Elisabeth Adelaide Pungs (* 20. Mai 1896 in Bremen; † 28. August 1945 in Berlin), geborene Elisabeth Taaks, ab 1917 Elisabeth Scherbius, genannt auch Li oder Liselotte,Friedrich L. Bauer: Historische Notizen zur Informatik. Springer, Berlin u. a. 2009, ISBN 3-540-85789-3, doi:10.1007/978-3-540-85790-7, S. 46 ff. (S. 47: Verlobungs-Foto, Juni 1917). ab 1931 Elisabeth Pungs, war eine deutsche Widerstandskämpferin in der Zeit des Nationalsozialismus.

Kindheit und Jugend Elisabeth Taaks wuchs in einer bürgerlichen Familie in Bremen auf. Ihr Vater, Georg Taaks, war Zivilingenieur, Teilhaber einer Wasserbau-Firma. Sie hatte fünf Geschwister, drei Brüder und zwei Schwestern; eine ihrer Schwestern starb im Alter von 11 Jahren. Sie besuchte in Bremen die Höhere Töchterschule „Roselius“, eine Frauenschule, dann ein Schweizer Pensionat, von dem sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach Bremen zurückkehrte.Im Bundesarchiv vorhandene Akten des Prozesses des „Volksgerichtshofs“ gegen die „Rütli-Gruppe“ und Sonderband „Pungs“ des Oberreichsanwalts. Das Verhältnis zu ihren konservativen Eltern war nicht ohne Spannungen.Brief ihres älteren Bruders Claus an dessen Braut vom 3. November 1923. Sie arbeitete im Ersten Weltkrieg zunächst in einem Säuglingsheim, dann, 1915 und 1916, als Rotkreuz-Helferin im als Lazarett genutzten St. Joseph-Stift. Sie konnte wegen einer Erkrankung dort nicht mehr tätig sein und besuchte die Kunstgewerbeschule in Bremen.

Ehe mit Arthur Scherbius mini|hochkant|Ihr erster Ehemann Arthur Scherbius (Foto 1913) starb 1929 durch einen Unfall Bei einem Aufenthalt in Partenkirchen lernte sie im Frühsommer 1917 den Doktor-Ingenieur Arthur Scherbius (Bild) kennen, der kaum ein Jahr später, am 23. Februar 1918, seine wohl berühmteste Erfindung zum Patent anmeldete – die Rotor-Chiffriermaschine Enigma. Jahrzehnte später, im Zweiten Weltkrieg (1939–1945), wurde sie – in modifizierter Form – von der deutschen Wehrmacht zur Verschlüsselung ihres geheimen Nachrichtenverkehrs eingesetzt.

Elisabeth Taaks und Arthur Scherbius verlobten sich im Juni 1917 in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main und heirateten nur wenige Monate darauf, am 10. November 1917, in Elisabeths Heimatstadt Bremen. Trauzeugen waren ihr Vater und dessen Bruder Otto Christian Taaks. Sie zog zu ihrem Ehemann nach Berlin. Am 30. Oktober 1919, bei der Hochzeit eines Verwandten von Scherbius, traf sie die Schwester der Braut, Frida Greve (ab 1945 Uhlig), mit der sie von da an befreundet war und die politisch großen Einfluss auf sie hatte. Elisabeths Erkrankung (Tuberkulose) machte ab 1921 lange Aufenthalte in Krankenhäusern und Sanatorien notwendig. 1924 zog das Ehepaar in sein neuerbautes Haus in Berlin-Wannsee. Sie blieben weiterhin in Kontakt mit seiner Mutter in Frankfurt und mit ihren Eltern und Geschwistern. Es gab gegenseitige Besuche. Auch mit ihrem konservativen älteren Bruder Claus trafen sie sich mehrfach, verbrachten 1923 und 1928 auch gemeinsame Urlaube mit ihm.Briefe ihres Bruders Claus von 1923 und 1928. In Berlin waren unter ihren Freunden und Bekannten Elektrotechniker wie Scherbius selbst, aber auch an Musik, bildender Kunst, Politik und Literatur interessierte Personen, unter ihnen der Verleger, Ingenieur und Erfinder Friedrich Joseph Pungs.Brief ihrer Schwiegermutter Hedwig Scherbius an sie vom 18. Januar 1931.

Im Jahr 1925, als die Firmen, an denen Scherbius beteiligt war, erhebliche wirtschaftliche Probleme hatten, vereinbarten Arthur und Elisabeth Gütertrennung. Sie erhielt das gesamte Eigentum mit Ausnahme dieser Beteiligungen, d. h. das Haus und zwei Konten. Am 15. Januar 1929 nahmen sie ein Kind aus einem Heim bei sich auf und beantragten die Adoption. Am 13. Mai 1929 starb Arthur Scherbius durch einen Unfall; die Chiffriermaschinen AG, an der er beteiligt war, war verschuldet. Der Verlustvortrag aus dem Jahr 1925 war noch nicht ausgeglichen und die Enigma bis dahin nur in geringen Stückzahlen produziert worden. Elisabeth Scherbius musste das Haus in Wannsee verlassen, sie zog in eine kleinere Wohnung.Brief vom 8. September 1929 an eine Jugendfreundin. Das Kind adoptierte sie 1930 unter dem Namen Scherbius.

