mini|Erzrabe mini|Fliegende Nebelkrähe mini|Spur einer Krähe im Schnee
Raben und Krähen bilden zusammen die Gattung Corvus in der Familie der Rabenvögel (Corvidae). Die größeren Vertreter werden als „Raben“, die kleineren als „Krähen“ bezeichnet. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine taxonomische Einteilung. Die Gattung umfasst 42 Arten, die fast weltweit verbreitet sind und nur in Südamerika fehlen. In Europa kommen der Kolkrabe, die Rabenkrähe, die Nebelkrähe, die Saatkrähe und die Dohle vor. Als eingebürgertes Neozoon brütet zudem die Glanzkrähe seit Ende der 1990er Jahre in den Niederlanden.Colin Ryall: The House Crow population in the Netherlands and its implications for the species’ spread across the Europe. In: A. Woolnough, C. Feare, G. Meier (Eds) 2008: Proceedings of the International Invasive Bird Conference, Fremantle, Western Australia.: S. 27.
Raben und Krähen zählen zu den größten Arten innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel: Die beiden größten Vertreter der Gattung sind der Erzrabe () und der Kolkrabe (), die jeweils eine Körperlänge zwischen 60 und 70 cm und ein Körpergewicht von bis zu 1,5 kg erreichen können und damit die größten Sperlingsvögel überhaupt sind.
Etymologie Die Bezeichnung Krähe ist in fast allen indogermanischen Sprachen ein lautmalerischer Name, der ihre typischen Lautäußerungen nachahmt: ahd. krâwa, mhd. krâ, kraeje, kreie oder krowe, altslawisch krâja.
Rabe (ahd. hraban, mhd. rabe) ist mit niederländisch raaf, englisch raven und altisländisch hrafn verwandt. Das Wort stammt von der lautmalerischen Wurzel ker, die scharrende oder kratzende Geräusche nachahmt; auch Harke und krächzen hängen damit zusammen. Der Rabe wurde also wie die Krähe als „Krächzer“ benannt.Duden: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Bibliographisches Institut Mannheim, Dudenverlag 1963, ISBN 3-411-00907-1
Merkmale Raben und Krähen sind kräftig gebaute Vögel, ihre robusten Beine weisen lange Laufknochen auf. Die Vorderseite der Beine ist mit Hornschuppen bedeckt, während die Rückseite glatt ist. Viele Arten haben sehr lange und hoch gewölbte Schnäbel entwickelt, unter denen der des Erzraben mit Abstand der größte ist. Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus existiert weder bezogen auf das Gefieder noch auf die Größe. Zwar sind Weibchen einer Art meist etwas kleiner als die Männchen, zwischen weiblichen und männlichen Körpermaßen gibt es jedoch stets eine Überschneidung.
Grundsätzlich ist der gesamte Körper mit Ausnahme des Schnabels und der Beine vom Laufknochen abwärts befiedert. Nur bei einigen Arten sind auch kleine Teile des Gesichts unbefiedert. Wie für die gesamte Familie typisch, haben Raben und Krähen Nasalfedern, die den Oberschnabel bedecken. Sie sind allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt: So bedecken sie beim Weißhalsraben (Corvus cryptoleucus) mehr als die Hälfte des Schnabels, während die nahe verwandte Saatkrähe (Corvus frugilegus) im Alterskleid überhaupt keine Schnabelbefiederung mehr aufweist.
Es dominieren graue bis schwarze Gefiedertöne, nur einige Arten haben weiße Abzeichen. Es gibt allerdings Ausnahmen: Die Greisenkrähe (Corvus tristis), eine als Jungvogel auffallend weiß-graue Krähe, verliert ihre hellen Federn erst im Alter fast völlig und erscheint dann einheitlich schwarz. Bei der Torreskrähe haben die Federn eine weiße Federbasis. Schwarz sind die Federn lediglich ab der Mitte. Bei lebenden Vögeln ist diese Federbasis sichtbar, wenn starker Wind die Federn auseinander bläst.Higgins, Peter & Cowling: Handbook of Australian, New Zealand & Antarctic Birds: Volume 7 Boatbill to Starlings, Part A: Boatbill to Larks. S. 757.
