Die unsichtbare Hand (Lehnübersetzung von ) ist ein metaphorischer Ausdruck, mit dem der schottische Ökonom und Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790) die unbewusste Förderung des Gemeinwohls beschrieb. Wenn alle Akteure an ihrem eigenen Wohl orientiert seien, führe eine angenommene teilweise oder vollständige Selbstregulation des Wirtschaftslebens zu einer optimalen Produktionsmenge und Produktqualität sowie zu einer gerechten Verteilung der Güter. Inwiefern Smith diesen Begriff selbst so verstand, ist umstritten. Die Bezeichnung wurde auf andere Bereiche wie die Sprache übertragen.

Herkunft des Begriffs Ursprung der Metapher Mit Bezug zur Ökonomie wurde die Metapher der „unsichtbaren Hand“ durch Adam Smith bekannt. In einem allgemeineren Sinn gab es diese Metapher schon vor Smith. Sie war zu seiner Zeit eine durchaus übliche, meist religiös konnotierte Redensart. Als im Jahr 1703 das Kriegsschiff Prince George einen gewaltigen Sturm überstand, dem etliche andere Schiffe zum Opfer fielen, schrieb der Kommandant Martin ins Schiffstagebuch: „Die unsichtbare Hand der Vorsehung hat uns errettet.“D. D. Raphael: Adam Smith. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 86.

Ursprung des Konzepts Die mit der Metapher der „unsichtbaren Hand“ verbundene Idee – ein eigennütziges Verhalten eines oder mehrerer Individuen führt zu mehr Gemeinwohl – ist älter als die Metapher. Der Ökonom Tomáš Sedláček verfolgt die Geschichte dieser Idee weit zurück. Er verweist auf den Sozialtheoretiker Bernard Mandeville (1670–1733) und dessen Bienenfabel (siehe Mandeville-Paradox), auf den Scholastiker Thomas von Aquin (1225–1274) und schließlich auf den antiken Dichter Aristophanes: „Laut einer Legende aus alter Zeit werden all unsere törichten Pläne und eitlen Dünkel auf das Gemeinwohl hingeordnet.“Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse. Carl Hanser Verlag, 2012, ISBN 978-3-446-42823-2.

Adam Smith mini|hochkant|Adam Smith (1787) Adam Smith verwendet die Metapher der unsichtbaren Hand in seinen Werken insgesamt nur dreimal, jedes Mal in einer anderen Bedeutung.Emma Rothschild: Adam Smith and the Invisible Hand. In: The American Economic Review. Vol. 84, No. 2, Mai 1994, S. 319–322. Zuerst taucht die Formulierung von der „unsichtbaren Hand Jupiters“ in einem Aufsatz zur Geschichte der Astronomie auf und bedeutet dort, dass Naturprozesse auch ohne höhere Einwirkung verstanden werden können. Der Begriff der unsichtbaren Hand als Zeichen göttlicher Einwirkung wird dabei als unwissenschaftlicher Begriff abgelehnt. Ein zweites Mal verwendet Adam Smith die Metapher im vierten Kapitel seines Buchs Theorie der ethischen Gefühle. Dort beschreibt er in einem mikroökonomischen Rahmen, wie die Wohlhabenden, ohne dies zu beabsichtigen, von einer unsichtbaren Hand dazu geleitet werden, ihren Reichtum mit den Armen zu teilen. Am bekanntesten und das heutige Verständnis prägend ist heute ohne Zweifel die Verwendung der Metapher im 1776 erschienenen Werk Der Wohlstand der Nationen. Smith verwendet die unsichtbare Hand dort im zweiten Kapitel des vierten Buchs, in dem er sich kritisch mit Einfuhrbeschränkungen für ausländische Güter auseinandersetzt, also in einem makro- oder mikroökonomischen Kontext.Eine freie Einfuhr ausländischer Waren, solange sie auf britischen Schiffen importiert werden. Siehe Smiths zustimmende Besprechung des Navigation Acts einige Seiten nach dem Invisible-Hand-Zitat. Und auch im Zitat selbst betont Smith zweimal den domestic Vorteil.

