mini|Neckermann-Zentrale in Frankfurt am Main

Neckermann war eines der führenden Versandhandelsunternehmen in Europa. Josef Neckermann gründete im Jahr 1948 – dem Jahr der Währungsreform – ein Textilunternehmen namens Neckermann KG. Der erste Katalog – zu seiner Zeit noch „Preisliste“ genannt – umfasste zwölf Seiten und 133 Textilangebote; die Auflage betrug 100.000 Stück. Am 1. April 1950 gründete Neckermann die Neckermann Versand KG in Frankfurt am Main. Ab 1995 betrieb die GmbH unter neckermann.de einen eigenen Online-Shop, über den fast 80 Prozent des Umsatzes abgewickelt wurden. Im Jahr 2012 wurde das Unternehmen aufgelöst. Die Markenrechte wurden von der Otto-Gruppe übernommen, die bis 2021 einen Onlineshop unter dem Namen Neckermann betrieb.

Vorgeschichte des Unternehmens Josef Neckermanns Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus Der aus einer wohlhabenden Würzburger Unternehmerfamilie stammende Josef Neckermann war nach einer Banklehre 1931 in die väterliche Kohlenhandlung eingetreten. Im Zuge der mit unter führender Beteiligung der NSDAP mittels Zwangsverkäufen (zum halben Verkehrswert oder häufiger auch weniger)Roland Flade: Die Würzburger Juden von 1919 bis zur Gegenwart. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Theiss, Stuttgart 2001–2007, Band III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 529–545 und 1308, hier: S. 535. durchgeführten „Arisierung“ jüdischer Firmen erwarb der Jungunternehmer 1935 von Siegmund RuschkewitzRoland Flade: Ruschkewitz – eine Würzburger Familie. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. Band 3 (2007), S. 546–548. dessen Textilkaufhaus in Würzburg sowie das Niedrigpreisgeschäft Merkur mit insgesamt 130 Angestellten sowie 60 Außendienstmitarbeitern. Vor dem Hintergrund der kurz zuvor erlassenen Nürnberger Gesetze unterschrieb Ruschkewitz am 25. Oktober 1935 den Kaufvertrag, der einen Kaufpreis (100.000 Mark, wovon Neckermann allerdings nur 46.000 auf ein Sperrmark-Konto überwiesSybille Grübel: Zeittafel zur Geschichte der Stadt von 1814–2006. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. Band 2, 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 1225–1247; hier: S. 1239.) weit unter Wert festlegte. Ein drittes Warenhaus erwarb Neckermann mit dem Kaufhaus Vetter, ebenfalls in Würzburg ansässig und bereits durch den Vorbesitzer „arisiert“.

Durch die Übernahme eines weiteren im jüdischen Besitz befindlichen Unternehmens, der Wäschemanufaktur Karl Joel, entstand 1937 die Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann. Das von Karl Amson Joel (dem Großvater des Pianisten und Sängers Billy Joel) 1928 in Nürnberg gegründete und seit 1934 mit einem Versandzentrum auch in Berlin ansässige Unternehmen war seinerzeit der viertgrößte Textil-Versandhandel Deutschlands. Das NSDAP-Mitglied Neckermann verweigerte jedoch die Zahlung des für die Übernahme vereinbarten Kaufpreises über 2,3 Millionen Reichsmark. Joel musste seinerseits, von Gestapo und SS verfolgt, über die Schweiz in die USA fliehen und wurde erst 1957 nach einem langwierigen Wiedergutmachungsverfahren mit 2 Millionen DM entschädigt. Der „Kauf“ beinhaltete auch den Mietvertrag der Berliner Villa von Karl Joel, die Neckermann 1938 gemeinsam mit seiner Frau Annemarie bezog.

Josef Neckermann versuchte in den darauf folgenden Jahren, neben den Kaufhäusern und dem Versandhandel auch an staatliche Aufträge zu kommen. Ein erster wichtiger Kontakt Neckermanns war der zu Fritz Todt, der anlässlich des geplanten Westwalls zustande gekommen war. Auf die Aufträge der Organisation Todt des damaligen „Generalinspektors für Bauwesen“ hin lieferte Neckermann ab 1938 Wolldecken und Arbeitskleidung für die 100.000 Arbeiter. Daneben machte sich Neckermann in der NS-Zeit auch seine Bekanntschaft mit dem Textilfabrikanten Hans Kehrl zunutze, der ab 1934 Wirtschaftsbeauftragter des Führers und Reichskanzlers war.

