Les vêpres siciliennes (, deutscher Titel: Die sizilianische Vesper) ist eine Oper in fünf Akten aus der mittleren Schaffensperiode von Giuseppe Verdi. Sie thematisiert den sizilianischen Aufstand aus dem Jahre 1282. Die Oper auf ein Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier wurde am 13. Juni 1855 in französischer Sprache am Théâtre Impérial de L’Opéra im Rahmen der Pariser Weltausstellung uraufgeführt.
Handlung Historischer Hintergrund und Vorgeschichte Nachdem Karl von Anjou das Königreich Sizilien von Papst Clemens IV. zum Lehen erhalten hatte, versuchte Konradin, der letzte Staufer, Sizilien auf kriegerischem Wege zurückzugewinnen. 1268 unterlag er mitsamt seinen Parteigängern, darunter Friedrich von Österreich-Baden, in der Schlacht bei Tagliacozzo. Karl von Anjou ließ beide noch im selben Jahr hinrichten. Dadurch blieb Neapel-Sizilien zunächst unter französischer Herrschaft.
Die Oper behandelt den historischen Aufstand gegen die Herrschaft Karls von Anjou, der am Ostermontag, dem 30. März 1282, abends zur Vesperzeit in Palermo begann und rasch auf die ganze Insel übergriff. Einer der Anführer war Giovanni da Procida. Nach der Vertreibung Karls fiel Sizilien an das Haus Aragón.
In der Oper wird eine nur teilweise den historischen Tatsachen entsprechende Vorgeschichte erzählt, die mit dem Vesperaufstand endet. So hätten die Franzosen – gemäß dem Libretto – Sizilien unter Guy de Montfort erobert, Friedrich von Österreich ermordet und ein Schreckensregime errichtet. Hélène (Elena), die Schwester des ermordeten Statthalters Friedrich, ist eine Anführerin des Widerstandes gegen die Franzosen.
Tatsächlich wurde der historische Guy de Montfort aber erst 1283 von den Aragoniern in einer Schlacht gefangen genommen und starb 1288 in der Haft. Auch sonst nahm es die Schreibwerkstatt von Scribe nicht sehr genau mit den historischen Fakten. Eine historisch belegte Helena war nicht die Schwester Friedrichs von Österreich-Baden (die Agnes hieß und Italien nie betreten hat), sondern die Witwe Manfreds von Sizilien, des vorletzten staufischen Herrschers in Sizilien. Sie wurde 1267 durch Karl von Anjou gefangen genommen und starb um 1271 in ihrem Gefängnis.
Erster Akt Großer Platz in Palermo
Nach dem Ende der Ouvertüre treffen trinkende französische Soldaten und Sizilianer aufeinander. Die Sizilianer beklagen die Schreckensherrschaft der Franzosen und wollen Rache. In diesem Moment betritt Herzogin Hélène, die Trauerkleidung trägt, in Begleitung ihrer Zofe die Bühne, beklagt den Mord an ihrem Bruder und sinnt auf Rache. Die französischen Soldaten, angeführt von Robert, zwingen Hélène, ein Lied zu singen. Sie singt ein Freiheitslied, mit dem sie die Sizilianer zum Widerstand anstachelt. Als die Sizilianer über die Soldaten herfallen wollen, betritt der Gouverneur Montfort die Bühne. Die Menge stiebt auseinander. Henri (Arrigo), ein sizilianischer Widerstandskämpfer, kommt hinzu und berichtet Hélène, dass er aus der französischen Haft entlassen wurde. Montfort versucht, ihn auf die Seite der französischen Besatzer zu ziehen und von Hélène fernzuhalten, aber Henri weigert sich. Am Schluss des Aktes eilt Henri in Hélènes Palast.
Zweiter Akt mini|hochkant|Giovanni da Procida, Zeichnung von Michele Parascandolo 1893
Ein Tal nahe Palermo, im Hintergrund das Meer
Procida, der eigentliche Spiritus rector des sizilianischen Aufstandes, ist zusammen mit anderen Sizilianern nach drei Jahren aus dem Exil zurückgekehrt, landet als erster mit einem Boot und begrüßt seine Heimat. Palerme! O mon pays! Pays tant regretté … (besser bekannt als: O patria, o cara patria; „O Vaterland, teures Vaterland“) mit der bekannten Kantilene Et toi, Palerme … (O tu, Palermo), die mit dem Aufruf schließt, contre vos oppresseurs, levez-vous („erhebt euch gegen eure Unterdrücker“). Mainfroid und andere Sizilianer aus seiner Begleitung umringen Procida. Procida versucht, Hélène und Henri, die hinzugekommen sind, für den geplanten Aufstand zu gewinnen. In diesem Fall würden Byzanz und Peter von Aragón den Sizilianern zu Hilfe kommen. Henri sichert ihm seine Gefolgschaft zu. Nachdem Procida die Bühne verlassen hat, beschwört Hélène den Sizilianer Henri, ihren Bruder zu rächen. Dann will sie ihm trotz des Standesunterschiedes angehören. Béthune aus Montforts Gefolge, begleitet von Soldaten, überbringt Henri eine Einladung zu einem Ball im Gouverneurspalast. Als sich Henri weigert, ziehen sie ihn mit Gewalt mit sich fort. Procida kommt zu spät, um es zu verhindern. In diesem Moment nähern sich junge Männer und Frauen in einem Hochzeitszug. Procida gelingt es agitatorisch, die französischen Soldaten anzustacheln, die Bräute zu rauben, was nach einem Tanz geschieht. Auch Hélènes Zofe wird entführt. Procida kann nur noch verhindern, dass auch Hélène entführt wird. Die empörten Sizilianer rotten sich zum Aufstand zusammen.
