mini|Teilnehmer des Tostanprogramms Tostan (Wolof für: Durchbruch) ist eine Nichtregierungsorganisation, die 1991 in Dakar, Senegal, gegründet wurde. Die Organisation mit Sitz im Stadtbezirk Yoff hat zum Ziel – auf Grundlage der Menschenrechte – Gemeinschaften zu stärken und deren Entwicklung nachhaltig zu gestalten.
Über 3000 Gemeinden in West- und Ostafrika haben am informellen Bildungsprogramm teilgenommen. Im Laufe der Jahre wurde dieses Programm immer wieder evaluiert und abgeändert, um so gut wie möglich den Bedürfnissen der Gemeinden zu entsprechen. Im Jahr 2008 wird das Programm in 16 Nationalsprachen1 Nationalsprachen entsprechen in diesem Artikel lokalen Sprachen wie Wolof, Fulani, Mandinka oder Serer und acht afrikanischen Ländern (Senegal, Mauretanien, Gambia, Guinea, Guinea-Bissau, Somalia, Sudan, Dschibuti, Mali: 2009) durchgeführt. Die Teilnehmer werden dabei unterstützt, ihr eigenes Umfeld selbst zu gestalten. Sie eignen sich dabei Wissen aus verschiedenen Bereichen an: Menschenrechte, Demokratie, Gesundheit, Hygiene, Alphabetisierung, Management, Buchhaltung und Mikrofinanzierung ihrer eigenen Projekte. Die Weitergabe der Kenntnisse erfolgt partizipativ und respektvoll gegenüber der lokalen Kultur, da auf traditionelle afrikanische Kommunikationsmethoden wie Theater, Dichtung, Lieder und Erzählungen zurückgegriffen wird.
Nachdem man sich gemeinsam auf Zielvorstellungen geeinigt hat, nehmen die Teilnehmer des Programms ihre Entwicklung selbst in die Hand.
Entstehung Die Entstehung begann in den 1970er und 80er Jahren. 1974 beendete Molly Melching, eine amerikanische Studentin, ihr Studium in Senegal. Als Spezialistin für Bildung in afrikanischen Nationalsprachen und afrikanischen Kulturen gründete sie das erste Radioprogramm auf Wolof für Kinder in Dakar. Im Anschluss ließ sie sich mit einem Team von senegalesischen traditionellen Ausbildern auf dem senegalesischen Land nieder. Dort wurden sie sich bewusst: Viele Bemühungen im Bereich der Entwicklungshilfe bleiben ohne Resultate, weil die Aktivitäten nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen.
Das pädagogische Modell entwickelte sich in den 1980er Jahren, während sich Melching mit Dorfgemeinden, kulturellen Ausbildern und Intellektuellen austauschte. Dabei standen sie unter dem Einfluss des Theaters der Unterdrückten und der Afrikanischen Renaissance. Das Bildungsprogramm entstand im Dorf Saam Ndiaye in der Region Thiès. In der ersten Zeit konzentrierte sich das Programm auf Fragen von Hygiene, Gesundheit und Management gemeinschaftlicher Projekte. Das Programm findet in der Sprache der Bevölkerung statt und benutzt traditionelle Lehrmethoden.
Der Begriff Tostan, zu dem Molly Melching von Cheikh Anta Diop angeregt wurde, weist zum einen auf die Verbreitung und das Teilen von Wissen hin, zum anderen aber auch auf eine Entwicklung, die aus dem Inneren kommt und von selbstständigen, vereinten, in ihren Fähigkeiten gestärkten Gemeinden gestaltet wird.
