mini|hochkant|Eingang zum Deutschen Literaturinstitut (2010) Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL) ist Teil der Universität Leipzig und bietet eine Ausbildung für Schriftsteller in literarischem Schreiben. Es besteht seit 1995 und geht auf das 1955 gegründete DDR-Literaturinstitut zurück, das von 1959 bis 1993 Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ hieß. Das Literaturinstitut befindet sich in der Villa Giesecke im Leipziger Musikviertel, Wächterstraße 34.Hella Gormsen: Leipziger Spaziergänge. Musikviertel. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95797-121-0, S. 22 f. Die 1907–1908 für den Buchdruckereibesitzer Johannes Giesecke errichtete Villa steht unter Denkmalschutz.

Geschichte Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ mini|Ehemalige Villa Reißig in der Karl-Tauchnitz-Straße 8, in die das Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ 1957 einzog (1952) 1955 wurde in Leipzig nach einem Sekretariatsbeschluss des Zentralkomitees der SED das Institut für Literatur mit dem Ziel gegründet, „die ideologische und künstlerische Ausbildung der Schriftsteller zu fördern.“Michael Lentz: Vorwort. In: Neue Rundschau: Prosa Leipzig. Heft 1/2010. Fischer, Frankfurt am Main 2010, S. 9. Zum Vorbild diente das Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut. Das als „Dichterschule“ gegründete Institut war seinerzeit das erste seiner Art in Westeuropa, später folgten die Dichterschulen in Madrid („Escuela de Letras“) und Wien („Schule für Dichtung“).Petra Rantsch, 1997, S. 90 f. 1958 erhielt das Institut den Hochschulstatus und wurde 1959 nach Johannes R. Becher benannt. Sein provisorischer Sitz zur Untermiete war zuerst bis 1957 in der Theaterhochschule, danach von 1957 bis 1993 die Gründerzeit-Villa Reißig in der Karl-Tauchnitz-Straße 8.Petra Rantsch, 1997, S. 91

Die Lehre an dem Institut knüpfte an die Interessen junger Autoren an: Seminare für Lyrik, Prosa und Dramatik standen im Mittelpunkt der Ausbildung. Daneben wurden Lehrveranstaltungen angeboten, die den geistigen Horizont erweitern und das literarische Schaffen stimulieren sollten: deutsche Literatur, Weltliteratur, sowjetische Literatur, Ästhetik, Kulturwissenschaft, Stilistik, Literaturkritik, Kunst- und Musikgeschichte sowie das an allen DDR-Hochschulen obligatorische Fach Marxismus-Leninismus.

Zum Studium gehörten auch jährliche Praktika im VEB Braunkohlenwerk Regis. Höhepunkte der Semester waren Werkstattlesungen vor dem Institutsplenum, bei denen Studenten ihre Texte unter Verzicht auf jegliche zusätzliche Kommentierung vortrugen und der öffentlichen Kritik aussetzten.

Neben dem Direktstudium am Literaturinstitut gab es auch die Möglichkeit eines Fernstudiums (postgraduales Studium). Studenten dieser Studienform trafen sich alle vier Wochen zu Präsenzveranstaltungen an drei Wochenendtagen.

Aufgabe des Institutes war die Erziehung von Schriftstellern zum Sozialistischen Realismus im Sinne der SED. Dennoch herrschte im Schutz des staatlichen Institutes eine Atmosphäre relativer Offenheit, die eine ansehnliche Zahl auch international anerkannter Autoren hervorbrachte.

Die zentrale Gestalt des Institutes war über anderthalb Jahrzehnte der Lyriker Georg Maurer, der von 1955 bis 1970 die Lyrik-Seminare leitete und eine ganze Generation junger DDR-Dichter prägte (Sächsische Dichterschule).

Im Sommer 1968 veranstaltete eine Gruppe von Studenten des Literaturinstitutes, darunter Heidemarie Härtl, Gert Neumann, Siegmar Faust und Andreas Reimann, eine illegale Lyrik-Lesung auf dem Leipziger Elsterstausee. Bei dieser Lesung wurde Wolfgang Hilbig als talentierter Dichter „entdeckt“. Das Ministerium für Staatssicherheit wertete die als harmlosen poetischen Austausch geplante Veranstaltung als umstürzlerisches Treiben und bewirkte die Exmatrikulation, den Parteiausschluss bzw. die Inhaftierung einiger Studenten.Ralph Grüneberger/Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik: Katalog zur Ausstellung „gegen den Strom“, 2004.

