Der Zisterzienserritus findet seinen Ausdruck in Liturgie, Disziplin und Eigenrecht des Zisterzienserordens.

Grundlagen Der Eigenritus der Kirche von Cîteaux und aller monastischen Gemeinden, die sich auf sie zurückführen, ist entstanden, als die Gründer des Novum Monasterium die Grundvollzüge ihres Mönchslebens neu ordneten und ihrer Lebensweise anpassten. Sie entwickelten die benediktinischen Gebräuche weiter, die sie aus dem Kloster Molesme mitgebracht hatten. Das waren vor allem die lokalen Traditionen und die benediktinischen Gewohnheiten des ausgehenden 11. Jahrhunderts. Deshalb können die Grundlagen des Zisterzienserritus für die eucharistische Liturgie auf die damals im südöstlichen Teil des heutigen Frankreich gültige Form des römischen Ritus mit einer Reihe von Eigenelementen zurückgeführt werden. Das Stundengebet wurde in der liturgischen Ordnung der Regula Benedicti gefeiert, allerdings mit allen Elementen, die durch die zeitliche Distanz und die Überlieferung hinzugekommen waren. Als reformorientierte Mönche wollten die Zisterzienser Überkrustungen und Missstände im monastischen Leben ausmerzen. Deshalb waren sie bemüht, ihr liturgisches Leben mit den Vorgaben der Benediktsregel in Einklang zu bringen. Wo das nicht mehr möglich war, wollten sie diese in möglichst authentischer Form wiederherstellen, was sie, dem Wissensstand der damaligen Zeit zufolge, in Mailand und Metz als Ausdruck benediktinischer liturgischer Quellen zu finden meinten.

Das Kalendarium der Zisterzienser, ebenfalls wichtiger Bestandteil des Ritus, baute auf diese Verzahnung von liturgischer Realität und Überlieferung auf, indem es der Traditionslinie von Molesme folgte, ohne jedoch die Bedürfnisse der Mönchsgemeinde von Cîteaux aus den Augen zu verlieren. Das frühe Kalendar kennt nur relativ wenige Heiligenfeste und eine sehr bescheidene Abstufung des Festranges – de facto gibt es nur Feste mit zwölf Lektionen und Heiligenkommemorationen. Wo sich Kalendar und Disziplin verzahnen, also vor allem bei den Fest- und Fastenzeiten, greifen die Zisterzienser auf die alten monastischen Überlieferungen zurück. Gleiches gilt für die persönliche Frömmigkeit der Mönche. Die Vorgaben, die im Laufe des ersten zisterziensischen Jahrhunderts in den Gebräuchen, den Ecclesiastica Officia, gesammelt und aufgezeichnet werden, sind Ausdruck einer selbstbewussten und konservativen Haltung, die sich bewusst ist, dass der Ausdruck des liturgischen Lebens auch Ausdruck der Orthodoxie ist.

Das Eigenrecht im Zisterzienserorden wird bestimmt durch die monastischen Traditionen, die Weisungen der ersten Äbte von Cîteaux und die Beschlüsse der Generalkapitel, die bis heute „gesetzgebendes“ Organ sind.

Die Entwicklung der Messliturgie im Zisterzienserorden Geschichte Die Mönche des neu gegründeten Klosters Cîteaux übernahmen für die Feier der Eucharistie in erster Linie den Ritus, dem sie auch in Molesme gefolgt waren. Deshalb ist es nicht schwer, die Quellen der zisterziensischen Messliturgie aufzuzeigen, handelt es sich doch im Wesentlichen um den Ritus der Diözese von Langres, zu der Molesme gehörte, und dann um den der Diözese von Châlon, in deren Gebiet das novum monasterium lag.Exordium Cistercii, Kap.1, 2 und 2, 2 Fulgence Schneider zählte ihn in seiner Studie zum Messritus der Zisterzienser zum gallo-römischen Ritus,Fulgence Schneider: L’Ancienne Messe Cistercienne. Abbaye Notre-Dame de Koningshoeven, Tilburg 1929. der in seiner Grundsubstanz zwar römisch war, doch nicht wenige altgallikanische Elemente enthielt. Außerdem war die Messliturgie der Zisterzienser nicht unveränderlich. Schon in den ersten fünfzig Jahren nach der Gründung von Cîteaux wurde zumindest eine größere Reform innerhalb der Liturgie initiiert, die 1147 ihren Abschluss fand. Die Texte und Melodien, die in den liturgischen Büchern gebraucht wurden, waren bei dieser Liturgiereform, bei der Bernhard von Clairvaux maßgeblich beteiligt war, gründlich überarbeitet und ergänzt worden. Aber auch der Ritus der Eucharistiefeier selbst blieb nicht unangetastet. Beispielsweise kennen die Ecclesiastica Officia der Handschrift Dijon 114, eines Textzeugen, geschrieben nach 1175, die Altarinzens zu Beginn der eucharistischen Liturgie nicht mehr, den frühere Ausgaben noch ausführlich beschreiben.EO Kap. 53 und Variante Kap. LXXVI, 19 Diese Weiterentwicklung zieht sich durch alle folgenden Jahrhunderte. An entsprechender Stelle werden die wichtigsten Änderungen im Messritus angesprochen und, wenn möglich, auch geschichtlich eingeordnet.

