mini|Babyklappe mini|Die Babyklappe in der Lübecker Mengstraße befindet sich seit 2000 in einem Privathaus Eine Babyklappe, auch Babynest, Babykörbchen, Babyfenster oder Drehlade () genannt, ist eine Vorrichtung, mit der Neugeborene anonym bei einer Institution abgegeben werden können. Die Einrichtungen haben das Ziel, Aussetzungen oder Tötungen Neugeborener zu verhindern. Das neugeborene Baby kann durch eine Klappe in ein Wärmebett gelegt werden, wobei die abgebende Person anonym bleibt. Sobald die Klappe geschlossen ist, wird durch ein elektronisches Signal Hilfe herbeigerufen, so dass das Kind versorgt werden kann.
Charakteristisch für das Hilfskonzept der Babyklappen ist, dass sie die Möglichkeit bieten, ein Kind abzugeben, und dabei sowohl für die Gesundheit des Kindes als auch für die Anonymität der Mutter bzw. abgebenden Person Sorge getragen wird. Viele Einrichtungen hinterlegen in der Klappe (meist mehrsprachiges) Informationsmaterial, in dem auf anonyme Beratungsmöglichkeiten hingewiesen wird.
Babyklappen gibt es seit dem 12. Jahrhundert. In verschiedenen Ländern werden seit Beginn des 21. Jahrhunderts aus unterschiedlichen Motivations- und Interessenlagen moderne Babyklappen betrieben. Obwohl Babyklappen helfen können, das Aussetzen oder die Tötung Neugeborener zu verhindern, sind sie in manchen Ländern umstritten.
Geschichte mini|Ehemaliger Drehzylinder für die Abgabe der Kinder beim Ospedale degli Innocenti Sogenannte Findelkinder wurden schon vor Jahrhunderten von Findelhäusern und Waisenhäusern aufgenommen. Eine der ältesten „Babyklappen“ ist noch heute am italienischen Hospital sichtbar. Papst Innozenz III. ließ gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Erster verfügen, dass an den Pforten der (damals besonders in den romanischen Ländern zahlreichen) Findelhäuser sogenannte Drehladen () angebracht würden. Die erste Drehlade wurde 1198 im Spital des Heiligen Geistes (Ospedale di Santo Spirito) in Rom errichtet. Im 14. Jahrhundert wurden die Findelhäuser der Santissima Annunziata in Neapel und das Ospedale degli Innocenti in Florenz gestiftet; beide besaßen einen drehbaren Holzzylinder (), an dem bis 1875 Säuglinge anonym abgegeben werden konnten.
In Hamburg wurde im dortigen Waisenhaus 1709 eine Drehlade eingerichtet, ausdrücklich zur Verhütung von Kindesmord, die aber aufgrund des großen „Erfolges“ (mehr als 200 abgegebene Kinder in einem Jahr) 1714 wieder geschlossen wurde.Wolfgang Reinhard: Lebensformen Europas, eine historische Kulturanthropologie: Verlag C. H. Beck, München, 2004, ISBN 3-406-51760-9, S. 235 ff.
Johann Georg Krünitz beschreibt eine entsprechende Vorrichtung in seiner Oeconomischen Encyklopädie mit diesen Worten:
Und an anderer Stelle fügt er hinzu:
Auch in Kassel (1764) und Mainz (1811) gab es bereits Vorläufer der Babyklappe. In Mainz war sie in einer Hebammenanstalt, den sogenannten Triller.
1811 verordnete Kaiser Napoleon I., dass derartig ausgestattete Findelhäuser in allen französischen Departements errichtet werden sollten. Im Mittelalter wurde die Drehlade oft missbraucht, indem dort kranke Kinder ausgesetzt wurden. Auch Eheleute, die ihr Kind hätten aufziehen können, gaben es dort aus Armut ab. Im Jahre 1906 gab es in Italien noch 464 Drehladen. Die letzten Drehladen sollen 1913 in Toledo, 1939 in Warschau und 1952 in Kuba geschlossen worden sein.Josef Langmeier, Zdeněk Matějček: Psychische Deprivation im Kindesalter: Kinder ohne Liebe. Verlag Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1977, ISBN 3-541-07901-0, S. 50.
Funktionsweise Das neugeborene Baby kann anonym durch eine Klappe oder auch eine Tür in ein Wärmebett gelegt werden. Manche Vorrichtungen lassen sich mit einem Taster öffnen. , abgerufen am 13. Mai 2013. Das Wärmebett ist konstant mit einer Temperatur von 37 Grad beheizt. Die Öffnung schließt sich, wenn sie nicht per Hand zugedrückt wird, sehr langsam selbstständig. Zum Schutz des Kindes wird die geschlossene Babyklappe verriegelt. In manchen Einrichtungen wird das Helfersystem informiert, wenn die Klappe sich öffnet,Sternipark: Funktion der Babyklappe, abgerufen am 21. Juni 2025 in anderen, sobald die Klappe geschlossen ist. Eine Meldung wird mit Verzögerung als stummer Alarm weitergeleitet. Das durch den stummen Alarm benachrichtigte Fachpersonal kann sich nun um das Findelbaby kümmern. Das Baby ist in sicheren Händen und wird umgehend medizinisch versorgt.