Ehe mit Friedrich Pungs, politische Aktivität mini|hochkant|Straßenpropaganda, wie dieser RHD-Wagen (1928), war nur ein kleiner Teil der Roten Hilfe, die im Wesentlichen aus der Rechtsberatung durch engagierte Anwälte bestand, die auch justizkritische Publikationen veröffentlichten.

1931 heiratete sie Friedrich Joseph Pungs, ihr Sohn wurde von jenem adoptiert. Ihre finanzielle Lage wurde besser. 1932 verkaufte sie das von Scherbius geerbte Haus an Gertrude Henius, die Frau des jüdischen Verlegers Frank Henius, und ließ in Kleinmachnow, Jägerhorn 17, ein kleines Haus im Bauhaus-Stil bauen (Architekt: Paul Rudolf Henning). Dort gab es 1933 eine Durchsuchung, die jedoch ohne Folgen blieb.Volker Hoffmann: Hanno Günther. Ein Hitler-Gegner 1921–1942. Geschichte eines unvollendeten Kampfes. Berlin 1992, ISBN 3-89468-050-4, S. 45–48. Während des Hausbaus kam sie mit ihrem Sohn bei Freunden und Bekannten unter, eine Zeitlang auch in Partenkirchen, bei David Stern-Gwiasda, der dort zusammen mit seiner Frau Karolina ein Schülerheim betrieb; ihr Mann wohnte in Berlin währenddessen bei dem mit ihm befreundeten Werner Ackermann. Das Haus wurde 1936 verkauft, und die Familie zog in die Wiesbadener Straße 45 in Wilmersdorf. Elisabeth Pungs kaufte 1936 ein Mietshaus in Berlin.Zentrales Grundbucharchiv, Berlin. Ab 1938 war ihr Sohn im Jungvolk der HJ, an dessen Übungen und Fahrten er durchaus begeistert teilnahm.

Bereits in ihrer Jugend war Elisabeth Pungs links eingestellt; sie war in den 20er Jahren Mitglied der Deutschen Liga für MenschenrechteBrief ihres Bruders Hermann an ihren Bruder Claus vom 23. Januar 1948. und engagierte sich in Kampagnen für die Abschaffung des Schwangerschaftsparagraphen §218. Ab 1931 war sie Mitglied der Roten Hilfe Deutschlands (RHD), einer politischen Hilfsorganisation, die der KPD nahestand. Diese wurde, wie auch die Deutsche Liga für Menschenrechte, nach der Machtergreifung 1933 verboten.

Gesprächskreis Zu den Bekannten und Freunden des Ehepaars Pungs gehörten Personen, die in der KPD waren oder mit ihr sympathisierten. In Kleinmachnow, wie auch ab 1936 in der Wiesbadener Straße, traf sich bei ihr ein kleiner Kreis, in dem über Politik diskutiert wurde, auch über Literatur und Kunst; marxistische Werke wurden gelesen und besprochen. Nach außen hin erschien er als ein Kreis Intellektueller und Künstler. Friedrich Pungs war Parteimitglied wie sie und kannte die Teilnehmer,Brief von Friedrich Pungs an ihren Bruder Claus vom 24. Januar 1948. war aber auf ihren Wunsch bei den politischen Sitzungen nicht anwesend. Ihre wie auch seine Verwandten wussten von dem Gesprächskreis. 1935, lernte sie Alfred Schmidt-Sas kennen, zunächst war jener Klavierlehrer für ihren Sohn, dann nahm er auch an den Gesprächen teil.Volker Hoffmann: Der Dienstälteste von Plötzensee. Das zerrissene Leben des Musikerziehers Alfred Schmidt-Sas (1895–1943). Berlin 1998, ISBN 3-89626-089-8, S. 121 ff. 1937/38 emigrierten sechs jüdische Teilnehmer, Arnold und Friedel Motulsky, Herr und Frau Loewy, Herr Millet und dessen Freundin, Fräulein Neldener. Der auch in anderen oppositionellen Zirkeln und in der KPD aktive Apotheker und Pharma-Vertreter Arnold Motulsky empfahl ihr den mit seinen Söhnen befreundeten jungen Hanno Günther, mit dem sie von da an politische Gespräche führte. In den Vernehmungen durch die Gestapo 1941 wurden nur die Teilnehmer des Gesprächskreises genannt, die emigriert waren, und diejenigen, die der Gestapo bereits bekannt waren: Albert Rettich (Künstlername Albert Arid, Schauspieler und Regisseur) und dessen Frau, Kristine Hörnecke und deren Mutter, Alfred Schmidt-Sas (ab 1935 gelegentlich); Als Elisabeth Pungs‘ Sohn von dem Autor Volker Hoffmann interviewt wurde, nannte er noch Erich Ohser (e.o.plauen).Volker Hoffmann: Hanno Günther ein Hitler-Gegner. 1921–1942. Geschichte eines unvollendeten Kampfes. Berlin 1992, S. 212. Als Friedrich Pungs’ Freund Werner Ackermann 1940 von Belgien in Südfrankreich interniert wurde, wohnten dessen Frau Ota und Tochter Sonja Ackermann bei Pungs; als Werner Ackermann in das besetzte Belgien zurückgekommen war und dort in der Abwehr tätig wurde, zog seine Frau zu ihm. Sonja, die während des Kriegs weiterhin bei Pungs wohnte, nannte, 2013 befragt, Peter Keler als Teilnehmer des Gesprächskreises.

