bahn. Diese begann umgehend mit der Modernisierung der Fahrzeuge, Gleisanlagen und Stromversorgung. 1955 wurde der Rollschemelbetrieb aufgenommen, im Bahnhof Castione-Arbedo befand sich dafür eine entsprechende Rollschemelrampe.

Nicht lösen konnte die Rhätische Bahn hingegen das Problem der peripher gelegenen Abfahrtsstelle in Bellinzona. Dort begann die Bahnstrecke nach Mesocco nicht am Bahnhof Bellinzona der SBB, sondern rund zehn Minuten Fussweg entfernt an der Piazza Mesolcina. Gleichwohl konnte am Bahnhof Castione-Arbedo direkt von und zur Gotthardbahn umgestiegen werden.

Statt weiterer Investitionen in die Bahn entschied man sich in den 1960er Jahren dafür, die parallel verlaufende Nationalstrasse A13 als wintersichere Nord-Süd-Verbindung auszubauen. Den Strassenplanern erschien die Bahn beim Bau der A13 als Hindernis, so dass bereits 1966 erstmals diskutiert wurde, den Bahnbetrieb aufzugeben. Doch die Rhätische Bahn führte die Erneuerung weiter, bestellte 1966 sechs Leichtmetallpersonenwagen für die Misoxerbahn und bereitete die Bestellung von drei Triebwagen vor. Ein Expertenbericht war 1967 zum Schluss gekommen, dass es zweckmässiger sei, die Bahn zu erhalten. Da dieser Bericht dem zuständigen Departementschef (Verkehrsminister) missfiel, wurde ein zweiter Bericht in Auftrag gegeben. Die Rhätische Bahn musste die Bestellung der Personenwagen daraufhin abändern, statt sechs kurzer wurden fünf lange Wagen für die Arosabahn geliefert.Eisenbahn-Amateur. Nr. 8, 21. Jahrgang/August 1967, S. 294: «5 Einheits-B 2315–19 ... anstelle von 6 kurzen B 2315–20 für die Misoxerlinie» 1969 wurde die Einstellung des Personenverkehrs durch den Bund angeordnet. Proteste aus dem Tal und eine Petition mit 5000 Unterschriften vermochten nicht, dies zu verhindern.

Betriebseinstellung durch die Rhätische Bahn mini|Ehemaliges Bahnhofsareal in Mesocco mit verbliebenen Gleisen sowie Depotwerkstätte mit Büro und Personalwohnung, 2024 mini|Ehemaliger Bahnhof Mesocco, 2005 Am 28. Mai 1972 wurde schliesslich der Personenverkehr auf der Misoxerbahn eingestellt. Diese Aufgabe übernahmen fortan Postautos. Ausschlaggebend hierfür war unter anderem die bessere Erschliessung des Tales durch die mittlerweile fertiggestellte A13. Die Autobusse verkehrten fortan von Thusis über den San-Bernardino-Pass oder durch den San-Bernardino-Tunnel bis nach Bellinzona.