Ramses II., auch Ramses der Große genannt (* um 1303 v. Chr.; † 27. Juni 1213 v. Chr.), war der dritte Pharao der 19. Dynastie des Neuen Reichs. Er regierte nach antiken Quellen rund 66 Jahre von 1279 bis 1213 v. Chr. und gilt als einer der bedeutendsten Herrscher des Alten Ägyptens.
Während seiner langen Regierungszeit errichtete er zahlreiche heute noch erhaltene Bauten und Monumente, wie beispielsweise den Tempel von Abu Simbel, die als UNESCO-Welterbe auch zu den touristischen Sehenswürdigkeiten des heutigen Ägypten zählen und daher weltweit bekannt sind. In Abbildungen und Inschriften lässt Ramses II. seine Taten schildern, so dass über die Zeit seiner Herrschaft vergleichsweise viele Informationen vorliegen. Die Person dieses Pharaos inspirierte seit der Antike Legenden, Romane und Kinofilme, in denen sich historische Fakten und Fiktion mischen.
Herkunft Ramses war der Sohn von Sethos I. und dessen Großer königlicher Gemahlin Tuja.Heike C. Schmidt, Joachim Willeitner: Nefertari. Gemahlin Ramses' II. (= Zaberns Bildbände zur Archäologie. Band 10). 2. Auflage. Mit Aufnahmen aus dem Königinnengrab von Alberto Siliotti. von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-1529-5, S. 26–27. Er hatte wahrscheinlich zwei Geschwister: einen Bruder, der Nebchasetnebet hieß und schon in jungen Jahren verstarb, sowie eine Schwester mit dem Namen Tia.K. A. Kitchen: Pharao Triumphant: The Life and Times of Ramesses II. Warminster 1982, S. 18. Lange Zeit wurde auch HenutmireH. C. Schmidt, J. Willeitner, A. Siliotti: Nefertari. Gemahlin Ramses' II. Mainz 1997, S. 34–35. für eine Tochter von Sethos I. und damit eine Schwester von Ramses II. gehalten. Sie war aber tatsächlich die zur Großen königlichen Gemahlin erhobene Tochter von Ramses II.
Thronfolger Aus der Kindheit und Jugend des Pharaos ist wenig bekannt. Es wird vermutet, dass er etwa acht bis zehn Jahre alt gewesen sein muss, als sein Vater zum Pharao gekrönt wurde. Die frühesten bekannten Denkmäler, wie beispielsweise die Stele des May, oder die Königsliste von Abydos des Sethos I. zeigen ihn mit der typischen Jugendlocke und stellen ihn entsprechend der ägyptischen Bedeutungsperspektive deutlich kleiner dar als seinen Vater.
Wahrscheinlich wurde Ramses in den letzten Jahren seines Vaters Sethos I. von diesem zum Prinz- oder Mitregenten eingesetzt. Der kanadische Ägyptologe Peter J. Brand (2000) gibt hierzu einen Überblick über die Inschriften und Monumente aus den ersten Regierungsjahren Ramses II.: In der Widmungsinschrift des Totentempels des Sethos I. von Abydos wird Ramses als „Ältester Sohn des Königs und Erbprinz“ (s3 nsw smsw iry-pˁt), der „gekrönt“ (sḫˁi) wurde, bezeichnet. Auf der sogenannten Kuban-Stele erscheint Ramses als Kind-Erbe (ḫrd iry-pˁt), nicht aber als gekrönter Mitregent. Weitere Monumente stellen Ramses laut Brand nicht als Mitregent dar, sondern als Thronerben. Höchstwahrscheinlich hat Ramses als Kronprinz und vorausbestimmter Nachfolger seines Vaters eine gründliche Ausbildung erhalten: Er konnte Erfahrungen auf religiösem, zivilem und militärischem Gebiet machen. In den letzten Jahren seines Vaters hatte er als Thronerbe eine herausgehobene Stellung und großen Einfluss. Indem er Monumente seines Vaters, wie beispielsweise dessen Totentempel, vollendete, stellte Ramses sich selbst und seine Herrschaft als eng verbunden mit seinem Vorgänger dar und legitimierte sich somit als Nachfolger.
Auf der Außenmauer der großen Säulenhalle im Tempel des Amun-Re in Karnak stellt ein Relief Pharao Sethos I. als Sieger auf dem Streitwagen dar; hinter dem Streitwagen war ursprünglich der Truppenoberkommandant und Wedelträger zur Rechten des Königs Mehi in der herrscherlichen Pose des „Erschlagens der Feinde“ abgebildet. Diese war dem Pharao selbst oder dem Erbprinzen vorbehalten. Kurz nach seinem Regierungsantritt ließ Ramses die Figur des Mehi durch seine eigene ersetzen und nahm auch dessen Titel für sich selbst in Anspruch. Maderna-Sieben (2016) vermutet, dass „die prominente Stellung des Mehi […] auf eine Vorsichtsmaßnahme Sethos' I. zurückzuführen [sei]“, der für den Fall seines Todes einen erfahrenen Nachfolger bereithalten wollte. Ramses habe Mehis Abbildung durch seine eigene ersetzt und damit seine junge Herrschaft legitimiert.
Darstellungen Ramses' als Thronfolger
Pharao Datum des Regierungsantritts Die Regierungsdauer Pharao Sethos I. bleibt wissenschaftlich umstritten – somit auch, wann genau Ramses II. zum Pharao erhoben wurde. Helck gibt den 26. Schemu III 1279 v. Chr. als Todestag Sethos I. an, so dass Ramses ihm zufolge am 27. Schemu III (31. Maijul. / 20. Maigreg.) die alleinige Herrschaft antrat.Wolfgang Helck: Geschichte des alten Ägypten. Brill, Leiden 1981, ISBN 90-04-06497-4, S. 186. Einen sogenannten „chronologischen Anker“ stellt nach Meinung zahlreicher Ägyptologen das Neumonddatum im 52. Regierungsjahr von Ramses dar. Der erste Tag des Mondkalenders fiel in jenem Jahr auf den 27. Peret II.
Altägyptischen Quellen ist zu entnehmen, wann der erste Mondmonatstag begann. In den Sargtexten gilt der zweite Mondmonatstag als „Tag, an dem der Mond klein ist“. Ein ptolemäischer Text aus dem Chonsu-Tempel in Karnak beschreibt die beiden ersten Mondmonatstage: „Der Mond wird am Tag der Nichtsichtbarkeit empfangen und am zweiten Mondmonatstag geboren.“Winfried Barta: Thronbesteigung und Krönungsfeier als unterschiedliche Zeugnisse königlicher Herrschaftsübernahme. In: Studien zur altägyptischen Kultur. (SAK) Band 8, Buske, Hamburg 1980, ISBN 3-87118-497-7, S. 33–53, hier S. 39, . Jürgen von Beckerath berechnete das Neumonddatum und entschied sich von den für ihn in Frage kommenden Jahren 1203, 1228 sowie 1253 v. Chr. für die mittlere Möglichkeit, da er bezüglich der Thronbesteigung das Jahr 1304 v. Chr. als „zu früh“ und das Jahr 1254 v. Chr. als „zu spät“ einstufte. Ausgehend vom Jahr 1228 v. Chr. ergaben die Berechnungen von Beckeraths in Rückrechnung somit das Jahr 1279 v. Chr. als Regierungsantrittsdatum. Beckeraths Ermittlung des Neumonddatums ist allerdings wieder umstritten, da auch andere Berechnungsgrundlagen vorliegen.
Datum des Neumondfestes im Jahr 1228 v. Chr. (Berechnung: Jürgen von Beckerath) Ereignis Bezugsort Gregorianischer Kalender Ägyptischer Kalender Letzte sichere Altlichtsichtbarkeit7. Dezember gegen 5:50 Uhr Ortszeit Ägypten 6.–7. Dezember 25. Peret II Tag des Neumondfestes:Neumond am .Beginn mit Sonnenaufgang des 8. Dezember Ägypten 8.–9. Dezember 27. Peret II
Nach Gautschy (2011) fiel der astronomische Neumondtag im Jahr 1228 v. Chr. auf den 28. Peret II. Aufgrund der nur knappen Sichtbarkeitsdauer der Altlicht-Mondsichel im Monat Peret II des Jahres 1228 v. Chr. besteht die Möglichkeit, dass am 19. Dezemberjul. / 8. Dezembergreg.noch eine Sichtung vorgenommen werden konnte. Eine sichere Aussage kann jedoch nicht getroffen werden, so dass lediglich für den 18. Dezemberjul. / 7. Dezembergreg. von einer zweifelsfreien Sichtung des Altlichts ausgegangen werden kann. Ein alternatives astronomisches Neumonddatum bezüglich des 27. Peret II liegt nach Gautschys Zuweisung für das Jahr 1239 v. Chr. vor. Allerdings ist jenes Datum mit ähnlichen Sichtbarkeitsproblemen des Jahres 1228 v. Chr. verbunden.Rita Gautschy: Projekt Monddaten und Finsternisse: Anwendung astronomischer Chronologie in den Altertumswissenschaften. (Monddaten aus dem Archiv von Illahun: Chronologie des Mittleren Reiches). In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 138, 2011, S. 1–19, doi:10.1524/zaes.2011.0002 ().
