mini|Aufstieg von der Wildhornhütte zum Wildhorn (März 2007) mini|Scheibenkopfnadeln: links aus Saillon (VS); Mitte die Nadel vom Schnidejoch, rechts aus Bex (VS) mini|Das Gebiet um den Aletschgletscher auf dem Siegfriedatlas (1882) Das Schnidejoch ist ein seit der Jungsteinzeit genutzter Saumpfad und Gebirgspass im Wildhornmassiv in den westlichen Berner Alpen. Über den Bergsattel, der mit der Höhe von auf der Europäischen Hauptwasserscheide liegt, führt ein Weg zwischen dem Tal der Liène mit dem Stausee Lac de Tseuzier auf der Südseite, im Kanton Wallis, und dem Simmental im Berner Oberland mit den Ortschaften Lauenen und Gstaad. Die Nordseite befindet sich im Landschaftsschutzgebiet «Gälte - Iffigen» des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.Objektblatt «Gälte - Iffigen» im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.
Der hoch gelegene Bergpass Schnidejoch gilt als eine der wichtigsten archäologischen Fundstätten in den Hochalpen. Seit dem Hitzesommer 2003 kamen unter einem schmelzenden Eisfeld zahlreiche Einzelfunde zum Vorschein, deren älteste mehr als 6500 Jahre alt sind. Die Objekte gehörten wohl jungsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, die den Pass benützten. Gemäss einer Mitteilung im Jahr 2008 an der internationalen Tagung von Archäologen und Klimatologen in Bern wurden 46 jungsteinzeitliche Fundstücke von der ETH Zürich mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung rund 1500 Jahre älter datiert, als bisher angenommen worden war. Die Objekte aus Leder, Bast und Holz sind die ältesten Funde dieser Art in den Alpen und damit rund 1000 Jahre älter als die bei der Gletscherleiche Ötzi in Südtirol entdeckten Gegenstände.Tages-Anzeiger (21. August 2008): Neue Funde im Eis – älter als Ötzi abgerufen am 20. November 2023. abgerufen am 20. November 2023 (englisch).Das Oeschger Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern und der Archäologische Dienst des Kantons Bern organisierten am 21. und 22. August 2008 ein Symposium für Fachleute aus Archäologie und Klimaforschung. An der Tagung nahmen 120 Forscher aus allen Ländern teil, in denen bisher Gletscherfunde dieser Art gemacht wurden: Kanada, Norwegen, Österreich, Italien, Schweiz und die USA.
Lage Der Passübergang liegt zwischen dem Schnidehorn und dem Wildhorn, im Grenzgebiet der Schweizer Kantone Bern und Wallis, rund acht Kilometer Luftlinie von Lauenen (nördlich) und rund 15 Kilometer Luftlinie von Sitten (südlich) entfernt. Etwa einen Kilometer nördlich liegt die Wildhornhütte (), ein Etappenpunkt verschiedener Bergtouren. Der Zugang im Norden führt aus dem Simmental durch das Tal am Iffigbach. Der Weg auf der Südseite der Wasserscheide führt von Der Alp Tseuzier steil über Felsterrassen und Schutthalden, am Bergsee Lac de Téné vorbeu, zum Passübergang.
In geologischer Hinsicht besteht das Felsmassiv am Schnidejoch aus stark verfalteten und verkarsteten Sedimentgesteinen des Helvetikums, die unter dem Begriff der Wildhorndecke zusammengefasst werden.
Geschichte Das Schnidejoch diente seit der Jungsteinzeit als Passübergang. Im Dritten Jahrtausend vor Christus und bis etwa 1750 vor Christus herrschte im Alpenraum ein vergleichsweise mildes Klima, mit vermutlich 0,5 bis maximal 2 °C höheren Sommertemperaturen als Mitte der 2000er Jahre und den damit verbundenen Wetterunbilden. Die Funde vom Schnidejoch belegen, dass sich die Gletscher zeitweise so weit zurückgezogen hatten, dass Menschen den Hochgebirgspass zumindest im Sommer überqueren konnten. Eine erneute Klimaänderung und damit ein Gletschervorstoss folgte um 850 vor Christus. Erst nach 150 vor Christus setzte wieder eine längere Warmphase ein, die bis am Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus andauerte. Darauf folgte wieder eine Kaltphase, die durch einen Gletschervorstoss vermutlich die Passüberquerung verhinderte.
