Der Vorleser ist ein deutsch-US-amerikanischer Kinofilm aus dem Jahr 2008. Er basiert auf dem 1995 erschienenen gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink und handelt von dem 15-jährigen Schüler Michael Berg (David Kross, älter Ralph Fiennes), der 1958 eine Beziehung mit der zwanzig Jahre älteren Hanna Schmitz (Kate Winslet) eingeht. 1966 stellt sich heraus, dass sie KZ-Aufseherin war.
Das Drehbuch schrieb der Dramatiker David Hare unter Mitwirkung des Buchautors. Der Film wurde unter der Regie von Stephen Daldry fast ausschließlich in Deutschland gedreht. Er lief in den US-amerikanischen Kinos am 10. Dezember 2008 und in Deutschland am 26. Februar 2009 an.Offizielle Seite
Handlung Die Rahmenhandlung des Films spielt im Jahr 1995. Der Rechtsanwalt Michael Berg trifft sich mit seiner Tochter Julia und fährt mit ihr zum Grab seiner ersten Liebe Hanna Schmitz. Julia ist die einzige Person, der gegenüber er sich öffnen kann; ihr erzählt er erstmals die ganze Geschichte über Hanna und sich.
Die erste Rückblende ist im Jahr 1958 in Neustadt angesiedelt. Der fünfzehnjährige Michael Berg übergibt sich auf dem Heimweg. Eine fremde Frau, die 36-jährige Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Drei Monate später, nachdem Michael sich vom Scharlach erholt hat, sucht er die Fremde auf, um sich mit einem Strauß Blumen bei ihr zu bedanken. Schon am ersten Tag entsteht eine Liebesbeziehung zwischen den beiden, bei der ihn Hanna, die ihn oft „Jungchen“ nennt, auf Distanz hält. Es entwickelt sich das Ritual, dass Michael Hanna – die auf diese Weise ihren Analphabetismus vor ihm zu verbergen versucht – vor dem Sex aus Büchern vorliest. Mit der Zeit kühlt die Beziehung etwas ab, Michael ist wieder mehr mit seinen Schulkameraden zusammen, unter anderem interessiert sich eine attraktive Mitschülerin für ihn. Eines Tages ist Hanna – aus Gründen, die nur dem Zuschauer offenbart werden – plötzlich verschwunden.
Im Jahr 1966 ist Michael im Rahmen seines Jurastudiums in Begleitung von Professor Rohl Augenzeuge bei einem Prozess gegen sechs ehemalige KZ-Aufseherinnen, darunter auch Hanna Schmitz. Sie macht unbegreifliche Aussagen. Zum barbarischen Umgang mit den KZ-Häftlingen gibt sie banale Gründe an. So rechtfertigt sie etwa mit naiver Ernsthaftigkeit die Selektion von Häftlingen zur späteren Vergasung damit, dass man zu wenig Platz im Lager gehabt habe, um alle Häftlinge unterzubringen. Den Tod von 300 jüdischen Häftlingen in einer zugesperrten brennenden Kirche erklärt sie damit, dass die Aufseherinnen, hätten sie die Tore aufgeschlossen, das dann entstehende Chaos nicht hätten bewältigen können. Gegen Ende des Prozesses beschuldigen die anderen Aufseherinnen Hanna Schmitz, die Hauptverantwortung für den Tod der 300 Häftlinge getragen zu haben. Dies soll durch eine Handschriftenprobe von Schmitz belegt werden, die direkt vollzogen werden soll, um sie mit der Akte der KZ-Aufseherinnen über den Kirchenbrand vergleichen zu können. Anstatt ihre Scham zu überwinden und zuzugeben, dass sie weder lesen noch schreiben kann, bestätigt sie die Anschuldigungen.
Michael erkennt erst jetzt Hannas Geheimnis und ihm wird klar, dass dies der Schlüssel zu vielen ihrer Handlungen ist, darunter ihr Eintritt in die SS, die Tatsache, dass sie sich von KZ-Häftlingen wie früher von Michael aus Büchern vorlesen ließ, ihr plötzliches Verschwinden 1959 und auch ihre fatale Übernahme der Hauptverantwortung im Prozess. Er ringt mit sich, das Gericht auf diesen wichtigen Umstand hinzuweisen, unterlässt es aber. Er begründet sein Nicht-Handeln mit dem Argument, dass Hanna die Bloßstellung ihrer Schwäche durch ihn nicht gewollt hätte. Der Prozess endet mit Hannas Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe; die anderen Aufseherinnen erhalten jeweils eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten.
1976 nimmt Michael, dessen Ehe gerade zerbrochen ist, Kontakt zur inhaftierten Hanna auf, indem er ihr Tonbandkassetten schickt, auf denen er für sie erneut aus Werken der Weltliteratur vorliest. Mit Hilfe dieser Aufnahmen bringt Hanna sich selbst das Lesen und Schreiben bei und beginnt, Michael kurze Briefe zu schreiben. 1988 bittet die JVA-Leitung Michael Berg darum, sich der kurz vor der Entlassung stehenden Hanna Schmitz anzunehmen, da diese nach mehr als 20 Jahren im Vollzug weder Verwandte noch Bekannte habe. Berg zögert zunächst, lässt sich aber dann doch darauf ein. Schließlich besucht er die stark gealterte Hanna kurz vor ihrer Entlassung in der JVA. Michael verhält sich relativ kühl und teilt ihr mit, dass er ihr eine Wohnung und Arbeit besorgt habe und sie in einer Woche abholen werde. Doch vor ihrer Entlassung nimmt sie sich das Leben. In ihrem Testament beauftragt sie Michael damit, ihr erspartes Geld aus einer blechernen Teedose sowie 7.000 DM von ihrem Konto einer der zwei Überlebenden, der „Tochter“, wie sie sie nennt, des Kirchenbrandes zu übergeben.
Diese Frau, Ilana Mather, lebt jetzt in New York. Einen Aufenthalt anlässlich eines Kongresses in Boston nutzt Michael zu einem Besuch. Mather zeigt sich reserviert und weist Michaels Versuche, Verständnis für Hanna Schmitz zu wecken, zurück. Auf seine Mitteilung, dass Schmitz Analphabetin war, geht sie kaum ein. Auf ihre Aufforderung hin, ehrlich gegenüber ihr zu sein, spricht er das erste Mal einem Menschen gegenüber über seine Liebesbeziehung zu Hanna. Das Geld lehnt sie ab, da dessen Entgegennahme in ihren Augen einer Absolution gleichkäme. Michael schlägt daraufhin vor, das Geld in Hannas Namen einer jüdischen Organisation zu spenden, die sich für Alphabetisierung einsetzt, womit Ilana Mather einverstanden ist, wenn er sich darum kümmert. Für sich selbst behält sie Hannas alte Teedose, in der Michael ihr das Geld überbracht hat, da sie als Kind selbst eine ähnliche Dose besaß, die sie ins KZ mitgenommen habe und die ihr dort nicht ihres Inhaltes, sondern Aussehens wegen gestohlen worden sei. Als Michael weggegangen ist, stellt sie die Dose neben das Erinnerungsfoto ihrer ermordeten Familie. In der Schlussszene erzählt Michael seiner Tochter an Hannas Grab die gesamte Geschichte.
Produktion mini|hochkant|Kate Winslet, die Darstellerin der Hanna Schmitz, auf dem Palm Springs International Film Festival im Januar 2007
Der Vorleser wurde auf deutscher Seite von der Studio-Babelsberg-Tochtergesellschaft Neunte Babelsberg Film GmbH und in den USA von The Weinstein Company und Mirage Enterprises mit einem Budget von 32 Mio. US-Dollar produziert. Der Film wurde mit 500.000 Euro von der Filmförderungsanstalt bezuschusst.Ed Meza: “Reader” receives German funds. In: variety.com am 26. Oktober 2007; abgerufen am 22. März 2009
Vorbereitungen Nachdem im Sommer 1997 die englische Übersetzung von Bernhard Schlinks Romanvorlage erschienen war, erwarb Miramax im April 1998 vom Diogenes Verlag die Rechte für die Verfilmung.Monica Roman: Miramax books “Reader”. In: variety.com am 8. Januar 2008; abgerufen am 22. März 2009 Als Drehbuchautor und Regisseur war Anthony Minghella vorgesehen,Hanns-Georg Rodek: Als ob man ein fremdes Kind adoptiert. In: Welt Online vom 8. November 1999; abgerufen am 22. März 2009 der das Projekt in seiner gemeinsam mit Sydney Pollack betriebenen Produktionsfirma Mirage entwickeln wollte. Nachdem David Hare das Buch gelesen hatte, bat er die beiden Produzenten, ihn das Drehbuch schreiben zu lassen. Das Projekt blieb danach fast zehn Jahre trotz der Bemühungen Hares liegen, bis sich Stephen Daldry im Herbst 2006 als Regisseur für die Verfilmung interessierte. Da Hare und Daldry schon bei dem Film The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit zusammengearbeitet hatten, willigte Minghella im Herbst 2006 schließlich ein, das Projekt an die beiden abzugeben.David Hare: Truth and reconciliation. In: The Guardian vom 13. Dezember 2008, abgerufen am 22. März 2009Presseheft zum Film, S. 9.
