Das Münchhausen-Stellvertretersyndrom (englisch MSBP Munchausen syndrome by proxy, Munchausen by proxy syndrome oder FDIA factitious disorder by proxyR.M. Vlad, R. Dobritoiu, A. Turenschi & D. Pacurar (2024): Where Reality and Fantasy Collide—Prolonged Fever to Munchausen Syndrome by Proxy. Children Dec2024; 11(12): 1482. doi:10.3390/children11121482), benannt nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen (dem sogenannten Lügenbaron), bezeichnet das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, mehrheitlich Kindern, meist um anschließend eine medizinische Behandlung zu verlangen. Die Tatsache, dass sich Betroffene anscheinend aufopfernd um das Opfer kümmern, erschwert es medizinischem Fachpersonal, die Störung zu erkennen.Mediline Plus. Munchausen syndrome by proxy. United States National Library of Medicine, abgerufen am 12. Juli 2025
Dabei kann diese subtile Form der Kindesmisshandlung bis zum Tod des Opfers führen und mehrere Kinder betreffen, die im gleichen Haushalt aufwachsen.Kimberly Glazier: Effects of Munchausen Syndrome by Proxy on the Victim. (2009) Columbia University, abgerufen am 12. Juli 2025RJ McClure, PM Davis, SR Meadow & JR Sibert: Epidemiology of Munchausen syndrome by proxy, non-accidental poisoning, and non-accidental suffocation. Arch Dis Child. 1996 Jul;75(1):57-61. doi:10.1136/adc.75.1.57Verena Mertens: Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom und seine zivil- und strafrechtliche Bedeutung. In: Neue Juristische Online-Zeitschrift. Nr. 20, 2009, S. 1665–1681, hier S. 1665.
Handelt es sich bei dem Opfer um einen Erwachsenen, so spricht man auch vom Münchhausen by Adult Proxy Syndrom. Dabei handelt es sich oft um Pflegende oder Betreuer, deren Opfer häufig pflegebedürftig oder von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen betroffen sind. Da ein Teil der Opfer kognitiv eingeschränkt ist, ist ihre Möglichkeit, selbst eine Aussage zu treffen, begrenzt, was dazu führt, dass viele Fälle unerkannt bleiben.Marc Moreno-Ariño & Antony Bayer (2016): Munchausen syndrome by proxy—illness fabricated by another in older people Free. In: Age and Ageing. Vol. 46, Iss. 2, March 2017, Pages 166–167, doi:10.1093/ageing/afw217.H.-P. Kapfhammer: Artifizielle Störungen. Nervenarzt 5/2017, 88:549–570, doi:10.1007/s00115-017-0337-8, Online publiziert: 27. April 2017.M. Caroline Burton, Mark B. Warren, Maria I. Lapid, J. Michael Bostwick (2015): Munchausen syndrome by adult proxy: a review of the literature. In: Journal of Hospital Medicine 2015 Jan;10(1):32-5., doi:10.1002/jhm.2268.
Zudem kann es sich beim Opfer im veterinärmedizinischen Kontext auch um ein Haustier handeln.Myrna Milani (2006): Problematic client-animal relationships: Munchausen by proxy. In: Can Vet J 47(12):1161-4
Alle Formen der Störung werden zu den artifiziellen Störungen gezählt und treten oft gemeinsam mit Persönlichkeitsstörungen auf.Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Pschyrembel Online, abgerufen am 1. Mai 2025
Epidemiologie Prävalenz Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom wird mit 0,5 bis 2,8 Fällen pro 100.000 vergleichsweise selten diagnostiziert.K. L. Donix & M. Bauer (2021): Referenz Psychische Störungen. Artifizielle Störungen. Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Fachbuch, Thieme. doi:10.1055/b-0041-181933 Andere Quellen gehen von mindestens 2,8 Fällen pro 100.000 aus. Jedoch handelt es sich bei der psychischen Störung als solche um das „wahrscheinlich [am] häufigsten nicht erkannte psychische Leiden“.
Gemäß den Kriterien des DSM-5 wurden bei 100.000 Kindern 2 bis 8 Fälle festgestellt, die im ersten Lebensjahr Opfer von Fremdgefährdung waren, die auf die Erkrankung zurückzuführen waren. In der Altersgruppe der Kinder unter 16 sank die Quote auf 0,5 von 100.000. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die tatsächliche Inzidenz deutlich höher liegen könnte. Andere Quellen gehen von mindestens 2,8 Fällen pro 100.000 aus.