Der Freistaat Sachsen löste das Literaturinstitut per Beschluss zum 31. Dezember 1990 mit der Begründung auf, das Studienangebot entspräche nicht den Anforderungen einer freiheitlichen Gesellschaft bzw. eines demokratischen Rechtsstaates und der sozialen Marktwirtschaft. Der Unterricht sei auf die Ideologie sowie die Staats- und Gesellschaftsordnung des real existierenden Sozialismus festgelegt gewesen. Die letzten Absolventen des Literaturinstitutes erhielten ein „Diplom für literarisches Schreiben“. Insgesamt absolvierten von 1955 bis zum Ende des Literaturinstituts 950 Studenten einen Studiengang an der „Dichterschule“.Petra Rantsch, 1997, S. 91

Aufgrund von Protesten der Studenten (u. a. Besetzung des Instituts vom 1. bis 6. Januar 1991), der Widerstände von Abgeordneten, Wissenschaftlern und zahlreichen Schriftstellern, unter ihnen Hans Mayer und Walter Jens, musste das Sächsische Staatsministerium neu über das Literaturinstitut nachdenken. In dem Ergebnis entstand ein Konzept, nach dem das alte Institut aufzulösen und ein neues zu gründen sei. 1993 erfolgte die Abwicklung des laufenden Lehrbetriebs.

Deutsches Literaturinstitut Unter dem Dach der Universität Leipzig wurde das Deutsche Literaturinstitut 1995 neugegründet. Seit 1999 wird die Leitung durch einen geschäftsführenden Direktor wahrgenommen, in der sich die Professoren des Institutes abwechseln. Im Wintersemester 2006/07 löste der Bachelor-Studiengang Literarisches Schreiben den Diplomstudiengang ab.

Das Studienangebot gliedert sich in Theorie- und Praxisseminare. Literaturgeschichtliche und -theoretische Grundlagen bilden für die Studenten die Voraussetzung, um die Struktur von Texten verstehen und kritisieren zu können. Über konkrete Arbeit an Texten hinaus dienen Werkstattseminare der kritischen Kompetenzerweiterung. Den Studenten wird die Möglichkeit geboten, sich in unterschiedlichen Textformen auszuprobieren. Neben Seminaren zu Prosa, Lyrik und Szenischem Schreiben gibt es Veranstaltungen zum literarischen Betrieb und Rhetorik. Da jedes Jahr nur ca. 15 Bewerber angenommen werden und die Lehrveranstaltungen zum größten Teil im selben Haus stattfinden, herrscht unter den Studenten ein reger Austausch.

Einmal im Jahr erscheint die Anthologie „Tippgemeinschaft“, in der sich die Studenten der Leserschaft vorstellen.

2005 wurde das Institut mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.

Institutsdirektoren Alfred Kurella (1895–1975), 1955–1957 Max Zimmering (1909–1973), 1958–1964 Max Walter Schulz (1921–1991), 1964–1983 Hans Pfeiffer (1925–1998), 1985–1989 Helmut Richter (1933–2019), 1990–1992 Peter Gosse (* 1938), 1993 (kommissarisch) Bernd Jentzsch (* 1940), 1993–1999 seit 1999 wechseln sich die Professoren als jeweils geschäftsführender Direktor ab

