Die Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig, kurz BSG Chemie Leipzig oder einfach nur Chemie Leipzig, war ein Leipziger Sportverein aus dem Stadtteil Leutzsch, der als Betriebssportgemeinschaft (BSG) organisiert war. Bekannt war vor allem die Fußballmannschaft. Die BSG entstand 1950 aufgrund der Neuorganisation der DDR-Sportvereine auf Basis von mit der am 16. August 1950 erfolgten Umwandlung der ZSG Industrie Leipzig/Abteilung Leutzsch in die BSG Chemie Leipzig, die bereits im ersten Jahr ihres Bestehens die Fußballmeisterschaft der DDR in der Saison 1950/51 gewann. 1954 wurde die Fußballmannschaft aufgelöst und die Spieler vor die Wahl gestellt, entweder künftig beim Schwerpunktklub der zentralen Sportvereinigung Chemie in Halle zu spielen (SC Chemie Halle-Leuna) oder dem in Leipzig neu gegründeten Sportclub Lokomotive beizutreten, wobei die Spieler sich für letztere Variante entschieden und fortan unter dem neuen Namen SC Lokomotive Leipzig antraten. Aufgrund der Neustruktur des Leipziger Fußballs wurde die BSG Chemie 1963 erneut ins Leben gerufen, bekam die vermeintlich „nicht förderungswürdigen“ Spieler zugeteilt und wurde bereits im ersten Jahr ihrer Wiederbelebung als Überraschungsmeister der DDR-Oberliga 1963/64 zur „Legende“. Die BSG Chemie Leipzig bestand bis zur Wende und fusionierte 1990 mit der BSG Chemie Böhlen zum FC Sachsen Leipzig. Aufgrund zunehmender Unzufriedenheit eines Teils der Fanszene des FC Sachsen Leipzig wurde 1997 die BSG Chemie Leipzig neu gegründet.

Vereinsgeschichte Die Wurzel der späteren BSG Chemie Leipzig bildete der 1932 im Leipziger Stadtteil Leutzsch gegründete Sportverein für Turnen und Rasenspiele 1932 Leipzig, kurz TuRa. Weitere historische Angaben zu den Vorgängervereinen der BSG Chemie befinden sich im Artikel über den FC Sachsen Leipzig.

SaisonLigaPlatzTorePunkte 1949/50 Oberliga 8. Platz 38:45 22:30 1950/51 Oberliga 1. Platz 66:33 50:18 1951/52 Oberliga 3. Platz 90:53 47:25 1952/53 Oberliga 8. Platz 55:51 34:30 1953/54 Oberliga 2. Platz 51:37 35:21 1954/55 Oberliga 11. Platz 33:38 24:28 1955Übergangsrunde Oberliga 6. Platz 21:17 14:12 1956 Oberliga 3. Platz 45:22 34:18 1957 Oberliga 7. Platz 36:32 26:26 1958 Oberliga 9. Platz 40:28 25:27 1959 Oberliga 9. Platz 28:36 24:28 1960 Oberliga 3. Platz 37:31 32:20 1961/62 Oberliga 6. Platz 67:57 40:38 1962/63 Oberliga 5. Platz 38:35 27:25 1963/64 Oberliga 1. Platz 38:21 35:17 1964/65 Oberliga 3. Platz 47:29 31:21 1965/66 Oberliga 8. Platz 32:32 26:26 1966/67 Oberliga 12. Platz 35:38 25:27 1967/68 Oberliga 12. Platz 26:32 21:31 1968/69 Oberliga 6. Platz 30:27 27:25 1969/70 Oberliga 4. Platz 33:27 30:22 1970/71 Oberliga 14. Platz 27:43 19:331971/72 Liga St.C 1. Platz 35:7 32:8 Aufstiegsrunde 2. Platz 11:5 10:6 1972/73 Oberliga 9. Platz 21:36 21:31 1973/74 Oberliga 13. Platz 22:39 15:371974/75 Liga St.C 1. Platz 57:16 37:7 Aufstiegsr. 1. Platz 12:5 12:4 1975/76 Oberliga 13. Platz 25:62 14:381976/77 Liga St.C 1. Platz 46:22 33:11 Aufstiegsr. 3. Platz 11:10 9:71977/78 Liga St.C 1. Platz 45:15 33:11 Aufstiegsr. 3. Platz 12:14 7:91978/79 Liga St.C 1. Platz 61:28 35:9 Aufstiegsr. 2. Platz 11:7 9:7 1979/80 Oberliga 14. Platz 21:58 15:37 1980/81 Liga St.C 3. Platz 37:26 29:15 1981/82 Liga St.C 4. Platz 40:25 27:171982/83 Liga St.C 1. Platz 43:9 41:3 Aufstiegsr. 2. Platz 13:9 11:5 1983/84 Oberliga 12. Platz 21:49 14:38 1984/85 Oberliga 13. Platz 26:56 17:35 1985/86 Liga St.A 3. Platz 58:36 43:25 1986/87 Liga St.A 10. Platz 43:51 33:35 1987/88 Liga St.B 6. Platz 40:33 41:27 1988/89 Liga St.B 6. Platz 49:47 38:30 1989/90 Liga St.B 2. Platz 47:36 39:29 Spielzeiten in der DDR-Oberliga und DDR-LigaRonny’s Fanpage, abgerufen am 6. Oktober 2009.beige unterlegt: Spielzeit als ZSG Industrie Leipziggrün unterlegt: Gewinn der Meisterschaftorange unterlegt: Spielzeit als SC Lokomotive Leipzig

