mini|Verbandsabzeichen der NORTHAG mini|AFCENT-Kommandostruktur mini|Verantwortungsbereiche der Korps in Deutschland in den 1980er Jahren mini|Standorte der wichtigsten NORTHAG-Einheiten im Jahr 1989
Die Northern Army Group (NORTHAG – Heeresgruppe Nord) war ein Zusammenschluss mehrerer westeuropäischer Heereskorps, die während des Kalten Krieges im Verteidigungsfall der NATO unterstellt werden sollten. Sie hätten so unter einem einheitlichen Kommando gestanden.
Auftrag Grenzen NORTHAG hatte seinen Verteidigungsschwerpunkt in der Norddeutschen Tiefebene und hätte mit der Verteidigung faktisch erst auf Höhe des Weserberglandes begonnen.Martin Rink: Die Bundeswehr 1950/55-1989 (Beiträge zur Militärgeschichte – Militärgeschichte kompakt, Band 6). De Gruyter Oldenbourg, 2015, ISBN 978-3-11-044096-6, S. 192. Auf einer Frontbreite von 380 Kilometern hatte NORTHAG neun Divisionen zur Verfügung.Heiner Möllers und Rudolf J. Schlaffer: Sonderfall Bundeswehr?: Streitkräfte in nationalen Perspektiven und im internationalen Vergleich (Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland, Band 12). De Gruyter Oldenbourg. 2014, ISBN 978-3-11-034812-5, S. 86. NORTHAG hatte seinen Verantwortungsbereich in mehrere Verzögerungs- bzw. Verteidigungslinien (LIVERPOOL bzw. TORONTO auf der Höhe Ems – Soest – Winterberg,Helmut R. Hammerich, Dieter H. Kollmer und Martin Rink: Das Heer 1950 bis 1970: Konzeption, Organisation und Aufstellung (Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland, Band 3), De Gruyter Oldenbourg, 2006, ISBN 978-3-486-57974-1, S. 137. Weser-Fulda-Linie)Helmut R. Hammerich und Dieter H. Kollmer: Das Heer 1950 bis 1970: Konzeption, Organisation und Aufstellung. (Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland, Band 3). De Gruyter Oldenbourg. 2006, S. 137. 978-3486579741. unterteilt. Im Szenario des Jahres 1989 stellte der Elbe-Seitenkanal weitgehend den VRV dar. Ostwärtig davon im Wendland und im Raum Wolfsburg waren Verzögerungsverbände (u. a. 41. NL Panzerbrigade) eingesetzt. Die Schlüsselgelände befanden sich südlich von Hamburg, in der Nordheide, zwischen Celle und Hannover sowie zwischen Hannover und Salzgitter. Je nach Kriegsverlauf sollten vom I. NL Korps, I. DE Korps und I. BR Korps gepanzerte Gegenangriffe durchgeführt werden.Martin Rink: Die Bundeswehr 1950/55-1989 (Beiträge zur Militärgeschichte – Militärgeschichte kompakt, Band 6). De Gruyter Oldenbourg, 2015, ISBN 978-3-11-044096-6, S. 193.
Gliederung Die Northern Army Group bestand aus folgenden Verbänden: Northern Army Group Eerste Legerkorps (Niederlande) Eerste Divisie „7 December” 4. Mechanisierte Division 5. Mechanisierte Division 101. Infanterie Brigade I. Korps (Bundeswehr) 1. Panzerdivision 3. Panzerdivision (im Verteidigungsfall dem niederländisch geführten Eerste Legerkorps unterstellt) 7. Panzerdivision 11. Panzergrenadierdivision Luftlandebrigade 27 I Corps (Vereinigtes Königreich) 1st Armoured Division 2nd Infantry Division (in Großbritannien stationiert; sollte sich innerhalb von 72 Stunden nach der Mobilisierung dem I Corps in Deutschland anschließen) 3rd Division 4th Armoured Division I. Corps (Belgien) 1. Infanterie Division 16. Panzerdivision
Operationsbereich Im Verteidigungsplan der NATO gegen eine potentielle Bedrohung durch den Warschauer Pakt war der NORTHAG der Bereich zwischen Hamburg und Kassel (Nord-Süd) und der deutsch-niederländischen, bzw.-belgischen Grenze bis zur (damaligen) innerdeutschen Grenze (West-Ost) zugewiesen. Die Standorte der NORTHAG-Streitkräfte befanden sich dementsprechend größtenteils in diesem Bereich. Nördlich schloss sich der Kommandobereich der Allied Forces Northern Europe (AFNORTH) und im Süden die Central Army Group (CENTAG) an.