Aktivitäten Das Community Empowerment Program (CEP) Das Community Empowerment Program von Tostan ist ein informelles Bildungsprogramm, das 30 Monate dauert und in Phasen und Module unterteilt ist. Das CEP richtet sich an Erwachsene und Jugendliche, die oft keine oder nur eine geringe formelle Schulausbildung erhalten haben. Es wird in den jeweiligen Nationalsprachen durchgeführt. Tostan nennt, um sich von autoritären Bildungsmethoden loszulösen, die Lehrer Facilitators (eine mögliche Übersetzung aus dem Englischen wäre: Vermittler oder Förderer) und die Schüler Teilnehmer. Die Facilitators leben in dem Dorf, in dem das Programm stattfindet, und gehören zur gleichen ethnischen Gruppe wie die Teilnehmer. Dabei bedienen sie sich traditioneller Kommunikationsmethoden. Die erste Phase des Programms heißt Kobi (bedeutet in Mandinka: die Erde bereiten, um sie fruchtbar zu machen) und umfasst Module über Demokratie, Menschenrechte, Problemlösungsstrategien, Hygiene und Gesundheit. Die zweite Phase nennt sich Aawde (bedeutet in Fulani aussäen) und widmet sich Alphabetisierung, Rechnen und Management. Sie stützt sich auf das Gelernte der vorangehenden Phase mit Hilfe von interaktiven Sitzungen und Übungsheften. Gleichzeitig bildet Tostan in jedem Dorf ein Community Management Committee (Gemeindeverwaltungskomitee) aus, das sicherstellen soll, dass Projekte der Gemeinde erfolgreich durchgeführt werden können.
Programm
Holistisch (ganzheitlich): es trägt zur allumfassenden Entwicklung von Teilnehmern und deren Gemeinde bei, indem es ihnen ermöglicht, Entwicklungsprojekte der Gemeinde auszuarbeiten, durchzuführen und nachhaltig zu gestalten. Fokussiert auf den Teilnehmer und partizipativ: Das Programm bindet sowohl Jugendliche als auch Erwachsene in die Umsetzung gemeinschaftlicher Projekte ein. Tostan stellt den Teilnehmern praktische Informationen bereit, die für eine selbstständige Gestaltung ihres Umfelds notwendig sind. Die Lehrmethoden bestehen aus interaktiven Übungen wie Gruppenarbeit, Theaterstücken usw. Diese Methoden lehnen sich an traditionelle und moderne Methoden afrikanischer Kommunikation an (Lieder, Dichtung, Erzählungen, Tanz, persönliche Berichte usw.). Respektvoll und einbindend: Tostan arbeitet mit den Teilnehmern, indem es ihren Erfahrungen und Ideen zuhört. Tostan arbeitet ebenfalls sehr eng mit religiösen und traditionellen Autoritäten zusammen, indem es ihre Ideen in das Programm aufnimmt. Das Programm ermuntert zu Dialog und Konsens zwischen Männern und Frauen, Jungen und Alten, sozialen Klassen, ethnischen Gruppen, Kasten und verschiedenen Religionen. Zukunftsgerichtet: zu Beginn des Programms bestimmen die Teilnehmer Ziele für die Zukunft ihrer Gemeinde. Die erworbenen Kenntnisse ermöglichen den Teilnehmern, diese Ziele auf eine organisierte Weise zu erreichen. Anstatt sich auf Mängel zu konzentrieren oder Werturteile zu verbreiten, regt Tostan die Teilnehmer an, zu reflektieren und sich auf Ressourcen zu stützen, die in der Gemeinde bereits vorhanden sind. Interaktiv: Tostan verwendet das Feedback der Gemeinden und der Teilnehmer, um die Programmmodule zu aktualisieren und zu verbessern. Zudem wird die Organisation sowohl intern als auch extern regelmäßig evaluiert. Nachhaltig: kollektive Wandel, die von den Gemeinden gestaltet werden, müssen nachhaltig sein. Daher fördert Tostan die Bildung von demokratisch gewählten Community Management Committees, die die Errungenschaften des Programms fortführen. Die Komitees wurden von der Organisation ausgebildet und benutzen ebenfalls partizipative und interaktive Methoden.
