mini|Ehemalige Erweiterte Oberschule „Bertolt Brecht“ (heute Bertolt-Brecht-Gymnasium) Schwarzenberg; Aufnahme von 2006
Die Erweiterte Oberschule (Abkürzung EOS [], offiziell „Erweiterte allgemeinbildende polytechnische Oberschule“ oder „12klassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule“) war die höhere Schule im Schulsystem der DDR und führte nach der zwölften Klasse zur Hochschulreife. Konzeptionell handelte es sich um eine vierjährige Gemeinschaftsschule ohne innere oder äußere Differenzierung, sodass der Klassenverband bis zur Reifeprüfung erhalten blieb. Die EOS löste mit dem „Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 2. Dezember 1959 die bisherige „Oberschule“ ab. Die Bezeichnung „Gymnasium“ war in der DDR nicht existent.
Aufbau und Übergänge Die Erweiterte Oberschule wurde wie die Polytechnische Oberschule (POS) von Alfred Lemmnitz, Minister für Volksbildung von 1958 bis 1963, nach dessen Abkehr vom Mittelschulsystem konzipiert. Sie umfasste drei Zweige: den A-Zweig als neusprachliche Vertiefung für drei moderne Fremdsprachen, den B-Zweig als mathematisch-naturwissenschaftliche Vertiefung und den C-Zweig als altsprachliche Vertiefung mit klassischem Latein und Altgriechisch als Fremdsprachen. Das erste Lehrplanwerk entstand 1960 und trat mit dem Schuljahr 1961/62 verbindlich in Kraft. Der Übergang von der POS auf die EOS erfolgte zunächst ausschließlich nach der 8. Klasse. Bis 1968 legten die Schüler der EOS keinen Zehnklassenabschluss ab, im Falle eines vorzeitigen Verlassens der EOS erhielt der Schüler daher nur das Zeugnis der 8. Klasse.
1963 begannen Bestrebungen, den Lehrstoff gemäß den Leitlinien von der Wissenschaftlichkeit des allgemeinbildenden Unterrichts umzugestalten. Besonders die damals stellvertretende Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, war mit der Gliederung in die drei Zweige nicht einverstanden und drängte auf einen Umbau nach den Prinzipien Abkehr vom bürgerlichen Gymnasium, Aufbau der Zehnjahresschule für alle, Einheitlichkeit der Allgemeinbildung sowie Zehnklassenabschluss nach Klasse 10.
Etwa seit 1962 war der Besuch der EOS wahlweise mit einer Berufsausbildung gekoppelt. Die Schüler der EOS traten gleichzeitig in ein Lehrverhältnis ein, entsprechend den örtlichen Gegebenheiten in einem Betrieb, einer Genossenschaft oder einer Verwaltung, und erwarben während der vier Jahre Schulzeit gleichzeitig das Abitur und ein Facharbeiterzeugnis. Der Zeitaufwand verteilte sich zu drei Vierteln auf die Schule und zu einem Viertel auf die Berufsausbildung (Berufsschule und praktische Ausbildung). Dabei konnte die Berufsschule auf allgemeinbildende Fächer verzichten. Ab 1965 erhielten die Schüler der EOS mit Berufsausbildung ein geringes monatliches Lehrlingsgeld, um den finanziellen Abstand zu normalen Lehrlingen zu reduzieren. Es betrug in der 9. Klasse 40 Mark, in der 10. Klasse 50 Mark, in der 11. Klasse 60 Mark und in der 12. Klasse 70 Mark. Lehrlinge, die eine Berufsausbildung mit Abitur in Betrieben absolvierten, erhielten hingegen volles Lehrlingsgeld.
Mit der nächsten Reform des Schulsystems 1967 wurde die parallele Berufsausbildung an der EOS aus dem Programm genommen und nur noch in speziellen, mit Abitur abschließenden Berufsausbildungsklassen der Lehrbetriebe weitergeführt. In den Klassenstufen neun und zehn wurde nun regulärer Lehrstoff der POS unterrichtet und auch nach Klasse 10 eine Prüfung mit Abschluss der POS abgelegt. Diese beiden Klassenstufen wurden nun Vorbereitungsklassen genannt. Diese Anpassung sollte der Entscheidung für einen Bildungsweg den ultimativen Charakter nehmen und den nachträglichen Wechsel in beide Richtungen erleichtern. Ab 1969 war der Übergang zur EOS für besonders befähigte Absolventen der Polytechnischen Oberschule auch noch nach der 10. Klasse möglich, ab Mitte der 1970er Jahre regelhaft praktiziert nur noch für Absolventen der Sportschulen (KJS), der Schulen mit erweitertem Russischunterricht und anderer Spezialschulen.Regionale Schulentwicklung in Berlin und Brandenburg 1920–1995. Dissertation, S. 223.