Operationsplanung In den Planungen wurde von einem massiven Angriff des Warschauer Paktes von zwei strategischen Staffeln mit einem hohen TempoJahrbuch 2020. Clausewitz-Gesellschaft e. V. Kapitel I. NATO und Bündnisverteidigung im Wandel der Zeit. Friedrich K. Jeschonnek: Die Planung von Operationen in der Northern Army Group (NORTHAG) im Wandel, ISBN 978-3-9816962-6-4, S. 58–88. ausgegangen. Die hohe Truppenpräsenz dieser Streitkräfte ließen die Vermutung zu, dass im ungünstigen Fall mit einem verdeckt vorbereiteten Angriff ohne vorherige Mobilmachung bei kurzer Vornwarnzeit zu rechnen sei. Nach sowjetischer Militärdoktrin bestanden die Angriffsverbände aus mobilen und vollmechanisierten Kampftruppen mit starken Artilleriegruppierungen, teilweise als Operative Manövergruppen (OMG) und von einer Luftarmee mit Frontfliegerkräften (Erdkampfflugzeuge und Kampfhubschrauber) unterstützt. Die Freigabe nuklearer Gefechtsfeldwaffen war bei tiefen nicht haltbaren Feindeinbrüchen geplant. Die Verteidigungsplanung (Operationsplanung (OpPlan)) von NORTHAG richtete sich nach den geographischen Gegebenheiten entlang des Elbe-Seitenkanals, des Harzes, Sollings und Kaufunger Waldes und ermöglichte den Kampf aus Stellungsräumen aus Ortsrändern, Gewässerläufen und Waldrändern.
Es standen sich folgende Kräfte gegenüber: I. NL-Korps - 1. Polnische Armee I. DE-Korps - 2. Gardepanzerarmee I. BR-Korps - 3. Stoßarmee I. BE-Korps - 3. Stoßarmee Die „Erste Schlacht“ der militärischen Konfrontation sollte möglichst mobil und grenznah entlang des VRV geführt werden. In den Korpssektoren verteidigten jeweils zwei Divisionen eine Gefechtsbreite von 40 bis 45 Kilometern. Die operative Reserve von NORTHAG stellte die 7. Panzerdivision und das 3. US-Korps. Da die 3. Panzerdivision im niederländischen Korpssektor bis zum Eintreffen der Hauptkräfte verteidigen sollte, spielten die Fähigkeiten des I. DE-Korps eine besondere Rolle bei der Operationsführung von NORTHAG. Alle vier nationale Korps hatten sich auf taktischer Ebene auf eine bewegliche Gefechtsführung aus Stellungen, Sperren und Feuerfeldern geeinigt. Bis auf das I. BR-Korps hielten sie sich an das Konzept der Vorneverteidigung. Im britischen Sektor sollte unter der Preisgabe von Raum in der Tiefe verteidigt werden. Erst auf Nachdruck von AFCENT sollte die Vorverlegung an der Weser stattfinden.
Neue operative Konzepte wurden von General Sir Nigel Bagnall mit dem GDP 1984 eingebracht. Das BR-Korps wurde in Divisionen, Field Forces und Battle Groups eingeteilt und in drei Panzerdivisionen mit je drei Brigaden, einer Sicherungsdivision und einer Artilleriedivision reorganisiert. Zur Modernisierung gehörten Challenger-Kampfpanzer, Warrior-Schützenpanzer, MLRS-Mehrfachraketenwerfer sowie Panzerabwehr- und Transporthubschrauber. CINCENT General Leopold Chalupa widersprach diesem Konzept und versagte ihm die Zustimmung, weil es den Prinzipien der Vorneverteidigung nicht entgegenkam.
Geschichte Das Oberkommando (HQ) NORTHAG wurde am 1. November 1952 in Bad Oeynhausen aufgestellt und 1954 nach Mönchengladbach-Rheindahlen verlegt. Am Standort Mönchengladbach wurde das HQ NORTHAG mit drei weiteren Kommandostellen, dem Hauptquartier der Second Allied Tactical Air Force (2 ATAF), dem Hauptquartier der British Army of the Rhine (BAOR) und dem Hauptquartier der Royal Air Force Germany (RAFG) zusammengeführt.
In den 1960er Jahren hatte der Operationsplan von NORTHAGDieter Krüger und Felix Schneider: Die Alpen im Kalten Krieg: Historischer Raum, Strategie und Sicherheitspolitik (Beiträge zur Militärgeschichte, Band 71). De Gruyter Oldenbourg. 2011, ISBN 978-3-486-58817-0, S. 261. die Kanalisierung feindlicher Verbände bis zum Erreichen des Abwehrraumes im Bereich Weser zum Ziel. In dieser Zeit wurde auch eine operative Tiefenaufklärung in einer Tiefe bis zu 500 Kilometer auf dem Territorium der DDR und Polens betrieben. Diese Aufklärungsarbeit wurde vom britischen 23rd Special Air Service Regiment (SAS)Günter Weiße, Andre Klump und Michael Frings: NATO-Intelligence: Das militärische Nachrichtenwesen im Supreme Headquarters (Shape): 1985–1989. ibidem, 2013, ISBN 978-3-8382-0563-2. unterstützt. Um sich vor einem möglichen ÜberraschungsangriffRichard J. Aldrich: Strategy and Counter-Surprise: Intelligence within BAOR and NATO’s Northern Army Group. University of Warwick des Warschauer Paktes zu schützen und eine sinnvolle Truppeneinteilung an den Schwerpunkten vorzunehmen, wurden den Aufklärungsergebnissen, die innerhalb der ersten 48 Stunden nach Eintreten eines bewaffneten Konfliktes gewonnen werden konnten, große Bedeutung beigemessen.
