mini|Karawane der Qaschqai mini|In einem Qaschqaizelt Die Qaschqai, Kaschkai, Kaschqai oder Kaschgai (, ; im Deutschen auch Ghaschghai und international auch Qashqai und Qashqāï) sind ein Stammesverband und ein turksprachiges Volk im Süden Irans, vor allem in der Provinz Fars. Dem politischen Stammesbund der Qaschqai traten im Laufe der Zeit auch Kurden, Luren, Perser und arabischstämmige Iraner bei. Von Bedeutung ist ihre Teppichproduktion (→Perserteppiche).
Siedlungsraum Bei der Volkszählung 1982 wurden rund 200.000 Angehörige der Qaschqai erfasst. Anderen Angaben zufolge bestanden die Qaschqai um 1980 aus 30.000 Familien, was etwa 400.000 Menschen entsprach. Das internationale linguistische Sammelwerk des Summer Institute of Linguistics „Ethnologue“ schätzte 1997 ihre Zahl auf 1,5 Millionen.Kashkay, in Ethnologue - Languages of the World (Webarchiv) Laut der Volkszählung von 2015 betrug die Gesamtanzahl der Qaschqai Ethnie zwischen 1.6 und 2,5 Millionen.Victoria R. Williams: Indigenous Peoples: An Encyclopedia of Culture, History, and Threats to Survival. 4 Bände. ABC-CLIO, 2020, S. 895. Das Volk siedelt vor allem in der iranischen Provinz Fars, also im Südwesten des Landes und lebt teilweise nomadisch. In den Sommermonaten leben sie mit ihren Herden im Zagros-Gebirge und in den Wintermonaten im südlichen Teil der Provinz. Ihr politisches Zentrum ist die Stadt Schiras.
Sprache und Religion
Die qaschqaische Sprache (Eigenbezeichnung oft Turki „Türkisch“) ist dem Südaserbaidschanischen, das heißt, mit der in Iran gesprochenen Variante des Aserbaidschanischen, nah verwandt. Aufgrund der iranischen Politik beherrschen nahezu alle Qaschqai auch die persische Sprache.
Die Qaschqai gehören fast ausschließlich der Zwölferschia an. Einzelne Stammessplitter bekennen sich zur christlichen Religion. Der Glaube der Qaschqai ist mit archaischen Elementen durchsetzt, die Vorschriften des Islam werden weniger streng befolgt als anderswo.
Kultur und Gesellschaft Stämme Die Qaschqai bilden eine Stammesgesellschaft. Sie bestehen aus Stämmen, deren wichtigste und größte die Dare Schuri, Schisch Baluki, Farsimadan, Kaschkuli und Amaleh sind. Letztere stellten traditionell den obersten Führer, den Ilkhan. Weitere kleinere Stämme sind Karadscha, Rahimi und Safi Khani. Insgesamt gibt es rund 30.000 Familien im traditionellen Sinne. Die Stämme zerfallen wiederum in Familienverbände, die zwischen 40 und 200 Zelte umfassen.
Traditionelle Gesellschaftsstruktur Die traditionelle Gesellschaft der Qaschqai war in fünf Klassen eingeteilt: Die Herrschaftsschicht, der die Ilkhane angehören, die Schicht der Stammesführer oder Kalantar, die Führer der Familienverbände, die einfachen Stammesangehörigen und schließlich die niedere Kaste, zu der unter anderem die Handwerker zählten.
Töchtern einer Schicht war die Heirat nur mit Angehörigen mindestens gleich hoher Schichten gestattet. Die Monogamie war die Regel. Ehen wurden arrangiert, der Brautpreis bestand aus Schafen, Pferden oder einer Geldsumme (Bashluq). Die Ehe wurde mündlich geschlossen, der Mann besaß das Recht, sie aufzulösen. Im Scheidungsfalle war die Mitgift zu erstatten. Besitz vererbte sich nur in männlicher Linie. Die Versorgung einer Witwe oblag der Familie ihres verstorbenen Gatten.
Heutige soziale Situation Heute führt nur noch eine Minderheit der Qaschqai eine nomadische Lebensweise. In der iranischen Volkszählung von 1998 wurden in der Provinz Fars noch zwischen 145.000 (Winterquartier) und 170.000 (Sommerquartier) Nomaden erfasst. Die überwiegende Mehrzahl ist somit sesshaft geworden, was nur von wenigen bedauert wird. Wenn damit auch viele Beschwerlichkeiten weggefallen sind, bleiben doch große soziale Probleme bestehen: Die Arbeitslosigkeit liegt zwischen offiziellen 20 % und inoffiziell geschätzten 35 %. Soziale Sicherungssysteme sind unterentwickelt, viele Familien haben mangels Krankenversicherung nur schwer Zugang zu ärztlicher Versorgung. Viehzucht und Saisonarbeit sind die wichtigsten Erwerbsquellen, eine große Rolle spielt zudem die Teppichknüpferei, die vor allem von jungen Frauen in Heimarbeit betrieben wird.
