Mit Judenpogrom bezeichnet man ein gegen Juden gerichtetes Pogrom, in dessen Folge Juden beraubt, enteignet, vertrieben und auch getötet wurden.

Geschichte Mittelalter Die ersten größeren Judenpogrome im mittelalterlichen Europa wurden im islamisch geprägten, maurischen Teil der Iberischen Halbinsel ausgeführt.Frederick M. Schweitzer, Marvin Perry: Anti-Semitism: myth and hate from antiquity to the present. Palgrave Macmillan 2002, ISBN 0-312-16561-7, S. 267–268. Im Laufe der Belagerung und Plünderung Córdobas durch die Berber wurden 1011 etwa 2000 Juden umgebracht. Eine noch größere Zahl jüdischer Opfer gab es 1033 im nordafrikanischen Fès, wo die Berber unter Tamim mehr als 6000 Juden töteten, ihre Frauen versklavten und ihren Besitz an sich brachten.Abu-Mohammed Assaleh: Historia dos soberanos mohametanos: das primeiras quatro dysnastias e de parte da quinta, que reinarao na Mauritania. Lissabon 1828, S. 117. Beim Massaker von Granada 1066 fielen etwa 4000 Juden einem muslimischen Mob zum Opfer.

In Mitteleuropa kam es zu ersten großen Judenverfolgungen zur Zeit des Ersten Kreuzzugs (1096–1099).Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Rowohlt, Reinbek 1998, ISBN 3-499-60618-6, S. 66. Am 27. November 1095 hatte Urban II. die Christen auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug ins Heilige Land aufgerufen.Karin Feuerstein–Praßer (fp): Papst Urban ruft zum Kreuzzug. In: Die Kreuzzüge, Kampf ums Heilige Land, Pilgerfahrt mit dem Schwert. Zeitschrift G-Geschichte Ausgabe: März/07, S. 16–19, (Sailer-Verlag Nürnberg, www.g-geschichte.de). Die Kreuzfahrer sollten die dort ansässigen Muslime vertreiben und in Jerusalem die den Christen heiligen Stätten in Besitz nehmen. Vor allem die reichen jüdischen Gemeinden wurden Opfer der unorganisierten Kreuzfahrer aus Frankreich und aus dem westdeutschen Raum. Dem eigentlichen Kreuzzug der Ritter ging im Frühjahr 1096 der Volks- oder Bauernkreuzzug voraus. Bruno Gloger: Kreuzzüge nach dem Orient. Kinderbuchverlag, Berlin 1985, ISBN 3-358-00016-8, S. 19 ff. (Der Raubzug gegen die Juden).Karin Schneider–Ferber(ksf): Der erste Kreuzzug. Pilgerfahrt unter Waffen. In: Die Kreuzzüge, Kampf ums Heilige Land, Pilgerfahrt mit dem Schwert. Zeitschrift G-Geschichte Ausgabe: März/07, S. 23 f. (Der blutige Untergang des Volkskreuzzugs). Die daran Beteiligten beschlossen zunächst die Juden, die ebenso wie die Muslime als Feinde des Christentums betrachtet wurden, aus den eigenen Territorien zu vertreiben und sich deren Besitz anzueignen. Die im Rheinland ansässigen Juden wurden von den etwa 15.000 Teilnehmern des Bauernkreuzzuges, die sich dort längere Zeit aufhielten, überrannt und vor die Wahl „Taufe oder Tod“ gestellt. Tausende, die nicht zum Christentum konvertieren wollten, wurden erschlagen. In Speyer, Worms und Mainz kam es zu den ersten großen Judenpogromen des Abendlandes.Karen Armstrong: Jerusalem-die Heilige Stadt. 1. Auflage. München 1998, S. 391 ff. Allein in Mainz ermordete ein wilder Haufen unter Führung des Grafen Emicho von Leiningen 700 Juden, die im burgartigen Bischofspalast Schutz gesucht hatten. Die Täter zog Kaiser Heinrich IV. später zur Rechenschaft. Das Kreuzzugsheer unter Führung von Walter ohne Habe und Peter dem Eremiten erreichte Konstantinopel im Sommer 1096, um von dort aus über Anatolien weiter nach Jerusalem zu ziehen. Die etwa 25.000 Kreuzfahrer ließ der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos am 6. August 1096 über den Bosporus nach Kleinasien übersetzen. Dort wurden die militärisch unerfahrenen Kreuzfahrer von der Reiterei der Seldschuken aufgerieben; nur wenige überlebten. Die Kreuzritterheere selbst brachen erst im Herbst 1096 zum Kreuzzug in das „Heilige Land“ auf. Nach der Eroberung Jerusalems (1099) verübten die Ritter des Kreuzfahrerheeres nicht nur ein Massaker unter den muslimischen Einwohnern der „Heiligen Stadt“, sondern ermordeten auch alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Jerusalem.Bruno Gloger: Kreuzzüge nach dem Orient. Kinderbuchverlag Berlin, 1985, S. 29 ff. (Die Eroberung der Heiligen Stadt). Sie erließen ein Gesetz, das Juden und Muslime zukünftig aus der Stadt verbannte.