In den 1980er Jahren wurde im Stab des I. DE Korps an der Taktik „Halten am VRV“Helmut R. Hammerich: Defense at the Forward Edge of the Battle or rather in the Depth? Different approaches to implement NATO’s operation plans by the alliance partners. 1955–1988 festgehalten. Der GDP 88 des I. BR Korps sah eine weitaus mobilere Verteidigung bis auf Linie der Weser vor. Die Norddeutsche Tiefebene wurde von der NATO als einer der wichtigsten und zugleich verwundbarsten Abschnitte in der Verteidigung Deutschlands angesehen. Beim I. NL Korps ging man von circa 48 Stunden aus, bis die GDP-Stellungen erreicht werden konnten. Das I. DE Korps hatte die Aufgabe, so lange das Verzögerungsgefecht zu führen, bis das I. NL Korps die volle Gefechtsbereitschaft erreicht hatte. Das I. BR Korps hielt einen Teil seiner Streitkräfte in Großbritannien zurück. Die „schwächere“ Division war im schwierigeren Gelände eingesetzt. Ähnliches galt für das I. BE Korps, welches ebenfalls schwieriges Gelände zu behaupten und nur zwei Divisionen zur Verteidigung des sogenannten „Streifens von Göttingen“ zur Verfügung hatte. Es hielt rund 50 % seiner Truppen in Belgien. Für die REFORGER-Bereitstellung des III. US-Korps ging man von etwa 30 Tagen aus.
COMNORTHAG General Martin Farndale ließ im Jahr 1987The exercise involved a complex passage of line in which 3 Corps passed through 1 Panzer-Division's lines in order to mount a counter-attack across River Aller in Anthony King: The Transformation of Europe's Armed Forces: From the Rhine to Afghanistan, Cambridge University Press, 2011, ISBN 978-0-521-76094-2, S. 110. auf der Übung „Certain Strike“ (10.–25. September 1987) ein neues multinationales Operationskonzept üben, bei der erstmalsREFORGER 87 – Certain Strike. The Cold War's Largest Transatlantic Bridge ein komplettes US-Korps nach Deutschland verlegtREFORGER Übung Certain Strike 1987 wurde.
Manöver (Auswahl) Maiden Trip (1979) 43. Pantserbrigade (NL) Thor Keystone (1979) Harte Faust (1979) Spearpoint 80 / Crusader (1980) im Ballungsraum Hildesheim, Hannover, Alfeld, Hameln Starke Wehr 82 (1982) Eternal Triangle (1983) REFORGER '83REFORGER '83 After Action Report Lionheart 84 (1984) das größte Herbstmanöver der Briten seit Ende des 2. WK Trutzige Sachsen (1985) Crossed Swords (1986)NATO Autumn Forge exercises: victim of Vienna conventional forces talks? 1989
Verbandsabzeichen Beim Bau des Hauptgebäudes für das gemeinsame Hauptquartier, dem JHQ (Joint Headquarters), wurde eine fränkische Streitaxt (Franziska) gefunden. Sie wurde als Verbandsabzeichen für die NORTHAG gewählt, da sie den Sieg eines westlichen Heeres gegen Angreifer aus dem Osten symbolisiert. Die Franken besiegten im Jahre 451 n. Chr. eine Armee unter der Führung von Attila bei Châlons-sur-Marne und beendeten somit eine Eroberung Westeuropas durch die Hunnen.
Organisation In der NATO-Kommandostruktur unterstand das HQ NORTHAG den Allied Forces Central Europe (AFCENT), welches dem Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) unterstellt war.
Oberbefehlshaber des HQ NORTHAG war grundsätzlich ein britischer General, gleichzeitig Oberkommandierender der britischen Rheinarmee (BAOR). Chef des Stabes war ein deutscher Generalmajor, mit je einem belgischen und niederländischen Generalmajor als Stellvertreter.
Dem HQ NORTHAG wurden folgende nationale Verbände zugeordnet: das belgische I. Korps (1. Infanteriedivision, 16. Panzerdivision), das britische I. Korps (1st Armoured Division, 3. und 4. Panzerdivision, 2. Infanteriedivision),