Von dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom sind mehr Frauen als Männer betroffen.Gregory P. Yates, Marc D. Feldman: Factitious disorder: a systematic review of 455 cases in the professional literature. In: General Hospital Psychiatry. Bd. 41, 2016, S. 20–28, doi:10.1016/j.genhosppsych.2016.05.002. Zahlreiche Studien legen zudem nahe, dass es sich dabei überproportional oft um Mütter handelt, die ihre Störung an ihren Kindern ausagieren.Mediline Plus. Munchausen syndrome by proxy. United States National Library of Medicine, abgerufen am 12. Juli 2025R. Meadow: Munchausen Syndrome by Proxy. In: R. Meadow (Hrsg.): ABC of Child Abuse. 3. Auflage. 1997, S. 47–50, hier S. 48.
Seit den 1990er Jahren wurden darüber hinaus Fälle bekannt, in denen Personen, die im Gesundheitssystem arbeiten, mit dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom in Verbindung gebracht wurden, die mitunter für eine Reihe von Todesfällen verantwortlich waren (siehe hierzu: Beverley AllittJ. Repper (1995): Munchausen syndrome by proxy in health care workers. In: Journal of Advanced Nursing 1995 Feb;21(2):299-304. PMID 7714287 doi:10.1111/j.1365-2648.1995.tb02526.xVincent Marks & Caroline Richmond (2008): Beverly Allitt: the nurse who killed babies. In: Journal of the Royal Society of Medicine 2008 Mar 1;101(3):110–115. PMID 18344467, doi:10.1258/jrsm.2008.071002).
Mortalität Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen ist der Anteil der für das Opfer tödlichen oder dauerhaft einschränkenden Krankheitsverläufe vergleichsweise hoch.
Die Mortalitätsrate der Opfer variiert je nach Studie zwischen mindestens 6 Prozent und reicht bis 8 oder 9 Prozent.Donna Andrea Rosenberg: Munchausen Syndrome by Proxy: medical diagnostic criteria. In: Child Abuse & Neglect. Bd. 27, Nr. 4, 2003, S. 421–430, doi:10.1016/S0145-2134(03)00029-2.
Diagnose Eine Diagnose ist nur möglich, wenn bei den Opfern die entsprechenden Symptome bemerkt werden. Hierzu zählen auffällig viele Arztbesuche bei unterschiedlichen Ärzten, sowie eine Krankenakte, in der zahlreiche Untersuchungen, Operationen und sonstige Interventionen aufgeführt werden. Auch Rückstände von Chemikalien in Urin oder Stuhl können ein Anzeichen sein.
Die folgenden drei Aspekte sollten vor Diagnosestellung abgeklärt werden:Petra Weber: Psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen. In: Pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung. 2013:751–760 doi:10.1007/978-3-642-24710-1_45. Glaubwürdigkeit und Plausibilität der Anamnese sowie der beschriebenen/tatsächlichen Symptome und Zeichen Erwartungshaltung hinsichtlich unnötiger oder potenziell gefährlicher Interventionen durch medizinisches Personal Fehlen einer ärztlichen Anordnung/Überweisung
Der Nachweis, dass es sich tatsächlich um Münchhausen-by-proxy handelt, kann oft nur durch engmaschige Überwachung, mittels Elektroenzephalografie oder Videoüberwachung erbracht werden.A. A. Khalil, J. Torbey, L. Akoury-Dirani & R. M. Alameddine (2022): Difficult diagnosis of factitious disorder. In: Child Abuse & Neglect. 2022 Jul 4;15(7):e244699, doi:10.1136/bcr-2021-244699.
Ursachen Eine allgemein anerkannte Erklärung für diese Verhaltensweise gibt es in der medizinischen Fachliteratur bisher nicht. Meadow vermutete als Motiv die durch eine herbeigeführte Erkrankung des Kindes erzielte Aufmerksamkeit für sowie Zuwendung zur Täterin seitens der Angehörigen und des medizinischen Personals. Oftmals übten die Täterinnen in ihrer Lebensgeschichte vorher bereits selbstverletzendes Verhalten aus.Volker Faust: Vorgetäuschte Gesundheitsstörungen. Psychiatrie heute, Kap. 1, 2017, Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit, abgerufen am 10. Februar 2018, (PDF, 42 Seiten, 320 kB).Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg (Hrsg.): Handbuch der Borderline-Störungen. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Schattauer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7945-2472-3. Auf Grund dessen ist es denkbar, dass die Täterinnen dazu übergehen, Kinder zu misshandeln, um sich nicht weiterhin selbst verletzen zu müssen. Die Übergänge zwischen Münchhausen-Syndrom und Münchhausen-Stellvertretersyndrom können auch fließend sein und beide Formen nebeneinander vorliegen oder lebensgeschichtlich ineinander übergehen.Ulrich Sachsse: Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit, Schattauer Verlag, 1. September 2015. ISBN 3-7945-3153-1. Zur Buchvorstellung: Ulrich Sachsse: Proxy-Mütter – Täterinnen und Retterinnen zugleich. Sonderdruck Psychologie Heute, auf: www.ulrich-sachsse.de/monitor/Dokumente (PDF; 2 S., 151 kB, ). In manchen Fällen konnte sogar eine intergenerationelle Weitergabe des Münchhausen-by-proxy-Syndroms belegt werden.H. Kindler: Was ist unter dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom zu verstehen? In: H. Kindler, S. Lillig, H. Blüml, T. Meysen, A. Werner (Hrsg.): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach §1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). 2006, S. 7-1–7-5, hier S. 7-2. Charakteristisch scheint dabei eine sehr enge, „symbiotische“ Beziehung zu dem Kind zu sein.
