Der Kreis Neustadt in Westpreußen war ein preußischer Landkreis, der von 1818 bis 1920 bestand. Er lag in dem Teil von Westpreußen, der nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag 1920 an Polen fiel und als Polnischer Korridor bezeichnet wurde. Von 1939 bis 1945 war der Kreis im besetzten Polen als Teil des neu eingerichteten Reichsgaus Danzig-Westpreußen nochmals eingerichtet. Heute liegt das ehemalige Kreisgebiet in der polnischen Woiwodschaft Pommern.
mini|Der Kreis Neustadt in Westpreußen von 1818 bis 1887 mini|Der Kreis Neustadt in Westpreußen von 1887 bis 1920 mini|Die Provinz Westpreußen 1919
Geschichte Mit der ersten Teilung Polens, durch die Polnisch Preußen wieder mit Preußen zusammengeschlossen wurde, kam das Kreisgebiet 1772 an das Königreich Preußen und gehörte dort in der Provinz Westpreußen zunächst zum Kreis Dirschau. Durch die preußische Provinzialbehörden-Verordnung vom 30. April 1815 und ihre Ausführungsbestimmungen kam das Gebiet zum Regierungsbezirk Danzig der Provinz Westpreußen. Im Rahmen einer umfassenden Kreisreform im Regierungsbezirk Danzig wurde zum 1. April 1818 aus dem Nordteil des Kreises Dirschau der neue Kreis Neustadt gebildet. Er umfasste die Städte Neustadt, Hela und Putzig, die Domänenämter Brück, Putzig und Starzyn, die Halbinsel Hela sowie eine größere Zahl adliger Güter. Das Landratsamt wurde in Neustadt eingerichtet.
Vom 3. Dezember 1829 bis zum 1. April 1878 waren Westpreußen und Ostpreußen zur Provinz Preußen vereinigt, die seit dem 1. Juli 1867 zum Norddeutschen Bund und seit dem 1. Januar 1871 zum Deutschen Reich gehörte.
Durch das kontinuierliche Anwachsen der Bevölkerung im 19. Jahrhundert erwiesen sich einige Kreise in Westpreußen als zu groß; eine Verkleinerung erschien erforderlich. Am 1. Oktober 1887 wurde aus dem nördlichen Teil des Kreisgebiets der neue Kreis Putzig mit dem Landratsamt in der Stadt Putzig gebildet.
Die Landgemeinde Zoppot erhielt am 1. April 1902 das Stadtrecht.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920 fast der gesamte Kreis Neustadt vom Deutschen Reich abgetreten werden. Der größte Teil des Kreises fiel an Polen und bestand dort als Powiat Wejherowski weiter. Die Stadt Zoppot und der Forstgutsbezirk Oliva fielen an die Freie Stadt Danzig. Ein Gebietsstreifen westlich des Zarnowitzer Sees mit der Gemeinde Kniewenbruch sowie den Gutsbezirken Burgsdorf, Fredrichsrode, Kolkau, Ockalitz, Oppalin, Prüssau, Rauschendorf, Reckendorf und Rieben verblieb im Deutschen Reich und wurde am 2. August 1919 vorläufig sowie zum 1. Juli 1922 endgültig dem Kreis Lauenburg in der Provinz Pommern zugeordnet.Ministerial-Blatt für die preußische innere Verwaltung, 80. Jahrgang, Nr. 9, S. 354, Verfügung vom 2. August 1919, betr. Verwaltungsorganisation für die bei Deutschland verbleibenden Teile Posens und WestpreußensGesetz über die Neuordnung der kommunalen Verfassung und Verwaltung in der Ostmark vom 21. Juli 1922 (Preußische Gesetzsammlung, Nr. 28, S. 171–177 Digitalisat)
Polen gab der Stadt Neustadt die an deren mittelalterlichen Namen Weyersfrey (nach dem Stadtgründer Jakob von Weiher) angelehnte Ortsbezeichnung Wejherowo. Infolge von Abwanderung schrumpfte nach 1920 der deutsche Bevölkerungsanteil im ehemaligen Kreisgebiet beträchtlich.
Bevölkerung Ethnische Zusammensetzung Im Jahre 1905 waren ca. 50 % der Bevölkerung des Kreises deutschsprachig und ca. 50 % kaschubisch- bzw. polnischsprachig.Leszek Belzyt: Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815–1914. Marburg 1998, S. 17 f.
Einwohnerentwicklung 1887 wurde aus dem Kreis Neustadt der neue Kreis Putzig ausgegliedert. Um eine Vergleichbarkeit der Zahlen zu gewährleisten, werden ergänzend auch die addierten Werte der beiden Kreise angegeben. 182129.486 183135.250 185248.211 186155.053 187161.075 189041.660, mit dem Kreis Putzig 65.720 190049.043, mit dem Kreis Putzig 74.259 191061.620, mit dem Kreis Putzig 88.168
Konfessionen Jahr evangelisch katholisch jüdischabsolut %absolut %absolut %1821 6.91123,4 22.33975,8 236 0,81852 13.15927,2 34.88172,4 268 0,61871 15.28425,0 45.48374,5 296 0,5 nach Ausgliederung des Kreises Putzig:1890 11.00626,4 30.39673,0 214 0,51910 17.29428,1 43.78271,5 257 0,4 zusammen mit dem Kreis Putzig:1890 16.31424,8 49.07574,7 285 0,41910 22.69225,7 64.86673,6 317 0,4
Politik Landräte 1818–1831Franz von Weiher (1763–1835) 1831–1835Karl Lesse 1835–1862Ludwig von Platen 1862–1868Paul von Jordan 1868–1879Friedrich Vormbaum 1879–1881Richard von Wentzel (komm.) 1881–1893Gumprecht (komm.) 1893–1907Heinrich von Keyserlingk 1907–1920Theodor von Baudissin
Wahlen Im Deutschen Reich bildeten die Kreise Neustadt, Karthaus und Putzig den Reichstagswahlkreis Danzig 4. Dieser Wahlkreis wurde bei allen Reichstagswahlen von 1867 bis 1912 von der Polnischen Fraktion gewonnen.
Städte und Gemeinden Im Jahr 1910 umfasste der Kreis Neustadt zwei Städte und 55 Landgemeinden: Bendargau Bieschkowitz Bohlschau Bojahn Ciessau Czechotzin Damerkau Dohnasberg Espenkrug Gdingen Glashütte Gnewau GossentinGeburtsort von Alfons Wojewski Gowin Grabowitz Groß Katz Grünberg Jellenschehütte Kantrschin Kielau Klutschau Kniewenbruch Kolletzkau Kölln Kowalewo Lebno Lensitz Linde Lusin Mellwin Miloschewo Nadolle Neustadt in Westpreußen, Stadt Poblotz Pretoschin Quaschin Rahmel Reschke Rheda Robbakau Sagorsch Sbichau Schönwalde Seelau Soppieschin Spechtswalde Steinkrug Strebielin Strepsch Ustarbau Vitzlin Wahlendorf Warschkau Werder Worle Zemblau Zoppot, Stadt
Die Stadt Zoppot kam 1920 zur Freien Stadt Danzig und die Gemeinde Kniewenbruch verblieb im Deutschen Reich. Alle übrigen Gemeinden fielen 1920 an Polen.
Gutsbezirke Zum Kreis gehörten außerdem folgende 45 Gutsbezirke (Stand vom 1. Januar 1908):Gemeindeverzeichnis Landkreis Neustadt i. Westpr. – territorial.de (Rolf Jehke, 2004): Barlomin Bendargau Burgsdorf Dargelau Fredrichsrode Friedrichsau Gnewau, Forst Gohra Gohra, Forst Groß Dennemörse Hedille Hochredlau Johannisdorf Kamlau Kielau, Forst Klein Dennemörse Klein Katz Koliebken Kolkau Lewinno Lusin, Forst Nadolle, Forst Nanitz Neuhof Neustadt Ockalitz Oliva, Forst Oppalin Pelzau Pentkowitz Prüssau Rahmel Rauschendorf Reckendorf Rieben Schmechau Smasin Völtzendorf Waldeck Waldenburg Wertheim Wittomin Wittstock Wyschetzin Zemblau
Namensänderungen Im Jahre 1873 wurden im Kreis Neustadt einige Gutsbezirke mit Ortsnamen, die einen kaschubischen oder polnischen Wortstamm hatten, umbenannt:Schlesische Provinzialblätter, siebenundsiebzigster Jahrgang, Liegnitz 1873, S. 572 (Google Books). Dobrzewin → Werthheim Karczemenken → Friedenau Czimmanau → Rauschendorf Strzebielinke → Fredrichsrode Niepoczlowitz → Wahlendorf Czenstkau → Grünberg Borreck → Waldeck Domäne Czechoczin → Friedrichsau