Gemeinsam mit Hertie-Chef Georg Karg, der sein Warenhaus in den 1930er Jahren wie Neckermann durch „Arisierung“ begründet hatte, gründete Josef Neckermann Ende 1941 die Zentrallagergemeinschaft für Bekleidung (ZLG). Das als Gesellschaft des öffentlichen Rechts gegründete Unternehmen diente als Schnittstelle zwischen den „Bedarfsträgern“ staatlicher und militärischer Stellen und den Textilherstellern, so meldeten Wirtschaftsministerium und Wehrmacht ihren Bedarf an Kleidung an die ZLG, die daraufhin Aufträge an die Hersteller vergab. Dass die ZLG in dieser Funktion ein Monopol erreichte, verdankte Neckermann vor allem seiner Bekanntschaft mit Otto Ohlendorf, den er 1939 bei einer Betriebsbesichtigung kennen gelernt hatte, und der auch stiller Teilhaber an der ZLG war. Der SS-Sturmbannführer Ohlendorf war es auch, der Neckermann Informationen sowohl für Rohstoffbezugsquellen als auch über Transportmöglichkeiten verschaffen konnte. Die ZLG musste zwar alle Textilmanufakturen gleichberechtigt mit Aufträgen versorgen, doch Neckermann hatte so die Kontrolle über die Konkurrenz und schanzte seinen Unternehmen attraktive Bestellungen zu.

Nachdem Fritz Todt Anfang 1942 bei einem Flugzeugabsturz verunglückt war, wurde Albert Speer als neuer Reichsminister für Bewaffnung und Munition eingesetzt. Neckermann kontaktierte ihn umgehend und erhielt von ihm den Auftrag, Winteruniformen für die Wehrmacht zu entwerfen. Speer hatte die Idee, dass Neckermann seine Kollektion Hitler selbst zu dessen 53. Geburtstag im Führerhauptquartier Wolfsschanze präsentieren solle. Die Uniformen überzeugten, und Neckermann erhielt den Auftrag, im Sommer 2,5 Millionen Stück herzustellen, die für den Winter an der Ostfront benötigt wurden. Neckermann stieg unter Speer zum Leiter der Reichsstelle Kleidung auf.

Nachkriegsjahre 1945 bis 1948 in München Die von Joel übernommene Villa in der Berliner Tannenbergallee war bei einem Bombenangriff im Dezember 1943 zerstört worden, die Familie zog daraufhin zu Annemarie Neckermanns Vater nach Rottach am Tegernsee. Josef Neckermann selbst wohnte im Jahr 1944 und in den letzten Kriegsmonaten 1945 im Berliner Hotel Adlon und flüchtete erst Ende April, wenige Tage vor Kriegsende, zu seiner Familie an den Tegernsee. Im Juni 1945 wandte er sich in München an Karl Arthur Lange, seit 1941 Chef der Löwenbräu-Brauerei und von der amerikanischen Besatzungsmacht als neuer bayerischer Wirtschaftsminister eingesetzt, mit dem Anliegen, die verbliebenen Kleidungsbestände der ZLG in Bayern zu finden. Lange setzte Neckermann als „Leiter der Bayerischen Landesstelle für Textilwirtschaft“ ein und stellte ihm eine Dienstwohnung in Lochham zur Verfügung.

Nach dem Krieg waren die im Dritten Reich durch „Arisierung“ übernommenen Betriebe gemäß Militärgesetz Nr. 52 von August 1945 in die Treuhandschaft des alliierten Kontrollrats gekommen, den neuen Inhabern wurde die Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit und der Zugriff auf deren Vermögen untersagt. Trotz des Verbots versuchte Neckermann neben seiner Tätigkeit für das Wirtschaftsministerium, seine Geschäfte in Würzburg wieder aufzunehmen. Seine Betriebe dort waren bei den Fliegerangriffen am 16. März allerdings bis auf das Modehaus Vetter zerbombt worden. Außerdem versuchte er, zwei Betriebe der vormaligen ZLG unter seine Kontrolle zu bringen. Dafür wurde er von einem Militärgericht im Dezember 1945 wegen Verstoßes gegen das Kontrollratsgesetz zu einem Jahr Arbeitslager verurteilt. Rund die Hälfte seiner Haftzeit verbrachte der im Sommer 1946 an Tuberkulose erkrankte Neckermann in einem Krankenhaus. Die Genesungszeit wurde auf die Strafe angerechnet, Neckermann war Ende 1946 wieder gesund und ein freier Mann. Ein gesundheitlicher Rückschlag fesselte ihn Anfang 1947 nochmals für einige Monate ans Krankenbett.