Am Schnidejoch gefundene Schuhfragmente belegen die erneute Nutzung während der mittelalterlichen Warmzeit im 14. und 15. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert verschloss der Gletschervorstoss während der Kleinen Eiszeit den Passübergang erneut. Das Kartenblatt 472 des Siegfriedatlas belegt in der Ausgabe von 1882, dass der Gletscher am Ende der «Kleinen Eiszeit» (1550–1850) noch weit über das Schnidejoch hinaus auf die Südseite reichte und somit eine Überquerung des Bergsattels verhinderte. Die jüngsten menschlichen Hinterlassenschaften auf dem Schnidejoch stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und erst der rasant zunehmende Gletscherrückgang der letzten zwei Jahrzehnte ermöglichte wieder die eisfreie Überquerung. Die Tatsache, dass sich Leder aus dem späten Neolithikum bis 2003 in einem Relikt des Tungelgletschers erhalten hatte, impliziert, dass die Eisbedeckung am Schnidejoch mittlerweile geringer ist als in den letzten 5000 Jahren.
Archäologie und Klimageschichte Seit dem Hitzesommer 2003 gibt das schmelzende Eisfeld am Schnidejoch vor- und frühgeschichtliche Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände frei. Die Funde bezeugen einen vergessenen Passübergang und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Klimageschichte.Website Landschaftsmuseum Obermain: Der Übergang am Schnidejoch (CH) – Das Eis gibt neue Schätze frei, abgerufen am 27. August 2008
Weltweit bekannt wurde das Schnidejoch, als am 17. September 2003 ein Ehepaar aus Thun etwa 200 Meter unterhalb des Schnidejochs ein auffälliges Objekt aus Birkenrinde entdeckte und es dem Historischen Museum Bern respektive dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern (ADB) zur Begutachtung übergab. Die Archäologen identifizierten das Fundstück als Fragment eines Pfeilköchers. Eine erste C14–Datierung erbrachte ein Alter des Objekts von rund 5000 Jahren. Der Archäologische Dienst des Kantons Bern untersuchte wegen des hohen Alters der Funde in den Sommern 2004 und 2005 das Gebiet am Schnidejoch systematisch. Im schmelzenden Eisfeld und seiner Umgebung wurden rund 400 Objekte bzw. Fragmente aus einem zeitraum von 6500 Jahren gefunden. Sowohl Holzfunde als auch vergängliche organische Materialien hatten im Eis überdauert. Leder- und Textilienreste wurden entweder direkt am Eisrand oder nur wenig davon entfernt entdeckt; gegen den zerfall beständigere Knochen und Hölzer fanden sich hingegen in einem weiteren Umfeld, zusammen mit Eisennägeln römischer Sandalen (Caligae) sowie Einzelfunden aus der Bronzezeit und aus dem 14.-15. Jahrhundert.
Für die Archäologie und die Klimatologie ist die Entdeckung von einem ähnlichen Wert wie der Fund des prähistorischen Menschen in Südtirol, der unter dem Namen Ötzi bekannt geworden ist. «Natürlich ist Ötzi sensationeller», meinte Peter Suter, Leiter der Abteilung Ur- und Frühgeschichte beim Archäologischen Dienst in Bern, anlässlich eines Interviews im November 2005. «Aber für die Geschichtsforschung sind diese Funde aus mehreren Jahrhunderten mindestens genauso wichtig.» Sie stellen nicht nur eine Momentaufnahme dar, sondern dokumentieren die zeitliche Abfolge der Besiedlungs- und Klimageschichte in den Zentralalpen.Die Welt (14. November 2005): Neue Handelswege
Durch die Untersuchungen im Gelände gilt Umfeld des Eisfelds am Schnidejoch als vollständig erforscht; die vorhandenen Objekte wurden sichergestellt. Es ist unbekannt, ob in der noch vorhandenen Fläche des kleinen GletschersTages-Anzeiger (26. August 2008): Liegt im Eisfeld noch die Mumie von «Schnidi»? oder entlang des Saumpfads noch archäologische Gegenstände zu finden sind.
Befunde Die zahlreichen seit 2003 vom Eis freigegebenen Eisfunde stammen sowohl aus prähistorischer als auch aus frühgeschichtlicher Zeit. Sie gelten als einzigartig, weil sie ein neues Licht auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der Alpen werfen und zeigen, dass Menschen den in der Neuzeit vergessenen Passübergang vom Berner Oberland in das Wallis in klimatisch günstigen Zeiten rege benützten. Die organischen Funde sind besonders wertvoll, weil ähnliche Objekte anderswo nur selten zum Vorschein kommen. Sie überdauerten die Jahrtausende, weil sie im Hochgebirgsklima unter Schnee und Eis raschkonserviert konserviert wurden und sofort nach dem Auftauen des Eisfeldes gefunden wurden.
