mini|Typische Lockpicking-Werkzeuge mini|Demonstration des zweimaligen Pickens eines durchsichtigen Übungsschlosses mittels Raken mini|Lockpicker auf dem 23. Chaos Communication Congress (23C3)
Unter Lockpicking ( ‚Schloss‘ und pick ‚picken‘, ‚stochern‘), Nachschließen oder Schlossknacken, umgangssprachlich Picking, versteht man die Aufsperrtechnik zum Öffnen von Schließzylindern (Schlössern), ohne einen dafür passenden Schlüssel zu benutzen und ohne das Schloss zu beschädigen.
Lockpicking wird sowohl von Privatpersonen bzw. Vereinen als auch von Geheimdiensten, Geocachern, Kriminellen und Schlüsseldiensten betrieben.
Theorie mini|Verschiedene Schlosser- und Aufsperrwerkzeuge aus dem Löffelholz-Codex von 1505 mini|Ansicht von oben: Mechanische Ungenauigkeiten (übertrieben dargestellt); die Stifte liegen nicht auf der Mittellinie
Um Schlösser ohne einen Schlüssel zu öffnen, nutzt man die mechanischen Ungenauigkeiten eines Schlosses. Ein Schloss ermöglicht die Eingabe eines Codes. Dieser ist meistens mehrstellig. Jede Stelle ist in Form einer Einkerbung einer bestimmten Tiefe im Bart des Schlüssels codiert. Bei Eingabe eines richtigen Codes (eines schließenden Schlüssels) lässt sich das Schloss öffnen, bei Eingabe eines falschen Codes nicht. Da die Anzahl der falschen Codes bei einem bestimmten Schloss um ein Vielfaches größer ist als die der richtigen, ist es sehr schwierig, durch Zufall einen richtigen Code zu finden. Ein Angreifer könnte nun alle möglichen Codes der Reihe nach ausprobieren, bis er durch Zufall auf einen richtigen stößt (Brute-Force-Methode). In der Praxis ist es jedoch so, dass ein Schloss bereits bei Eingabe eines Teilcodes (z. B. Bewegen eines Stiftes) eine Rückmeldung darüber gibt, ob der Teilcode richtig ist oder nicht. Dadurch ist es in diesem Beispiel möglich, alle fünf Stifte, die bei Verwendung des Schlüssels durch die Einschnitte im Bart verschoben werden, einzeln in die richtige Position zu bringen, wodurch der Aufwand für eine Öffnung massiv verringert wird. Ermöglicht wird dies durch Fertigungsungenauigkeiten, die z. B. dazu führen, dass ein Stift früher bindet, d. h. Rückmeldung über den richtigen Teilcode gibt, als ein anderer. Eine andere, passive Methode des Nachschließens besteht darin, das Schloss oder die Abnutzungsspuren, die bei Verwendung des Schlosses mit dem richtigen Schlüssel entstehen (z. B. hervorgerufen durch verschieden lange Zähne eines Schlüssels), zu analysieren, um so einen richtigen Code in Erfahrung zu bringen und einen Nachschlüssel anfertigen zu können.
In den folgenden Abschnitten wird im Speziellen auf die in Mitteleuropa weitverbreiteten Stiftschlösser eingegangen, prinzipiell lassen sich aber alle mechanischen Schlösser nachschließen. Für Chubbschlösser existiert beispielsweise der Hobbs’sche Haken, für Drehscheibenschlösser gibt es spezielle Koaxialwerkzeuge; auch mechanische Kombinationsschlösser (Tresorschlösser) lassen sich – ganz ohne Verwendung von Werkzeugen, nur durch Sensorik – nachschließen. Es gibt Unternehmen, die sich auf die Herstellung von ausgeklügelten Pickwerkzeugen spezialisiert haben; der Verkauf erfolgt teilweise nur an Schlüsseldienste oder Polizeibehörden und Geheimdienste. Ob ein bestimmtes Schloss nachgeschlossen werden kann, hängt von drei Parametern ab: der zur Verfügung stehenden Zeit, den einsetzbaren Werkzeugen und den persönlichen Kenntnissen. Die benötigte Zeit liegt, abhängig von diesen Parametern und vom Schloss, im Bereich von Sekunden bis hin zu Stunden, oder es gibt keinen bekannten erfolgreichen Angriff. Ein gewöhnlicher Einbrecher wählt im Normalfall den einfachsten Weg und wird beispielsweise eine Tür mit Gewalt aufbrechen, sollte das gewaltfreie Öffnen des Schlosses zu viel Mittel in Anspruch nehmen. Schätzungen der Polizeibehörden zufolge erfolgen nur rund 0,5 Prozent der Einbrüche durch Nachschließen des Schlosses.. Information des bayerischen LKA über Einbruchsmethoden. Soll der Eintritt jedoch verdeckt und unbemerkt erfolgen, was im Umfeld von klassischer Spionage, polizeilicher Überwachung, Industriespionage und sonstigem Informationsdiebstahl zum Tragen kommt, so spielt die Sicherheit des Schlosses gegen Nachschließen eine große Rolle. Auch bei Tresoren wird gerne der Weg gewählt, das Schloss nachzuschließen, da die Hürde für eine Öffnung mit Gewalt durch die massive Konstruktion sehr hoch gelegt ist und, je nach Art der Gewaltanwendung, auch der Inhalt beschädigt werden könnte (z. B. durch die Hitze eines Schneidbrenners). Ein legaler Bedarf ergibt sich, wenn der rechtmäßige Besitzer seinen Schlüssel verloren hat und z. B. eine Tür möglichst ohne Beschädigung geöffnet haben will. Da mechanische Schlösser grundsätzlich immer für Nachschließen anfällig sind, werden im Hochsicherheitsbereich verstärkt elektronische Schlösser eingesetzt. So erlaubt beispielsweise die US-Behörde General Services Administration zum Schutz von vertraulichen Dokumenten nur noch elektronische Schlösser.
