mini|hochkant|Harald Kujat (2018) Harald Kujat (* 1. März 1942 in Ninino im Reichsgau Wartheland) ist ein deutscher General a. D. der Luftwaffe. Er war von 2000 bis 2002 als 13. Generalinspekteur der Bundeswehr der ranghöchste Offizier der Bundeswehr und von 2002 bis 2005 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und damit auch des NATO-Russland-Rats.

Einer breiteren Öffentlichkeit ist er durch seine Beiträge zu sicherheitspolitischen Fragen bekannt. Während seine aktive Dienstzeit als fachlich hoch anerkannt gilt, werden seine Einschätzungen zum Verhältnis der NATO zu Russland sowie zum Ukraine-Krieg in Fachkreisen und Leitmedien als zunehmend umstritten wahrgenommen.

Leben Kujat, Sohn eines Landwirts, der als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg fiel, wuchs nach Kriegsende gemeinsam mit seinen drei Geschwistern in der Nähe von Hannover auf. Er ging in Kiel zur Schule. Nach seinem Abitur an einer Abendschule begann er 1959 eine Ausbildung bei der Luftwaffe.

Militärische Laufbahn Ausbildung und erste Verwendungen Am 29. Oktober 1965 wurde Kujat zum Leutnant ernannt. Er absolvierte die vorfliegerische Ausbildung und wurde Ausbilder für Unteroffiziere, war Zugführer und stellvertretender Kompaniechef sowie Personaloffizier (S 1). Während dieser Zeit wurde er im April 1968 zum Oberleutnant und im Januar 1971 zum Hauptmann befördert.

Dienst als Stabsoffizier Von 1972 bis 1975 war Kujat Ordonnanzoffizier beim Bundesminister der Verteidigung Georg Leber, SPD, in Bonn. 1974 wurde er zum Major ernannt. Von 1975 bis 1977 absolvierte er den 20. Generalstabslehrgang der Luftwaffe an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und diente ab 1977 als Adjutant bei Bundesverteidigungsminister Hans Apel in Bonn. Im selben Jahr wurde Kujat Dezernatsleiter (A 3a) Luftwaffenunterstützungsgruppenkommando Nord in Münster. Von 1978 bis 1980 war er Referent (Operative Grundlagen Luftstreitkräfte) im Führungsstab der Streitkräfte (FüS) des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn. Am 1. April 1979 wurde er dann zum Oberstleutnant befördert. Eine weitere Verwendung in Bonn war als Referent für Sicherheitspolitik und Strategie im Bundeskanzleramt. 1985 übernahm er wieder ein Truppenkommando als Kommandeur des II. Bataillons des Luftwaffenausbildungsregiments 1 in Appen.

1988 absolvierte Kujat den 72. Kurs des NATO Defense College in Rom, Italien. Er wurde im Oktober 1988 zum Oberst befördert. 1989 wurde Kujat zum Dezernatsleiter (NATO-Truppenplanungen, Luftstreitkräfte) beim Deutschen Militärischen Vertreter beim NATO-Militärausschuss in Brüssel ernannt. Nach einem Jahr wurde er 1990 Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte in Bonn, zuständig für nukleare und weltweite Rüstungskontrolle.

Dienst im Generalsrang Von 1992 bis 1995, am 20. September 1992 zum Brigadegeneral ernannt, übernahm Kujat den Posten des Chefs des Stabes und Stellvertreters des Deutschen Militärischen Vertreters im Militärausschuss der NATO in Brüssel, zu dieser Zeit Generalleutnant Jörn Söder.