Gründung

Am 21. März 1949 fusionierte die SG Leipzig-Leutzsch mit den Sportgemeinschaften Lindenau-Hafen, Lindenau-Aue, Leipzig-Mitte und Böhlitz-Ehrenberg zur Zentralen Sportgemeinschaft (ZSG) Industrie. Am 1. April 1949 spaltete sich die ZSG Industrie Leipzig/Abteilung Leutzsch ab.

Aufgrund der Neuorganisation der DDR-Sportvereine auf Basis von Betriebssportgemeinschaften (BSG) wurde die ZSG am 16. August 1950 in die BSG Chemie Leipzig umgewandelt. Als Trägerbetrieb fungierte der chemische Betrieb VEB Lacke und Farben Leipzig.

In der ersten Saison der DDR-Oberliga 1949/50 erreichte die erste Mannschaft, noch als ZSG Industrie Leipzig antretend, den 8. Tabellenplatz. In der folgenden Saison 1950/51 spielte die BSG Chemie Leipzig eine gute Saison und erreichte am Ende der Saison punktgleich mit Turbine Erfurt den ersten Tabellenplatz. Das bessere Torverhältnis der Erfurter Mannschaft war damals noch kein Entscheidungskriterium, so dass ein Entscheidungsspiel über den Gewinn der DDR-Meisterschaft erforderlich wurde. Dieses Spiel gewann die BSG Chemie Leipzig vor rund 60.000 Zuschauern im Chemnitzer Ernst-Thälmann-Stadion mit 2:0.

Zwischen Betriebssportgemeinschaft und Sportclub

Ab 1954 war die BSG Chemie Leipzig von den wiederholten Umstrukturierungen der Leipziger Sportvereine mehrfach und nachhaltig betroffen. Die Spieler der ersten Mannschaft wurden vor die Wahl gestellt, entweder künftig beim Schwerpunktklub der zentralen Sportvereinigung Chemie in Halle zu spielen (SC Chemie Halle-Leuna) oder dem in Leipzig neu gegründeten Sportclub Lokomotive beizutreten. Die Spieler entschieden sich für letztere Variante.Chemie wurde Lokomotive. Eine Erklärung des Kollektivs, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 210 vom 10. September 1954

Der SC Lokomotive Leipzig gewann den FDGB-Pokal 1957. Parallel dazu spielte unter dem „Traditionsnamen“ BSG Chemie Leipzig-West eine neugegründete Mannschaft in der fünftklassigen Bezirksklasse. Diese trug ihre Heimspiele im Georg-Schwarz-Sportpark aus, während der SC Lokomotive im Stadion des Friedens in Gohlis und teilweise im Bruno-Plache-Stadion spielte.

