mini|hochkant=1.4|Gebiet der Qin-Dynastie
Die Qin-Dynastie (, Aussprache: []) war die erste Dynastie des chinesischen Kaiserreiches. Sie entstand aus dem Staat Qin, dem westlichsten der sieben Staaten, die in der Zeit der Streitenden Reiche um die Vorherrschaft rangen. Qin gelang es, bis zum Jahre 221 v. Chr. alle rivalisierenden Reiche zu erobern und somit zum ersten Mal das gesamte von Chinesen besiedelte Territorium unter einer Krone zu vereinigen. Dies war der Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits in den vorangegangenen Jahrhunderten eingesetzt hatte, und eines der wichtigsten Ereignisse der Geschichte Chinas.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 69.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 18. Nach der Reichseinigung nahm der Qin-König Zheng den Kaisertitel an; er ist deshalb als Qin Shihuangdi bekannt. Als eigentlicher Architekt des Einheitsreiches gilt jedoch dessen Kanzler Li Si. Das durch die Qin-Dynastie beherrschte Territorium war viel größer als jenes, das seine Vorgänger, wie etwa die Shang- oder Zhou-Dynastie kontrollieren konnten.
Die wenigen Jahre, die die Qin-Dynastie überdauerte, gehören zu den politisch kreativsten Abschnitten der chinesischen Geschichte.Mary B. Rankin, John K. Fairbank, Albert Feuerwerker: Perspectives on modern China's history. In: The Cambridge History of China. Band 13: Republican China 1912–1949. Part 2. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1986, ISBN 0-521-24338-6, S. 1–73, hier S. 49. Auf der Philosophie des Legalismus aufbauend schuf Qin die Grundzüge des chinesischen Staatswesens, die in den darauffolgenden Jahrhunderten Bestand hatten: die kaiserliche Bürokratie, systematische Erfassung der Bevölkerung und Ländereien zu Besteuerungszwecken, Legitimierung des Kaisertums, Bau einer Mauer zum Schutz gegen die Völker Innerasiens sowie die Verwendung von einheitlichen Maßen, Schrift und Währung im ganzen Reich. Nicht zuletzt leitet sich der Name China vom Wort Qin ab.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 13, 97.
Nach dem Tod des ersten Kaisers im Jahre 210 v. Chr. brachen im ganzen Land Unruhen aus. Trotz der militärischen Stärke der Qin brachte der folgende Bürgerkrieg die Dynastie zum Fall. Im Jahr 207 v. Chr. ließ der Rebell Xiang Yu den dritten Qin-Kaiser Ziying hinrichten, kurz darauf begründete Liu Bang die Han-Dynastie.
Lange Zeit wurde die Qin-Dynastie von der chinesischen Geschichtsschreibung einseitig als barbarisch und militaristisch verurteilt. Auch unter westlichen Wissenschaftlern galten die Qin lange Zeit als ein typisches Beispiel des Totalitarismus. Die Analyse archäologischer Funde hat jedoch in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ausgewogeneren Bild geführt.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 19.
Herkunft und Aufstieg des Qin-Staates Der Staat Qin
Die Ursprünge der Qin liegen in der Zhou-Dynastie. Die Zhou-Könige vergaben Lehen an Verwandte, Verbündete oder Mitglieder des gestürzten Hauses Shang, um sich ihre Treue zu sichern. Diese Aufteilung des Landes führte nach und nach zur politischen Zersplitterung des Reiches. So gab es während der Frühlings- und Herbstperiode etwa 170 Staaten, die ihrerseits wieder in Lehen aufgeteilt waren.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 6–7, 13.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 21. Die Zhou-Herren verloren indes ihre Bedeutung. Diese Zersplitterung konsolidierte sich bis zur Zeit der Streitenden Reiche, in der sich 7 Staaten gegenseitig bekämpften. Diese Staaten waren voneinander unabhängig und lebensfähig. Sie hatten zwar weitgehend eine gemeinsame Sprache und Kultur, jedoch gab es Grenzen, Zölle, wechselnde Allianzen, Intrigen und Kriege.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 24.
Im Jahre 897 v. Chr. bekam Feizi vom Zhou-König ein Lehen in der Nähe des heutigen Tianshui (Provinz Gansu), um dort Pferde für den Königshof zu züchten.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 31. Die Nachkommen des Feizi nahmen nicht lange danach den Herzogtitel (Gong) an und gewannen an Einfluss; im Jahre 770 war der Zhou-König gar gezwungen, den Schutz dieses neuen Geschlechts vor einem Angriff der Rong zu suchen. Im Gegenzug wurde Qin auch von Seite des Königs zum Herzogtum erhoben.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 33. Die genaue Herkunft der Bevölkerung von Qin ist unbekannt.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 106. Aufgrund seiner Lage waren die Einwohner und das Herrschergeschlecht von Qin von nicht sesshaften innerasiatischen Völkern beeinflusst oder stammten sogar von ihnen ab, wenngleich sich der Staat bis in das 5. Jahrhundert v. Chr. in ständigen Kämpfen mit genau diesen nomadischen Nachbarn befand.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 31 f. Gleichzeitig wurden die chinesische Kultur und ihre Bräuche schrittweise übernommen.