Klebezettel und Flugblätter „Das freie Wort“ Im Spätherbst 1939, nach dem Überfall auf Polen, verfasste Elisabeth Pungs, zusammen mit Hanno Günther, ein erstes Flugblatt, das als offener Brief eines unzufriedenen alten Parteigenossen formuliert war; sie verbreiteten es als Durchschläge in ca. 100 Exemplaren. Daneben stellten sie bis Ende 1939 Klebezettel her mit Parolen wie „Jeder Sieg bringt neuen Krieg!“, die sie in sieben oder acht Aktionen an gut sichtbare Stellen, z. B. auf Plakate, klebten. Der Text des Flugblatts und die Parolen werden in der Anklageschrift und in dem Urteil gegen die „Rütligruppe“ zitiert. Nachdem im Frühjahr 1940 Albert Arid wegen des Besitzes anderer Flugblätter verhaftet worden war, brachte Elisabeth Pungs ein von Alfred-Schmidt-Sas beschafftes Umdruckgerät unbenutzt an jenen zurück. Bis Sommer 1940 wurden keine Flugblätter mehr verfasst, dann besorgte Hanno Günther ein anderes Umdruckgerät. Sechs Flugblätter mit dem Titel „Das freie Wort“ wurden geschrieben, gedruckt und verbreitet, in einer Auflage von jeweils 200–300 Stück. Die Flugblätter dieser Reihe riefen zum Sturz der „Nazi-Plutokratie“ auf, zum Frieden, zum Kampf gegen den Krieg. Im Gegensatz zu der vorherrschenden Begeisterung über die „Erfolge“ – die Siege über Polen, dann über Frankreich – sah sie, dass diese Siege weitere Kriege nach sich ziehen und das Volk, das Material für diese Siege, zugrunde richten werden. Gerade die Zustimmung einer Mehrheit der Deutschen zum Krieg, veranlasste sie zum Protest.

Das erste Flugblatt dieser Reihe schrieben Elisabeth Pungs und Hanno Günther im Juli 1940. Auf die Frage „Will Hitler den Frieden?“ gab es die Antwort, dass jeder Sieg weitere Kriege nach sich ziehen werde.

Das zweite Flugblatt rechnete den Lesern vor, dass die von der Regierung beschlossenen sozialen Leistungen in Wirklichkeit Einschränkungen waren. Der „Sozialismus“ der „Hitlerplutokraten“ sei „nur das Mäntelchen, um das Volk nur noch schamloser auszuplündern.“ Dieses Flugblatt endet mit den Parolen der Klebezettel, es stellte so – auch für die Gestapo – die Verbindung zwischen den Aktionen her.

Das dritte Flugblatt nennt erneut als Gegner die „Herren von Kohle und Eisen“ und fordert Frieden, Freiheit und eine Volksvertretung. Es wurde auf Vorschlag von Hanno Günther erstmals unterzeichnet mit „Die deutsche Friedensfront“. Bereits da gab es Einwände von Elisabeth Pungs, der die Beiträge Günthers nicht entschieden genug waren. In den Vernehmungen nannte sie sie „zu verschwommen“, Günther sagte aus, sie seien ihr „nicht kommunistisch genug“ gewesen.

Das vierte Flugblatt vom November 1940 verfassten Hanno Günther und dessen Freund Wolfgang Pander. Sie hatten sich aus öffentlichen Quellen Daten über die Royal Air Force beschafft, die damals schon Berlin bombardierte. Günther und Pander widerlegten in dem Flugblatt die von der NS-Propaganda behauptete Überlegenheit der Luftwaffe und der Luftabwehr, zeigten, dass es die von Göring behaupteten Siege über die RAF nicht gab.

Das fünfte Flugblatt vom Dezember 1940 schrieben ebenfalls Hanno Günther und Wolfgang Pander, es enthielt, auf Wunsch Panders, eine „Weihnachtslegende“, in der Joseph Goebbels als Lügner und Betrüger dargestellt wird, dessen leere Versprechungen die Menschen am Ende des Flugblatts durchschauen.