mini|Fulani-Frauen mit traditionellen Gesichtszeichnungen Die Fulbe (in ihrer Sprache fulfulde Fulɓe genannt), eigentlich Fula (auch unter Fulla, Fullah oder Fulani, ihrem französischen Namen Peul, Peulh oder als FelattaGottlieb August Wimmer: Neuestes Gemälde von Afrika und den dazu gehörigen Inseln (= Schütz’s Allgemeine Erdkunde […]). Anton Doll, Wien 1831, Bd. 1, S. 248. bekannt), sind in großen Teilen Westafrikas ein ursprünglich nomadisierendes Hirtenvolk, das heute überwiegend sesshaft ist.

Name, Verbreitung mini|Präsenz der Fula in Afrika; je dunkler, desto höher Es gibt eine Vielzahl von Bezeichnungen und Namensschreibungen – Fulani, Fúlàní, Fula, Fulla, Fullah, Fulah, Foulah, Fulas, Futafula, Fulata, Fellah, Felatta, Felatah, Fellaata, Fulanie, Filani, Hilani, Peul, Peulh, Pulo u. a.

Fulbe ist die Mehrzahl, Pullo die Einzahl, aus den beiden Wurzeln pul- / ful- haben sich alle weiteren Bezeichnungen gebildet. Die im Senegal gebräuchliche Bezeichnung Halpulaar oder Haalpulaar setzt sich aus haal-ude (sprechen) und Pulaar (einer im Senegal verbreiteten Variante der Sprache) zusammen. Die Zahl der Fulbe nimmt – wie die gesamte westafrikanische Bevölkerung – enorm rasch zu: Schreiben Quellen aus den 1970er und 1980 Jahren (und andere Werke, die sich auf diese Quellen berufen) noch von insgesamt 10 bis 15 Millionen Fulbe, so war die Zahl der Fulbe Anfang des 21. Jahrhunderts bereits auf 25 Millionen angewachsen, seit dem Jahr 2015 leben 40 Millionen Fulbe in Westafrika.Martina Gajdos: Die Fulbe. martinagajdos.eu/Fulbe (abgerufen am 1. Juli 2022)

Diese enorme Zunahme geht mit der Bevölkerungsexplosion in den Sahelländern einher. In einigen dieser Länder bringen Frauen im Schnitt mehr als sechs Kinder zur Welt. In Mali z. B. ist die Gesamtbevölkerung allein seit der Jahrtausendwende um 50 Prozent gestiegen (aus 11 Millionen im Jahr 2000 wurden 17 Millionen Anfang 2016) Dazu kommt, dass die Fulbe-Frauen zu jenen Gruppen gehören, die bei den Geburten pro Frau oft noch über dem jeweiligen Länderschnitt liegen.

Die Fulbe leben in meist größeren Gruppen in der gesamten Sahelzone von Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Mali, Burkina Faso, Niger sowie weiter südlich von Guinea über Nigeria und Kamerun bis nach Tschad und die Republik Sudan. Allein in Guinea gibt es mindestens 4 Millionen Fulbe. Guinea ist das einzige Land, in dem die Fulbe mit über 40 % Bevölkerungsanteil das (relative) Mehrheitsvolk bilden.

Die Fulbe leben in kleineren Gruppen auch in weiteren Staaten, etwa in Sierra Leone (hier stellen sie als Fullah knapp 267.000 Einwohner; Stand 2015Sierra Leone 2015 Population and Housing Census national analytical report. Statistics Sierra Leone, Oktober 2017, S. 89ff.), Ghana, der Elfenbeinküste, Togo,Togo: Languages. In: Gary F. Simons, Charles D. Fennig (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World. SIL International, Dallas, 21. Auflage, 2018 (englisch). Benin,Benin: Languages. In: Gary F. Simons, Charles D. Fennig (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World. SIL International, Dallas, 21. Auflage, 2018 (englisch). der Zentralafrikanischen Republik,Central African Republic: Languages. In: Gary F. Simons, Charles D. Fennig (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World. SIL International, Dallas, 21. Auflage, 2018 (englisch). in Liberia, und im Sudan, dort besonders in der Stadt Kassala.

Zu den Fulbe gehört eine Vielzahl von Clans wie Umm Bororo, Uda, Djafun, Dooga, Dindima, Adamawa, Danedji, Sisilbi, Fuuta, Boodi, die alle zu den Wodaabe in Niger gehören, sowie die Tukulör in Mauretanien und im Senegal.

Ursprung miniatur|hochkant|Zwei Fulani-Männer

Die ethnische Herkunft der Fulbe ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die frühen europäischen Ethnologen des 19. und 20. Jahrhunderts waren sich über den Ursprung der Fulbe sehr uneinig. Einige Theorien nahmen gemäß der Hamitentheorie eine Abstammung der Fulbe von Ham, dem Sohn Noachs an, andere wiederum sagten ihnen einen judäo-syrischen, manchmal sogar europäischen Ursprung nach.