Verbreitung und Lebensraum Die Gattung ist fast weltweit verbreitet und fehlt nur in Südamerika, wo die Blauraben (Cyanocorax) ihre ökologische Nische einnehmen. Östlich der Wallace-Linie stellen sie die einzigen Rabenvögel dar. Corvus ist eine junge Gattung und breitete sich nicht nur in der gesamten Paläarktis aus, sondern stieß auch bis ins südliche Afrika und nach Australien vor, wo es zuvor keine Rabenvögel gegeben hatte. Daneben besiedelten sie auch die Subantarktis und erreichten selbst abgelegene Inseln wie den Hawaii-Archipel und Neuseeland.
Saisonales Wanderungsverhalten zeigen nur einige Arten der Nordhalbkugel, während die Arten der Tropen und Subtropen meist Stand- oder Strichvögel sind. Die Saatkrähenpopulationen der nördlichen Breiten ziehen beispielsweise im Winter regelmäßig nach Süden. In den letzten Jahrzehnten hat sich ihre Zugdistanz aber merklich verringert, was wohl auf ein verbessertes Nahrungsangebot in den Brutregionen zurückzuführen ist. Gleiches gilt für viele andere Arten der Rabenvögel, deren Zugverhalten eine Reaktion auf im Winter zurückgehende Nahrungsquellen ist. Der überwiegend fleischfressende Kolkrabe (Corvus corax) ist nicht auf saisonale Nahrung angewiesen und stößt deshalb nicht nur weiter nordwärts vor als alle anderen Arten, sondern kann auch im arktischen Winter an den Felsklippen Grönlands ausharren.
Raben und Krähen sind sehr anpassungsfähig und nutzen sehr unterschiedliche Lebensräume. Es finden sich in dieser Gattung sowohl Dschungel- wie Gebirgsbewohner als auch Felsen-, Höhlen- und Baumbrüter. Ihre Anpassungsfähigkeit ist auf eine fehlende Spezialisierung zurückzuführen. Da Raben und Krähen bei ihrer Nahrungswahl sehr anspruchslos sind und durch ihre Intelligenz auch an schwer zugängliche Nahrung kommen, können sie in einer Vielzahl verschiedener Lebensräume überleben. Einige Arten, die bereits früh in ihrer Entwicklungsgeschichte mit Menschen zusammentrafen, wurden dabei zu erfolgreichen Kulturfolgern. Die indische Glanzkrähe (Corvus splendens) ist dabei von allen Arten am weitesten gegangen: Sie hat ihr ursprüngliches Habitat vollständig aufgegeben und ist heute ausschließlich in der Nähe menschlicher Siedlungen anzutreffen, von wo sie sogar größere Raben und Krähen verdrängt.
Intelligenz mini|Amerikanerkrähe
Raben und Krähen zählen zu den intelligentesten Vögeln.Paul Rincon: Crows and jays top bird IQ scale BBC News, 22. Februar 2005 Beispielsweise zeigen sie in Experimenten die Fähigkeit, komplexe Handlungen zu planen. Beim Verstecken von Futter zeigen sie sowohl große Merkleistungen als auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Ein Rabe scheint zu wissen, dass ein Futterversteck nur dann sicher ist, wenn er beim Verstecken nicht beobachtet wird. Zudem legen Raben ein erstaunliches Lernverhalten an den Tag (Herstellung von Werkzeug, Nutzen des Straßen- und Schienenverkehrs zum Knacken von Nüssen, Früchten und Steinen, wobei sie die von Autofahrern überfahrenen Nüsse ab der Ampel-Rotphase aufsammeln). Kurz nachdem jenes Verhalten bei einem Individuum festgestellt worden war, wurde es auch bei anderen Individuen in einem Radius von mehreren Kilometern um den Entdeckungsort herum beobachtet. Dies wird als Beweis für ein schnelles Lernvermögen interpretiert.Video-Vortrag von Joshua Klein: A thought experiment on the intelligence of crows (The amazing intelligence of crows?) TED.com, TED2008, März 2008, abgerufen am 4. Juni 2022. Dass Krähen auf neue Glaskuppeln des umgebauten Parlamentsgebäudes in Wien Steine fallen ließen (und 3 Elemente beschädigten), wird als Testen ihrer Eignung zum Knacken von Nüssen gesehen.Krähenattacken in der Innenstadt wien.orf.at, 3. Juni 2022, abgerufen am 4. Juni 2022. In der Grazer Volksgartenstraße war zu beobachten, dass Krähen Nüsse vor allem auf die Busspur fallen ließen, wo sie die geknackten Nüsse in Ruhe aufklauben können, während zwei benachbarte Spuren viel stärker von Fahrzeugen frequentiert wurden.
