mini|Erich Kästner (1961) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift

EmilEmil, der Vorname des Vaters, erscheint an erster Stelle in der Geburtsurkunde. Er selber nannte sich Erich. Vgl. Franz Josef Görtz, Hans Sarkowicz: Erich Kästner – Eine Biographie. Piper, München/Zürich 1998, ISBN 978-3-492-03890-4, S. 14. Erich Kästner (* 23. Februar 1899 in Dresden; † 29. Juli 1974 in München)Vita Übersicht des Erich-Kästner-Museum, Dresden. war ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter.

Seine publizistische Karriere begann während der Weimarer Republik mit gesellschaftskritischen und antimilitaristischen Gedichten, Glossen und Essays in verschiedenen renommierten Periodika jener Zeit. Dennoch entschied er sich, nach dem 30. Januar 1933 in Deutschland zu bleiben. Seine Werke erschienen bald auf den schwarzen Listen und seine vor 1933 erschienenen Bücher wurden im Herrschaftsbereich des NS-Regimes verboten. Trotz diverser Repressionen konnte er unter Pseudonym weiter veröffentlichen; er schrieb beispielsweise Drehbücher für einige komödiantische Unterhaltungsfilme wie etwa Münchhausen (1943). Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog Kästner nach München und konnte wieder frei publizieren. Populär machten ihn vor allem seine Kinderbücher wie Emil und die Detektive (1929), Pünktchen und Anton (1931), Das fliegende Klassenzimmer (1933) und Das doppelte Lottchen (1949) sowie seine mal nachdenklich, mal humoristisch, oft satirisch formulierten gesellschafts- und zeitkritischen Gedichte, Epigramme und Aphorismen.

Leben Dresden 1899–1919 mini|hochkant|Kästners Geburtshaus in der Königsbrücker Straße 66 mini|hochkant|Gedenkschild am Geburtshaus von Erich Kästner – Dresden

Erich Kästner wurde in Dresden geboren, evangelisch getauft und 1913 in der Dreikönigskirche konfirmiert. Er wuchs als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen in der Königsbrücker Straße 66 in der Äußeren Neustadt von Dresden auf. In der Nähe, am Albertplatz, befindet sich heute – im Erdgeschoss der damaligen Villa seines Onkels Franz Augustin – das Erich Kästner Museum.

Sein Vater Emil Richard Kästner (1867–1957) war Sattlermeister in einer Kofferfabrik. Die Mutter Ida Kästner, geb. Augustin (1871–1951), war Dienstmädchen und Heimarbeiterin und wurde mit Mitte dreißig Friseurin. Zu seiner Mutter hatte Kästner eine intensive Beziehung. Schon als Kind erlebte er ihre Liebe als geradezu ausschließlich auf ihn bezogen – ein anderer Mensch spielte in ihrem Leben eigentlich keine Rolle. In seiner Leipziger und Berliner Zeit verfasste er täglich vertrauteste Briefe oder Postkarten an sie. Auch in seinen Romanen lässt sich immer wieder das Mutter-Motiv finden. Später kamen nie bestätigte Gerüchte auf, dass der jüdische Arzt Emil Zimmermann (1864–1953) – der Hausarzt der Familie – sein leiblicher Vater gewesen sei.Diese These vertrat in der Literatur zuerst Werner Schneyder (Kästner: ein brauchbarer Autor. München 1982, ). Ebenso Franz Josef Görtz und Hans Sarkowicz (Erich Kästner. Eine Biografie. München 1998, ). Sven Hanuschek lehnt die These ab wegen fehlender schriftlicher Belege: „Keiner blickt dir hinter das Gesicht.“ Das Leben Erich Kästners. München / Wien 1999, . Kritisch zu Hanuschek, Rudolf Walter Leonhardt: . In: Die Zeit, 14. Januar 1999.Hausarzt der Familie angeblicher Vater (25.09.2011 / Archivversion)