Begriffsbestimmungen mini|Sperrendes Schloss mini|Entsperrtes Schloss
Gehäuse Der in der Grafik hellgrau dargestellte Teil. Es steht fest und umgibt den beweglichen Kern. Kern Der in der Grafik dunkelgrau dargestellte Teil. Er lässt sich nur dann relativ zum Gehäuse drehen, wenn alle Stiftpaare mit ihrer Trennfuge in Höhe der Scherlinie liegen. Trennfuge Die Lücke zwischen Kernstift und Gehäusestift. Kernstift Der obere Teil des jeweiligen Stiftpaares, in der Grafik gelb dargestellt. Gehäusestift Der untere Teil des jeweiligen Stiftpaares, in der Grafik rot dargestellt. Darunter befindet sich jeweils eine Druckfeder. Scherlinie Die untere Trennlinie zwischen dem beweglichen und unbeweglichen Teil des Schließzylinders, also zwischen Kern und Gehäuse. In der Grafik die Grenze zwischen dem dunkelgrauen und dem hellgrauen Bereich.
Techniken Klassische Methode Mit Hilfe speziell geformter Werkzeuge (Picks) dringt man in den Schlüsselkanal des Schlosskerns ein und drückt die darin enthaltenen Stifte hinunter, wofür im Normalfall die Vertiefungen auf der gezackten Seite eines Schlüssels sorgen. Um den Kern des Schließzylinders zu drehen und damit die Verriegelungsmechanik des Türschlosses zu bewegen, also das Schloss zu öffnen, benutzt man beim Lockpicking einen sogenannten Spanner.
Setzen mini|Öffnen eines Schlosses; oben: mit Schlüssel, Mitte: durch Setzen, unten: Stift zu tief gesetzt Setzen bezeichnet eine Öffnungstechnik, bei der die Stifte einzeln hinuntergedrückt werden, um „gesetzt“ zu werden. Dabei wird der Kern eines Schließzylinders gefühlvoll unter Spannung gehalten, so dass der gesetzte Stift hängenbleibt, bis das schließlich bei allen geschehen ist. Es wird oftmals auch als „einzeln Setzen“ bezeichnet.
Das bevorzugte Tastwerkzeug ist der Haken. Mit seiner Spitze wird ein Stift gesucht, der „Bindung“ hat. Bindung bedeutet, der Gehäusestift ist durch die angewandte Spannung eingeklemmt, und es wirken Reibkräfte. Die Reibkraft wird durch Druck mit dem Haken überwunden, bis der Stift die Scherlinie erreicht. Jetzt entfällt die Bindung an diesem Gehäusestift, und es wirkt nur noch die Federkraft. Diese Kraft ist im Vergleich zu der o. g. Reibkraft sehr gering und wirkt auch nur auf einem sehr kurzen Weg zwischen etwa 0,1 und 0,3 mm. Einen Stift, der sich so verhält, nennt man „gesetzt“. Wird der Stift über diesen Punkt hinaus gedrückt, schlägt der Kernstift an das Gehäuse an und erzeugt eine um ein Vielfaches größere „Kontaktkraft“.