mini|Qaschqai-Teppich mit dem verbreiteten „Hebatlu“-Motiv Teppichkunst Die Herstellung von Teppichen besitzt bei den Qaschqai eine jahrhundertelange Tradition. Unter der handwerklichen Produktion der Provinz Fars gelten die Qaschqai-Teppiche als die feinsten, weshalb auch andere Schiras-Ware besserer Qualität unter ihrem Namen verkauft wird. Alte, von Nomaden hergestellte Qaschqai-Teppiche sind stets auf Wollkette geknüpft. Ihr Muster ist zwar annähernd symmetrisch, aber leicht unregelmäßig, da es nicht nach einer Vorlage, sondern aus der spontanen Vorstellung des Knüpfers entstand. Moderne Teppiche werden heute von sesshaften Knüpfern zumeist auf Baumwollkette gefertigt. Sie sind zwar feiner, aber weniger ausdrucksstark, da starrer im Muster. Von herausragender handwerklicher Qualität sind die Kaschkuli-Teppiche, die auch heute noch mit Naturfarben gefärbt werden. Besonders typische Qaschqai-Teppiche verwenden das „Hebatlu“-Motiv mit vier hakenbesetzten Rauten in den Ecken und einer in der Mitte. Das Innenfeld ist von zahlreichen kleinen stilisierten Pflanzenelementen und auch Tierdarstellungen übersät. Dominante Farben sind Rot und Dunkelblau.
Die Teppiche von Fars, insbesondere die der Qaschqai, enthalten häufig das heraldische Motiv der in Fars angeblich noch in den 1960er Jahren gesichteten Persischen Löwen.Karl Schlamminger, Peter Lamborn Wilson: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. 1980, S. 145–147 (Die Löwen) und S. 178–193 (Löwenteppiche der Qaschqai).
Tracht mini|Kaschkuli-Qaschqai-Frauen beim Spinnen in traditioneller Tracht mini|links|Tracht der Qaschqai Zur traditionellen Bekleidung der Qaschqai-Frauen gehören wogende, übereinander getragene Unterröcke.Karl Schlamminger, Peter Lamborn Wilson: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. 1980, S. 172 f.
Geschichte Von den Ursprüngen bis zum ersten Ilkhan mini|Qaschqai-Nomade aus Sepidan mit Wasserpfeife (hookah). Die Vorfahren der heutigen Qaschqai kamen vermutlich im Zuge der oghusischen Wanderung im 11. Jahrhundert nach Iran. Sie gehen mutmaßlich auf den Stamm der Khaladsch zurück. Zunächst siedelten sie in der nordwestpersischen Provinz Ardabil. Im 15. Jahrhundert gehörten sie zum Staatsverband des Timur Leng und im Anschluss daran zur Stammesföderation der Schwarzen Hammel. Spätestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts leben die Qaschqai in der Provinz Fars. Dass sie erst von Schah Ismail I. dorthin entsandt wurden, um den sich dort festsetzenden Portugiesen entgegenzuwirken, ist weniger wahrscheinlich. Vielmehr scheinen ihre Sommerquartiere schon im frühen 14. Jahrhundert in der Nähe der heutigen gelegen zu haben. Erster belegter Stammesführer der Qaschqai war Amir Gazi Schahilu, der im 16. Jahrhundert lebte. Er scheint Ismail I. bei der Etablierung des Schiismus als iranischer Religion unterstützt zu haben.
Wirkliche politische Bedeutung erlangte der Stammesverband erst im 18. Jahrhundert. Der Legende nach nahmen die beiden Söhne des damaligen Qaschqai-Khans Jani Agha am Indienfeldzug Nadir Schahs teil, gerieten jedoch mit ihm in Konflikt. In dessen Folge wurden die Qaschqai in die Provinz Chorasan vertrieben. Unter der Herrschaft von Karim Khan-e Zand wurde ihnen die Rückkehr erlaubt, und Jani Aghas Sohn Ismail Khan stieg zum Herrscher über die Stämme der Provinz Fars auf. Er galt als enger Vertrauter des Schahs. Nach Karim Khans Tod 1779 kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen um seine Nachfolge, in die auch die Qaschqai verwickelt wurden. Der Zand-Prinz Ali Murad Khan ließ Ismail Khan hinrichten. Dessen Sohn und Nachfolger Jani Khan unterstützte den im Kampf um die Thronfolge später ebenfalls unterlegenen Dschafar Khan. Nach der Einnahme von Schiras durch die Truppen des Aga Mohammed Khan 1788 begann dieser einen Feldzug gegen die Qaschqai, die jedoch gewarnt worden waren und sich ins Zagros-Gebirge zurückzogen. Nach der Ermordung Dschafar Khans 1789 unterstützte Jani Khan dessen Sohn, den letzten Zand-Prinzen Lotf Ali Khan. Nach dessen Niederlage 1794 musste Jani Khan wieder ins Gebirge fliehen, wo er sich bis zum Tod Aga Mohammed Khans 1797 versteckt hielt. Dieser vertrieb aus Rache Teile der Qaschqai in den Norden Persiens. Auf der anderen Seite schlossen sich zugleich zahlreiche lurische und kurdische Stämme, die ebenfalls unter Karim Khan in die Provinz Fars gekommen waren, dem Stammesverband der Qaschqai an. 1818/19 erhielt Jani Khan als erster den Titel eines Ilkhans, den seither alle Führer der Qaschqai führten.