In einigen Babyklappen befindet sich ein Formular, auf dem der Name des Neugeborenen eingetragen werden kann. Die Mutter kann Kennwörter und anonyme Erkennungszeichen hinterlassen, welche in versiegelten Umschlägen aufbewahrt werden. Sie sollen eine spätere Identifizierung und Kontaktaufnahme ermöglichen. In manchen Einrichtungen werden die Mütter aufgefordert, einen Hand- oder Fußabdruck des Kindes mittels eines Stempelkissens zu nehmen, um eine Wiedererkennung zu gewährleisten, falls die Mutter später doch noch Kontakt aufnehmen möchte.
Babyklappen in verschiedenen Ländern Deutschland mini|rechts|Nächtlich erleuchtete Babyklappe an der Dortmunder Kinderklinik Die ersten modernen Babyklappen in Deutschland wurden 2000Laut Wolfgang Reinhard 1999, die davon abweichende deutlich häufigere Angabe April 2000 ist u. a. hier zu entnehmen: , Daniel Elbel: Rechtliche Bewertung anonymer Geburt und Kindesabgabe (S. 25). in Hamburg, Lübeck und Hüllhorst sowie im September vom Krankenhaus Waldfriede in Berlin als erstem deutschen Krankenhaus,Sandra Dassler: „Ich werde an jedem Geburtstag auf Dich warten“. In: Der Tagesspiegel, 15. April 2013, abgerufen am 1. März 2017. Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales von Berlin, 13. April 2012, abgerufen am 1. März 2017. 2001 in Karlsruhe und weiteren Städten wieder eingerichtet, da Kindesaussetzung in gewissem Umfang immer noch aktuell ist, wie der Historiker Wolfgang Reinhard vermutet. Sie bestehen aus einem Wärmebett, in das von außen der Säugling hineingelegt werden kann. Mit einer Zeitverzögerung, die der einlegenden Person die Möglichkeit gibt, sich unentdeckt zu entfernen und so ihre Anonymität zu wahren, wird ein stummer Alarm ausgelöst. Der ruft Fachpersonal herbei, das sich um das Findelkind kümmert.
In Hamburg gibt es seit dem Jahr 2000 an drei Stellen Babyklappen. Bis Anfang 2020 wurden dort 56 Kinder hineingelegt, 16 davon wurden später von den Müttern zurückgeholt.Sterni Park e. V.: (PDF; 25 kB). Presseinformation vom 15. Dezember 2009. Die zweite Stadt in Deutschland mit Babyklappe war Lübeck. Bis August 2024 wurden dort 23 Neugeborene abgelegt, eines der Kinder wurde später von den Eltern wieder aufgenommen.
Zwischen 2000 und 2009 sind in Deutschland etwa 80 BabyklappenSterni Park e. V.: , abgerufen am 10. Oktober 2016 (PDF; 42 kB). entstanden. Laut Terre des Hommes wurden 38 Kinder im Jahr 2008 anderswo ausgesetzt, von denen acht lebend gefunden wurden.Terre des Hommes: . Abgerufen Januar 2012 Bis Ende 2009 wurden an 98 Babyklappen und vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland mindestens 209 Kinder abgegeben. Bis Januar 2012 waren es 278 abgelegte Kinder, 652 anonyme Geburten und 43 anonyme Übergaben.Studie zu Babyklappen - Eintausend Säuglinge gerettet. In: Die Tageszeitung, abgerufen am 7. April 2017
Alternativen In der Schwangerschaftskonfliktberatung besteht die Möglichkeit, wirtschaftliche Fragen zur Schwangerschaft zu besprechen.
Seit 1999 wird in Deutschland von den kirchlichen und freien Trägern der Schwangeren-, Kinder- und Jugendhilfe sowie von Krankenhäusern die Möglichkeit zur anonymen Kindesabgabe angeboten. Es gibt vier verschiedene Modelle für die anonyme Abgabe eines Säuglings: die anonyme Kindesabgabe an einen anderen Menschen, die Babyklappe, die anonyme Geburt und die vertrauliche Geburt. In allen Fällen wird das Kind zunächst Pflegeeltern zugeführt.Nils Dellert: Die anonyme Kindesabgabe: Anonyme Geburt und Babyklappe. Peter Lang Verlag, Bern u. a. 2009, ISBN 978-3-631-58950-2, S. 14 ff.
