mini|Demokrit und Protagoras im Historienbild Démocrite et Protagoras von Salvator Rosa Als Sophisten () wird eine Gruppe von Personen aus der griechischen Antike bezeichnet, die über besondere Kenntnisse auf theoretischem (Mathematik und Geometrie) oder praktischem Gebiet (Handwerk, Musik, Dichtung) verfügten, im engeren Sinne vor allem Didaktiker und Rhetoriker, und die mit dem Vermitteln ihrer Kenntnisse ihren Lebensunterhalt verdienten. Sie wirkten von etwa 450 v. Chr. bis etwa 380 v. Chr. Der Terminus Sophist bezeichnete ursprünglich „alle, die für ihre Weisheit berühmt waren: Pythagoras, Thales, Staatsmänner, Kulturbringer, Dichter und andere ‚weise Männer‘“. Im 5. Jahrhundert fasste man unter Sophisten auch professionelle Lehrer bzw. Experten, die ihre rhetorischen Kenntnisse und argumentativen Fähigkeiten anderen vermittelten.Vgl. Jan Dreßler: Wortverdreher, Sonderlinge, Gottlose. Berlin/Boston 2014, S. 15 f. Solon und Pythagoras nannte man Sophisten, auch noch Sokrates, Antisthenes und Platon wurden von Zeitgenossen mitunter so benannt, wenngleich sie selbst sich dagegen verwahrten; gerade Platon trug viel dazu bei, dass Sophist einen negativen Klang bekam. Zumindest für die vorsokratische Philosophie wurde daher von Weisen oder Sophoi gesprochen, um diese abzugrenzen.

Die Sophisten bildeten weder eine geschlossene philosophische Strömung noch gab es sophistische Schulen. Das Zentrum der Sophistik, sprich der von den Sophisten vertretenen Lehre und geistesgeschichtlichen Strömung, war die in ihrer Blüte stehende Stadt Athen. Gemeinsam war ihnen die Fixierung auf den Logos; man war der Überzeugung, durch die Wahl der richtigen Worte entscheidenden Einfluss auf das Denken der Mitmenschen ausüben zu können. Aus diesem Grunde war Unterricht bei ihnen begehrt, da Redekunst im Kontext der zu ihrer Zeit aufblühenden Attischen Demokratie große Bedeutung gewann, wenn man die Volksversammlung oder Geschworenengerichte überzeugen wollte.

Sophisten wollten junge Männer darin unterstützen, sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, mit denen diese im Zuge ihrer öffentlichen Pflichten einen Beitrag zum Bestand der Polis leisten und ihre eigenen Interessen verfolgen konnten.Jan Dreßler: Philosophie vs. Religion. Die Asebieverfahren gegen Anaxagoras, Protagoras und Sokrates. Norderstedt 2010, S. 29–62. Für den Unterricht ließen sie sich bezahlen. Viele Sophisten gingen offenbar davon aus, dass die Götter nicht das menschliche Schicksal lenken, bestritten aber deren Existenz nicht. Letzteres hätte nach Maßgabe der Asebiegesetze zur Verbannung oder – wie im Fall des Sokrates – zur Todesstrafe geführt. Gemeinsam war vielen ihre Tätigkeit als Wanderlehrer, für die sie durch die Städte der damaligen griechischen Welt reisten (vor allem Peloponnes, Thessalien, Süditalien).

Die Quellen über Platon und Aristoteles hinaus sind sehr dürftig; nur wenige Texte der Sophisten sind erhalten. Vertreter der Philosophiegeschichte zählen die Sophisten oft zu den Vorsokratikern. Die philosophische Bewertung der Sophisten war lange Zeit (und großteils bis heute) stark von dem negativen Bild geprägt, das Platon, Aristoteles und Aristophanes (der auch Sokrates zu den Sophisten zählt und damit Platons Darstellung widerspricht) gezeichnet haben. Sie warfen den Sophisten vor, aus Geldgier junge Männer in der Kunst der egoistischen Manipulation zu unterweisen, statt der Suche nach Wahrheit zu dienen. In der neueren Forschung gibt es hingegen Versuche einer „Rehabilitation“ sowie eine Anerkennung der sophistischen Bewegung, die ihr unter anderem eine wichtige Rolle in der zeitgenössischen demokratischen Politik Athens zuschreibt.Vgl. Berno Bahro: Die Rehabilitation der Sophistik – die Sophisten als Aufklärer? Potsdam 2003. – Ulrike u. Peter Riemer: Xenophobie – Philoxenie. Stuttgart 2005, S. 157–176. – Dion von Prusa: Der Philosoph und sein Bild. Tübingen 2009, S. 112, 183. – Jan Dreßler: Wortverdreher, Sonderlinge, Gottlose: Kritik an Philosophie und Rhetorik im klassischen Athen. Berlin/Boston 2014, S. 1–30.