1963 wurde der SC Lokomotive Leipzig mit dem SC Rotation Leipzig zum SC Leipzig vereinigt. Die Fußballabteilungen der beiden Vereine waren in der Fußball-Oberliga vertreten, weshalb die BSG Chemie Leipzig neu gegründet wurde, um für die anstehende Saison 1963/64 die beiden Oberligastartrechte für Leipzig zu erhalten. Während sich dabei die Mannschaft des SC Leipzig als Fußballschwerpunkt aus den vermeintlich leistungsstärksten Leipziger Spielern zusammensetzte, sollte die BSG „leistungsmäßig so aufzubauen sein, dass sie den Anforderungen der Oberliga gerecht wird.“ Die in den Vorjahren in der Bezirksklasse spielende Mannschaft der BSG Chemie Leipzig-West wurde zur 3. Mannschaft der neuen BSG Chemie Leipzig.

Der NOFV führt in seiner offiziellen Ewigen Tabelle der DDR-Oberliga die Ergebnisse von Chemie Leipzig und Sachsen Leipzig gemeinsam unter FC Sachsen Leipzig (Platz 13) und listet die Ergebnisse des SC Lokomotive Leipzig eigenständig. Der SC Lok belegt Platz 21.Nordostdeutscher Fußballverband:

Der „Rest von Leipzig“ gewinnt die Meisterschaft mini|links|Halbfinale FDGB-Pokal 1965/66 – Chemie Leipzig gewinnt 2:0 gegen Motor Zwickau

In der folgenden Saison 1963/64 konnte die BSG Chemie Leipzig den wohl größten Erfolg der Vereinsgeschichte feiern. Die als „Rest von Leipzig“ bezeichnete Mannschaft spielte unter Trainer Alfred Kunze sehr erfolgreich. So gelang unter anderem ein 3:0-Erfolg gegen den SC Leipzig. Außerdem kamen im Schnitt 20.461 Zuschauer zu den Spielen der BSG Chemie Leipzig und damit mehr als doppelt so viele Zuschauer wie zu den Spielen des SC Leipzig. Vor dem letzten Spieltag in Erfurt reichte der BSG Chemie Leipzig ein Punkt für die Meisterschaft, weshalb rund 10.000 Fans am 10. Mai 1964 nach Erfurt zum Auswärtsspiel mitreisten. Bereits nach 13 Spielminuten führte die BSG Chemie Leipzig mit 2:0 und verteidigte die Führung bis zum Abpfiff. Die Meisterschaft 1964 der BSG Chemie Leipzig war die größte Überraschung in der Geschichte der DDR-Oberliga. Die Meisterelf um die Spieler Klaus Günther, Dieter Sommer, Manfred Walter, Bernd Bauchspieß, Heinz Herrmann, Horst Slaby, Wolfgang Behla, Lothar Pacholski, Dieter Scherbarth, Bernd Herzog, Wolfgang Krause, Klaus Lisiewicz, Manfred Richter und Hans-Georg Sannert wurde später lebensgroß in Beton gegossen und steht noch heute im Alfred-Kunze-Sportpark.

1966 konnte die BSG Chemie Leipzig erneut den FDGB-Pokal gewinnen. Im Finale in Bautzen wurde Lok Stendal durch ein Tor von Hans-Bert Matoul mit 1:0 besiegt.

mini|hochkant|links|3. April 1974: die BSG Chemie Leipzig verliert im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt gegen Rot-Weiß Erfurt und muss zum zweiten Mal absteigen

Chemie Leipzig als Fahrstuhlmannschaft An diese großen Erfolge konnte die BSG Chemie Leipzig in den folgenden Jahren nicht wieder anknüpfen. 1971 stieg der Verein erstmals aus der Oberliga ab und wurde in den folgenden Jahren zur Fahrstuhlmannschaft, wobei der Verein öfter in der zweitklassigen DDR-Liga spielte. Zwar gelang 1972 der direkte Wiederaufstieg in die Oberliga, aber bereits 1974 erfolgte der Wiederabstieg. Weitere Aufstiege gelangen danach in den Jahren 1975, 1979 und 1983. Absteigen musste der Verein jeweils in den Jahren 1976, 1980 und 1985.

