Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) ist eine von Hanscarl Leuner in den 1950er Jahren unter dem Namen „Katathymes Bilderleben“ eingeführte, stetig weiterentwickelte psychodynamische Therapiemethode, die im Rahmen der tiefenpsychologisch fundierten Therapie eingesetzt wird. Im englischen Sprachraum wurde die Psychotherapie mit dem Tagtraum schon in ihren Anfängen unter dem Begriff Guided Affective Imagery (GAI) eingeführt. In Italien spricht man von Vissuto Imaginativo Catatimico (VIC), im französischen Sprachraum von psychothérapie d’imagination catathymique (PIC). Das emotionale Element der Imagination wird in dem Adjektiv „katathym“ (griech. κατά θυμόν kata thymon „vom Gemüt bewegt“, „dem Affekt folgend“) zum Ausdruck gebracht. Der in einigen Ländern synonym gebrauchte Begriff Symboldrama stellt dagegen das symbolische Element in den Vordergrund. Er weist darauf hin, dass sich die bildhaften Vorstellungen wie auf einer virtuellen Theaterbühne in Szene setzen. Im Zentrum der Methode stehen therapeutisch eingeleitete, dialogisch begleitete Tagträume (Imaginationen). Diese werden nah am sinnlichen, körperlichen und affektiven Erleben, szenisch und symbolisch ausgestaltet. Während des Tagtraums erfolgt ein verbaler Austausch mit dem Therapeuten, welcher die Imaginierenden mit verschiedenen Möglichkeiten der Intervention begleitet. Dementsprechend wird die katathyme Imagination auch als begleiteter Tagtraum bezeichnet. Der therapeutisch begleitete Tagtraum im Rahmen der KIP stellt einen seelischen Entwicklungsraum zur Verfügung. Die inneren Vorstellungsbilder ermöglichen einen emotionalen und kreativen Zugang zu unbewussten Prozessen, Wünschen und Verhaltensmustern, zur eigenen Person und ihren Beziehungen zu anderen Menschen.

Geschichte der KIP mini|Hanscarl Leuner (* 8. Januar 1919 in Bautzen; † 22. Juni 1996 in Göttingen)

Während seiner Tätigkeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Marburg begann der Psychiater und Psychotherapeut Hanscarl Leuner in den ausgehenden 1940er Jahren, ein Forschungsinteresse für die therapeutische Anwendung von Imaginationen zu entwickeln. In dieser Zeit sammelte er bei Versuchspersonen auch Erfahrungen mit der Induktion von psychotischen Zuständen durch halluzinogene Drogen. Imaginationen, die aussagekräftige symbolische „Komplexe“ enthielten, waren sowohl durch psychoaktive Substanzen hervorzurufen als auch durch Entspannungssuggestionen in Verbindung mit der Fokussierung auf bestimmte Vorstellungsmotive symbolischer Art. Letzteres erwies sich für therapeutische Zwecke als günstiger, weil damit mehr auf die Verfügbarkeit von Ich-Funktionen und auf die Selbststeuerung gesetzt werden konnte.

Die ersten Forschungsergebnisse über das „experimentelle“ katathyme Bilderleben oder Symboldrama wurden in der Mitte der 1950er Jahre vorgelegt. Mit der Weiterentwicklung zu einer psychotherapeutischen Methode setzte sich dann zunächst die Bezeichnung „Katathymes Bilderleben“ (KB) durch, bis 1994 der umfassendere Begriff Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) eingeführt wurde. Dieser soll deutlich machen, dass der einzelne Tagtraum als KB integral in eine umfassendere Form der Psychotherapie eingebunden ist.

Leuner war ein vielseitiger Psychotherapeut, Forscher und Lehrer. Er war in der medizinischen Hypnose bewandert, hatte an sich selbst die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung erfahren und blieb darüber hinaus offen für andere Strömungen in der Psychotherapie, insbesondere für die Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Dieses Verfahren bot ihm den geeigneten metatheoretischen Rahmen für die Verortung des KB bzw. der KIP in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie als einer psychoanalytisch orientierten Methode.