Zurück in Deutschland, wurde Kujat am 1. April 1995 zum Generalmajor befördert und übernahm den Posten des Stabsabteilungsleiters III für Militärpolitik im Führungsstab der Streitkräfte im Verteidigungsministerium. Im Anschluss daran wurde er 1996 Leiter des IFOR-Koordinationszentrums (ICC) im NATO-Hauptquartier (SHAPE) in Mons, Belgien. Im Oktober 1996 wurde er schließlich stellvertretender Direktor im Internationalen Militärstab (IMS) der NATO in Brüssel. mini|Harald Kujat (2003) Am 10. November 1998 wurde Kujat zum Generalleutnant befördert und von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) im Januar 1999 zum Leiter des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung ernannt. In dieser Funktion beriet er den Minister in allen Fragen der langfristigen militärischen und verteidigungspolitischen Grundlagenplanung. In dieser Position gab er Anlass zur Diskussion, da ihm innerhalb der Bundeswehr vorgeworfen wurde, der Planungsstab sei das „Küchenkabinett“ von Rudolf Scharping und werde dazu benutzt, wichtige Planungen (insbesondere in Bezug auf die Wehrpflicht und die zukünftige Gestaltung der Bundeswehr) an der eigentlichen militärischen Führungsspitze vorbei durchzuführen und den Generalinspekteur damit zu demontieren. Nach dem Rücktritt des Generalinspekteurs Hans-Peter von Kirchbach wurde Kujat am 1. Juni 2000 selbst zum Generalinspekteur der Bundeswehr und damit zum höchstrangigen deutschen Soldaten berufen. Im November 2001 einigte sich der Militärausschuss der NATO in Brüssel auf Kujat als Vorsitzenden mit Wirkung zum Juli 2002.Generalinspekteur - Kujat wechselt zur Nato. In: faz.net vom 20. November 2001, abgerufen am 7. Dezember 2022 Als Vorsitzender des NATO-Militärausschusses stand Kujat auch dem NATO-Russland-Rat vor.

Am 16. Juni 2005 wurde er schließlich in Berlin mit einem Großen Zapfenstreich von Verteidigungsminister Struck in den Ruhestand verabschiedet.

Thinktank Dialogue of Civilizations Nach Medienberichten und Selbstdarstellung des Instituts war Kujat mindestens im Gründungsjahr 2016 Aufsichtsratsmitglied des als kremlnah eingestuften Thinktanks Dialogue of Civilizations Research Institute, der von Wladimir Jakunin und seiner Frau geleitet wird. Jakunin gilt als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Auf der Eröffnungsfeier im Juli 2016 begrüßte Kujat die Gründung des Instituts als Beitrag zur „Meinungsvielfalt“ und formulierte die Hoffnung, „dass die demokratisch-pluralistische Gesellschaft das Institut nicht von vornherein als Propaganda-Coup abtut“. Zur Mitgliedschaft im Aufsichtsrat des Instituts erklärte Kujat im Oktober 2016 gegenüber der Bild-Zeitung, er habe „das Angebot, mit anderen die Aufsicht über diese Vorhaben zu übernehmen, angenommen, um die Dinge aus der Nähe verfolgen und – falls erforderlich – den Kurs beeinflussen zu können“. Am 26. Februar 2022 stellte Kujat in einem Interview zum laufenden russischen Überfall auf die Ukraine fest, er „gehöre diesem Institut nicht an“. Auch im Juli 2024 dementierte er die erneute Frage Marco Seligers nach der Zugehörigkeit.

Mitgliedschaften und Funktionen Seit seiner Pensionierung tritt Kujat als Kritiker und Experte für Sicherheitspolitik in der Öffentlichkeit auf und war bis 2022 häufig in den öffentlich-rechtlichen Medien zu Gast. Er war Vorsitzender des Beirats des Network Centric Operations Industry Consortium (Stand Mitte 2016)Homepage NCOIC https://web.archive.org/web/20140716210755/https://www.ncoic.org/about-us/leadership/advisory-council und ist Präsidiumsmitglied der Nichtregierungsorganisation Internationaler Wirtschaftssenat.

Ab Sommer 2019 war Kujat für ein Jahr bis zu seinem Rücktritt Aufsichtsratsvorsitzender des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch.

Orden und Ehrenzeichen (Auswahl) mini|Harald Kujat wird durch Richard Myers mit dem Orden Legion of Merit ausgezeichnet.

Medaille des Senats der Hansestadt Hamburg für den Einsatz während der Flutkatastrophe in der Hansestadt (1962) Großes Bundesverdienstkreuz Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold Verdienstmedaille des Hamburger Senats Kommandeur-Kreuz der französischen Ehrenlegion NATO Meritorious Service Medal Legion of Merit (Kommandeur, USA)

Darüber hinaus erhielt Kujat hohe Auszeichnungen aus Belgien, Malta, Polen, Russland und Ungarn.