Rhetorische Techniken, die gezielt zu Fehlschlüssen verleiten, werden bis heute oft als Sophismen bezeichnet. Im bildungsbürgerlichen Diskurs des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde Sophisterei auch als abwertende Bezeichnung für Rabulistik verwendet, und bis heute bezeichnet das Wort Sophist auch einen Wortklauber oder Blender, der zwecks Durchsetzung eines Standpunkts zu einem Thema bewusst irreführend und manipulativ argumentiert.

Entstehung und Aufbau des sophistischen Unterrichts In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. stand die Stadt Athen in ihrer kulturellen Blüte. Nicht zuletzt die junge Attische Demokratie, in der es beliebte Politiker weit bringen konnten, brachte ein Bedürfnis nach Unterricht in allen Fächern hervor, die zur politischen Tätigkeit befähigen sollten. Als Lehrer befriedigten die Sophisten dieses, vermittelten aber auch Allgemeinbildung im weitesten Sinn, etwa Kosmologie, Grammatik, Interpretation der Dichter, Mythologie, Staatsphilosophie, Religionsphilosophie, Kulturgeschichte, Recht, Naturwissenschaft, Mathematik usw. Sie wurden in der Folge auch als Universalgelehrte oder die Enzyklopädisten der Antike bezeichnet. Ihr wichtigstes Ausbildungsfach war allerdings Rhetorik, die man allgemein für politische Erfolge bei demokratischen Abstimmungen als notwendig erachtete.

Die sophistische Tätigkeit nahm verschiedenste Formen an, etwa Lebensberatung, juristische und politische Beratung, Erziehungstätigkeit in reichen Häusern, Beistand bei Prozessen, Vorträge, öffentliche Disputationen sowie feierliche Reden.Thomas Buchenheim: Sophistik; sophistisch; Sophist. Abschnitt I. In: Joachim Ritter u. a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9, Schwabe, Basel 1995, Sp. 1075–1082, hier: 1075. Für ihren Unterricht stellten die Sophisten vermutlich diverse Materialien einigermaßen systematisch zusammen, die sie aus der politischen Praxis, aus tradiertem Familienwissen und dem Umgang mit Staatsmännern gewonnen hatten. Sicher flossen dabei auch Erfahrungen gerichtlicher Praxis ein, deren Hauptbestandteil Reden waren. Zu den Geldsummen, die die Sophisten verlangt haben, liegen unterschiedliche Angaben vor. Nach einigen Berichten sollen sie teilweise exzessiv hoch gewesen sein. Prodikos von Keos soll laut Platon neben einem Billigkurs für eine Drachme einen gründlichen Kurs für 50 Drachmen angeboten haben.Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt. Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike. Tübingen 2010, S. 160 f., mit Verweis auf Platon, Kratylos 384 b3. Theoretisch war es seit den Sophisten also nicht nur der Aristokratie, sondern grundsätzlich allen Menschen möglich, sich ausbilden zu lassen. Wer sich den Unterricht tatsächlich leisten konnte und wer nicht, bleibt fraglich. Ständige Schüler oder Anhänger, wie das bei Sokrates, Platon und Aristoteles der Fall war, hatten die Sophisten (bis auf möglicherweise Gorgias) nicht.

