David John Lodge (* 28. Januar 1935 in Dulwich, London; † 1. Januar 2025 in Birmingham) war ein britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er gilt als Meister des Universitätsromans (campus novel), machte sich aber auch durch humoristische und satirische Werke über andere Sujets sowie durch literaturwissenschaftliche Sachbücher einen Namen.
Leben Lodges Vater William war Musiker und spielte unter anderem in Nachtklubs, so dem berüchtigten 43 Club in der 43 Gerrard Street in Soho. Seine Mutter Rosalie Murphy war eine irische Katholikin, und Lodge, ihr einziges Kind, wurde im katholischen Glauben erzogen. Da er als Kind aus einer Mischehe nie Messdiener war, war ihm der katholische Ritus nicht gut vertraut.J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, S. 8–11. Lodge wuchs in einem neugebauten Doppelhaus in 81 Millmark Grove in Brockley, an der Grenze zu New Cross, einem Süd-Londoner Vorort auf, der weitgehend im 19. Jahrhundert entstanden war. In seinen „Memories of a Catholic Childhood“ beschreibt er Brockley als heruntergekommen, mit Einwohnern, die meist aus der unteren Mittelklasse stammten oder Arbeiter waren.“Home was a small modern semi in a drab nineteenth-century London suburb, mainly lower-middle-class and working-class in social composition”, Write On, 28, zitiert nach: J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, S. 11 Lodge beschreibt seinen Hintergrund als vorstädtische untere Mittelklasse.David Lodge, Out of Shelter, Nachwort. Hammondsworth, Penguin 1986, 274 In den Kriegsjahren lebte Lodge im Zuge der Kinderlandverschickung mit seiner Mutter teilweise in Surrey und Cornwall, während sein Vater Musiker bei der Luftwaffe war.David Lodge, Out of Shelter, Nachwort. Hammondsworth, Penguin 1986, 275 Er erlebte jedoch 1940 die Bombardierung der Docks durch die deutsche Luftwaffe.Merritt Moseley: David Lodge. In: The Literary Encyclopedia, 17. Juli 2001, The Literary Dictionary Company, ; litencyc.com abgerufen am 7. Januar 2025. Ab 1945 besuchte die katholische St. Joseph’s Academy in Blackheath, der Religionsunterricht war wenig informativ, aber seine Lehrer machten ihn mit modernen Autoren wie James Joyce und Graham Greene bekannt.J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, S. 8. Lodge studierte Englische Literatur am University College London, wo er 1955 mit Auszeichnung abschloss. Danach leistete er zwei Jahre lang Wehrdienst im Royal Armoured Corps, was ihm jedoch wenig Freude bereitete. 1957–1959 machte er am UCl seinen MA, das Thema seiner Magisterarbeit war „The Catholic Novel in England from the Oxford Movement to the Present“. Danach arbeitete er für das British Council in London, wo er Englisch für Ausländer lehrte. Lodge war von 1960 bis 1987 Universitätsdozent für Englisch an der Universität Birmingham, zunächst mit einem Zeitvertrag. Er wurde für eine Arbeit über „The Language of Fiction“ 1966 promoviert. Eine Harkness fellowship des Commonwealth Fund erlaubte ihm 1964-1965 den Besuch der USA. 1969 lehrte er im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms als visiting associate professor an der University of California in Berkeley. 1971 wurde er Senior Lecturer in Birmingham, 1976 wurde er hier zum Professor für Moderne Literatur ernannt. Ein Stellenangebot aus Cambridge schlug er aus. Nach seiner vorzeitigen Emeritierung lebte er als freier Schriftsteller in Edgbaston.Rachel Cooke, In life, David Lodge was surprisingly mirthless. Luckily, his wife was a hoot. Observer, 4. Januar 2025. Die zunehmend schlechtere Ausstattung der Universitäten unter Thatcher, die in dem Roman Nice Work thematisiert wurden, waren einer der Gründe, der Uni den Rücken zu kehren.J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel.McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, S. 9. Er beschreibt die Universität nun als eine Einrichtung, die zunehmend heftigeren Angriffen ausgesetzt war. Der Druck, zu publizieren, nahm ständig zu. Er sah auch die Entwicklung der Literaturkritik kritisch. Es gehe nicht mehr um neue Einsichten, sondern darum, zu zeigen, dass man bereits bekannte Tatsachen in zunehmend obscure Meta-Sprache übersetzen konnte.“the demonstration of a professional mastery by translating known facts into more and more arcane metalanguages”, After Bakhtin, zitiert nach: J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, S. 17 Nach seiner Emeritierung beschäftigte er sich daher nicht mehr mit Literaturtheorie.
Lodge heiratete 1959 nach langer Verlobungszeit seine Studentenliebe Mary Jacob. Das Paar hatte, wegen des Verhütungsverbotes der katholischen Kirche rasch drei Kinder.Rachel Cooke, Nice work: David Lodge. The Observer, 20 Apr 2008 Ihr Sohn Christopher leidet an Down-Syndrom, was auch in Lodges Werk Niederschlag fand (How Far can you go?, Dennis und Angela). 2015 erklärte er auf dem Literaturfestival (Hay Festival of Literature & Arts) in Hay-on-Wye, dass er nun nur noch Sachbücher schreibe, weil ihm die Ideen für Romane ausgegangen seien.Paul Glynn: ‘Masterful’ novelist David Lodge dies aged 89. BBC News. Seine Frau Mary Lodge verstarb im Januar 2022.David Lodge, 1935–2025 Harvill Secker, Remembering David Lodge (28 January 1935 – 1 January 2025). .penguin.co.uk
Werk
Lodge als katholischer Autor Auch wenn sich Lodge nicht als katholischen Schriftsteller empfand, hatten auch weitere seiner Werke die Situation von Katholiken in England nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und besonders der siebten Enzyklika von Papst Paul VI. „Humanae Vitae“ zum Thema. Lodge betonte jedoch, dass dies auch dadurch bedingt sei, dass er beim Schreiben auf seinen eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifeWilliam Baker, David Lodge, Chris Walsh: David Lodge Interviewed by Chris Walsh. Publications of the Modern Language Association 130/3, 2015, 834. . Lodge bezeichnete sich als „agnostischen Katholiken“ (2008 als "eine sehr randliche Art von Katholik".), nahm aber nach 1992 nicht mehr am Gottesdienst teil.Daniel S. Lenoski: How Far Can You Go? to Therapy Catholicism and Postmodernism in the Novels of David Lodge. In: Mary R. Reichardt (Hrsg.), Between Human and Divine, The Catholic Vision in Contemporary Literature. Catholic University of America Press, 23. J. Russell Perkin stellt Lodge in die Tradition britischer katholischer Autoren wie Evelyn Waugh, Graham Greene und Muriel Spark.J. Russell Perkin: David Lodge and the Tradition of the Modern Novel. Montreal/Quebec, McGill-Queen’s University Press 2014, 3 Terry Eagleton sieht Lodge dagegen als einen völlig säkularen Autor, der das katholische Milieu lediglich als Lokalkolorit für gesellschaftsbezogene Aussagen und Satire verwendet. Seinem Werk gehe jedwede spirituelle Leidenschaft ab.Terry Eagleton: The Silences of David Lodge. In: New Left Review, 1988, 172/1, S. 96. Das katholischste Element in seinem Œuvre sei der ständige Konflikt zwischen Doktrin und Erfahrung, übersetzt als die gespannte Begebnung zwischen Literaturtheorie und liberalem Humanismus.Terry Eagleton: The Silences of David Lodge. In: New Left Review, 1988, 172/1, S. 97.
Lodges erster Roman, The Picturegoers, erschien 1960 und spielt in dem fiktiven Brickley, einem Londoner Vorort, der an Brockley angelehnt ist. Lodge hatte den Roman während seines Wehrdiensts geschrieben. Bereits hier behandelt er die sexuellen Probleme von englischen Katholiken. Lodge gab 1984 in einem Interview zu, dass er in diesem Roman versucht habe, Graham Greene nachzuahmenWilliam Baker, David Lodge, Chris Walsh: David Lodge Interviewed by Chris Walsh. PMLA 130/3, 2015, 834. . Der Roman ließe sich auch als „Vorstadt-Roman“ klassifizieren, eine Gattung, die wenig später durch Hanif Kureishi populär wurde, wenn seine Werke auch in einem völlig anderen sozialen Milieu angesiedelt sind.
