Rip Van Winkle ist eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving (1783–1859), die erstmals 1819 im Rahmen seines Sketch Book erschien. Neben The Legend of Sleepy Hollow (deutsch: Die Sage von der schläfrigen Schlucht) aus demselben Band gilt sie als erste Kurzgeschichte der amerikanischen Literatur und ist bis heute eine der bekanntesten. Angelehnt an die deutsche Sage Der Ziegenhirt, erzählt sie die Geschichte des Bauern Rip Van Winkle, der zur englischen Kolonialzeit in den Bergen New Yorks in einen Zauberschlaf fällt, erst nach zwanzig Jahren wieder aufwacht und feststellt, dass er nun nicht mehr Untertan des englischen Königs, sondern Bürger der Vereinigten Staaten ist. mini|Der Schauspieler Joseph Jefferson als Rip Van Winkle in einer Bühnenadaption (1869), Fotografie von Napoleon Sarony

Inhalt Der Anfang der Geschichte spielt in der englischen Kolonialzeit des heutigen amerikanischen Bundesstaats New York. In einem idyllischen Dorf niederländischer Siedler zwischen dem Hudson River und den „Kaatskill“-Bergen führt der Bauer Rip Van Winkle ein beschauliches Leben und ist als einfacher und gutmütiger Mann bei Frauen, Kindern und Hunden gleichermaßen beliebt. Da er aber eine „unüberwindliche Abneigung gegen alle Arten von erklecklicher Arbeit“ hat, muss er häufig den Zorn seines missmutigen Weibes (nur „Dame Van Winkle“ genannt) erdulden und nutzt jede Gelegenheit, den Unannehmlichkeiten des Ehelebens und der Häuslichkeit zu entrinnen und in Begleitung seines Hundes durch die Wälder zu streifen, um zu angeln oder zu jagen. Auf einem dieser Streifzüge durch die Kaatskills vernimmt er, mitten im Wald, plötzlich seinen Namen und sieht eine menschliche Gestalt, gekleidet in altmodischer niederländischer Tracht und ein Fass Schnaps auf der Schulter tragend. Wortlos folgt er der Erscheinung durch eine Schlucht zu einer Senke, wo sich zu seinem großen Erstaunen eine ganze Gesellschaft ähnlich seltsamer Gestalten – die Szene erinnert Rip an ein altes flämisches Gemälde – zum Kegelspiel zusammengefunden hat. Kein Wort wird gewechselt, allein das Poltern der Kugeln stört die Stille. Wortlos wird Rip geheißen, den Spielern aus dem Fass auszuschenken, aus dem er schließlich selbst kostet und in einen tiefen Schlaf fällt.

mini|Die Rückkehr des Rip Van Winkle Gemälde von John Quidor, 1849. National Gallery of Art, Washington D. C. Als er aufwacht, ist die geisterhafte Gesellschaft verschwunden, ebenso sein Hund; statt seines Gewehrs findet Rip nur eine vermoderte Flinte, außerdem stellt er zu seiner Überraschung fest, dass sein Bart scheinbar über Nacht einen Fuß gewachsen ist. Als er in sein Dorf zurückkehrt, erkennt er es kaum wieder – überall sind neue Häuser entstanden, sein eigenes Haus ist verfallen und verlassen, und auch alle Bewohner (und Hunde) scheinen ihm unbekannt und begegnen ihm mit Misstrauen. Rips geliebtes Wirtshaus ist dem Union Hotel gewichen, und dort hängt zwar – so scheint es ihm – immer noch das vertraute Porträt des englischen Königs, doch ist es nun mit dem Schriftzug General Washington versehen. Davor eifert ein Redner über „Wahlen“, „Bürger“, den „Kongress“, die „Helden von ’76“ und ähnliche, für Rip völlig unverständliche Dinge. Als er von der neugierigen Menge zur Rede gestellt wird, erklärt der in Bedrängnis geratene Rip, er sei ein „armer, ruhiger Mann, ein Einwohner des Dorfes und ein treuer Untertan des Königs, Gott segne ihn!“ und wird daraufhin beschuldigt, ein Verräter und Spion zu sein.