Theorie der ethischen Gefühle In The Theory of Moral Sentiments (1759),Theorie der ethischen Gefühle. (= Philosophische Bibliothek. Band 200a/b) Meiner, Hamburg 1994, ISBN 3-7873-1168-8. Teil IV, Kapitel 1, beschreibt Smith einen eigensüchtigen Gutsherren, der von einer unsichtbaren Hand dazu geleitet wird, die Ernte an seine Arbeiter zu verteilen:

An anderen Stellen des Werks beschreibt Smith den Wunsch der Menschen, anerkannt und respektiert zu werden und sich als ehrliche und ehrenwerte Wesen zu fühlen.

Der Wohlstand der Nationen Kaufleute, so erklärt Smith in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen, investieren oft im eigenen Interesse ihr Kapital eher im eigenen Land als in der Ferne. Er folgert dann weiter unten im gleichen Kapitel:

Kein einzelner Marktteilnehmer strebt direkt danach, das Gemeinwohl zu maximieren; jeder will nur seinen Güterbedarf decken. Und doch führe der Marktmechanismus durch seine unsichtbare Hand zum volkswirtschaftlichen Optimum. Das eigennützige Streben der wirtschaftenden Menschen oder Unternehmen trage im „System der natürlichen Freiheit“ zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Mit „natürlicher Freiheit“ meinte Smith ein System, welches frei von Monopolen ist. Nur unter dieser Voraussetzung kann das Prinzip der unsichtbaren Hand wirksam werden. Es fällt auf, dass diese Voraussetzung zu Smiths Zeiten nicht gegeben war. Vielmehr thematisiert Smith in seinem Werk die Rolle der politischen Ökonomie seiner Zeit (Merkantilismus). In der modernen Wirtschaftswissenschaft werden Fälle, in denen der Marktmechanismus nicht die gesamtwirtschaftlich effiziente Güterallokation hervorbringt, als Marktversagen bezeichnet.

Das Konzept bei Hegel Georg Wilhelm Friedrich Hegel sprach nicht von der „unsichtbaren Hand“, beschäftigte sich aber in seiner Jenaer Realphilosophie und seiner Rechtsphilosophie mit der damit verbundenen Idee. Er sah in der gegenseitigen Abhängigkeit aller von allen, der „allseitigen Verschlingung aller“, den Grund darin, dass der Eigennutzen immer auch das Interesse der anderen in Rechnung stellen und erfüllen musste, um an sein Ziel zu kommen.Shlomo Avineri: Hegels Theorie des modernen Staates. Aus dem Englischen von R. und R. Wiggershaus (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Band 146). Frankfurt am Main 1976, S. 178.

Das ist eine einfache dialektische Beschreibung eines symbiotischen pluralistischen Prozesses. Er betrachtete das aber als nicht ausreichend, denn als notwendiges Moment in der Entwicklung des Menschen zur Vernunft wird dieses Gesetz der bürgerlichen Gesellschaft dem höheren Sinn des Staates untergeordnet. Die Intervention des Staates ist nötig, um die Einseitigkeiten und Mängel der Marktgesellschaft auszugleichen.Shlomo Avineri: Hegels Theorie des modernen Staates. Aus dem Englischen von R. und R. Wiggershaus (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Band 146). Frankfurt am Main 1976, S. 177/178.

Hegel lehnte die Annahme Smiths ab, die unsichtbare Hand führe zum allgemeinen Besten. Die Marktordnung führt nach seiner Auffassung notwendigerweise zu Armut und Elend, die mit dem Reichtum gemeinsam wachsen.

Die Konsequenz sieht Hegel in der Regulierung der bürgerlichen Gesellschaft durch den Staat und durch freiwillige Wohlfahrtseinrichtungen, durch Umverteilung des Einkommens und Vermögens durch Steuern und durch Arbeitsbeschaffung mit öffentlichen Aufträgen. Keine dieser Maßnahmen löst jedoch nach Hegels Überzeugung das Problem der Überproduktion und des gleichzeitigen Mangels, auch nicht die weitergehende Tendenz der Wirtschaftsordnung zu Welthandel und die Kolonisation.Shlomo Avineri: Hegels Theorie des modernen Staates. Aus dem Englischen von R. und R. Wiggershaus (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Band 146). Frankfurt am Main 1976, S. 183. Aus Hegels Analyse ergibt sich „eine Theorie der Pauperisierung, der gesellschaftlichen Polarisierung, des Wirtschaftsimperialismus und der Kolonisation.“Shlomo Avineri: Hegels Theorie des modernen Staates. Aus dem Englischen von R. und R. Wiggershaus (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Band 146). Frankfurt am Main 1976, S. 185.