Diskurs in Deutschland Anbieter von Babyklappen möchten durch anonyme Kindesannahme Kindesaussetzung oder -tötung vermeiden. Eine Kausalität ist jedoch bisher nicht nachgewiesen. Aus medizinischer Sicht gibt es in vielen Fällen keine Warnsignale, die auf eine bevorstehende Kindstötung hinweisen. Das erschwert das Finden von alternativen Gegenmaßnahmen, um das Leben der Neugeborenen zu retten. Das Fehlen von Warnsignalen ist daher ein Grund, warum Babyklappen als mögliche lebensrettende Maßnahme in Betracht gezogen werden. Meist verdrängen Frauen, die später ihr Kind töten oder aussetzen, die Schwangerschaft und geraten in Panik.
Ende November 2009 empfahl der Deutsche Ethikrat, die bestehenden Angebote von Babyklappen und zur anonymen Geburt aufzugeben. Sie seien „ethisch und rechtlich sehr problematisch“, da sie insbesondere das Recht des Kindes, seine Herkunft zu erfahren, verletzten. Erfahrungen legten zudem nahe, dass Frauen, bei denen die Gefahr bestehe, dass sie ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, durch die Angebote oft nicht erreicht werden. Die öffentlichen Stellen der Kinder- und Jugendhilfe sowie freie Träger stellten „ein umfangreiches Angebot an wirksamen Hilfestellungen für Frauen selbst in extremen Notlagen bereit“, bei denen dem Kind seine Herkunft nicht unbekannt bleibe. Der Rat empfiehlt, diese Angebote auszuweiten und stärker darüber zu informieren. Weitere Maßnahmen werden gefordert.
Manche Kritiker sehen das Babyklappenkonzept als gescheitert an und bemängeln, dass die Zahl der ausgesetzten Kinder trotz der Einführung von Babyklappen und weiteren Angeboten zur anonymen Geburt nicht zurückgegangen sei. Die Tötung eines Neugeborenen folge einer anderen Psychodynamik als die geplante Aussetzung eines Kindes in der Klappe oder seine anonyme Geburt in einer Klinik. Babyklappen würden stattdessen von Eltern benutzt, die ihr Kind ansonsten regulär zur Adoption freigegeben hätten. Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt ermöglichten „diesem Personenkreis, sich der elterlichen Verantwortung auf einfachste Weise zu entziehen“.
Österreich In Österreich wurde die erste Babyklappe im Herbst 2000 in Wien eröffnet.Bernd Herrmann, Sibylle Banaschak, Reinhard Dettmeyer, Ute Thyen: Kindesmisshandlung. Medizinische Diagnostik, Intervention und Rechtliche Grundlagen. Springer, Frankfurt am Main 2010, ISBN 3-642-10206-9, S. 219. Derzeit gibt es Babyklappen in Wien, St. Pölten, Wiener Neustadt, Klagenfurt, St. Veit an der Glan, Villach, Wolfsberg, Graz, Salzburg, Hallein, Lienz, Linz, Wels, Vöcklabruck, Ried und Bregenz. Mit zwei- bis dreimal im Jahr werden sie wesentlich seltener genutzt als anonyme Entbindungen, die 30- bis 40-mal im Jahr vorkommen.Anonyme Geburt senkt Kindstötungen, wien.orf.at, 5. Dezember 2012
Schweiz mini|Babyfenster im Spital Zollikerberg In der Schweiz wurde das erste Babyfenster 2001 beim Spital Einsiedeln eröffnet,Erstes Schweizer Babyfenster eröffnet (PDF; 18 kB). Pressemitteilung der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), 9. Mai 2001, abgerufen am 12. Mai 2013. das 2025 an das Spital Schwyz übergangen wurde.Babyfenster für Mütter in Not am Spital Schwyz eröffnet. In: ameos.eu, 16. Dezember 2025. Bis Februar 2012 wurden acht Kinder dort abgegeben.. babyfenster.ch, Pressemitteilung, 18. Februar 2013, abgerufen am 12. Mai 2013. (Archiv) Im Juni 2012 eröffnete das Spital Davos ein Babyfenster, (PDF; 33 kB). Spital Davos und Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind, Pressemitteilung, 28. Juni 2012, abgerufen am 12. Mai 2013. im Juni 2013 das Kantonsspital Olten (PDF; 81 kB). Solothurner Spitäler AG, Medienmitteilung, 31. Mai 2013, abgerufen am 11. Juni 2013. (Archiv) und im November 2013 das Lindenhofspital in Bern.Ab November gibt es auch in Bern ein Babyfenster, Berner Zeitung, 24. Oktober 2013 Im Jahr 2014 eröffneten auch das Spital Zollikerberg im Kanton Zürich und das Spital «San Giovanni» in Bellinzona ein Babyfenster.