Erst als ihn eine alte Frau erkennt, löst sich das Rätsel: Rip hat nicht eine Nacht, sondern zwanzig Jahre geschlafen. In der Zwischenzeit ist seine Frau verstorben (die einzige tröstliche Nachricht für ihn), seine Kinder sind erwachsen geworden, und vor allem hat er die amerikanische Revolution und den Unabhängigkeitskrieg verschlafen. Der älteste Dorfbewohner erklärt, dass es sich bei den wunderhaften Gestalten, die Rip dereinst im Wald angetroffen habe, um niemand geringeres als Henry Hudson und seine holländische Mannschaft gehandelt haben müsse; alle zwanzig Jahre halte Hudson in den Bergen Einkehr, um den Fortschritt des nach ihm benannten Tals in Augenschein zu nehmen. Rip Van Winkle kommt indes im Haushalt seiner Tochter unter und verbringt, befreit vom „Joch der Ehe“, einen angenehmen Lebensabend. Seine Geschichte erzählt er allen Kindern und Reisenden so oft, bis sie schließlich landein, landaus bekannt ist; und obwohl, so der Erzähler, einige böse Stimmen behaupten, er sei nicht recht bei Verstand gewesen, so zweifelten doch mindestens die niederländischen Siedler nie an ihrer Wahrheit.

Werkzusammenhang

Entstehung mini|Washington Irving um 1820. Stich nach einem Gemälde von Gilbert Stuart Newton mini|Titelseite der 1819 in New York erschienenen ersten Nummer des Sketch Book. Die Namensgleichheit des Druckers C. S. Van Winkle mit dem Protagonisten von Irvings Erzählung ist zufällig. Rip Van Winkle ist Teil des „Skizzenbuchs“ (The Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent.), das Irving 1818/19 in England verfasste. 1815 war er nach Liverpool gekommen, um seinem Bruder bei der Leitung der englischen Filiale des irvingschen Familienunternehmens zur Hand zu gehen, doch konnte er den Niedergang und schließlich den Bankrott des Unternehmens im Jahr 1818 nicht abwenden. Nach diesen ernüchternden Jahren sah sich Irving in einem fremden Land auf sich selbst gestellt, verfiel in Depressionen und fasste schließlich den Entschluss, die Literatur zum Beruf zu machen. Rip Van Winkle entstand einer Familienanekdote zufolge im Juni 1818, als Irving bei seiner Schwester Sarah Van Wart in Birmingham weilte. Mit seinem Schwager Henry Van Wart schwelgte er eines Abends in Erinnerungen an glückliche Jugendtage in der ländlichen Idylle des Hudson-Tals. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe sich in sein Zimmer begeben und bis zum Morgengrauen geschrieben, um dann, das Manuskript in Händen haltend, frohen Mutes am Frühstückstisch zu erscheinen und seinen Gastgebern die Geschichte vorzulesen.Stanley T. Williams: The Life of Washington Irving. Oxford University Press, New York 1935, Band 1, S. 168–169.

Die Texte des Skizzenbuchs erschienen in Amerika zunächst über einen Zeitraum von rund anderthalb Jahren in sieben Einzelheften, in Buchform erstmals 1820 in zwei Bänden in England. Rip van Winkle erschien als vierte und letzte „Skizze“ des ersten amerikanischen Hefts (als fünfte, wenn man die vorangestellte Vorstellung des Autors hinzuzählt) vom Mai 1819. Sie war die erste, deren Schauplatz nicht Europa, sondern Irvings Heimat New York ist. Rip Van Winkle kann so als Ehrerbietung gegenüber seinem New Yorker Publikum gelesen werden. Einen autobiografischen Zusammenhang legt der Umstand nahe, dass die Protagonisten der beiden vorangehenden Skizzen, The Wife und Roscoe, ebenso wie Rip Van Winkle von finanziellem Ruin und Verarmung bedroht sind – im Fall von Rip Van Winkle ist dabei augenfällig, dass dieser letztlich nicht nur dieser Notlage entrinnt, sondern am Ende der Geschichte auch als Geschichtenerzähler bekannt und geehrt wird.Mary Weatherspoon Bowden: Washington Irving. Twayne, Boston 1981, S. 59; Andrew Burstein: The Original Knickerbocker: The Life of Washington Irving. Basic Books, New York 2006, S. 149.