Rezeption der Metapher und des Konzepts Beginn der Rezeption Smiths unmittelbare Nachfolger Thomas Malthus, David Ricardo und John Stuart Mill sowie Karl Marx erwähnten die Metapher der unsichtbaren Hand nicht. Ebenso wenig die Neoklassiker William Stanley Jevons, Carl Menger und Léon Walras, die alle sicherlich Smiths Werk bestens kannten.Stephan Schulmeister: Der Weg zur Prosperität. Ecowin, München 2018, S. 48 f. William Stanley Jevons benutzte den Begriff in seiner Theory of Political Economy (1871)S. Jevon: The Theory of Political Economy. 1871. nicht, ebenso wenig Alfred Marshall in seinem Lehrbuch Principles of Economics (1890).A. Marshall, Principles of Economics, 1890.

Unabhängig von der Bezeichnung war das heute damit verbundene Konzept im 19. Jahrhundert schon Gegenstand der Wissenschaft. Léon Walras (1834–1910) entwickelte ein Gleichgewichtsmodell, in dem die Konkurrenz auf dem Markt zu einer Nutzenmaximierung führt. Vilfredo Pareto (1848–1923) benutzte ein Edgeworth-Box-Modell, um die Optimierung deutlich zu machen. Von Smith ausgehend, führten diese Konzepte zum ersten Wohlfahrtstheorem.

Die Idee der unsichtbaren Hand war aber im 20. Jahrhundert zunächst noch wenig verbreitet. Sie wurde erst durch Paul A. Samuelsons millionenfach gedrucktes Standardwerk Economics (1948) wirklich bekannt. Dort wird dargestellt, wie der Mechanismus der unsichtbaren Hand zu einer effizienten Allokation von Ressourcen führt, sowie die Bedingungen, die dazu erfüllt sein müssen.Paul A. Samuelson, William D. Nordhaus: Economics. 16. Auflage. McGraw-Hill, N.Y. u. a. 1998, Chapter 16, S. 285.

Nach dieser Interpretation bedeutet die Theorie Smiths, dass Konsumentenfreiheit und Produzentenfreiheit dazu führen, dass der Markt die Produkte über die Preise so verteilt, dass alle Mitglieder der Gesellschaft davon profitieren. In der Folge übernahmen fast alle Wirtschaftswissenschaftler die Vorstellung, Adam Smith habe „dem Markt“ die Funktion eines „Generalkoordinators“ zugeschrieben.Stephan Schulmeister: Der Weg zur Prosperität. Ecowin, München 2018, S. 50.

Begriffsverwendung und Interpretation Das Konzept der unsichtbaren Hand wird seitdem über den ursprünglichen Gebrauch bei Smith hinaus verallgemeinert und hat sich in der Ökonomie zu einem bis heute wirksamen marktwirtschaftlichen Mythos verfestigt.

Ludwig von Mises sprach in seinem Werk Human Action (1949) von der „unsichtbaren Hand der Vorsehung“.Ludwig von Mises (2009), Human Action: Scholar’s Edition, Ludwig von Mises Institute Milton Friedman nannte Smiths Konzept „die Möglichkeit einer Kooperation ohne Zwang“.Friedman’s Introduction to I, Pencil

1977 stellte der Unternehmenshistoriker Alfred D. Chandler junior der invisible hand in den ungeplanten Marktvorgängen die visible hand des planenden Managements in den Unternehmen gegenüber.Alfred D. Chandler: The Visible Hand: The Managerial Revolution in American Business. Cambridge/Mass. 1977.

Laut Warren Samuels ist Begriff der unsichtbaren Hand ein Mittel, die moderne Wirtschaftstheorie zu Smith in Beziehung zu setzen, und insofern ein interessantes Beispiel für die Entwicklung der Sprache.

Verschiedene Autoren weisen darauf hin, dass die unsichtbare Hand nur dann funktioniert, wenn die Gesellschaft nicht von Schmarotzern dominiert wird.Günter Dedié: Die Kraft der Naturgesetze – Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft, 2. Aufl., tredition 2015.Daron Acemoğlu, James A. Robinson: Warum Nationen scheitern – Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut, Fischer 2014.

Laut Samuel Bowles hätten mehrere Ökonomen seit Ronald Coase das autoritäre Wesen klassischer Unternehmen mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverhältnissen analog als „sichtbare Hand“ des Marktes bezeichnet.