Dritter Akt Erstes Bild. Arbeitszimmer Guy de Montforts im Palast in Palermo
Montfort, der wegen seiner Grausamkeit von seiner Frau verlassen wurde, hat durch ihren letzten Brief erfahren, dass Henri sein Sohn ist. Montfort lässt Henri ehrenhaft abholen und vor sich treten und gibt sich als dessen Vater zu erkennen.
Zweites Bild. Festsaal im Palast
Der Raum ist für einen Maskenball vorbereitet. Henri, Hélène und Procida befinden sich maskiert unter den Gästen. Montfort, begleitet von Soldaten, nimmt einen erhöhten Platz ein. Das Fest beginnt mit dem Ballett Les quatres saisons („Die vier Jahreszeiten“) mit einem Vorspiel und der Abfolge Winter – Frühling – Sommer – Herbst. Nach einem applaudierenden Chor treffen Procida, Hélène und Henri zusammen. Als Montfort hinzukommt, erzählt ihm Henri, dass ein Attentat auf ihn geplant ist. Hélène will Montfort erdolchen, aber Henri wirft sich vor seinen Vater, um ihn zu schützen. Henri gilt in den Augen Hélènes und der Sizilianer als Verräter.
Vierter Akt Der Hof einer Festung
Henri, der von Montfort die Erlaubnis erhalten hat, die gefangenen Verschwörer zu sehen, beklagt den Verlust seiner Ehre. Als ihm Hélène vorgeführt wird, bezichtigt sie ihn erneut des Verrates. Henri erklärt ihr, dass Montfort sein Vater ist und dass er deshalb seine Ehre geopfert hat. Hélène versteht und verzeiht ihm. Procida, der Henri nicht bemerkt hat, übergibt Hélène einen Brief, aus dem hervorgeht, dass ein Schiff Peters von Aragón, beladen mit Gold und Waffen, unterwegs ist. In diesem Moment bemerkt er Henri, den er erneut als Verräter beschimpft. Als auch Montfort mit französischen Offizieren dazukommt, verlangt er die Hinrichtung der Verschwörer. Henri bittet ihn um eine Begnadigung. Procida, der von Hélène erfahren hat, dass Henri Montforts Sohn ist, glaubt, dass sein Vaterland verloren ist. Im Inneren der Festung singen bereits die Mönche zur Einleitung der Hinrichtung De profundis clamavi ad te, Domine! Domine! Exaudi orationem meam! Henri bittet Montfort auf den Knien um Gnade für die Verschwörer. Montfort erklärt sich unter der Bedingung bereit, dass ihn Henri einmal „Vater“ nennt. Henri weigert sich zunächst. Hélène und Procida sind bereit zu sterben. Angesichts des Henkers schreit Henri auf: Mon père („Mein Vater“). Daraufhin begnadigt Montfort die Verschwörer, spricht von Frieden und verspricht, Hélène und Henri am nächsten Tag in der Vesperstunde zu vermählen. Während die anwesenden Sizilianer und Franzosen auf Versöhnung hoffen, sinnt Procida weiterhin auf Rache und die Befreiung Siziliens.
Fünfter Akt Garten von Montforts Palast
Ein Chor junger Männer und Frauen singt von Frieden und dem Glück der Liebe. Hélène, die bereits ein Hochzeitskleid trägt, hofft auf eine endgültige Versöhnung der Sizilianer und Franzosen. In einem Duett gestehen sich Henri und Hélène noch einmal ihre Liebe. Nach Henris Abtritt nähert sich Procida. Er teilt Hélène mit, dass nach ihrem Jawort und dem Läuten der Hochzeitsglocken das Gemetzel beginnen wird. Hélène ist verzweifelt und sinnt auf einen Ausweg. Schließlich sagt sie Henri, dass sie ihn nicht heiraten kann, weil noch immer der Schatten ihres Bruders zwischen ihnen steht. Eine Hochzeit wird niemals stattfinden. Als Montfort hinzukommt, klagt ihm Henri, dass Hélène ihr Versprechen brechen will. Montfort, zur Versöhnung bereit, legt stattdessen Henris und Hélènes Hände ineinander und sagt, dass sie nicht gegen ihre Neigung entscheiden soll. Procida gibt das Zeichen für das Läuten der Glocken. Hélène sagt zum letzten Mal nein. Vergeblich. In diesem Moment beginnen die Glocken zu läuten. Die Sizilianer stürzen bewaffnet auf die Bühne und metzeln Montfort und die Franzosen nieder. Der Vorhang fällt unter den Klängen des agitato aus der Ouvertüre.