Das 19. Jahrhundert Nach seinem Tod 1823/24 folgte ihm sein Sohn Mohammed Ali Khan. Aufgrund seiner schwachen Konstitution leitete dieser seine Amtsgeschäfte überwiegend aus seinem Palast in Schiras. Es gelang ihm dennoch, seine Macht auch auf andere bedeutende Stämme der Region auszuweiten. Ferner knüpfte er über arrangierte Ehen Verbindungen zur Dynastie der Kadscharen – einer seiner Söhne heiratete eine Schwester des Herrschers Mohammed Schah. Dieser zwang ihn allerdings 1836 an den Hof in Teheran, wo er bis zum Tod des Schahs 1848 verbleiben musste. Nach Schiras zurückgekehrt, starb er 1852. Ihm folgte sein Bruder Mohammed Kuli Khan. Der neue Herrscher in Teheran, Nāser ad-Din Schah, stärkte die Zentralgewalt und sagte der Autonomie der Stämme den Kampf an. Der Ilkhan stand in Schiras quasi unter Arrest, und auf Betreiben Teherans spalteten sich die Bahārlu, Aynallu, Nafar und Baschiri sowie arabische Verbände ab, um den Stammesverband der Khamseh („Die Fünf“) zu gründen.
Auf Mohammed Kuli Khan folgte 1867/68 sein wenig fähiger Sohn Sultan Mohammed Khan. Dieser zeigte sich der großen Herausforderung durch die dramatische Hungersnot zu Beginn der 1870er Jahre nicht gewachsen und zog sich 1871/72 aus seiner aktiven Rolle zurück. Der Verband der Qaschqai begann zu zerfallen, etwa 5000 Familien schlossen sich den Bachtiaren an und ebenso viele den Khamseh. Es kam häufig zu räuberischen Übergriffen gegenüber der sesshaften Bevölkerung. Diese Periode der Anarchie und des Zerfalls endete erst 1904, als Ismail Khan Sowlat al-Dowla neuer Ilkhan wurde. Unter der Herrschaft Mozaffar ad-Din Schahs (1896–1907) verlor die Zentralgewalt an Einfluss über die Provinzen. Sowlat al-Dowla dominierte das Hinterland, während sein Erzrivale Kawam al-Mulk von den konkurrierenden Kawami in Schiras herrschte. In der Konstitutionellen Revolution gehörten die Kawami zum Lager der Royalisten, woraufhin die Qaschqai die Konstitutionellen unterstützten. Als 1909 nach der Einnahme Teherans durch die Bachtiaren der elfjährige Ahmad Schah Kadschar eingesetzt wurde, gründeten die Qaschqai zusammen mit dem Scheich von Mohammerah und dem Wali von Ilam die gegen die Bachtiaren und die mit ihnen verbündeten Kawami gerichtete Südallianz. Hierdurch fühlten sich die Briten bedroht, die 1908 ihre erste Ölkonzession in der Provinz Chuzestan erhalten hatten (→ Anglo-Persian Oil Company). Sie machten Sowlat al-Dowla für den hohen Wegezoll verantwortlich, der auf der Straße von Buschehr nach Schiras gefordert wurde. Am 19. Oktober 1910 gingen britische Marinetruppen bei Buschehr an Land und besetzten Schiras. Die Unruhen in der Provinz Fars kulminierten im Juli 1911, als Qaschqai-Kämpfer zusammen mit regierungstreuen Truppen des Provinzgouverneurs Stellungen der Kawami in Schiras angriffen. Der britische Druck zwang die Ilkhane aber im September 1911 zum Rückzug von der Szene. Im gleichen Jahr wurde die Zahl der Qaschqai auf 200.000 geschätzt.
Erster Weltkrieg und Herrschaft Reza Pahlavis