Schon im 16. Jahrhundert wurde offensichtlich, dass viele Priestermönche den römischen Ritus ihrem eigenen zisterziensischen vorzogen. Obwohl noch das Konzil von Trient (1545–1563) die Eigenriten bestätigt hattevgl. Konzil von Trient, 22. Sitzung, Kap. 8, konnten die Generalkapitel des 17. Jahrhunderts nur noch teilweise verhindern, dass das Missale Romanum auch in den Klöstern des Ordens gebraucht wurde. Die neu herausgegebenen Messbücher ab 1657 waren im Grunde Ausgaben des Missale Romanum mit kleinen zisterziensischen Adaptationen, die vor allem bestimmte Messformulare und kleinere Rubriken betrafen. Nur wenige Klöster des Ordens (so vor allem in Spanien) hielten sich noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts an den alten zisterziensischen Messritus. Bis etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieser liturgische Standard gehalten. Doch eingehende Studien und intensive Beschäftigung mit den Ursprüngen des Ordens und seiner Liturgie veranlassten verschiedene Ordenswissenschaftler dazu, nach Möglichkeiten zu suchen, den alten Zisterzienserritus der Eucharistiefeier wiederzubeleben. In einzelnen Klöstern des Ordens, so in Boquen und Hauterive, fand daher ein rekonstruierter Ritus Verwendung.

Die Liturgiereform der römischen Kirche machte diesen Versuchen ein Ende. Mit der Approbation des neuen Rituale Cisterciense wurde der reformierte Zisterzienserritus offiziell bestätigt.Rituale Cisterciense iuxta Statuta Capituli Generalis sive O. Cist. sive O.C.S.O. [...] post Concilium Vaticanum II. Bernardus Verlag, Langwaden 1998.

Die zisterziensische Eucharistiefeier bis 1688 Der Messordo und seine Grundstruktur im 12. Jahrhundert Der zisterziensische Messordo war schon zu Beginn seiner Existenz im 12. Jahrhundert kein monolithischer Block. Sein Aufbau variierte leicht in den ersten siebzig Jahren seiner Existenz, was vielleicht auf regionale Gebräuche zurückzuführen ist.