Erich Kästner wurde 1905 in der IV. Bürgerschule in der Tieckstraße eingeschult. Lehrer spielten in seiner Kindheit eine große Rolle. Die Untermieter seiner Eltern waren alle Lehrer und Kästner konnte deren Bibliothek benutzen. Zu einem von ihnen, Paul Schurig, war die Beziehung besonders eng. So war es naheliegend, dass Kästner Lehrer werden sollte und wollte, zumal der Besuch eines Lehrerseminars gegenüber Oberrealschule bzw. Gymnasium für die Familie erschwinglich war.Sven Hanuschek: Erich Kästner. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 20 ff. Kästner besuchte ab 1913 das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar in der Marienallee in Dresden-Neustadt. Das Institut war ein Internat mit wöchentlich nur 2 Stunden Ausgang. Kästner beschrieb es als „Lehrerkaserne“, deren Bildungsziel der „gefügige, staatsfromme Beamte [war], der sich nicht traute, selbständig zu denken, geschweige zu handeln.“Erich Kästner: Zur Entstehungsgeschichte des Lehrers. In: Werke. Bd. II. Hanser 1998, S. 77. In dieser Zeit erschienen seine ersten Gedichte in der Schulzeitung Fletcheranerbote, inhaltlich noch sehr staatsfromm und konformistisch, formal aber für einen Jungen seines Alters schon erstaunlich. Kästner brach die Ausbildung zum Volksschullehrer drei Jahre später kurz vor ihrem Ende ab. Viele Details aus dieser Schulzeit finden sich in dem Buch Das fliegende Klassenzimmer wieder. Seine Kindheit beschrieb Kästner in dem 1957 erschienenen autobiographischen Buch Als ich ein kleiner Junge war, dort kommentiert er den Beginn des Ersten Weltkriegs mit den Worten: „Der Weltkrieg hatte begonnen, und meine Kindheit war zu Ende.“ Den Kriegsanfang erlebte Kästner während einer Reise mit seiner Mutter und seiner Cousine Dora an die Ostsee, die sie deswegen abbrechen mussten.

Zum Militärdienst wurde er 1917 einberufen und absolvierte seine Ausbildung in einer Einjährig-Freiwilligen-Kompanie der schweren Artillerie. 1918 wurde er an die Artillerie-Mess-Schule nach Köln-Wahn versetzt. Die Brutalität der Ausbildung machte Kästner zum Antimilitaristen, zumal er sich durch den harten Drill seines Ausbilders Waurich eine lebenslange Herzschwäche zuzog. Kästners Erbitterung darüber machte sich am deutlichsten in seinem Gedicht Sergeant Waurich LuftErich Kästner: Sergeant Waurich. In: Werke. Bd. I. Hanser, 1998, S. 66.: Er hat mich zum Spaß durch den Sand gehetzt und hinterher lauernd gefragt: »Wenn du nun meinen Revolver hättst – brächtst du mich um, gleich hier und gleich jetzt?« Da hab ich »Ja!«, gesagt. […] Der Mann hat mir das Herz versaut. Das wird ihm nie verziehn. Es sticht und schmerzt und hämmert laut. Und wenn mir nachts vorm Schlafen graut, dann denke ich an ihn. Neben der Herzschwäche sollte auch die Abneigung gegen Militär und Militarismus Kästner lebenslang bleiben:

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs belegte Kästner den Abschlusskurs am Strehlener Lehrerseminar.Petra Ernst: Kästner, Erich, in: Dietz-Rüdiger Moser, Hermann Kunisch (Hrsg.): Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945, dtv, München 1993, 605–608, S. 605, . Ein Jahr später machte er das Abitur am König-Georg-Gymnasium mit Auszeichnung und erhielt dafür das Goldene Stipendium der Stadt Dresden, das ihn zum Studium in Sachsen verpflichtete, wodurch sich die Universität Leipzig als Studienort ergab. Am Gymnasium lernte er auch einen späteren Koautor Werner Buhre kennen und Ralph Zucker, Vorbild für Labude im Roman Fabian.Sven Hanuschek: Erich Kästner. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 26.

Leipzig 1919–1927 Im Herbst 1919 begann Kästner an der Universität Leipzig das Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik, Zeitungskunde und Theaterwissenschaft. 1921 studierte er im Sommersemester in Rostock, im Wintersemester in Berlin. Wieder in Leipzig wohnte er 1922 zur Untermiete im Musikviertel, Hohe Straße 51.Johannes Forner et al.: Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Hrsg. vom Musikviertel e. V. Sax-Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 72. Infolge der Deutschen Inflation 1914 bis 1923 und wegen seiner schwierigen finanziellen Situation nahm Kästner mehrere Nebentätigkeiten an. Er verkaufte Parfüm und sammelte die Börsenkurse für einen Buchmacher. Bereits 1923 lernte er Erich Ohser kennen, und ihre langjährige Freundschaft begann. Seine germanistische Doktorarbeit gab er 1925 bei Georg Witkowski abErich Kästner: Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Die Erwiderungen auf seine Schrift „De la litterature allemande“. Dissertation der Universität Leipzig, 1925. Kohlhammer, Stuttgart 1972, ISBN 3-17-087238-9, Inhaltsverzeichnis. Im Erich-Kästner-Archiv (Marbach) EKA:0962; vgl. zu Kästners Dissertation in: erich-kaestner-museum.de. und wurde daraufhin zum Dr. phil. promoviert. Das Studium finanzierte Kästner schon bald aus eigenen Einnahmen als Journalist und Theaterkritiker für das Feuilleton der Neuen Leipziger Zeitung, wo Hans Natonek sein Chef war, der ihm zu ersten Gedichtveröffentlichungen in der satirischen Wochenzeitschrift Der Drache verhalf.Sven Hanuschek: Erich Kästner. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 33. Seine erste Auslandsreise unternahm er mit seiner Mutter Ida 1926 in die Schweiz und nach Italien.

Dem kritischer werdenden Kästner wurde 1927 gekündigt, nachdem seinem von dem später unter dem Pseudonym „e. o. plauen“ mit seinen Vater-und-Sohn-Bildgeschichten sehr bekannt gewordenen Erich Ohser illustrierten, leicht zweideutigen Gedicht Nachtgesang des Kammervirtuosen „Frivolität“ vorgeworfen worden war. Im selben Jahr zog Kästner nach Berlin, von wo aus er unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ weiter als freier Kulturkorrespondent für die Neue Leipziger Zeitung schrieb. Kästner veröffentlichte später noch unter vielen anderen Pseudonymen (z. B. „Melchior Kurtz“, „Peter Flint“ oder „Robert Neuner“).

In der Kinderbeilage der im Leipziger Verlag Otto Beyer erschienenen Familienzeitschrift Beyers für Alle (seit 1928 Kinderzeitung von Klaus und Kläre) wurden von 1926 bis 1932 unter den Pseudonymen „Klaus“ und „Kläre“ fast 200 Artikel – Geschichten, Gedichte, Rätsel und kleine Feuilletons – geschrieben, die nach heutigem Stand der Forschung wohl großteils von Kästner stammen. Sein erstes größeres Werk, Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest, entwarf er im Juli 1927. Die Endfassung schickte er noch im selben Jahr an mehrere Verlage, die das Stück allerdings als zu modern ablehnten.

Berlin 1927–1933 mini|hochkant|Erich Kästner (um 1930) mini|hochkant|Erich Kästner, porträtiert von Emil Stumpp, 1930 Kästners Berliner Jahre von 1927 bis zum Ende der Weimarer Republik 1933 gelten als seine produktivste Zeit. In wenigen Jahren stieg er zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren Berlins auf und war 1932 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs.z. B. Tobias Lehmkuhl in Lesart: Erich Kästner im Dritten Reich – Im Inneren immer gespalten. Deutschlandfunk Kultur vom 9. November 2023. (3min30s) Er publizierte seine Gedichte, Glossen, Reportagen und Rezensionen in verschiedenen Periodika Berlins. Regelmäßig schrieb er als freier Mitarbeiter für verschiedene Tageszeitungen wie das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung, ebenso für die Zeitschrift Die Weltbühne. Unterstützt wurde er ab 1928 von seiner Privatsekretärin Elfriede Mechnig, die ihm 45 Jahre lang die Treue hielt. Im selben Jahr reist Kästner mit Ohser nach Paris, dort lernt er Walter Trier kennen, den Illustrator seiner Kinderbücher.

Hans Sarkowicz und Franz Josef Görtz, die Herausgeber der Gesamtausgabe von 1998, nennen im Nachwort des der Publizistik Kästners gewidmeten Bandes über 350 nachweisbare Artikel von 1923 bis 1933; die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Dass so vieles heute verloren ist, mag damit zusammenhängen, dass Kästners Berliner Wohnung im Februar 1944 völlig ausbrannte.

Kästner veröffentlichte 1928 sein erstes Buch, Herz auf Taille, eine Sammlung von Gedichten aus der Leipziger Zeit. Bis 1933 folgten drei weitere Gedichtbände. Im Dezember 1929 hatte er außerdem einen großen Erfolg im noch jungen Rundfunk mit für das Hörspiel Leben in dieser Zeit zusammengestellten und von Edmund Nick vertonten lyrischen Texten, die unter der Regie von Friedrich Bischoff vor allem von Ernst Busch und Kaete Nick-Jaenicke zu Gehör gebracht wurden. Mit seiner Gebrauchslyrik avancierte Kästner zu einer wichtigen Stimme der Neuen Sachlichkeit.