Das Adjektiv „katathym“ entlehnte Leuner aus der klinischen Psychopathologie, in der damit das affektive Moment eines bestimmten wahnhaften Phänomens bezeichnet wurde. In seinen eigenen Schriften erwähnte Leuner eine ganze Reihe von Ansätzen anderer Autoren, auf die sein „Katathymes Bilderleben“ bezogen werden konnte: das „Bildstreifendenken“ von Kretschmer, das „Bildbewusstsein“ von Happich, das tiefenentspannte „Bildern“ von Frederking, die frühen Arbeiten von Silberer über die „Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt“, das Autogene Training (AT) nach J.H. Schultz, die Aktive Imagination nach C.G. Jung, den gelenkten Wachtraum („rêve éveillé dirigé“) von Desoille.

mini|Das Horusauge, das Logo der Katathym Imaginativen Psychotherapie, hieß bei den alten Ägyptern „Uzat“: das Heile. Hanscarl Leuner wollte mit der Wahl eines solchen Emblems andeuten, dass in dem von ihm entwickelten Katathymen Bilderleben Dimensionen enthalten sind, die über rein verbal-kognitive Methoden hinausgehen. Im Rahmen der KIP steht dieses Bild symbolisch für den heilsamen Blick nach innen. Dieser im Tagtraum zugänglich zu machende Zwischenbereich von wachbewussten Reflexionen und unbewussten bildhaften Fantasien wird in der KIP therapeutisch genutzt. Für die Imaginationsforscher Singer und Pope stellt Leuners Methode die „wohl systematischste unter den europäischen Ansätzen zur mentalen Imagination und zum Tagtraum“ dar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Erfinder und Begründer des KB von Anfang an um eine gute Lehrbarkeit seiner Methode bemühte. Bis zur letzten Auflage des „klassischen“ großen Lehrbuchs wurde die KIP durchgängig wie beim AT in Grundstufe, Mittelstufe und Oberstufe eingeteilt, obwohl sich in Didaktik und Therapie mittlerweile eine an der Praxis orientierte Zweiteilung in Grund- und Aufbaustufe durchsetzt.

Nach der anfänglichen experimentellen Phase baute Leuner das KB konsequent zu einer klinisch anwendbaren Methode aus (siehe Vorgehensweise und Anwendung psychodynamischer Konzepte in der KIP). Schon bald gelang es ihm, Kollegen unterschiedlicher Provenienz für das KB zu interessieren, nicht ohne ihnen Impulse für die Entfaltung eigener Aktivitäten mit auf den Weg zu geben. Aus der Dozentenschaft „der ersten Stunde“ erwuchs demgemäß mit der Zeit – teilweise in Kooperation – eine große Anzahl neuer Möglichkeiten der Anwendung, u. a. von Edda Klessmann für die Familientherapie, von Günter Horn für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen, von Leonore Kottje-Birnbacher für die Paartherapie und die Gruppentherapie, von Eberhard Wilke für die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen sowie von Ulrich Sachsse, Beate Steiner und Klaus Krippner für die Behandlung von Traumafolgestörungen. Nachfolgende Generationen der Dozentenschaft nahmen die genannten Konzepte auf, um sie fortzuführen, zu ergänzen und zu erweitern, oder sie entwickelten auch eigene Konzepte für neue Anwendungsmöglichkeiten. Einen Überblick zum bisherigen Stand bietet das Handbuch der KIP.

1974 wurde auf Leuners Initiative hin die „Arbeitsgemeinschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie“ (AGKB) ins Leben gerufen und in Göttingen angesiedelt. Von der Arbeitsgruppe um Heinz Hennig wurde die Methode im Osten Deutschlands weiterentwickelt und gelehrt, zuletzt im Rahmen der „Mitteldeutschen Gesellschaft für Katathymes Bildereben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie und Psychologie“ (MGKB) mit Sitz in Halle. Als Dachverband fungiert die „Deutsche Gesellschaft für Katathym Imaginative Psychotherapie“ (DGKIP).