Die Fülle der widersprüchlichen Ansätze lässt sich durch den etwas fremdartigen Charakter der Fulbe erklären. Der Phänotyp einiger Individuen differiert teilweise erheblich von dem der benachbarten Ethnien. Darüber hinaus praktizieren die Fulbe traditionell eine strikte Endogamie, was zu einer weitgehenden Isolation führt, die darüber hinaus durch ihr ebenfalls traditionelles Nomadendasein noch verstärkt wird.

Eine weitere Erklärung für die europäischen Versuche, die Fulbe ethnogenetisch zu lokalisieren, liegt in dem Umstand, dass sie zur Zeit der Kolonialisierung eine Vormachtstellung in Westafrika innehatten. Die Europäer versuchten, diese militärische Überlegenheit mit einer hypothetischen Überlegenheit der „weißen Rasse“ in Einklang zu bringen. Die Fulbe stellten in diesem Fall einen „entarteten“ Vertreter dieser Rasse dar, der allerdings aufgrund seiner Herkunft immer noch ein Minimum an Überlegenheit gegenüber den Schwarzen aufweisen musste.

Diese Darstellung ist obsolet, da die Fulbe sowohl kulturell als auch lingual klar der westafrikanischen Sphäre zuzuordnen sind. Dennoch bestehen einige Parallelen zu den Nomadenvölkern Ostafrikas, die einen möglichen ostafrikanischen Ursprung oder zumindest eine starke Beeinflussung nicht ausschließen lassen.

Die Fulbe selbst sehen sich heute als Nachfahren mekkanischer Araber, die den Propheten Mohammed begleiteten. Diese Sicht ist auf den Einfluss des Islams zurückzuführen und steht im Widerspruch zum alten polytheistischen Glauben der Fulbe. In den mündlichen Traditionen der Fulbe ist von einem mythischen Ursprungsland „Héli e Yôyo“ zwischen dem Fluss „Milia“ und dem „Meer der Freude“ die Rede. Sie hätten in diesem Land gelebt und zweiundzwanzig seiner Herrscher seien Fulbe gewesen. Nachdem sie sündig geworden waren, seien sie jedoch von ihrem höchsten Gott, „Geno, dem Ewigen“, aus „Héli e Yôyo“ verbannt worden. Diese Geschichte entspricht im Wesentlichen den Ursprungsmythen vieler Völker, wonach sie aus einem irdischen Paradies aufgrund eines Sündenfalls verbannt worden seien.

Dennoch gibt es Ansätze, das Land zu lokalisieren. Der guineische Autor Tierno Monénembo setzt Héli e Yôyo in seinem Werk Peuls mit Ägypten gleich. Dieses liege zwischen dem Nil und dem Roten Meer.Tierno Monénembo: Peuls. Editions du Seuil, Paris 2004; ISBN 2-02-025148-5

Diese These deckt sich zumindest zu Teilen mit der Theorie, wie sie Alain AnselinAlain Anselin (1981), s. Lit. vertritt. Anselin kommt mittels komparativer Methoden der linguistischen Altertumskunde zum Ergebnis, dass die Ethnogenese der Fulbe deutlich in die vorchristliche Zeit zurückgreife und in Ostafrika zu lokalisieren sei. Aus dem äthiopischen Hochland seien Rinder haltende Kriegerclans ins nördliche Ägypten vorgedrungen und dort auf indische Tamilhirten gestoßen. Gemeinsam sei man in die vegetationsstarke Zentralsahara des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts gezogen. Hinterlassenschaften dieser Zeit könnten die Felsmalereien im Tassili-Gebirge sein, die Parallelen aufwiesen zum Lebenszuschnitt heutiger Hirtenfulbe. Anselin stellte zudem fest, dass diverse Clannamen (Diallo, Ka, Kan, Dicko) Ähnlichkeiten aufwiesen zur Tamilsprache.Thomas Krings, S. 40 f.

Neue genetische Untersuchungen führten 2025 zur Erkenntnis, dass die Fulani Abstammungskomponenten von pastoralen Bevölkerungsgruppen nordafrikanischer bzw. eurasischer Abstammung aus der Grünphase der Sahara von vor 5000 bis 12.000 Jahren haben, was die Unterschiede zu Nachbarvölkern erklären kann.

Geschichte Bereits um 1000 n. Chr. hatten sich im Zuge des blühenden Transsaharahandels in Senegal bedeutende städtische Kulturen herausgebildet. Die Sprache der Fulbe, das Fulfulde oder Ful, bildete sich schon vor dem 10. Jahrhundert im Senegaltal aus. Zwischen 1300 und 1350 wanderten die ersten Fulani aus dem Futa Toro in das Gebiet der Hausastaaten und nach Bornu ein. Der arabische Autor al-Maqrīzī (1364–1442) erwähnt ihre Anwesenheit in diesen Gebieten.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 22, 28. Denanke war 1517–1776 ein animistischer Staat der Fulbe im Senegal-Tal.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden viele Fulanis sesshaft. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatten bereits einige von ihnen den Islam angenommen. Der Entdecker Richard Jobson, der 1620–1621 eine Expedition zum Gambia-Fluss unternahm, stieß auch dort auf Fulbe. Im Zuge des Dschihad der Fulbe errichteten die Fulani mehrere Reiche, so zum Beispiel Alfa Ba 1725 im Futa Djalon. 1775 erklärten im Futa Toro zwischen dem Senegal und dem Ferlo die muslimischen Torobbe Fulani einen Dschihad gegen die heidnischen Dayankobe Fulani.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 46.

Wichtige Quellen für die Geschichte der Fulani sind europäische Reiseberichte. Mungo Park erwähnt in dem Bericht über seine Reisen 1795–1796 das Fulani-Reich von Bondu im heutigen oberen Senegal. In dem Bericht über seine zweite Reise 1805–1806 spricht er von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Fulbe und ihren Nachbarn in der Gegend von Timbuktu und dem oberen Niger.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 28. Dixon Denham, der zwischen 1822 und 1824 den Tschadsee erkundete, beschrieb größere Fulani-Siedlungen in diesen Regionen, Mandara-Gebirge östlich von Bornu sowie im Tal des Schari.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 33.

mini|Fulani-Dschihad-Staaten in West-Afrika, um 1830. Bis zum frühen 19. Jahrhunderts waren die meisten Fulani Muslime. Um 1800 gründete ein Marabout namens Alfa Muhammad Diobo die Stadt Say auf dem Gebiet des heutigen Staates Niger.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 28. Damit begann unter den Fulani des zentralen Sudan eine Reformbewegung, die in die Gründung des Kalifats von Sokoto einmündete. Begründer dieses Staates mit Zentrum im Norden Nigerias war Usman dan Fodio (1754–1817). Um 1808 griffen seine Fulani-Kämpfer den Shehu von Bornu an, der sie 1810 mit Hilfe von Muhammad al-Amīn al-Kanemi allerdings zurückschlagen konnte.Vgl. Doi: Islam in Nigeria. 1984, S. 28. 1810 besiegte Usman dan Fodio jedoch die Hausa. 1836 zerschlagen die Fulani wiederum das Königreich Oyo im heutigen Nigeria.

Das Kalifat von Sokoto umfasste mehrere Teilstaaten, so unter anderem das Emirat Adamaua im heutigen Nord-Kamerun, begründet 1810 von Usmans Schüler Modibo Adama, sowie das Emirat Gandu, begründet um die gleiche Zeit von seinem Bruder Abdullahi dan Fodio. Nupe, das Emirat von Liptako und Djelgodji waren lange Zeit Vasallen von Gando.

Die Fulbestaaten in Adamaua riefen dazu jährlich „heilige Kriege“ aus, vor allem um Beute in den umliegenden Territorien zu machen. Dabei handelte es sich zumeist um Sklaven, die erstens für die eigene Wirtschaft benötigt wurden und die zweitens den Handel mit Europäern erlaubten.Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte (= Beck’sche Reihe, 2448: C. H. Beck Wissen). Beck, München, 2008, ISBN 978-3-406-56248-8, Seite 41

Ein weiterer vom Kalifat von Sokoto unabhängiger Fulani-Staat war das 1862 von Al-Haddsch Omar gegründete Massina-Reich. Die Reiche der Fulbe wurden im späten 19. Jahrhundert von den Kolonialmächten Frankreich, Großbritannien und Deutschland erobert.

Eine von den Fulbe traditionell besiedelte Bergregion im Südosten Senegals wurde 2012 als Bassari-Land: Kulturlandschaften der Bassari, Fula und Bedik in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.

Seit 2016 begehen muslimische halbnomadische Hirten der Fulani in Nigeria Terrorangriffe mit Schusswaffen auf eher christliche sesshafte Bauern mit hunderten Toten.Die unbekannten Terroristen : „Sie verwandeln Nigeria in einen Friedhof“ orf.at, 26. Juni 2018, abgerufen am 26. Juni 2018.

Am 23. März 2019 wurden beim sogenannten „Ogossagou-Massaker“ 160 Fulbe in der zentralmalischen Provinz Ogossagou getötet. Angeblich wurde das Massaker durch Dogon-Milizen und Sicherheitskräfte verübt. Dies löste eine Demonstrationswelle in Mali aus, die die Regierung im August 2020 zum Rücktritt zwang.

Kultur und Gesellschaft miniatur|Fulbe in Mali