Ein Team um Heather Cornell an der University of Washington fand 2006 durch Experimente mit Masken heraus, dass die Amerikanerkrähen auf dem Campus der Universität in der Lage waren, sich Angreifer zu merken. Sie gaben dieses Wissen auch weiter. Im näheren Umfeld reagieren bereits nach zwei Wochen 60 % der Krähen auf die Maske des Angreifers. In einer darauf folgenden Studie konnte belegt werden, dass dieses Wissen um die Gefahr sogar an die Nachkommenschaft weitergegeben wurde. Die Krähen der nächsten Generation erkannten die ihnen eigentlich unbekannte Maske ebenfalls als Gefahr.Heather N. Cornell, John M. Marzluff, Shannon Pecoraro: Social learning spreads knowledge about dangerous humans among American crows royalsocietypublishing.org, 29. Juni 2011, abgerufen am 4. Juni 2022. doi:10.1098/rspb.2011.0957
Neukaledonienkrähen sind für die Herstellung und den Gebrauch von Werkzeugen bekannt. 2012 fand Alex Taylor von der University of Auckland bei einem Experiment heraus, dass sie auch die Fähigkeit besitzen, bei einem beobachteten Phänomen auf eine versteckte Ursache zu schließen. Die Krähen stellten einen Zusammenhang her zwischen einem Stock, der sich scheinbar von selbst bewegte, und einem Menschen, der kurz darauf ein Versteck in der Nähe des Stocks verließ. Zuvor war vermutet worden, dass nur Menschen in der Lage sind, eine solche Schlussfolgerung zu ziehen.Krähen erkennen versteckte Ursachen. In: Spiegel.de, 18. September 2012, abgerufen am 19. August 2012
Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen haben 2014 erste Ergebnisse vorgestellt, die auf eine gewisse Kommunikationsfähigkeit der Raben durch Gesten hinweisen.RABEN Kommunikation mit schwarzer Feder deutschlandfunk.de, Forschung aktuell vom 16. Juni 2014 Eine Studie aus dem Jahr 2020 bescheinigt Raben eine Intelligenz, die der von Menschenaffen gleichkommt.
Nahrung mini|Saatkrähe
Raben und Krähen nutzen ein sehr vielseitiges Nahrungsspektrum, das sowohl tierische wie auch pflanzliche Kost umfasst. Allerdings sind nicht alle Arten gleichermaßen omnivor. Der Kolkrabe ist beispielsweise ein ausgeprägter Fleisch- und Aasfresser. Da Raben und Krähen opportunistisch bei der Nahrungssuche vorgehen und vorhandene oder ergiebige Nahrung bevorzugt nutzen, können regional und saisonal die Anteile bestimmter Futterquellen an der Nahrung schwanken. Zudem sind sie sehr neugierig und testen jedes ihnen unbekannte Objekt auf seine Verwertbarkeit. Darauf ist zurückzuführen, dass sich im Magen von Saatkrähen öfter Gummiringe finden, die von den Vögeln wegen ihrer Konsistenz für Fleischstücke gehalten wurden.