Im Spätmittelalter kam es im deutschsprachigen Raum ausgehend von der Region Franken zu überregionalen Judenpogromen. Während des „Rintfleischpogroms“ (1298) wurden unter Führung des fränkischen Edelmannes Rintfleisch und während der Armledererhebung (1336–1338) unter Führung eines Raubritters, der sich „König Armleder“ nennen ließ, zahlreiche jüdische Gemeinden ausgelöscht.Monika Grübel: Schnellkurs Judentum. DuMont, Köln 2003 (5. Auflage), ISBN 3-8321-3496-4, S. 71 f. (Abschnitt: Vorwurf der Hostienschändung). Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510) und die Ausweisung der Juden aus. In: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte. Band 39 (1988), S. 7–26.

Besonders schlimm waren die sogenannten „Pestpogrome“ während der Pestwelle in den Jahren 1348 bis 1353. Den Juden wurde vorgeworfen, die Brunnen vergiftet zu haben, um alle Christen zu ermorden. Dieser Glaube wurde dadurch befeuert, dass die Juden nicht in dem Maße von der Epidemie betroffen waren wie die übrige Bevölkerung; Grund dafür waren die von ihnen praktizierten, rituellen Reinheitsvorschriften. Die Juden waren meist im Zins- und Wechselgeschäft oder als Pfandleiher tätig. Den Christen dagegen war der „Wucher“ – das Verleihen von Geld gegen Zinsen – wegen des von der Katholischen Kirche erlassenen Zinsverbots nicht gestattet; Juden durften nur untereinander keine Geldgeschäfte tätigen. Nach Judenpogromen und Vertreibungen wurden die von ihnen einbehaltenen Schuldscheine meist für ungültig erklärt. Die Pogrome führten dazu, dass danach kaum noch Juden in Mitteleuropa existierten.

Frühe Neuzeit Im ausgehenden Spätmittelalter kam es im Osten des Heiligen Römischen Reiches zu Judenpogromen. 1492 wurden in Mecklenburg im Sternberger Hostienschänderprozess 27 Juden zum Feuertod verurteilt. Sie starben vor den Toren der Stadt Sternberg auf dem Scheiterhaufen.Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510) und die Ausweisung der Juden aus Mecklenburg und der Mark Brandenburg. In: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte. Band 39 (1988). S. 7–26. Danach wurden alle im Land ansässigen Juden vertrieben. Erst 1679 durften sich wieder Juden im Land ansiedeln.Heinz Hirsch: Spuren jüdischen Lebens in Mecklenburg. In: Reihe Geschichte Mecklenburg-Vorpommern, Hrsg. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Nr. 4. Schwerin 2006, S. 12. (Digitalisat; PDF; 5,7 MB) 1510 folgte die Mark Brandenburg dem Mecklenburger Beispiel. Im Ergebnis des Berliner Hostienschänderprozesses wurden 39 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt und zwei weitere – diese waren durch Taufe zum Christentum übergetreten – enthauptet. Alle anderen mussten, nachdem sie Urfehde geleistet hatten, das Land verlassen.