Professoren und Dozenten (DLL) Als Dozenten sind oder waren u. a. tätig: Friedrich Albrecht (1930–2020), Literaturwissenschaftler, Essayist und Herausgeber Jan Peter Bremer (* 1965), Schriftsteller Heiner Boehncke (* 1944), Autor und Literaturwissenschaftler Dagmar Borrmann (* 1955), Dramaturgin und Hochschullehrerin Bas Böttcher (* 1974), Schriftsteller und Slam-Poet Werner Bräunig (1934–1976), Schriftsteller, aus politischen Gründen gemaßregelt Werner Buhss (1949–2018), Schriftsteller, Regisseur und Übersetzer Yevgeniy Breyger (* 1989), deutschsprachiger Lyriker, Übersetzer und Herausgeber John von Düffel (* 1966), Dramaturg und Schriftsteller Ulrike Draesner (* 1962), Schriftstellerin, seit 2018 Professorin für Deutsche Literatur Jan Faktor (* 1951), tschechischer Schriftsteller und Übersetzer Gottfried Fischborn (1936–2020), Literatur- und Theaterwissenschaftler Werner Fritsch (* 1960), Schriftsteller Joshua Groß (* 1989), Schriftsteller Juan S. Guse (* 1989), Schriftsteller Martina Hefter (* 1965), Schriftstellerin und Performancekünstlerin Christoph Hein (* 1944), Schriftsteller, Übersetzer und Essayist Harald Hartung (1932–2025), Germanist, Hochschullehrer, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Josef Haslinger (* 1955), österreichischer Schriftsteller, von 1996 bis 2021 Professor für Literarische Ästhetik Kerstin Hensel (* 1961), Schriftstellerin Anneliese Hübscher Norbert Hummelt (* 1962), Dichter, Übersetzer und Kulturjournalist Thomas Hürlimann (* 1950), Schweizer Schriftsteller Roland Koch (* 1959), Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jan Kuhlbrodt (* 1966), Schriftsteller Katja Lange-Müller (* 1951), Schriftstellerin Jürgen Lehmann (* 1934), Schriftsteller Michael Lentz (* 1964), Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker, seit 2006 Professor für Literarisches Schreiben Bernd Leistner (1939–2019), Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Sibylle Lewitscharoff (1954–2023), Schriftstellerin Enis Maci (* 1993), Essayistin und Dramatikerin Kristof Magnusson (* 1976), deutsch-isländischer Schriftsteller und Übersetzer Terézia Mora (* 1971), deutsch-ungarische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin Herta Müller (* 1953), rumäniendeutsche Schriftstellerin Sten Nadolny (* 1942), Schriftsteller Joachim Nowotny (1933–2014), Schriftsteller Roland Opitz (1934–2015) Hans Pfeiffer (1925–1998), Autor, Dramatiker und Erzähler Ulrich Plenzdorf (1934–2007), Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramaturg Steffen Popp (* 1978), Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Trude Richter (1899–1989), Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Monika Rinck (* 1969), Schriftstellerin Moritz Rinke (* 1967), Dramatiker und Romanautor Valeri Scherstjanoi (* 1950), Lautdichter und Hörspielautor Roland Schimmelpfennig (* 1967), Schriftsteller und Dramaturg Marianne Schmidt (1929–2017), Literaturwissenschaftlerin und Autorin Lutz Seiler (* 1963), Schriftsteller Jens Sparschuh (* 1955), Schriftsteller Burkhard Spinnen (* 1956), Schriftsteller Ulf Stolterfoht (* 1963), Lyriker Antje Rávic Strubel (* 1974), Schriftstellerin und Übersetzerin Gerhard Rothbauer (1921–2005), Germanist, Schriftsteller und Herausgeber Florian Thalhofer (* 1972), Dokumentarfilmer und Medienkünstler Hans-Ulrich Treichel (* 1952), Germanist, Schriftsteller und Lyriker, von 1995 bis 2018 Professor für Deutsche Literatur Ilija Trojanow (* 1965), Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Senthuran Varatharajah (* 1984), Schriftsteller, Philosoph und Theologe Jan Wagner (* 1971), Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Michael Wildenhain (* 1958), Schriftsteller Uli Winters (* 1965), Schriftsteller, Medien- und Maschinenkünstler Hubert Witt (1935–2016), Nachdichter und Herausgeber Lothar Zschuckelt

Bekannte Studenten (Becher-Institut) Kathrin Aehnlich (* 1957) Helmut Baierl (1926–2005) Kurt Bartsch (1937–2010), aus politischen Gründen exmatrikuliert Rudolf Bartsch (1929–1981) Wilhelm Bartzsch (* 1950) Horst Bastian (1939–1986) Karl Heinz Berger (1928–1994), aus politischen Gründen exmatrikuliert Ulrich Berkes (1936–2022) Reinhard Bernhof (* 1940) Klaus Bourquain (1938–2023) Werner Bräunig (1934–1976) Peter Brock (1916–1982) Herbert Bruna (1926–2013) Wolfgang de Bruyn (* 1951) Heinz Czechowski (1935–2009) Maria Dahms Hans-Joachim Föller: Gestern IM, heute Redakteur beim MDR. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Oktober 2000, Seite 51 Róža Domašcyna (* 1951) Kurt Drawert (* 1956) Adolf Endler (1930–2009) Siegmar Faust (* 1944), aus politischen Gründen exmatrikuliert Herbert Friedrich (* 1926) Caritas Führer (* 1957) Harry Gerlach (1927–1995) Ralph Giordano (1923–2014) Gotthold Gloger (1924–2001) Mario Göpfert (* 1957) Günter Görlich (1928–2010) Peter Gosse (* 1938) Hasso Grabner (1911–1976) Paul Gratzik (1935–2018), aus politischen Gründen exmatrikuliert Ralph Grüneberger (* 1951) Brigitte Hähnel (1943–2013) Heidemarie Härtl (1943–1993) Kerstin Hensel (* 1961) Gerald Höfer (* 1960) Holger Jackisch (1959–2001) Karl-Heinz Jakobs (1929–2015) Harry Kampling (1930–1991) Adel Karasholi (* 1936)