mini|Shang Yang
Während des Aufstiegs und des Wachstums von Qin wurde die Hauptstadt mehrmals verlegt; ab etwa 350 v. Chr. lag sie im heutigen Xianyang nahe Xi’an; die als Gebiet innerhalb der Pässe (Guanzhong) bezeichnete Region um Xi’an sollte danach für Jahrhunderte das Zentrum der chinesischen Reiche bleiben.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 31.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas bis zur mongolischen Eroberung 250 v. Chr. – 1279 n. Chr. 1999, S. 4. Bis dahin wurde Qin aufgrund seiner Lage, aber auch aufgrund seiner niedrigen kulturellen Entwicklung von seinen Rivalen als Außenseiter und „barbarisch“ betrachtet.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 34. Unter der Herrschaft von Herzog Xiao und seinem Berater Shang Yang wurden zwischen 361 und 338 v. Chr. jedoch tiefgreifende Reformen im Sinne der philosophischen Strömung des Legalismus durchgeführt, die Qin gegenüber seinen Nachbarn besonders in Landwirtschaft, Verwaltung und Wirtschaftspolitik Vorteile verschafften.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 34 ff. Im Jahre 325 nahmen die Qin-Herrscher schließlich den Königstitel an, wie es die Monarchen der anderen Staaten bereits getan hatten.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 38.
Militärische Expansion Seit seiner Entstehung war das Qin-Königreich stetig gewachsen und hatte sich vornehmlich in Richtung Westen und Nordwesten ausgedehnt. Die eigentliche militärische Expansion des Staates Qin begann 316 v. Chr., als man Shu und später Ba (die Regionen des heutigen Chengdu und Chongqing, heutiges Sichuan) eroberte und damit den Rivalen Chu an seiner Südgrenze entscheidend schwächte.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 40. Im Jahre 256 war es wiederum Qin, das die Zhou-Dynastie auslöschte, auch wenn dies damals aufgrund deren Schwäche keine große politische Bedeutung mehr hatte. Die Nachbarmächte versuchten indes, der Expansion Qins entweder durch Allianzen gegen Qin oder durch Beschwichtigung Einhalt zu gebieten.
So sind drei Mordanschläge auf den Qin-König Zheng überliefert. Eines dieser Attentate wurde im Jahre 227 v. Chr. durch den Gesandten des Staates Yan ausgeübt, der mit einer Unterwerfungsurkunde, einer Landkarte von Yan und dem Kopf eines übergelaufenen Qin-Generals zum Qin-König gereist war.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 45. Eine weitere Aktion, die den Vormarsch von Qin stoppen sollte, war der Bau des 120 km langen Zheng-Guo-Kanals nördlich der Hauptstadt Xianyang, der durch den aus Han gekommenen Zheng Guo geplant wurde. Angeblich war es das Ziel der Anstifter dieses Planes, der Wirtschaft Qins durch dieses Riesenprojekt Ressourcen zu entziehen und den Staat so zu schwächen. Obwohl diese „Verschwörung“ aufgedeckt wurde, baute man den Kanal fertig; der wirtschaftliche Nutzen durch das Projekt stärkte Qin zusätzlich. Gemäß den Chroniken führte die Aufdeckung dieser Verschwörung dazu, dass Qin plante, alle Ausländer auszuweisen. Dies entspricht jedoch wahrscheinlich nicht den historischen Tatsachen.Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 44.
Für die letzten Jahre vor der Einigung der Reiche berichten die Chroniken von einer großen Anzahl militärischer Auseinandersetzung mit so astronomischen Heeresstärken und Opferzahlen, dass sich Zweifel an der Korrektheit der Angaben geradezu aufdrängen. Die sechs Reiche, die neben Qin existierten, wurden schließlich in schneller Folge erobert: Han (230), Chao (228) und Wei (225), die östlich von Qin gelegen waren, dann 223 Chu im Süden, und schließlich Yan und Qi im Nordosten (222 bzw. 221).Derk Bodde: The state and empire of Ch'in. In: The Cambridge History of China. Band 1: The Ch'in and Han Empires, 221 B.C. – A.D. 220. 1986, S. 20–102, hier S. 45.Mark Edward Lewis: The Early Chinese Empires. Qin and Han. 2007, S. 35–37.
Gründe für den Erfolg des Qin-Staates Warum ausgerechnet ein Staat, der ursprünglich kulturell am wenigsten entwickelt und am Rande des chinesischen Territoriums lag, die Stärke entwickeln konnte, um das Reich zu vereinigen, ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Eine ganze Reihe von Faktoren hat zu dieser Entwicklung beigetragen: