Fortunatus II., auch Fortunatus von Grado, seltener von Triest (* in Triest; † 12. März 825 oder 826 in Rom), war möglicherweise Bischof von Treviso (ab 777), von 806 bis 810 von Pula und von 803/810 bis etwa 820 Patriarch von Grado. Er gilt im Kampf zwischen dem fränkischen und dem byzantinischen Kaiser als Exponent der pro-fränkischen Partei. Nach Roberto Cessi und Gherardo Ortalli war die Erhebung zum Patriarchen Ausdruck des Misstrauens gegen die Dogen von Venedig, mit dem Ziel, deren pro-byzantinische Ausrichtung umzukehren. Simone DellagiacomaDie Namensversion als Professor „Della Giacoma“ scheint auf einem Irrtum Roberto Cessis zu beruhen. galt er als größter der 60 Patriarchen von Grado, die zwischen 725 und 1451 herrschten.Simone Dellagiacoma: Fortunato di Trieste patriarca di Grado, 803–825, in: Archeografo triestino, n.s. 3 (1872–1875) 317–339, hier: S. 317. Entweder weil er sich einer Verschwörung gegen den Dogen von Venedig anschloss, oder weil er Ljudewit, einen vielleicht frühkroatischen Regionalherrscher, gegen die Franken unterstützte, musste er nach Konstantinopel fliehen. Von dort kehrte er um 824/25 zurück, starb jedoch auf dem Weg nach Rom oder in der Stadt. Als Abt von Moyenmoutier wurde er dort beigesetzt.

Leben 777 wurde der in Triest geborene Fortunatus möglicherweise zum Bischof von Treviso erhoben, das die Franken kurz zuvor von den Langobarden erobert und zur Hauptstadt ihrer Markgrafschaft Verona gemacht hatten. Fortunatus suchte im Laufe der darauf folgenden Jahre erfolgreich das Bündnis mit den Franken unter Karl dem Großen. Nicht bestätigen lässt sich, wie es in einer Anmerkung des 12. Jahrhunderts in der ältesten Patriarchenliste heißt, eine Erhebung zum Bischof von Triest. mini|Das Placitum vom Risano, benannt nach einem Fluss bei Capodistria, mit 172 Zeugen. Es erwähnt erstmals Slawen im Umkreis von Triest und sammelt Beschwerden gegen erhöhte Dienste, Übergriffe und dergl. Gezeichnet wurde es auch von Fortunatus, zu dieser Zeit noch Bischof von Pula. Nachdem sein Onkel Johannes, der Patriarch von Grado und des Fortunatus Vorgänger im Amt, 802 auf Veranlassung des gleichnamigen venezianischen Dogen Johannes ermordet worden war, wurde Fortunatus der Nachfolger des ermordeten Patriarchen. Er ließ sich 803 durch Kaiser Karl und Papst Leo III. in seinem Amt bestätigen. Das Pallium erhielt er am 23. März 803.

Zunächst versuchte er, die beiden Dogen Johannes Galbaius und seinen Sohn Mauritius (II.) zu stürzen, um Rache an den Mördern seines Vorgängers zu nehmen. Doch scheiterte der Plan. Stattdessen musste er zusammen mit seinem Verwandten und Verbündeten Obelerius nach Treviso fliehen, um sich dort unter den Schutz der Franken zu stellen. Nachdem die beiden Dogen 804 schließlich mit fränkischer Unterstützung gestürzt worden waren, trat Fortunatus’ Vertrauter Obelerius das Amt des Dogen an.

Am fränkischen Hof erhielt Fortunatus im März 803 ein Diplom, in dem ihm Immunität angesichts seiner Verdienste zugesprochen wurde, ebenso wie seinen Klerikern und Gefolgsleuten. In einem möglicherweise zur gleichen Zeit ausgestellten Diplom erhielt er zudem Abgabenfreiheit beim Transit in jedem Ort des Reiches für vier seiner Schiffe. Damit dürfte er schnell wirtschaftlich unabhängig geworden sein. Darüber hinaus erhielt er die Abtei Moyenmoutier als Benefizium. Während seiner Abwesenheit wurde Grado vom Dukat Venedig eingenommen. Dies konnten die Franken kaum hinnehmen.