Persönlichkeiten Florian Ceynowa (1817–1881), Vorkämpfer für die Rechte der Kaschuben, geboren 1817 in Slawoschin, Kreis Neustadt Stanislaus Maronski (1825–1907), Gymnasiallehrer in Neustadt, publizierte Werke zum Thema polnische Geschichte
Landkreis Neustadt im besetzten Polen 1939–1945 mini|Reichsgau Danzig-Westpreußen (August 1943)
Geschichte Nach dem Überfall auf Polen durch das Deutsche Reich und der völkerrechtswidrigen Annexion des Powiat Morski, der Gebiete der ehemaligen Kreise Neustadt und Putzig umfasste, an den neugebildeten Reichsgau Westpreußen – später Danzig-Westpreußen – richtete die Besatzungsmacht im Umfang des Powiat Morski den Landkreis Neustadt (Westpr.) ein, der dem neuen Regierungsbezirk Danzig (Danzig-Westpreußen) unterstand. Die Städte Neustadt und Putzig wurden der im Altreich gültigen Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 unterstellt. Die übrigen Gemeinden waren in Amtsbezirken zusammengefasst; Gutsbezirke gab es nicht mehr.
Im Frühjahr 1945 wurde das Kreisgebiet durch die Rote Armee besetzt. Die allermeisten deutschen Bewohner, einschließlich der einheimischen Angehörigen der deutschen Minderheit in der Zweiten Polnischen Republik (1918–1939), wurden in der Folgezeit von der polnischen Administration aus dem Kreisgebiet vertrieben.
Landrat 1939–1945Heinz Lorenz
Ortsnamen In einigen Fällen erhielten nicht typisch deutsch klingende Ortsnamen eine lautliche Angleichung, wurden übersetzt oder durch neue Wortschöpfungen ersetzt, zum Beispiel: Bojahn: Blücherode Ceynowa: Ziegenhagen, Kr. Neustadt (Westpr.) Darslub: Buchheide Gohra: erst Bergen, dann Rhedaberg Goschin: Kaiserhof Kolletzkau: Kollendorf Polzin: Konradswiese Quaschin: Quassendorf Slawoschin: erst Wittenbrock, dann Wittenbrook
Literatur Königlich Preußisches Statistisches Landesamt: Gemeindelexikon der Regierungsbezirke Allenstein, Danzig, Marienwerder, Posen, Bromberg und Oppeln. Auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und anderer amtlicher Quellen. Heft 2: Provinz Westpreußen, Regierungsbezirk Danzig. Berlin 1912, S. 36–41, Kr. Neustadt i. Westpr. (Google Books).
Hans Prutz: Geschichte des Kreises Neustadt in Westpreussen, Danzig 1872 (Google Books). Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, S. 45–46, Ziffer 8 (Google Books). Preußisches Finanzministerium: Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Danzig. Danzig 1867, 7. Kreis Neustadt in Westpreußen (Google Books). Franz Schultz: Geschichte der Kreise Neustadt und Putzig. Danzig 1907 (pbc.gda.pl). A. C. A. Friedrich: Historisch-geographische Darstellung Alt- und Neu-Polens. Berlin 1839, S. 624 (Google Books). Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Berlin 1874, S. 388–397 (Google Books). Paul Niekammer: Westpreussisches Güter-Adressbuch, Niekammer, Stettin 1903, S. 48–57 (digitale-bibliothek-mv.de) P. Graebner: Zur Flora der Kreise Putzig, Neustadt Wpr. und Lauenburg i. Pomm. – Ein Beitrag zu Pflanzengeographie Norddeutschlands, in: Jahresbericht des Westpreußischen Botanisch-Zoologischen Vereins zu Danzig, Danzig 1889, S. 271–396 (Google Books).
Weblinks
Gotenhafen/Neustadt (Westpr.)/Putzig (Territorial.de).
Uwe Kerntopf: Index der Ortschaften des Kreises Neustadt, Provinz Westpreußen (1. Dezember 1905)
Einzelnachweise
Neustadt Kategorie:Powiat Wejherowski Neustadt Kategorie:Aufgelöst 1920 Neustadt Kategorie:Aufgelöst 1945