Die Ziele sind unter anderen: Bildung von Community Management Committees Senkung von Mutter- und Kindersterblichkeit Einschulung von Kindern und Registrierung der Neugeborenen Erhöhung der Impfquoten und der prä- und postnatalen Untersuchungen Prävention von HIV/AIDS Förderung von Familienplanung und gesunder Ernährung Säuberung bzw. Sanierung der Dörfer Verringerung häuslicher Gewalt Umsetzung von Mikrofinanzprojekten Einsetzung von Konfliktlösungskomitees Frauen in Führungspositionen Kollektive Abschaffung von Beschneidung und Kinder-/Zwangsheiraten
Abschaffung der Beschneidung am Beispiel Senegals Das bedeutendste Ergebnis des CEP ist die Bewegung zur Beschneidungsabschaffung. Diese Bewegung wird von den Gemeinden getragen, die direkt oder indirekt am Programm teilgenommen haben. Die Strategie des Capacity Building, der Förderung von Menschenrechten und Gesundheit, ist das Resultat eines Programms, das die lokalen Kulturen respektiert und sich in einem ständigen Forschen-und-Handeln befindet. Als Folge ist diese Strategie von UNICEF auf internationaler Ebene übernommen und von der Weltgesundheitsorganisation als „best practice“Das Community Empowerment Program der Community Capacities von Tostan wurde 2003 im Verlauf der Second Regional Reproductive Task Force Meeting von der Weltgesundheitsorganisation als « best practice » für eine gemeinschaftliche Entwicklung und für die Beschneidungsabschaffung ausgezeichnet. Die Weltgesundheitsorganisation setzte sich auf dieser Zusammenkunft für eine Ausweitung des Tostanmodells auf weitere afrikanische Länder ein. ausgezeichnet worden.
Mitte der 1990er Jahre wurde durch ein Forschungsprojekt erkannt, dass es notwendig ist, ein Modul in das Bildungsprogramm einzuführen, das Menschenrechte im Speziellen behandelt. Diese Modifizierung des CEP, die auf Anregung der Teilnehmer stattfand, stieß eine Bewegung ohnegleichen an. Ganze Gruppen entschieden sich, Beschneidung, Kinder- und Zwangsheirat gemeinsam abzuschaffen. Zum ersten Mal geschah dies durch die Frauen des Dorfes Malicounda Bambara (Senegal), die am Programm Tostans teilgenommen hatten. Diese Frauen entschieden sich, das anzuwenden, was sie in Bezug auf Gesundheit und Menschenrechte gelernt hatten. Am 31. Juli 1997 schwor das Dorf vor einer Gruppe von Journalisten und NGO-Vertretern, Beschneidung, Kinder- und Zwangsheirat aufzugeben. Trotz feindseliger Reaktionen der Nachbardörfer war der Imam, Demba Diawarra, von der Notwendigkeit überzeugt, diese für Frauen und Mädchen gefährlichen Praktiken abzuschaffen. Ihm wurde bewusst, dass das jedoch nur gelingen könne, wenn alle Bambaradörfer der Region in die Diskussion einbezogen würden. Nach einer langen Sensibilisierungsarbeit gelang es ihm, 13 Dörfer zusammenzuführen, die der Beschneidung ein Ende setzen wollten. Diese Dörfer waren durch Heiratstraditionen miteinander verbunden. Am 14. Februar 1998 fand eine erste öffentliche Deklaration statt, in der mehrere Dörfer für Menschenrechte und die Gesundheit von Frauen und Mädchen eintraten. Dieses Ereignis arbeitete der Professor Gerry Mackie (University of California in San Francisco) in zwei Aufsätzen wissenschaftlich auf, nachdem er von den Ereignissen um Tostan in Senegal erfahren hatte. Einer der Artikel erschien 1996Gerry Mackie, « Ending footbinding and infibulation: a convention account », in American Sociological Review, vol 61 n°6, 1996, pp. 999-1017., der zweite 2000Gerry Mackie, « Abandoning FGC : the beginning of the end », in Female Circumcision in Africa: culture, controversy and change, Bettina Shell-Duncan and Ylva Hemlund (eds), Boulder, Lynne Rienner Publishers, Londres, 2000, pp. 253- 281.. Sein Vergleich der Beschneidung mit der Praxis des Füßebindens in China machte klar, dass eine organisierte und koordinierte Abschaffung innerhalb einer Heiratsgruppe mittels einer Öffentlichen Deklaration erfolgen müsse. Tatsächlich können Beschneidung wie auch das Füßebinden zu einer Bedingung für die Heiratsfähigkeit eines Mädchens innerhalb einer sich untereinander heiratenden Gruppe werden. Füßebinden wurde in China bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktiziert. Füßebinden und Beschneidung sind soziale Konventionen. Diese mit einer öffentlichen Deklaration zu ändern, erlaubt es dem Mädchen, sich zu verheiraten, da es auch ohne Beschneidung und Füßebinden geachtet und als « heiratbar » betrachtet wird.