Zu einer weiteren Welle organisierter Pogrome kam es während der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch die benachbarten christlichen Königreiche. Die Reconquista begann 718 und endete im Jahr 1492 mit der Eroberung des Emirats von Granada als letzten muslimischen Herrschaftsbereich auf der Iberischen Halbinsel. Noch im selben Jahr wurde das Alhambra-Edikt erlassen, in dem verfügt wurde, alle Juden aus den Territorien der spanischen Krone zu vertreiben. Ausgenommen davon waren Conversos, zum Christentum übergetretene Juden.Leo Trepp: Die Rückeroberung Spaniens durch die Christen – Die Inquisition. In: Die Juden. Rowohlt, Reinbek 1998, ISBN 3-499-60618-6, S. 61/62.

In der Zeit der Reformation zwischen 1517 und 1648 waren Judenpogrome im Heiligen Römischen Reich wesentlich seltener, obwohl der Reformator Martin Luther selbst eine Streitschrift gegen die Juden ausgestellt hatte, in der er Judenpogrome, Vertreibungen und Verbrennungen von Synagogen forderte.

Im Zuge ihres von Bohdan Chmelnyzkyj angeführten Aufstandes 1648 und 1649 verübten die Kosaken Pogrome in der Ukraine, die damals unter der Herrschaft des Königreiches Polen-Litauen stand.Haim Hillel Ben-Sasson: Geschichte des jüdischen Volkes, Band 2: Vom 7. bis zum 17. Jahrhundert. C.H. Beck, München 1979, ISBN 3-406-07222-4, S. 330. Dabei wurden, so eine neuere Berechnung, etwa 18.000 bis 20.000 Juden umgebracht,Shaul Stampfer: What Actually Happened to the Jews of Ukraine in 1648? In: Jewish History, Jg. 17 (2003), S. 207–227, hier S. 218. etwa die Hälfte der damals in der Ukraine lebenden Juden (Rotruthenien dabei nicht mitgerechnet).Shaul Stampfer: What Actually Happened to the Jews of Ukraine in 1648? In: Jewish History, Jg. 17 (2003), S. 207–227, hier S. 221. Ältere Schätzungen nehmen eine noch höhere Opferzahl an. „Die Grausamkeit der Kosaken setzte grauenerregende Vorbilder in die Welt.“Haim Hillel Ben-Sasson: Geschichte des jüdischen Volkes, Band 2: Vom 7. bis zum 17. Jahrhundert. C.H. Beck, München 1979, S. 331. Viele jüdische Gemeinden, so berichten die Chroniken, gab es nach den Pogromen nicht mehr.Shaul Stampfer: What Actually Happened to the Jews of Ukraine in 1648? In: Jewish History, Jg. 17 (2003), S. 207–227, hier S. 210. Zahlreiche Juden (möglicherweise mehr als 1000) konvertierten zur Russisch-Orthodoxen Kirche, um ihr Leben zu retten.Shaul Stampfer: What Actually Happened to the Jews of Ukraine in 1648? In: Jewish History, Jg. 17 (2003), S. 207–227, hier S. 217–218. Mindestens 3000 Juden verkauften die Kosaken als Sklaven in das Osmanische Reich. Das Trauma der 1648 und 1649 erlittenen Pogrome prägte das kollektive Gedächtnis der Juden in Osteuropa über Jahrhunderte.Shaul Stampfer: What Actually Happened to the Jews of Ukraine in 1648? In: Jewish History, Jg. 17 (2003), S. 207–227, hier S. 207.

19. und frühes 20. Jahrhundert 1819 fanden, beginnend in Würzburg, in mehreren Städten des Deutschen Bundes antijüdische Ausschreitungen, die sog. Hep-Hep-Krawalle, statt.

Im Ansiedlungsrayon des Russischen Kaiserreichs kam es nach der Ermordung Alexanders II. 1881 zu mehreren Wellen von Judenpogromen. Juden wurden als Träger der Modernisierung, die die antikapitalistischen Täter ablehnten, stigmatisiert, als Träger westlicher Reformideen und als „Schmarotzer“.Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. C.H. Beck, München 2007, S. 62 ff. Unter dem Eindruck der Pogrome im Jahre 1881 wanderten im Jahrzehnt danach durchschnittlich mehr als 20.000 Juden jährlich aus dem Russischen Kaiserreich aus, insbesondere in die Vereinigten Staaten.Michael Brenner: Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates. Von Theodor Herzl bis heute. C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68822-5, S. 43.