Zwar förderte Karl die Kirche auch im Nordosten Italiens, doch standen dieser Förderung Rivalitäten, wie die zwischen Aquileia und Grado im Wege. Dies galt etwa für Istrien, wo Karl einerseits die Rechte Aquileias stärken wollte, andererseits war Fortunatus wichtig für den gemeinsamen Kampf gegen die pro-byzantinischen Gruppen in der oberen Adria. Daher wandte er sich 803 an Fortunatus als „Venetiarum et Istriensium patriarcha“, womit er dessen Obödienzforderungen mit Blick auf die istrischen Bistümer, allen voran Pola, legitimierte. Fortunatus begab sich nach dem venezianischen Militärschlag nach Istrien, wo er 804 zusammen mit fünf Bischöfen und anderen Vertretern aus seinem Geburtsort Triest, sowie von Istrien, den Beschluss von Risano,Ort bei Koper. das Placito del Risano initiierte. Der Patriarch und sein Gefolge legten den Königsboten (Missi Dominici) Kaiser Karls ihre Forderungen vor, die zum Großteil anerkannt wurden. Der Region wurde weitgehende Zollfreiheit gewährt, und – was im fränkischen Feudalsystem ein ungewöhnliches Recht war – die Erlaubnis, seine inneren Angelegenheiten selbst zu regeln und seine Bischöfe und Beamten eigenständig zu wählen.

805 musste Fortunatus Grado zum ersten Mal verlassen. Er wurde durch den Diakon Johannes ersetzt, von dem eine Inschrift in Grado erhalten ist. Sie lautet: „Iohannes siquidem patriarcha, qui per quattuor annorum spacia Gradensem sedem vivente pastore usurpavit, sinodali censura depositu est“.Maurizio Buora: Fortunato II, Grado e il dono delle reliquie da Gerusalemme, in: Ce fastu? (2017) 35–47, hier: S. 38, Anm. 19, dort zitiert nach Amelio Tagliaferri: Corpus della scultura altomedievale, Bd. X: Le diocesi di Aquileia e Grado, Spoleto 1981, n. 540–543. Der Patriarch usurpierte demnach vier Jahre lang den Patriarchenstuhl, also bis 809.

Im Zuge dieser „Usurpation“ wurde Fortunatus auf Initiative Karls, der sich an den Papst wandte, zum Bischof von Pula auf Istrien erhoben, ein Amt, das er bis 810 ausfüllte. Da Fortunatus formal weiterhin das Amt des Patriarchen von Grado innehatte, lehnte Papst Leo III. dessen Ernennung zum Bischof von Pola zunächst ab. Erst nach der Vereinbarung, den Bischofsstuhl in Pola wieder zu räumen, sobald er seinen Sitz in Grado, den er „propter persecutionem Grecorum seu Veneticorum“ eingebüßt hatte, wieder einnehmen konnte, bestätigte der Papst Fortunatus in seinem Amt als Bischof von Pola. Karl soll sich, nach einer Anspielung des Verfassers der Chronica de singulis patriarchis Nove Aquileie, Fortunatus als spirituellen Vater gewünscht haben.Dies erwähnt auch das Chronicon Venetum (Edition durch Henry Simonsfeld). Der Papst hingegen ermahnte den Kaiser, nicht auf die Apologeten des Fortunatus zu hören, denn sein ganzes Verhalten sei eines Erzbischofs unwürdig, und die besagten Apologeten seien korrumpiert worden. Diesen Vorwurf bestätigt wohl die Zurückgewinnung von Gütern durch den Nachfolger des Fortunatus, den Patriarchen Venerius, der die besagten Güter seinem Neffen Domenico vermacht hatte. mini|Denar aus der Zeit Ludwigs des Frommen 810 eroberte König Pippin von Italien, einer der Söhne Karls des Großen, eine Reihe von Orten in der Lagune von Venedig. Obwohl sich die Venezianer der fränkischen Invasion erfolgreich (?) widersetzten und Obelerio aufgrund seines Bündnisses mit den Franken von seinem Dogenamt zurücktreten musste, konnte Fortunatus nach Grado zurückkehren. Karl erkannte 810 an, dass die Lagune zum östlichen Kaiserreich gehörte. Damit verloren die ehrgeizigen Pläne des Fortunatus ihre Grundlage, auch wenn noch eine Quelle aus dem Jahr 819 ihn als ‚Patriarchen der Kirche von Aquileia und von Grado‘ bezeichnet. Im Patriarchat Grado wuchs in den folgenden Jahren der kulturelle Einfluss der Franken, wie sich an Kunstwerken der Zeit erweisen lässt.

815 erneuerte Karls Sohn Ludwig der Fromme auf Veranlassung von Fortunatus das Recht für die istrische Region, ihre Bischöfe und Beamten selbst zu erheben. Noch 820 beteiligte sich Fortunatus an einer Verschwörung zum Sturz des neuen Dogen von Venedig, des Agnello Particiaco. Das Komplott flog jedoch auf und Fortunatus wurde verbannt; wie der venezianische Chronist Johannes Diaconus behauptet, nach 27 Jahren der Herrschaft. Sein Amt als Patriarch von Grado übernahm der Abt von San Servolo als Johannes V.