Psychopathologie Bereits 1987 definierte Donna Rosenberg folgende Merkmale als Voraussetzung für eine Diagnose:Donna Andrea Rosenberg: Munchausen Syndrome by Proxy: medical diagnostic criteria. In: Child Abuse & Neglect. Bd. 27, Nr. 4, 2003, S. 421–430, doi:10.1016/S0145-2134(03)00029-2. Erkrankungen eines Kindes werden durch eine nahe Bezugsperson, beispielsweise die Mutter, fälschlich angegeben, vorgetäuscht oder absichtlich herbeigeführt bzw. aufrechterhalten. Das Kind wird, häufig wiederholt, zu medizinischen Untersuchungen und Behandlungen vorgestellt. Die wahren Ursachen für das angegebene oder vom Kind gezeigte Beschwerdebild werden bei medizinischen Vorstellungen nicht angegeben. Eventuell vorhandene akute Symptome oder Beschwerden beim Kind bilden sich zurück, wenn es zur Trennung von der verursachenden Person kommt.Meinolf Noeker, Klaus M. Keller: Münchhausen-by-proxy-Syndrom als Kindesmisshandlung. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Bd. 150, Nr. 11, 2002, S. 1357–1369, doi:10.1007/s00112-002-0608-7, (Digitalisat (PDF; 378,32 kB)).Donna Andrea Rosenberg: Munchausen Syndrome by Proxy: medical diagnostic criteria. In: Child Abuse & Neglect. Bd. 27, Nr. 4, 2003, S. 421–430, doi:10.1016/S0145-2134(03)00029-2.
Bei den als behandlungsbedürftig vorgestellten Kindern lassen sich die beschriebenen Beschwerden häufig vom Arzt nicht oder nur schwer nachweisbaren Symptomen bzw. Erkrankungen zuordnen, wie z. B. epileptische Anfälle, Schizophrenie, Bulimie.B. Herrmann: Körperliche Misshandlung von Kindern. Somatische Befunde und klinische Diagnostik. Monatsschr. Kinderheilkd. 2002 (150):1324–1338, doi:10.1007/s00112-002-0610-0 (PDF, 16 S., 528kb).
Wenn gezielt Maßnahmen ergriffen wurden, um medizinische Beschwerden hervorzurufen, so wurden oft Atembeschwerden und/oder Vergiftungen, Fieber oder eine erhöhte Konzentration von Arzneimitteln oder Fremdstoffen festgestellt.
Komorbidität In rund 40 Prozent der Fälle tritt das Syndrom gemeinsam mit (mindestens) einer weiteren psychischen Störung und/oder einer Verhaltensstörung auf.C. Hausteiner-Wiehle & S. Hungerer: Factitious Disorders in Everyday Clinical Practice. Deutsches Ärzteblatt, doi:10.3238/arztebl.2020.0452, abgerufen am 13. Juli 2025
Des Weiteren gibt es überdurchschnittlich oft Überschneidungen mit folgenden Diagnosen:C. Hausteiner-Wiehle & S. Hungerer: Factitious Disorders in Everyday Clinical Practice. Deutsches Ärzteblatt, doi:10.3238/arztebl.2020.0452, abgerufen am 13. Juli 2025Münchhausen-Syndrom: Definition, Hintergründe, Auswirkungen und Behandlung. Oberberg Kliniken, abgerufen am 13. Juli 2025
Diverse Persönlichkeitsstörungen Borderline-PersönlichkeitsstörungCarlo Lazzari & Marco Rabottini (2023): Comorbidity Between Factitious and Borderline Personality Disorder: A Narrative Analysis. In: Psychiatria Danubia. 2023 Spring;35(1):16-26, doi:10.24869/psyd.2023.16.