Das 53. Kapitel der Ecclesiastica Officia im Musterexemplar der Handschrift Dijon 114 in der dortigen Bibliothèque Publique Municipale, das aus der Abtei Cîteaux stammt und wohl nach 1175 geschrieben wurde, beschreibt den Ablauf einer Festmesse an Tagen mit zwölf Lesungen. Dem Priestermönch assistieren ein Diakon und ein Subdiakon. Das Anlegen der liturgischen Gewänder ist schon Bestandteil der vorbereitenden Riten; allerdings geht der eigentlichen Eucharistiefeier der Klostergemeinde an Festtagen das Stundengebet der Terz voraus. Deshalb bekleiden sich die Zelebranten nur mit Albe, [Zingulum] und Manipel. Der Priester legt außerdem die Stola an. Dann beginnt die Vorbereitung des Altarraums durch Diakon und Subdiakon. Den Altar selbst bekleiden vier Tücher; das sogenannte sudarium oder auch chrismale, ein Wachstuch in den Maßen der Altarmensa, liegt unter diesen Tüchern. Nach einer Venia der Altardiener an der Altarstufe, bei der sie mit den Knöcheln der Hände den Boden berühren, legen sie das Evangeliar auf das mit einem Tuch bedeckte Analogium (Ambo) und das Messbuch auf die rechte Seite des Altars. Links deponieren sie das Kelchtuch (zum Reinigen des Kelches) unter dem Altartuch, wobei wohl das oberste gemeint ist. Die EO sprechen an dieser Stelle von den Opfergaben, also von Brot und Wein. Sie nennen sie benedicta. Diese Ausdrucksweise ist bemerkenswert: Die liturgische Tradition sieht in den für die Eucharistiefeier bestimmten Gaben schon geheiligte Opfergaben, die nicht mehr dem profanen Bereich zugehörig sind.EO Kap. 53, 3 und Fußnote 196 in der lat.-dt. Ausgabe. Daraufhin bereiten Diakon und Subdiakon die Kredenz seitlich des Altars vor, indem sie Kelch (und Patene), sowie Korporale und Offertoriumsvelum richten. Letzteres dient zur Verhüllung der Hände bei der Gabenbereitung am Altar durch den Diakon oder Subdiakon. Diese sehen nun noch nach den Zelebrantensitzen im Altarraum und bereiten die Piscina, das liturgische Waschbecken, vor, wohl indem sie alles Nötige zu den liturgischen Waschungen bereitlegen. Das Stundengebet der Terz feiern alle Zelebranten von ihren Sitzen im Altarraum aus mit. Nach deren Ende werden die beiden Altarkerzen angezündet, die rechts und links vom Altar auf dem Boden stehen. Der Priester zieht das Messgewand an und wäscht sich die Hände. Der Diakon nimmt seine Stola, und sowohl er als auch der Subdiakon waschen sich ebenfalls die Hände.

Den eigentlichen Beginn der Eucharistiefeier bildet der Einzug der Zelebranten. Beim Eingangsgesang, dem Introitus, verlassen sie hintereinander die Sakristei und warten vor einem Seitenaltar, bis der Kantor die Doxologie des Introitus anstimmt. Dann verneigen sie sich, gehen weiter und treten an die Altarstufe, wo sie sich wiederum verneigen und zum Altar hinaufsteigen. Der Priester geht zwischen dem rechts stehenden Diakon und dem links stehenden Subdiakon hindurch, während diese beiden sich zum Priester hin verneigen, der direkt zum Altar hinaufsteigt. Priester und Altardiener verrichten nun verneigt das Gebet, wie es lapidar heißt. Aus dem Zusammenhang der Gebräuche lässt sich schließen, dass es sich hier wohl um das Vaterunser handelt.

Der Priester küsst darauf den Altar und macht das Kreuzzeichen, dem sich auch der Diakon anschließt, worauf dieser die linke Altarseite küsst. Es folgt nun an der Altarstufe das Schuldbekenntnis. Rechts und links vom Priester stehen Diakon und Subdiakon, die nach dem Priester ihre Schuld bekennen. [In einer älteren Handschrift (Trient 1711, entstanden wohl zwischen 1130 und 1135) folgt hier eine Altarinzens, die der Priester vollzieht. Er inzensiert den unteren Altarbereich in der Mitte dreimal, dann den mittleren dreimal, dann den oberen dreimal. Oben, also im Bereich der Altarmensa, dreimal in der Mitte, dreimal rechts und dreimal links.] Hierauf geht der Priester wieder zum Altar, wo auf der rechten Seite das Messbuch liegt. Für die Altardiener ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo sie die Proskomidie vollziehen können. Allerdings bemerken die Vorschriften hier ausdrücklich, dass vor dem Dominus vobiscum (zur collecta, dem heute sogenannten Tagesgebet) des Priesters genug Zeit bleiben muss, um die Opfergaben vorbereiten zu können. Diese Vorbereitung geschieht folgendermaßen: Der Diakon, dem der Subdiakon assistiert, legt zuerst das Korporale (zusammengefaltet) auf den Altar. Dann spült er in der Piscina den Kelch innen mit Wasser aus, legt das (ungesäuerte) Brot auf die Patene und gießt Wein in den Kelch. Wenn der Priester im Verlauf dieser Zeit frei ist, reichen ihm Diakon oder Subdiakon das Kännchen mit Wasser, damit er davon etwas unter den Wein mischt. Den Kelch bedeckt der Diakon mit der Patene; diese vorbereiteten Opfergaben umhüllt er schließlich mit dem Offertoriumsvelum; dann verlässt er rechts die Altarstufe.