Erzählinstanzen Die Geschichte ist in eine komplexe Herausgeberfiktion eingebettet: Irving veröffentlichte bis zu seiner Kolumbusbiografie 1828 stets unter verschiedenen Pseudonymen, auch wenn seine Autorschaft bekannt war. Erzähler und vorgeblicher Autor des Skizzenbuchs ist ein gewisser Geoffrey Crayon, ein amerikanischer Gent. (Gentleman) auf Reisen in Europa. Der Rip Van Winkle wird hingegen als in die Skizzen Crayons eingeflossenes Werk aus dem Nachlass des Historikers Diedrich Knickerbocker präsentiert. Diese Persona hatte Irving bereits 1807 als Erzähler seiner erschienenen satirischen History of New York (dt. Geschichte New Yorks vom Beginn der Welt bis zum Ende der holländischen Dynastie) vorgeschoben: Knickerbocker sei demnach eines Tages spurlos verschwunden, und sein Vermieter habe die in seinem Nachlass gefundenen Papiere veröffentlicht, um mit den Erlösen die Ausstände Knickerbockers zu begleichen. Im Skizzenbuch erscheint Rip Van Winkle eingerahmt von einer Vorrede, einem Appendix und einem Postskriptum des Erzählers Geoffrey Crayon – eine Parodie der Art von kritischem Apparat, wie ihn etwa Walter Scott oder die Brüder Grimm ihren Lieder- und Märchensammlungen beifügten.Ruth B. Bottigheimer: Washington Irving. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. Walter de Gruyter, Berlin 1977, S. 295. Crayon bürgt darin für die Verlässlichkeit seines Gewährsmanns Knickerbocker:

Die Wahrhaftigkeit der Geschichte wird nochmals im Postskriptum unterstrichen, in dem eine beigefügte Bemerkung Knickerbockers zitiert wird. Knickerbocker behauptete darin, Rip Van Winkle nicht nur persönlich getroffen, sondern „sogar eine Beglaubigungsschrift über den Gegenstand gesehen“ zu haben, „die von einem Dorfrichter aufgenommen und mit einem Kreuz, in des Richters eigener Handschrift, unterzeichnet war. Die Geschichte ist also über jeden möglichen Zweifel erhaben.“Rip van Winkle. In: Washington Irving: Gottfried Crayon’s Skizzenbuch. Johann David Sauerländer, 1846; So wird die Geschichte durch gleich drei Erzähler – Geoffrey Crayon, Diedrich Knickerbocker, Rip Van Winkle – vermittelt und so ironisch gebrochen.

Gattung Besondere Bedeutung hat Rip Van Winkle für die Gattungstheorie: Ungeachtet der Tatsache, dass es fiktionale Kurzprosa auch vor Irving gab und eine Definition des Wesens der short story (Kurzgeschichte) – unterschieden etwa von der Anekdote, dem Märchen oder der Novelle – in der Literaturwissenschaft bis heute offen diskutiert wird, gilt Irving mit Rip Van Winkle als „Urtext“ gemeinhin als „Erfinder“ der Kurzgeschichte,So z. B. bei Fred L. Pattee: Development of the American Short Story: An Historical Survey. Harper & Brother, New York 1923, S. 1ff. einer Gattung, die anders als in der deutschen oder auch englischen besonders in der amerikanischen Literatur große Geltung erlangt hat. Während die anderen Skizzen des Skizzenbuch kaum narrativ und zumeist auch nicht fiktional angelegt sind und so eher dem Essay oder auch der Reiseliteratur nahestehen, bildet Rip Van Winkle eine in sich geschlossene Handlung ab, die sich um ein prägnantes und außerordentliches „Mittelpunktsereignis“ oder Grundmotiv strukturiert.Werner Hoffmeister: Die deutsche Novelle und die amerikanische „Tale“: Ansätze zu einem gattungstypologischen Vergleich. In: The German Quarterly 63:1, 1990, S. 44–45. Dies gilt ebenso für die „Skizzen“ The Legend of Sleepy Hollow („Die Sage von der schläfrigen Schlucht“) und das heute kaum noch gelesene Stück The Spectre Bridegroom („Der Geisterbräutigam“), die in späteren Heften des Sketch Book erschienen. Die Bezeichnung als short story erfolgte nachträglich; Irving selbst bezeichnete seine Kurzprosastücke als sketches & short tales.George S. Hellman (Hrsg.): Letters of Washington Irving to Henry Brevoort, together with other Unpublished Brevoort Papers. G. P. Putnam’s Sons, New York 1918, S. 399: „I have preferred adopting a mode of sketches & short tales rather than long work, because I chose to take a mode of writing peculiar to myself; rather than fall into the mode or school of any other writer; and there is a constant activity of thought and a nicety of execution required in writings of the kind, more than the world appears to imagine …“.

Quellen mini|Darstellung des schlafenden Friedrich Barbarossa am Kyffhäuserdenkmal