Jungsteinzeit mini|Kulturenfolge in der Schweiz Der Archäologische Dienst des Kantons Bern fand eine grössere Zahl verstreuter Überreste von Kleidern und Ausrüstungsgegenständen. Diese ergaben nach und nach die fast vollständige Ausrüstung eines neolithischen Jägers, die im Gegensatz zu Ötzi aber nicht zweifelsfrei einer einzigen Person zugeordnet werden können.Bald kamen optimistische Spekulationen über eine mögliche Gletschermumie am Schnidejoch auf, für welche voreilig bereits der Name «Schnidi» geprägt wurde.
Etwa die Hälfte aller C14–datierten Objekte stammt gemäss der ersten Untersuchung von 2004 bis 2005 aus dem Zeitraum zwischen 2900 und 2600 vor Christus, also aus der Epoche der Schnurkeramikkultur. Nach einer 2008 publizierten Analyse wurden 46 Fundstücke in die Zeit um 4500 vor Christus datiert.
Köcher, Bogen und Pfeile Zu den ältesten Fundstücken gehören ein Köcherfragment aus Birke, eine 2004 gefundene Rindenbahn, die als Schutz des Pfeilköchers diente, und zwei im untersten Köcherteil steckende gestielte Pfeilspitzen aus Silex. Ein weiteres Fundstück ist ein Bogen aus Eibe von 160 Zentimetern Länge. Dazu kommen Fragmente von drei rund 80 Zentimeter langen Pfeilen aus Schneeballruten, die zum Köcher gehört haben könnten.Den Bogen und ein Pfeilfragment fand eine Wandergruppe aus Wiesbaden bereits am 19. September 2003; die nach Hause genommenen Fundstücke übergab ein Teilnehmer rund zwei Jahre später nach den ersten Pressemeldungen zum Schnidejoch dem Archäologischen Dienst in Bern.
Fundstücke aus Leder Eine Reihe grösserer und kleinerer Leder- und Riemenfragmente stammt von vermutlich vier verschiedenen neolithischen Schuhen. Das am besten erhaltene Stück ermöglichte die Rekonstruktion eines einfachen Schuhs, der vermutlich aus frischer Tierhaut direkt am Fuss des Trägers zugeschnitten wurde. Marquita Volken von der Fachstelle für Schuhkunde und historische Lederarbeiten in Lausanne setzte unter dem Mikroskop die einzelnen Lederlappen zusammen, zeichnete ein Modell des Schuhs und fertigte eine Replik an. Die Fachstelle restaurierte auch die fragmentarischen Lederteile von römischen Sandalen und eine mittelalterliche Schuhsohle.
Ein kleines, zerknülltes Lederstück erwies sich als das 70 cm × 60 cm messende Fragment eines Beinkleids mit Längsnaht und einer Flickstelle; als Faden diente Lindenbast. In den geschützten Falten des Hosenbeins fanden sich kleine Partikel, die möglicherweise von menschlicher Haut stammen, was eine DNA-Analyse aber nicht bestätigte. Die Lausanner Fachstelle untersuchte auch diese Lederreste. Nun wird versucht, die steinzeitliche Gerbetechnik nachzuahmen (Experimentelle Archäologie) und herauszufinden, mit welchen Techniken und Werkzeugen die Häute bearbeitet wurden. Aus der Porengrösse der Haut lässt sich die Tierart erschliessen, von der das Leder stammt. Beim Beinkleid ergb sich kein eindeutiger Befund: Ziege oder Schaf. Angela Schlumbaum, Paläogenetikerin am Basler Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie, analysierte daraufhin ein etwa daumennagelgrosses Stück der Lederhose, um daraus das – durch das Gerben beschädigte und üblicherweise nach so langer Zeit zu Bruchstücken zerfallene – Erbgut für eine DNA-Analyse zu sequenzieren. Die Analyse konnte die Probe eindeutig einer bestimmten Ziegen-Rasse zuordnen, die heute hauptsächlich in Asien verbreitet ist und vermutlich in jungsteinzeitlicher Zeit auch in der Schweiz lebte.Universität Basel, Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie: Webauftritt von Dr. Angela Schlumbaum
Fellreste