Harken Im Gegensatz zum Setzen bezeichnet das Harken eine Technik, bei der zum Beispiel mit einem Hook (einem speziellen Werkzeug) über die Stifte von hinten nach vorne gezogen wird. Obwohl hierbei der Zufall eine große Rolle spielt, ist auch ebenso viel Übung erforderlich. Selten nur gehen Schlösser durch einfaches Harken auf. Viel eher schon stellt sich der Kern in eine leichte Neigung, was als Kipp bezeichnet wird. Dann wird häufig gesetzt, bis sich das Schloss öffnet, was oft als Nachsetzen bezeichnet wird. Daher wird auch oft die Grundtechnik zur Schlossöffnung mit „Anraken (englisch to rake ,Harken‘) und Nachsetzen“ beschrieben, was allerdings nicht immer zum Erfolg führt, da jedes Schloss andere Eigenschaften besitzt.
Raken Raken (englisch (to) rake ‚harken‘) beschreibt eine Technik des Lockpicking-Sports, bei der nicht nur wie beim Harken das Pickwerkzeug von hinten nach vorne gezogen, sondern auch von vorne nach hinten geschoben wird. Dies geschieht beim Raken permanent und nicht nacheinander wie beim Harken. Hierbei wird oft das Six-Mountains-Werkzeug verwendet, da dieses Werkzeug meist alle Zuhaltungen der regulär verwendeten Schlösser (mit 5 Zuhaltungen) berührt.
Durch das Raken wird eine Vibration, aber auch ein multiples Setzen erzeugt, durch die der Zylinder öffnet.
Mit dieser Technik sind jedoch meistens nur preisgünstige Schlösser zu öffnen.
Perkussionsmethode mini|Perkussionsmethode mit einem Schlagschlüssel Die Perkussionsmethode unterscheidet sich von der klassischen Picktechnik dadurch, dass sie eine konstruktionsinhärente Sicherheitslücke von Stiftschlössern (auch Bohrmuldenschlössern) ausnutzt. Folglich funktioniert diese Methode auch nur bei diesen Schlosstypen, kann hier aber eine extrem einfache und schnelle Öffnung ermöglichen. Das Verfahren ist ähnlich wie bei einem Billardspiel: wird eine Kugel mit dem Queue angestoßen, so bekommt sie einen Impuls und rollt über den Tisch. Trifft sie nun auf eine andere Kugel, gibt sie ihren Impuls an die andere Kugel ab und bleibt selbst stehen. Bei einem Schloss bedeutet dies, dass alle Kernstifte gleichzeitig mit einem Werkzeug einen Impuls erhalten, diesen Impuls an die Gehäusestifte weitergeben, die nun in das Gehäuse geschleudert werden und die Kernstifte selbst für sehr kurze Zeit in freier Schwebe verweilen. Diesen kurzen Moment, in dem das Schloss nicht verriegelt ist, weil zwischen Kern- und Gehäusestiften ein Spalt klafft, nutzt man aus und öffnet es.
Unmittelbar bei oder besser nach dem Impuls muss der Zylinder mit geringer Vorspannung ein wenig verdreht werden, dadurch werden die in das Gehäuse geschleuderten Gehäusestifte fixiert und können nicht mehr in ihre ursprüngliche Sperrposition zurückkehren. Dann kann der Zylinder einmal gedreht werden, das Schloss ist entsperrt. Die Vorspannung für die Drehbewegung des Schlüssels darf dabei nicht zu groß sein, da sich sonst die Gehäusestifte verkanten und nicht mehr bewegen lassen. Bekannte Werkzeuge der Perkussionsmethode sind Pickpistolen und Schlagschlüssel.
Werkzeuge Spanner mini|Diverse Spanner Der Spanner ist ein Hilfswerkzeug, das bei einigen Methoden zum zerstörungsfreien Öffnen von Schließzylindern benötigt wird. Der Spanner für Profilzylinder wird vorne in den Zylinder eingeführt, um den Kern auf Spannung zu bringen und nach dem Entsperren zu drehen. Die Enden der Spanner sind meist unterschiedlich breit, damit sie auf verschiedene Schlösser passen. Demnach gibt es ganz verschiedene Spanner, z. B. für KFZ (meist Y-förmig, damit der Pick in der Mitte Platz hat), Tresore, E-Pick, Bohrmuldenzylinder und weitere.
Picks Hook mini|Hook Der Hook (deutsch Haken) ist das Standardwerkzeug zum einzelnen Setzen von Stiften. Mit der abgeflachten Spitze des Hooks können die Stifte einzeln heruntergedrückt werden.
Halbdiamant Der Halbdiamant ist ein zum Lockpicking benutztes Werkzeug, das wegen seiner Form eines Dreieckes so aussieht, als handele es sich um eine in der Mitte geteilte Raute (englisch: diamond). Er ist sowohl zum Harken als auch zum Setzen geeignet, doch für beides normalerweise nicht besonders gut, weshalb er relativ wenig benutzt wird. Bohrmuldenschlösser lassen sich auch mit ihm öffnen.
Tropfendiamant mini|Tropfendiamant