Gestaltung Die Oper ist der Form nach eine französische Grand opéra mit einer etwa neunminütigen Potpourri-Ouvertüre, fünf Akten und einer ersten Balletteinlage im zweiten Akt (Tarantella) sowie einer etwa 28-minütigen Balletteinlage während des Maskenfestes im dritten Akt, die auch gesondert als Les saisons („Die vier Jahreszeiten“) bekannt wurde. Die Choreographie der Uraufführung stammte von Marius Petipa.Rolf Fath: Reclams Kleiner Verdi-Opernführer. 2000, S. 113.
Instrumentierung Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Anselm Gerhard: Les Vêpres Siciliennes. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 6: Werke. Spontini – Zumsteeg. Piper, München / Zürich 1997, ISBN 3-492-02421-1, S. 451.
Holzbläser: Piccoloflöte, Flöte, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, zwei Ventiltrompeten, drei Posaunen, Ophikleide Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Becken, Kleine Trommel Harfe Streicher Bühnenmusik: Schlagzeug (Trommel, Kastagnetten, Glocke in e), Harfe
Musiknummern Ouvertüre
Erster Akt Nr. 1. Introduktion Chor: Beau pays de France! (Thibault, Robert, De Béthune, Vaudemont, Soldaten, Sizilianer und Sizilianerinnen) Rezitativ: Qu’elle est cette beauté (Vaudemont, De Béthune, Danieli, Hélène, Robert, Thibault, Ninetta) Arie: Au sein des mers (Hélène) Ensemble: Quels accents! quel langage! (Peuple, Thibault, Robert, Français, Hélène, Danieli, Ninetta, Soldats) Nr. 2. Terzett Terzett: Quelle horreur m’environne! (Hélène, Ninetta, Monfort) Nr. 3. Duett Rezitativ: Hélène! – O ciel!… Henri!… (Henri, Hélène, Ninetta, Montfort) Duett: Quel est ton nom? (Montfort, Henri) Ensemble: Punis mon audace! (Henri, Monfort)
Zweiter Akt Nr. 4. Zwischenspiel, Arie und Chor Rezitativ: Palerme… ô mon pays! (Procida) Arie: Et toi, Palerme (Procida) Rezitativ: A tous nos conjurés (Procida) Cavatine: Dans l’ombre et le silence (Procida, Chor) Nr. 5. Rezitativ, Szene und Duett Rezitativ: Fidèles à ma voix! (Procida, Hélène, Henri) Duett: Comment, dans ma reconnaissance (Hélène, Henri) Cantabile: Près du tombeau peut-être (Hélène, Henri) Nr. 6. Rezitativ, Tarantelle und Szene, Chor Rezitativ: A vous, et de la part de notre gouverneur! (De Béthune, Henri, Hélène, Procida) Marsch, Tarantella: Voilà, par saint Denis! (Robert, Procida, Thibault) Chor: Vivent les conquêtes! (Robert, Thibault, Soldaten, Sizilianer und Sizilianerinnen, Ninetta) Chor: Interdits, accablés (Chor, Danieli, Hélène, Procida, Mainfroid)
Dritter Akt Nr. 7. Zwischenspiel und Arie Rezitativ: Oui, je fus bien coupable (Montfort, De Béthune) Arie: Au sein de la puissance (Montfort) Nr. 8. Duett Rezitativ: Je n’en puis revenir! (Henri, Montfort) Duett: Quand ma bonté toujours nouvelle (Montfort, Henri) Nr. 9. Marsch Nr. 10. Divertissement: Les Saisons L’Hiver Le Printemps L’Eté L’Automne Nr. 11. Finale Ensemble: O fête brillante! (Procida, Henri, Hélène, Montfort, Danieli, Siciliens, Français)
Vierter Akt Nr. 12. Zwischenspiel, Rezitativ und Arie Rezitativ: C’est Guy de Montfort! (Henri) Cavatine: O jour de peine et de souffrance! (Henri) Nr. 13. Duett und Romanze Rezitativ: De courroux et d’effroi (Hélène) Duett: Écoute un instant ma prière! (Hélène, Henri)