Nach fränkischen Quellen wurde Fortunatus jedoch aus ganz anderen Gründen gestürzt. Er soll 821 eine Rebellion in Pannonia inferior unter Führung des Ljudewit unterstützt haben, dessen Herrschaftskern um das kroatische Sisak lag. Es kam zu einem Krieg, den die Franken siegreich beendeten; Konstantinopel war wohl nicht in der Lage, die Rebellion zu unterstützen.Zur Einordnung vgl. Hrvoje Gračanin: Lower Pannonia before and after the Treaty of Aachen, in: Mladen Ančić, Jonathan Shepard, Trpimir Vedriš (Hrsg.): Imperial Spheres and the Adriatic. Byzantium, the Carolingians and the Treaty of Aachen (812), London und New York 2018, S. 207–224. Dieser Sieg lässt sich auch archäologisch nachweisen, denn im Westen Kroatiens verschwand eine eigenwillige archäologische Kultur mit Beziehungen nach Böhmen.Maurizio Buora: Fortunato II, Grado e il dono delle reliquie da Gerusalemme, in: Ce fastu? (2017) 35–47, hier: S. 39.

Nach einer Aufforderung, sich an den kaiserlichen Hof zu begeben, reiste Fortunatus nach Istrien, um Gehorsam vorzutäuschen – immerhin war er als Abt von Moyenmoutier dem Kaiser zu Gehorsam verpflichtet –, floh jedoch bald darauf nach Zara, also in den byzantinischen Machtbereich. Der dortige Präfekt der Provinz Dalmatien ließ den Geflohenen sogleich nach Konstantinopel bringen. Entweder hatte der Vertrag von Aachen ab 812 zu einer Veränderung der Beziehungen zwischen Franken und Byzantinern auch im Raum Grado-Istrien geführt, oder Kaiser Ludwig hatte die bis 814 von seinem Vater geführte Politik der Protektion aufgegeben. Fortunatus hielt sich bis 824 in der byzantinischen Hauptstadt auf. Ob er den Aufenthalt, über den nichts weiter bekannt ist, nutzte, um Reliquien oder Schmuck für seine Gradeser Kirche zu erwerben, ist aus den erzählenden Quellen nicht zu belegen. mini|Reliquienschrein des hl. Hydulph im Kloster Moyenmoutier Fortunatus kehrte mit einer Gruppe von byzantinischen Gesandten an den fränkischen Hof zurück, wohl um seine Rückkehr auf den Patriarchensitz zu betreiben. Doch Ludwig verwies den abgesetzten Patriarchen an Rom. Nach dem Chronisten von Moyenmoutier starb er 826 während dieses Aufenthalts in Rom, während er nach Johannes Diaconus noch auf fränkischem Gebiet sein Leben beendete. Die besagten fränkischen Quellen interessieren sich nicht mehr für Fortunatus, seit er von Ludwig nach Rom geschickt worden war. Im Dezember 824 hielt sich der Patriarch in seinem fränkischen Kloster Moyenmoutier auf. Ein Chronist des frühen 11. Jahrhunderts, der in seinem Liber de sancti Hidulfi successoribus über die Nachfolger des hl. Idulfo oder Hydulphe von Moyenmoutier († 707) schreibt: „Mira autem dispositione divinitatis repertus est ibidem Fortunatus patriarcha venerabilis, qui gratia salutandi famosum principem, ab Hierosalimis peregre disgressus erat“, Fortunatus sei also aus Jerusalem zurückgekehrt. Derselbe Chronist berichtet zudem, wie Fortunatus einige Jahre zuvor eine Gesandtschaft im Auftrag Kaiser Karls an Harun ar-Raschid geschickt habe, wobei unklar bleibt, ob er womöglich selbst an dieser Gesandtschaft teilgenommen hat.

Nach den Nekrologien des Klosters Moyenmoutier starb Fortunatus am 12. März, wohl spätestens im Jahr 825 oder 826, auch der 26. Februar wird angegeben.Maurizio Buora: Fortunato II, Grado e il dono delle reliquie da Gerusalemme, in: Ce fastu? (2017) 35–47, hier: S. 41. Er wurde im Kloster nahe dem Altar Gregors des Großen beigesetzt. In einer Art Brief, möglicherweise aus dem byzantinischen Exil, den er an seine Kleriker in Grado gesandt hatte, und der einem Testament ähnelt, listet Fortunatus seine Verdienste um die Gradenser Kirche auf, und er gibt seiner Hoffnung auf eine baldige Rückkehr Ausdruck. Das Dokument ist nicht datiert. Inzwischen wird diese Quelle eher als Exzerpt einer Gerichtsakte aufgefasst, in der der Patriarch versuchte, seine Verdienste in den Vordergrund zu rücken, während er beschuldigt wurde, die Gradeser Kirche bestohlen zu haben.Giordano Brunettin: Il cosiddetto testamento del patriarca Fortunato ii di Grado (825), in: Memorie storiche forogiuliesi 71 (1991) 51–123. mini|Santa Maria delle Grazie