Legitimation und Erhalt der Macht Jan Assmann unterschied 1991 zwischen einem „identitären“ und einem „konzeptionellen“ Konzept der Göttlichkeit des Pharao. Demzufolge besitzt der Pharao eine persönliche göttliche Identität als Sohn des Gottes Re (im Alten Reich) beziehungsweise Amun (im Neuen Reich). In Gestalt eines Menschen, des amtierenden Pharaos, zeugt der Gott mit einer menschlichen Gemahlin einen göttlichen Sohn. Dennoch bleibt der Pharao ein sterblicher Mensch, der sich wie jeder andere vor dem Totengericht zu verantworten hat. Über die Regierungsdauer eines einzelnen Pharaos hinaus kommt der Institution des Königtums eine unabhängige Göttlichkeit zu. Diese garantiert die unveränderlich bleibende Weltordnung, welche in der Göttin Maat personifiziert ist. Der langen Lebensdauer und regen Bautätigkeit Ramses II. ist zu verdanken, dass sich viele Bauten, Abbildungen und Schrifttexte erhalten haben, auf denen und mit Hilfe derer sich der Pharao in diese Traditionen stellt. In der Bauinschrift im Totentempel des Sethos in Abydos legitimiert sich Ramses als Sohn des in seinem Vater Sethos personifizierten Gottes Amun. Darüber hinaus berichtet der Text, dass Ramses im Jahr 1 seiner Regierung anlässlich des Opet-Festes durch Amun-Re in seinem Herrschaftsanspruch bestätigt wurde. Im weiteren Verlauf festigte Ramses seine Herrschaft durch die geschickte Auswahl fähiger und loyaler Priester und Beamter. So ernannte er im ersten Regierungsjahr Nebwenennef zum Hohenpriester des Amun und behielt den einflussreichen Paser im Amt, der schon Wesir seines Vaters gewesen war. Zahlreiche Abbildungen und Reliefs zeigen den Pharao in der Bildtradition des „Einigers der beiden Länder“, siegreich auf dem Streitwagen sowie beim „Erschlagen der Feinde“ als Beschützer Ägyptens.
Politik In der späten Bronzezeit entstanden im östlichen Mittelmeerraum frühe Staatenbünde: Neben Ägypten waren dies Ḫatti, Aḫḫijawa, Babylon, Mittani sowie das Assyrische Reich. Deren Herrscher strebten danach, ihre Einflusssphären durch Eroberungen auszuweiten. Der hethitische Großkönig Šuppiluliuma I. beispielsweise hatte um 1350 v. u. Z. fast den gesamten Norden Syriens erobert. Dort entstanden Spannungen mit den ägyptischen Pharaonen der 18. Dynastie. Diese, vor allem Thutmosis III., hatten ebenfalls Ansprüche auf den syrisch-kanaanäischen Raum erhoben, Thutmosis hatte 1457 v. u. Z. die Schlacht bei Megiddo geführt.
Schon unter der Regierung von Amenophis III. waren die Hauptfeinde die libyschen Stämme im Nordwesten sowie die syrischen Vasallenstaaten, die sich immer wieder gegen die ägyptische Herrschaft erhoben, bis sich der amurritische Herrscher und zuvor ägyptische Vasall Aziru schließlich auf die Seite der Hethiter schlug.
Bereits Sethos I. zog gegen Syrien, konnte Amurru aber allenfalls kurzzeitig unter ägyptische Herrschaft bringen, bevor er es nach einem Gegenangriff wieder an die Hethiter verlor.Siehe u. a. Manfred Weippert: Historisches Textbuch zum Alten Testament (= Grundrisse zum Alten Testament. Band 10). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 149 ff. Ramses II. nahm das Vorhaben seines Vorgängers wieder auf und versuchte erneut, syrische Staaten zu unterwerfen.
Feldzüge nach Syrien mini|Ramses II. mit der „blauen Krone“ auf einem Streitwagen (Abu Simbel) mini|Ramses II. tötet mit einer Lanze einen libyschen Anführer (Abu Simbel)
Schon im Sommer des vierten Jahres seiner Regierung, 1276 v. Chr., zog Ramses mit seinem Heer gegen Syrien. Das Heer schlug den Weg ins Landesinnere ein und eroberte das Fürstentum Amurru, das unter der Herrschaft des Bentešina stand. Mit diesem Schlag forderte Ramses die Hethiter förmlich auf, sich einer Entscheidungsschlacht um die Vorherrschaft im syrischen Raum zu stellen.