Für die Rolle der Hanna Schmitz war Kate Winslet vorgesehen, die vorerst jedoch ablehnte, weil sie mit Leonardo DiCaprio unter der Regie ihres Ehemannes Sam Mendes den Film Zeiten des Aufruhrs drehte und es zu Terminschwierigkeiten gekommen wäre.Michael Fleming/Ed Meza: Winslet replaces Kidman in “Reader”. In: Variety vom 8. Januar 2008, abgerufen am 22. März 2009 Danach entschied man sich für Cate Blanchett, die aber im Jahr 2007 schwanger wurde und absagte.A. Popovic/F. von Mutius: Kate Winslet ersetzt schwangere Nicole Kidman. In: Berliner Morgenpost vom 8. Januar 2008, abgerufen am 22. März 2009 Als nächste sollte Nicole Kidman die weibliche Hauptrolle übernehmen, die jedoch am 8. Januar 2008 bekanntgab, dass sie ebenfalls ein Kind erwarte.„Der Vorleser“ abgesagt – Nicole Kidman schwanger. In: ntv.de am 8. Januar 2008, abgerufen am 22. März 2009 Der Produzent des Films, Harvey Weinstein, führte Gespräche mit Naomi Watts und Marion Cotillard und beabsichtigte, Cotillard die Rolle zu geben. Die Wahl fiel schließlich doch auf Kate Winslet, die wieder zur Verfügung stand, weil Daldry darauf bestand.viviano.de: „Der Vorleser“: Kate Winslet war nur vierte Wahl. Abgerufen am 22. März 2009 Bernhard Schlink sagte über die endgültige Besetzung: „Kate Winslet passt wunderbar.“
Dreharbeiten mini|David Kross, der Darsteller des jungen Michael Berg, im Februar 2009 in Berlin
Die Dreharbeiten begannen am 18. September 2007 in den deutschen Städten Berlin und Görlitz sowie in der Außenkulisse Berliner Straße des koproduzierenden Studio Babelsberg in Potsdam. In dieser ersten Phase wurden nur Szenen ohne die weibliche Hauptrolle gedreht, da man noch auf Nicole Kidmans Entscheidung wartete. Kameramann war zu dieser Zeit Roger Deakins. Nach fünf Wochen wurden die Dreharbeiten abgebrochen. Die zweite Drehphase, nun mit Chris Menges als Kameramann, begann im März 2008 und wurde am 14. Juli 2008 in Köln (MMC Studios Hürth) abgeschlossen. Als historische Kulisse des Ausflugslokals diente die Buschmühle im Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz. Dort hatte auch der Autor der Buchvorlage, Bernhard Schlink, einen kurzen Auftritt im Film. Die Wagenhalle der Kirnitzschtalbahn wiederum diente ebenfalls als Kulisse; eine entsprechend hergerichtete, um das typische Flair der 1950er Jahre wiederzugeben, fahrende Straßenbahn in der Nähe des Ortsausgangs von Bad Schandau wurde für den Film aufgenommen. Die kleine Dorfkirche, während des Ausflugs des jungen Paares und beim Friedhof mit dem Grab der Hanna Schmitz, ist die Wallfahrtskapelle Maria Schnee in Schönlinde-Schnauhübel (Krásná Lípa – Sněžná) im Schluckenauer Zipfel in Böhmen.
An den Produktionskosten beteiligten sich die Filmförderungsanstalt (FFA), der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), das Medienboard Berlin-Brandenburg, die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) und die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen mit insgesamt rund 4 Millionen Euro.
Das musikalische Konzept des Films stammt aus der Feder des kroatischen Komponisten Ozren K. Glaser; die weitere Kompositionsarbeit wurde von Alberto Iglesias und Nico Muhly übernommen.
In einer Szene ist in einer kleinen Dorfkirche ein Kinderchor zu hören und zu sehen, der Palestrinas Motette Pueri Hebraeorum singt, dargestellt vom Kinderchor der Dresdner Philharmonie.Mitwirkung des Philharmonischen Kinderchores der Dresdner Philharmonie Am 14. Januar 2009 veröffentlichte Lakeshore Records den Soundtrack zum Film.
Zwei der Produzenten des Films, Minghella und Pollack, verstarben 2008 während der Dreharbeiten. Weil Harvey Weinstein als Vertriebspartner während der Postproduktion des Films auf eine frühere Fertigstellung drängte, um seine Premiere im November 2008 zu ermöglichenAnne Thompson: auf variety.com und damit den Film ins Rennen um die Golden Globes und Oscars schicken zu können, verließ der Produzent Scott Rudin die Produktion und verzichtete auf die Nennung seines Namens im Abspann.
Synchronisation