1980 kam der letzte Jahrgang von Schülern nach Absolvierung der 8. Klasse für vier Jahre an die EOS. Ab 1983 wechselten die künftigen Abiturienten erst nach dem Abschluss der 10. Klasse der POS auf die EOS und besuchten sie nur noch zwei Jahre; Ausnahmen bildeten Spezialschulen und -klassen, bei denen es bei vier EOS-Jahren blieb.Anordnung über die Aufnahme in die erweiterte allgemeinbildende polytechnische Oberschule und in Spezialklassen an Einrichtungen der Volksbildung sowie über die Bestätigung von Schülern für die Bewerbung um eine Lehrstelle in der Berufsausbildung mit Abitur – Aufnahmeordnung –
Schüler der 11. und 12. Klassen der EOS erhielten seit 1981 eine monatliche Ausbildungsbeihilfe von 110 Mark in der 11. und 150 Mark in der 12. Klasse, um ihre finanzielle Situation der der Lehrlinge anzugleichen. Davor wurde diese Ausbildungsbeihilfe in geringerer Höhe und nur auf Antrag bei niedrigem Familieneinkommen gewährt.
Stundentafel für die EOS Der Unterricht fand von Montag bis Sonnabendmittag statt. Die Ferien waren gleich denen der Polytechnischen Oberschulen, wobei die Ferienzeiträume u. a. für Produktionseinsätze bzw. Praktika und für Projektarbeiten genutzt werden mussten. Die DDR litt bis zu ihrem Ende unter Fachkräfte- bzw. Lehrermangel, so dass Engpässe in Kapazitäten und Schulnetzplanung mancherorts zu überplanmäßigen Klassenfrequenzen führten.
Übergangsstundentafel für die erweiterte zwölfklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule 1959 Mit der Übergangsstundentafel für die erweiterte zwölfklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule 1959VuMMfV Lfd. Nr. 28/59 Anweisung über die Stundentafeln der allgemeinbildenden Schulen der Deutschen Demokratischen Republik vom 4. Mai 1959 endete die Ära der Oberschule, an deren Stelle die Erweiterte 12-klassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule trat. Zwar sind Parallelen zwischen den höheren Lehranstalten zu erkennen, beispielsweise die identische Schulstruktur, doch kann die Erweiterte Oberschule aufgrund von Maßnahmen wie der Polytechnisierung oder eines neuen Lehrplanwerks als große Veränderung bewertet werden.
A-Zweig B-Zweig C-Zweig Schulfach bzw. Klassenstufe 9 10 11 12 9 10 11 12 9 10 11 12 Deutsche Sprache und Literatur 5 4 4 4 5 4 4 4 5 4 4 3 Russisch 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 2. Fremdsprache 5 4 5 4 2 3 3 3 6 4 4 4 3. Fremdsprache – 4 4 4 – – – – – 4 8 7 Mathematik 3 3 3 3 5 4 6 5 3 3 3 3 Physik 2 2 2 2 3 3 3 3 2 2 2 2 Chemie 1 1 1 2 2 3 3 3 1 1 1 2 Biologie 2 2 2 2 2 2 3 3 2 2 2 2 Erdkunde 2 2 1 1 2 2 1 1 2 2 – – Astronomie – – – – – – – – – – – – Technisches Zeichnen 1 1 – – 1 1 – – 1 1 – – UTP und ESP 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 Geschichte 2 2 2 3 2 2 2 3 2 2 2 3 Staatsbürgerkunde 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Zeichnen 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Musik 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Turnen 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 Pflichtwochenstunden 35 37 36 37 36 36 37 37 36 37 38 38
Stundentafel für die erweiterte 12-klassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule 1961 gemäß Anweisung über die Stundentafeln der allgemeinbildenden Schulen der DDR vom 4. Mai 1959 A-Zweig B-Zweig C-Zweig Schulfach bzw. Klassenstufe 9 10 11 12 9 10 11 12 9 10 11 12 Deutsche Sprache und Literatur 4 4 4 4 4 4 4 4 5 4 3 4 Russisch 5 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 2. Fremdsprache 5 4 4 4 3 3 3 3 6 4 4 4 3. Fremdsprache – 4 5 5 – – – – − 6 6 7 Mathematik 3 3 3 3 5 5 5 4 3 3 3 3 Physik 2 2 2 1 3 3 3 3 2 2 2 1 Chemie 2 2 2 1 2 3 3 3 2 1 2 1 Biologie 1 1 1 2 2 2 3 2 2 1 1 – Erdkunde 2 1 1 – 2 2 1 1 2 1 1 – Astronomie – – – 1 – – – 1 – – – 1 Technisches Zeichnen 1 1 – – 1 1 – – 1 1 – – UTP und ESP 4 4 4 4 4 4 4 4 3 3 4 4 Geschichte 2 2 2 3 2 2 2 3 2 2 2 3 Staatsbürgerkunde 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Zeichnen 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Musik 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Turnen 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 Pflichtwochenstunden 36 36 36 36 36 36 36 36 36 36 36 36 fakultativer Unterricht – – – – – – – – – – – –