Entstehung des FC Sachsen Leipzig mini|Logo des FC Grün-Weiß Leipzig (1990) In der Saison 1989/90 belegte die BSG Chemie Leipzig den 2. Platz der DDR-Liga. Infolge der Wende wurde der Sport in Ostdeutschland neu organisiert. So wurde die bisherige BSG Chemie Leipzig am 30. Mai 1990 umbenannt in FC Grün-Weiß 1990 Leipzig. Auf Grund des für den DDR-Fußball vereinbarten Eingliederungsverfahrens in den gesamtdeutschen Fußball hätte dieser Verein lediglich drittklassig spielen dürfen. Deshalb erfolgte ein Fusionsangebot an den aus der BSG Chemie Böhlen hervorgegangenen FSV Böhlen, der in der vorangegangenen Saison in der DDR-Fußball-Liga Staffel B den Aufstiegsplatz zur DDR-Oberliga erreicht hatte. Nachdem der sich in angespannter finanzieller Lage befindliche FSV Böhlen das Angebot angenommen hatte, entstand durch die Fusion der Fußballabteilungen beider Vereine am 1. August 1990 der FC Sachsen Leipzig, der das Aufstiegsrecht in die Oberliga wahrnahm.

Umgangssprachlich wurde auch der FC Sachsen von Fans und fußballinteressierten Leipzigern weiterhin „Chemie“ und seine Anhänger „Chemiker“ genannt.Tim Jürgens, Maximilian Hendel, Robert Mucha: Fan-Feindschaft in Leipzig – City of Mob. In: 11 Freunde, Nr. 75, 02/2008 (online 17. März 2008).

Sportliche Erfolge DDR-Meister: 1951, 1964 DDR-Vizemeister: 1954 DDR-Meisterschaftsdritter: 1952, 1956 (als SC Lokomotive), 1960 (als SC Lokomotive), 1965 FDGB-Pokalsieger: 1957 (als SC Lokomotive), 1966 FDGB-Pokalfinalist: 1958 (als SC Lokomotive) Zuschauer-Rekordhalter für Meisterschaftspunktspiele: 100.000 im Zentralstadion als SC Lokomotive Leipzig gegen den SC Rotation Leipzig am 9. September 1956

Internationale Vergleiche Europäische Pokalwettbewerbe Europapokal der Landesmeister 1964/65 Chemie Leipzig – Győri ETO FC (Ungarn) 0:2 / 2:4

International Football Cup 1965/66 einige Spiele bis Halbfinale 1. FC Lokomotive Leipzig – Chemie Leipzig 1:0 / 1:1

Europapokal der Pokalsieger 1966/67 1966 Legia Warschau – Chemie Leipzig 2:2 / 0:3 1966 Chemie Leipzig – Standard Lüttich 2:1 / 0:1

Weitere internationale Spiele (Auswahl) Chemie Leipzig spielte fast jedes Jahr gegen ausländische Fußballmannschaften, darunter auch gegen einige westdeutsche Teams.Chemie Leipzig 1951/52 Ronnys Fanpage, auch andere Jahre (unten); die Spiele gegen westdeutsche Mannschaften bis 1954 (Vereinsumbildung) sind vollständig

1951 Chemie Leipzig – Preußen Dellbrück 2:7, 45.000 Zuschauer Chemie Leipzig – Hamburger SV 2:2, 70.000 ZuschauerChemie Leipzig 1951/52 Freundschaftsspiele Ronnys Fanpage, mit einigen Details zu den einzelnen Spielen Chemie Leipzig – Tennis Borussia Berlin 2:3, 25.000 Zuschauer

1952 Chemie Leipzig – Hannover 96 2:0, 25.000 Zuschauer Chemie Leipzig – Werder Bremen 0:3, 20.000 Zuschauer