Internationale Verankerung der KIP Die KIP wird mittlerweile in vielen Ländern des europäischen Kulturkreises angewendet und gelehrt. Die Methode verbreitete sich von ihren mitteleuropäischen Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz in weitere Länder. Aktuelle Informationen über die Fachgesellschaften und ihr Lehrangebot sind über die Homepage der DGKIP einzuholen.

Die gesetzlichen Grundlagen für eine Ausübung von Psychotherapie im Allgemeinen und KIP im Speziellen variieren von Land zu Land. Zum aktuellen Stand kann man sich am besten über die genannte Homepage bzw. über die dort in Erfahrung zu bringenden Internetpräsenzen einzelner Fachgesellschaften orientieren. Unterschiede beziehen sich u. a. auf den Stellenwert der KIP als einer eigenständigen Methode und auf die Zugangskriterien zur Aus- oder Weiterbildung.

In Deutschland etwa kann die KIP im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien als eine besondere Methode der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie betrachtet und angewendet werden, aber bislang nur von approbierten, spezifisch weitergebildeten Ärzten und Psychologen. (Stand: Oktober 2020)

Anderen Berufsgruppen werden für ihre Zwecke am „Institut zur Förderung der Imagination in Beratung und Supervision“ (IFI-BS) Kompetenzen zur professionellen Anwendung von Imaginationen vermittelt.

In Österreich stellen sich die berufspolitische wie die behandlungspraktische Situation gegenwärtig ganz anders dar als in Deutschland. Hier gilt die KIP als eine von mehreren eigenständigen Psychotherapieformen, welche auch von anderen Berufsgruppen (nach einem entsprechenden Propädeutikum) erlernt und mit der landesüblichen Lizenz schließlich praktiziert werden darf. (Stand: Oktober 2020)

KIP und andere Behandlungsansätze Die KIP kommt als Methode der Psychodynamischen Psychotherapie (PDT) bzw. der in Deutschland so genannten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder Tiefenpsychologie (TP) zur Anwendung, die ihrerseits aus der analytischen Psychotherapie als eine eigenständige Weiterentwicklung hervorgegangen ist. Die von der Psychoanalyse abgeleiteten psychodynamisch orientierten Behandlungsformen zeichnen sich durch verschiedene Modifikationen der psychoanalytischen Psychotherapie aus, die eine flexible Adaptation an die Gegebenheiten des jeweiligen Patienten erlauben.

Die Modifikationen (siehe Vorgehensweise und Anwendung psychodynamischer Konzepte in der KIP) betreffen u. a. die Eingrenzung von Behandlungsschwerpunkten und Zielen, die geringere Behandlungsdauer und -frequenz, die therapeutische Zusammenarbeit im Gegenübersitzen und ein geringer zu haltendes regressives Moment, was üblicherweise mit einer reduzierten Tendenz zur Entwicklung problematischer Übertragungen einhergeht. Unterschiede finden sich auch hinsichtlich des Stellenwerts strategischer Überlegungen und aktiverer Vorgehensweisen, wobei die Grundprinzipien von Abstinenz und Neutralität unter bestimmten Bedingungen weniger strikt zu handhaben sind. Die KIP bringt in den Behandlungsrahmen der PDT zusätzliche Modifikationen ein, allen voran das Instrument des dialogisch begleiteten Tagtraums. So entstehen innerhalb von einzelnen Therapiestunden begrenzte Zeiträume für regressive Prozesse und für das symbolische Agieren auf einer Vorstellungsebene.

Vor dem Hintergrund einer psychoanalytisch basierten Grundhaltung, in der Prozesse von Abwehr, Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung stets reflektiert werden, gibt die Psychodynamische Psychotherapie der KIP die Notwendigkeit von Anpassungen und Erweiterungen vor, indem sie sich auf ein breites Spektrum an Störungsbildern einstellt und sich hierfür eines flexiblen therapeutischen Repertoires bedient. Hierbei ist immer wieder auch die wohlüberlegte Integration von Interventionen aus anderen Therapieschulen angebracht. Neben verhaltenstherapeutischen und systemischen Elementen verweisen die zitierten Therapeuten der PDT ausdrücklich auf imaginative Techniken.