Zur rhetorischen Schulung und Disputierkunst gehört die Berücksichtigung und Einübung des Umstands und der Erfahrung, dass es zu jeder Frage, zu jedem Problem gegensätzliche Argumentationen gibt. Systematisches Argumentieren Pro und Contra wurde von den Sophisten entwickelt. Unbeliebt machten sich manche von ihnen mit ihrer Diskussionspraxis im halböffentlichen philosophischen Streitgespräch, wenn sie auf Sieg mit allen Mitteln, einschließlich Trugschlüssen, setzten.Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt. Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike. Tübingen 2010, S. 166. „So reden wir heute noch von Sophismen und sophistischer Argumentation, wenn im Kampfgespräch logisch unsauber argumentiert wird.“ (Ebenda)

Vertreter Vertreter der Sophistik waren: im 5. Jahrhundert v. Chr. Protagoras sowie möglicherweise Sokrates, Kritias und Proxenos von Theben; im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Gorgias von Leontinoi, Thrasymachos, Prodikos von Keos, Hippias von Elis, Antiphon, Kallikles, Alkidamas, Likymnios von Chios, Lykophron, Polos von Akragas, Protarchos von Athen, Xeniades sowie möglicherweise Isokrates und Menon von Pharsalos.

Sophistische Lehre Die Darstellung einer „Lehre“ der Sophisten stützt sich auf eine dürftige Quellenlage. Die ältesten Quellen sind Zitate aus Platons Dialogen und aus den Schriften des Aristoteles sowie wenige Kurztexte und Fragmente. Die Authentizität und Zuverlässigkeit der den Sophisten zuerkannten Texte ist umstritten. Es lässt sich nicht belegen, inwieweit Texte über einzelne Sophisten für alle gelten. Philosophen und Philosophiehistoriker haben dies durch die Jahrhunderte mehrheitlich unterstellt.Vgl. zu dem ganzen Abschnitt Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 1919, 5. Auflage S. 60–64. zeno.org – Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 30–42. zeno.org – Johannes Hirschberger: Kleine Philosophiegeschichte. 6. Auflage, Freiburg i. B. 1966, S. 19–22. – Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. 6. Auflage. Tübingen 1912, S. 85. zeno.org

Schon im 6./5. Jahrhundert v. Chr. hatten Männer wie Anaximander, Pythagoras, Xenophanes, Parmenides und Herakleitos mit ihren Welterklärungen deutlich gemacht, dass sich unter den Griechen die Glaubwürdigkeit des Mythos auflöste, die Götter seien Welterschaffer und bestimmten das Leben des Menschen. Das als unzulänglich erlebte alte Weltbild förderte das Entstehen des philosophischen Denkens. „Die Wahrheit über die Götter kennt keiner“, äußerte sich Xenophanes. Viele Menschen machten sich in anderer Weise Gedanken über ihr Leben als bisher. Ideen für eine Lebensgestaltung ohne Göttermythen waren bereits – unter anderem als Sprüche der Sieben Weisen und anderer Kundiger – im Umlauf. Menschen sollten sich zum Beispiel frei davon machen, welche Auffassungen und Werte ihre „Erzeuger“ hatten. Außerdem wurde empfohlen, sich eigene Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, um das Leben zu meistern. Darüber hinaus entstanden aus der religiösen Tradition neue Kulte und Bewegungen, zum Beispiel Orphiker, Bakchicher, Pythagoreer, die Menschen zusammenführten, die mit anderen neue Ideen für ein gelingendes, individuelles Leben umsetzten.Vgl. Diels: Vorsokratische Fragmente. Xenophanes, Frg. 34. Herakleitos Frge. 35, 73f. – Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 1965, 4. Auflage, Bd. 3, S. 661–693.

Protagoras war einer der Ersten, die sich als Sophisten im hier erwähnten Sinne bezeichneten. Seine Kenntnisse und sein Rat wurden von vielen Athenern geschätzt.Perikles hatte ihn beauftragt, eine Verfassung für einen neuen Staat in Süditalien zu schreiben. Seine Schriften wurden später verbrannt, als er wegen Asebie verurteilt worden war. Er starb auf der Flucht. Wie Xenophanes ging er davon aus, dass Menschen nicht wissen können, ob es Götter gibt und wie sie sind. Protagoras behauptete ferner, dass jeder Mensch die Dinge und Sachverhalte auf seine eigene Weise sehe und entsprechend urteile.„Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es für dich“ (frg. 1) Zit. bei Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Bd. 1, Freiburg i. B. 1976, S. 55. In diesem Sinne war der Mensch für Protagoras „das Maß aller Dinge“.