Stundentafel für die erweiterte 12-klassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule 1971 Schulfach bzw. Klassenstufe 11 12 Deutsche Sprache und Literatur 3 3 Russisch 3 3 2. Fremdsprache 2 3 Mathematik 5 5 Physik 3 3 Chemie 2 3 Biologie 2 3 Geographie 2 – Astronomie – 1 wpA 4 4 Geschichte 3 – Staatsbürgerkunde 1 2 Kunsterziehung oder Musik 1 1 Sport 2 2 Pflichtwochenstunden 33 33 fakultativer Unterricht 3 3 Wochenstunden höchstens 36 36
Stundentafel für die erweiterte 12-klassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule 1982 Mit dem Mauerfall im Herbst 1989 kam es auch zu Änderungen im Lehrplan. So wurde das ordentliche Schulfach Geographie, das ursprünglich in der 11. Klasse seinen Abschluss finden sollte, in der 12. Klasse weitergeführt, um den nunmehr entstandenen Wissensbedarf decken zu können. Das Fach Staatsbürgerkunde wurde durch Philosophie ersetzt. Eine Benotung entfiel. Schulfach bzw. Klassenstufe 11 12 1. Hj 2. Hj 1. Hj 2. Hj Deutsche Sprache und Literatur 3 3 4 4 Russisch 5 3 3 5 2. Fremdsprache 3 2 3 4 Mathematik 5 5 5 5 Physik 3 3 3 3 Chemie 2 2 3 3 Biologie 2 2 3 3 Geographie 2 2 – – Astronomie – – – – wpA – 4 4 – Geschichte 3 3 – – Staatsbürgerkunde 1 1 2 2 Kunsterziehung oder Musik 1 1 1 1 Sport 2 2 2 2 Pflichtwochenstunden 32 33 33 32 fakultativer Unterricht 3 3 3 3 Wochenstunden höchstens 35 36 36 35
Fakultativer Unterricht an der Erweiterten Oberschule Wie in der Polytechnischen Oberschule gab es an der Erweiterten Oberschule seit Ende der 1960er Jahre Ansätze für freiwillige Arbeitsgemeinschaften in Lehrgangsform. Mit dem Umbau von der vierjährigen EOS zur zweijährigen EOS 1981 entschied das Ministerium für Volksbildung, die zusätzlichen Kurse sofort als fakultativen Unterricht einzuführen.
Das Lehrplanwerk befand sich in der kybernetischen Regelungsschleife, so dass wesentliche Lehrplanänderungen vor dem Inkrafttreten durch die Methodik-Forschung (z. B. TH Karl-Marx-Stadt) begründet und geplant werden mussten (mitunter wurden auch erst Schulversuche zur Erprobung durchgeführt), was gemeinsam mit den Konferenzen der Lehrplankommission und der Einbeziehung der Pädagogischen Räte normalerweise 3–5 Jahre brauchte. Kurzfristige Neugestaltungen des Lehrstoffs waren auf diese Weise nicht möglich (und im systemtheoretischen Ansatz des DDR-Schulwesens nicht vorgesehen). Der fakultative Unterricht konnte hingegen schneller reagieren, weil die vom Ministerium für Volksbildung ausgegebenen Rahmenprogramme zügiger bereitgestellt bzw. angepasst werden konnten. Der fakultative Unterricht rückte deswegen in den 80er Jahren in den Blickpunkt der Weiterentwicklung des Bildungssystems, um verschiedene Ziele der Bildungspolitik zu betonen, wie z. B. Berufslenkung, Studienvorbereitung, Vertiefung des Lehrplans durch Spezialkenntnisse, systematische Talentsichtung, Talentförderung und Neigungsdifferenzierung.
Als Beispiel standen unter anderem folgende Lehrgänge in der Abiturstufe zur Verfügung: Komplexe Zahlen, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Praktische Mathematik, Matrizenrechnung und ihre Anwendung in Ökonomie und Elektrotechnik, Grundlagen der Rechentechnik und Datenverarbeitung, Einführung in die Netzplantechnik, Festkörperphysik, Grundschaltungen und Bauelemente der Elektronik, Elektronenstrahloszillograph und seine Anwendung, elektrische Messung nichtelektrischer Größen, qualitative Analyse, makromolekulare Chemie, chemisch-physikalische Untersuchungen, Ökologie, Bau und Funktion pflanzlicher und tierischer Zellen und Gewebe Englisch, Französisch, Polnisch (1. September 1971), Tschechisch (1. September 1971), Spanisch, Latein Ausgewählte Werke der Weltliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts, Das Bild Lenins in der sowjetischen und deutschen sozialistischen Literatur, Musik, Kunsterziehung