In München fand auch der Entnazifizierungsprozess des Josef Neckermann statt, er endete am 3. Mai 1948. Neckermann verdankte es in erster Linie seinem Anwalt Rudolf Zorn, dass er in die Kategorie III der „Mitläufer“ des NS-Regimes eingestuft wurde und mit einer Geldbuße von 2.000 Mark davonkam. Sein Verhalten gegenüber den jüdischen „Geschäftspartnern“ wurde als stets korrekt dargestellt.

Gründung und Aufstieg in den 1950er und 1960er Jahren mini|Der frühere Firmensitz am Danziger Platz (1953–60)

Unternehmensgründung in Frankfurt Eine Familientragödie war im Mai 1948 der Anlass für den Umzug von München nach Oberursel bei Frankfurt am Main: Josef Neckermanns Schwester Maria-Barbara verunglückte gemeinsam mit ihrem Mann Mitte Januar bei einem Autounfall tödlich. Das Ehepaar Josef und Annemarie Neckermann adoptierte deren drei Töchter und bezog das Haus der Familie in Oberursel. Im selben Jahr wurde am 20. Juni die DM als neue Währung eingeführt und das Rationierungsgesetz durch den zu dieser Zeit noch als „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes“ amtierenden späteren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard aufgehoben.

Am 6. September 1948 wurde die Textilgesellschaft Neckermann KG gegründet, der Sitz des Unternehmens war in der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Josef Neckermann selbst wurde offiziell nicht sofort aktiv, das Kontrollratsgesetz war noch immer in Kraft und wurde erst am 10. November wieder aufgehoben. Der Eintrag im Handelsregister lautete auf den Namen seiner Frau Annemarie, und als Geschäftsführer setzte er Theodor Betzen ein, den er von dessen Tätigkeit für die „Reichsgruppe Handel“ her kannte. Mit zwei Büroetagen und einer Textilgroßhandlung bereitete Neckermann hier seinen Wiedereinstieg in das Versandhandelsgeschäft vor, Bezugsquellen und Logistik mussten aufgebaut und Adressen für den Katalogversand beschafft werden.

Die Gesellschaft ging am 1. April 1950 in die Neckermann Versand KG über, deren einziger Komplementär Josef Neckermann war. Das Unternehmen startete mit 107 Angestellten und einem nur geringen Anfangskapital von 450.000 DM. Diese Summe war von den Alliierten aus dem Vermögen seiner Würzburger Geschäfte wieder freigegeben worden. Durch Aufnahme eines Kommanditisten wurde das Kapital auf nominell 21,5 Millionen DM erhöht und durch langfristige Darlehen von Gesellschaftern und Banken verstärkt.

Für den Firmensitz erhielt Neckermann auch Angebote anderer Städte, er entschied sich letztlich aber – nicht zuletzt aufgrund der erstklassigen Verkehrsanbindung und seiner für den deutschlandweiten Versand günstigen Lage – für Frankfurt. Die Stadt kam Neckermann unter Oberbürgermeister Walter Kolb zudem bei der Verpachtung eines geeigneten Firmengeländes entgegen: Für das 6.500 m² große Gelände am Danziger Platz in Nachbarschaft zum Frankfurter Ostbahnhof garantierte sie dem Unternehmen auf 99 Jahre einen Pachtzins von einer Mark pro Quadratmeter, außerdem übernahm sie eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 1,2 Millionen Mark für den Neubau. Das neue Kauf- und Versandhaus wurde am 11. Juni 1951 eröffnet, die Familie Josef Neckermanns bezog die beiden oberen Stockwerke des Hauses. Noch im selben Jahr eröffnete Neckermann in Trier, Kassel, Hanau, Rosenheim sowie in Würzburg (im ehemaligen Ruschkewitz-Kaufhaus) weitere Verkaufsstellen.