Auch in dem Roman How far can you go wird Greene referenziertDaniel S. Lenoski: How Far Can You Go? to Therapy Catholicism and Postmodernism in the Novels of David Lodge. In: Mary R. Reichardt (Hrsg.), Between Human and Divine, The Catholic Vision in Contemporary Literature. Catholic University of America Press, Washington, 38. . In How Far Can You Go? geht es im doppelten Sinn darum, wie weit man gehen kann: in der körperlichen Annäherung an eine Person des anderen Geschlechts vor der Ehe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften (Miles), in der Selbstbefriedigung (Michael), aber auch bei der Infragestellung von religiösen Sicherheiten. Das Buch erzählt die Geschichte von zehn katholischen Absolventen von UCL über 25 Jahre, seit einer Messe am Valentinstag im Jahre 1959 in der Kirche Our Lady and St. Jude,Peter John O’Malley, “As Far As You Can Go”: Carnality and the Catholic Conscience in David Lodge’s Fiction. Dissertation Harvard University 2006, 36. https://www.proquest.com/docview/305340379?parentSessionId=yEZTi5hRCN%2Bj9Io5UU91AyAd9GFdmfj6puBnwT7ZZDE%3D&pq-origsite=primo&accountid=14511&sourcetype=Dissertations%20&%20Theses letzterer nicht umsonst der Schutzheilige hoffnungsloser Fälle. Der Grundtenor des katholischen Glaubens wird als Furcht beschrieben.Peter John O’Malley, “As Far As You Can Go”: Carnality and the Catholic Conscience in David Lodge’s Fiction. Dissertation Harvard 2006, 38. https://www.proquest.com/docview/305340379?parentSessionId=yEZTi5hRCN%2Bj9Io5UU91AyAd9GFdmfj6puBnwT7ZZDE%3D&pq-origsite=primo&accountid=14511&sourcetype=Dissertations%20&%20Theses Insgesamt bescheinigt ihm Lenoski jedoch eine positive Einstellung zum KatholizismusDaniel S. Lenoski: How Far Can You Go? to Therapy Catholicism and Postmodernism in the Novels of David Lodge. In: Mary R. Reichardt (Hrsg.), Between Human and Divine, the Catholic Vision in Contemporary Literature. Catholic University of America Press, 42. . Eagleton dagegen bemängelt, dass Lodge in dem Roman Sexualität und Moral verwechsle.
The British Museum is Falling Down (1965), sein dritter Roman, erzählt einen Tag im Leben eines jungen katholischen Ehepaares, Adam Appleby und seiner Frau Barbara das, vermutlich 1963 oder 1964,Peter John O’Malley, “As Far As You Can Go”: Carnality and the Catholic Conscience in David Lodge’s Fiction. Dissertation Harvard University 2006, 37. https://www.proquest.com/docview/305340379?parentSessionId=yEZTi5hRCN%2Bj9Io5UU91AyAd9GFdmfj6puBnwT7ZZDE%3D&pq-origsite=primo&accountid=14511&sourcetype=Dissertations%20&%20Theses wegen des Verhütungsverbotes der katholischen Kirche in dauernder Angst vor einer weiteren Schwangerschaft lebt. Im Verbot der Empfängnisverhütung durch die Bulle Humanae Vitae sieht Lodge einen Hauptfaktor, der Menschen zu der Abkehr von der katholischen Kirche bewegten.J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. McGill-Queen’s University Press, Montréal / Québec 2014, 13 Das Buch enthält Parodien auf bekannte Schriftsteller wie James Joyce, Joseph Conrad oder Ernest Hemingway, ein gutes Beispiel für Lodges’ Intertextualität. Das Abschlusskapitel ist eine Parodie auf den Schlussmonolog von Molly Bloom im Roman Ulysses von Joyce. Joyce war der Autor, der, zusammen mit Greene und Waugh, Lodges frühes Werk am meisten beeinflusste.J. Russell Perkin: David Lodge and the tradition of the modern novel. Montréal/Québec, McGill-Queen’s University Press 2014, 23f.