Politische Positionen

NATO und Russisch-Ukrainischer Krieg Nach Meinung Kujats versagte die NATO in der Ukraine-Krise 2013/14, die den Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges markierte, und leistete vor der Krim-Krise „überhaupt keinen Beitrag zur Deeskalation.“ „Die NATO hätte von Anfang an mit Russland verhandeln müssen, denn sie hat eine strategische Partnerschaft mit Russland“, äußerte er. Nach dem Grundlagenvertrag hätte der NATO-Russland-Rat einberufen werden müssen. In Moskau gebe es große Bereitschaft für Verhandlungen. Diese könnten ein Erfolg werden, wenn der Westen klarstelle, dass die Ukraine kein NATO-Mitglied werde. Im Jahre 2016 wurde er in den Aufsichtsrat eines vom Oligarchen Wladimir Jakunin in Berlin gegründeten Forschungsinstituts berufen.Wie deutsche Talk-Shows die Putin-Versteher hofierten faz.net, 16. November 2023.siehe auch nzz.ch 13. Juni 2024: Wäre ein Frieden zwischen Russland und der Ukraine schon vor zwei Jahren möglich gewesen?

Afghanistan Kujat hielt nach der vorübergehenden Eroberung von Kundus durch die Taliban im Oktober 2015 den weiteren Einsatz von NATO-Truppen für unabdingbar. „Nur ein erneuter massiver Kampfeinsatz der NATO könnte die Situation bereinigen“, sagte Kujat den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dazu sei die internationale Staatengemeinschaft aber nicht bereit. „Es zeichnet sich ab, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Taliban die Macht im Land übernehmen.“

Syrienkonflikt Kujat lobte im Gegensatz zu den meisten Mediendarstellungen Russlands Militäreinsatz 2015 und 2016 in Syrien: Bis September 2015 habe in Syrien Stillstand geherrscht. Weder die USA noch Europa hätten eine Strategie für ein friedliches Syrien gehabt. Sie seien auch nicht bereit gewesen, sich massiv zu engagieren. „Die Russen haben es gemacht und damit ein Fenster für eine politische Lösung aufgestoßen.“ Kujat behauptete, ohne Russlands Eingreifen „wäre Syrien kollabiert und der IS hätte das Land übernommen“. Das nächste Ziel wäre laut Kujat der Libanon gewesen und das übernächste Israel. „Das hätte weitreichende Folgen auch für uns gehabt.“ Kujat verteidigte auch die vom Westen verurteilten massiven Luftangriffe auf Aleppo im Januar und Februar 2016 als notwendigen Teil einer Strategie gegen den IS: „Putins Ziel lautet, den Vormarsch der syrischen Truppen in Richtung IS-Gebiet zu unterstützen. Aleppo ist auf diesem Weg bisher wie ein Sperrriegel gewesen, weil die Stadt von der syrischen Opposition gehalten wurde.“

Die Bundesregierung (Kabinett Merkel III) reagierte irritiert auf Kujats Darstellung. Kujat behauptete am 9. Oktober 2016 in der Fernsehsendung Anne Will, die Al-Nusra-Front sei eine Verbündete der USA. Dafür soll er sich, auf diesbezügliche Nachfrage der Bild-Zeitung, nach deren Darstellung unter anderem bezogen haben auf Jürgen Todenhöfer, der in einem Interview eine solche Aussage verbreitet hatte.Christoph Reuter: Todenhöfers Interview in Aleppo - Mummenschanz für Assad. In: Spiegel Online vom 1. Oktober 2016, abgerufen am 29. November 2022 Der frühere US-Botschafter in Deutschland John Kornblum nannte Kujat nach diesem Auftritt einen . Jörg Himmelreich kommentierte im Juli 2016, dass Kujat „die russische Syrien-Militärintervention als Beitrag zum Frieden in Syrien“ rühmte, sei „natürlich vorzüglich dazu geeignet, sich jetzt für einen Aufsichtsratsposten in Jakunins Hauptquartier in Berlin zu qualifizieren“.

NATO-Russland-Rat Vor der bisher letzten Sitzung des NATO-Russland-Rats am 12. Januar 2022 forderte Kujat die NATO auf, die Verhandlungen aus einer „Position der Stärke“ heraus zu führen. Seiner Einschätzung nach habe „die amerikanische Unterstützung der Ukraine und die Osterweiterung der NATO“ Russlands Sicherheitslage zum Nachteil verändert. Ein Angriff auf die Ukraine sei nicht das Ziel Russlands, weil es dieses Ziel schon längst realisiert hätte. „Doch das geschah nicht – man kann also davon ausgehen, dass solch ein Angriff nie geplant war.“ Der NATO-Russland-Rat solle reaktiviert werden, um einen Kompromiss für eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa zu finden. Die Ukraine solle neutral sein und ihren Regionen mehr Autonomie geben.

Überfall Russlands auf die Ukraine 2022