Alice Miller (* 12. Januar 1923 in Piotrków Trybunalski, Polen, als Alicja Englard; † 14. April 2010 in Saint-Rémy-de-Provence, Frankreich) war eine polnisch-jüdische Psychoanalytikerin und Autorin, die seit 1947 in der Schweiz lebte. Sie wurde bekannt durch ihr Buch Das Drama des begabten Kindes (1979) und stellte in den folgenden Jahrzehnten in vielen Werken ihre Ansichten über die Kind-Eltern-Beziehung dar. Seit etwa 1985 wandte sie sich von der Psychoanalyse ab, da diese ihre neuen Erkenntnisse über den Kindesmissbrauch nicht integrierte und bezeichnete sich selbst zuletzt als „Kindheitsforscherin“.

Leben Leben in Polen Kindheit Alicja Englard wuchs in einer jüdisch-orthodoxen Familie im polnischen Piotrków Trybunalski bei Łódź als älteste Tochter von Gutta und Meylech Englard auf.Martin Miller, 2013, S. 26 Sie charakterisierte später ihren Vater als einen „erfolglose[n] Bankier“ und ihre Mutter als eine Hausfrau,Interview mit Noreen taylor, 1999, erste Antwort, auch zur Eheschließung ihrer Eltern die vorher „ein rechtloses, von ihren Eltern und Brüdern unterdrücktes Mädchen“ „gewesen war“, das mit „Worten über Liebe, Moral und Pflicht“ „großgezogen wurde“.Alice Miller, Bilder einer Kindheit, 1985, S. 14, auch 16 Die Eltern heirateten im Juli 1921. Alicja kam achtzehn Monate danach zur Welt, nach weiteren vier Jahren wurde ihre jüngere Schwester geboren. Über ihre Mutter schrieb sie später, sie „hatte ihre bewährten Vorstellungen, wie man sie damals zu haben pflegte, u. a. daß jede Mutter nur ‚das Beste für ihr Kind wolle‘,[…]“. Die Schulhefte ihrer Tochter stellte sie „ihren Freundinnen als Beweis ihrer pädagogischen Talente zur Schau“. „Die Entdeckung, daß ich ein mißbrauchtes Kind war, daß ich vom Anbeginn meines Lebens unbedingt auf die Bedürfnisse und Gefühle meiner Mutter eingehen mußte und gar keine Chance hatte, meine eigenen zu fühlen, hat mich sehr überrascht.“

1931 zog die Familie nach Berlin, wo Alicja die deutsche Sprache erlernte. 1933 kehrten sie wieder nach Piotrków zurück.Martin Miller, 2013, S. 31, auch S. 40 mit weiteren biographischen Angaben

Studien Nach der deutschen Besetzung im Herbst 1939 verschlechterten sich die Lebensumstände für die jüdische Minderheit in Polen dramatisch. Alicja England konnte noch 1940 mit 17 Jahren in Warschau das Abitur ablegen.Dissertation, 1955, [S. 90], mit detailliertem Lebenslauf Danach wurde sie mit ihrer gesamten Familie ins Ghetto Piotrków Trybunalski eingewiesen. Es gelang ihr aber durch Kontakte zur jüdischen Untergrundorganisation, sich einen Pass mit dem Decknamen Alice Rostowska zu beschaffen, das Ghetto im Sommer 1940 wieder zu verlassen und in Warschau unter falscher Identität zu leben, und danach auch ihre Mutter und Schwester aus dem Ghetto zu befreien. Der Vater blieb aber dort und starb 1941. 1942 begann sie mit 19 Jahren Literaturgeschichte und Philosophie an der Geheimen Universität Warschau zu studieren. 1945 setzte sie ihr Studium an der Universität Łódź fort. Dort besuchte sie Lehrveranstaltungen von Władysław Witwicki, Władysław Tatarkiewicz, Józef Chałasiński, Tadeusz Marian Kotarbiński und dessen früherer Studentin und späterer Ehefrau Dina Sztejnbarg.

Leben in der Schweiz Studium Ende 1946 emigrierte sie als Alice Rostowski als Stipendiatin der Schweizerischen Akademischen Nachkriegshilfe an die Universität Basel, wo sie ihr Studium an der Philosophisch-Historischen Fakultät fortsetzte, von Dezember 1946 bis Februar 1953 im Hauptfach Philosophie und in den Nebenfächern Psychologie und Soziologie. Sie besuchte dort Lehrveranstaltungen von Fritz Buri-Richard, Hermann Gauss (Professor der Philosophie), Karl Jaspers, Hans Kunz, Hendrik van Oyen (Professor der Theologie), Edgar Salin, Herman Schmalenbach, Andreas Speiser und John Eugen Staehelin-Iselin (Professor der Psychiatrie).Dissertation, 1953, [S. 90], Lebenslauf Sie unterbrach ihr Studium mehrfach, am 14. April 1949 heiratete sie den Soziologen Andreas (Andrzej) Miller, der mit ihr aus Polen emigriert war, 1950 wurde ihr Sohn Martin geboren. 1953 erwarb sie den Doktor der Philosophie an der Universität Basel bei Heinrich Barth.

Psychoanalytische Ausbildung 1953 begann Alice Miller eine Ausbildung in freudianischer Psychoanalyse in Zürich, die im sogenannten im Auftrag der Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) durchgeführt wurde.Seite 195.Seite 1. (Zu diesem Kreis gehörten zunächst Fritz Morgenthaler, Jacques Berna und das Ehepaar Goldy Parin-Matthèy und Paul Parin, dann auch Harold Winter, Harold Lincke und Fred Singeisen und noch später Arno von Blarer, Ulrich Moser, Maria Pfister-Ammende, das Ehepaar Renate Grütter und Emil Grütter, Hans Müller-Winterthur und andere.) 1958 wurde daraus das Psychoanalytische Seminar für Kandidaten (PSK) gegründet. Es blieb formell unabhängig von der SGPsa und veröffentlichte seine ersten beiden Programme gemeinsam mit dem nicht freudianisch, sondern daseinsanalytisch orientierten, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich („Burghölzli“) nahestehenden Institut für ärztliche Psychotherapie. Alice Miller absolvierte zwei Psychoanalysen;Seite 30, Spalte 1.Seite 13. ihre zweite bei Gertrud Boller-Schwing. Trotzdem blieb ihre Kindheitsamnesie nach eigener Feststellung „mehr oder weniger intakt“.Seite 30, Spalte 1 f.

Psychoanalytische Praxis und erste Veröffentlichungen Um 1960 eröffnete Alice Miller eine psychoanalytische Praxis in Zürich. .Seite 664. Sie war Mitglied der SGPsa, später in deren Unterrichtsausschuss unter der Leitung von Fritz Morgenthaler, und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV).

Ab etwa 1965 befasste sie sich mit zwei Artikeln und einem Vortrag Heinz Kohuts zum Thema Narzissmus.Seite 642.Seite 646. Auf der 6. Arbeitstagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen Vereinigung in Brunnen hörte sie im April 1968 einen Vortrag Clemens de Boors,Seite 207. der „den Arbeiten Kohuts über den Narzißmus eine besondere und sehr wichtige Rolle“ zuschrieb, de Boor verspräche „sich von ihnen mit Recht, dem veränderten Krankheitsbild unserer Patienten in den letzten vierzig Jahren besser Rechnung tragen zu können“.

Sie nahm den Vortrag zum Anlass, einen eigenen Artikel Zur Behandlungstechnik bei sogenannten narzißtischen Neurosen zu verfassen, in dem sie neben theoretischen und praktischen Ausführungen vier Fallbeispiele von Patientinnen darstellte, die sie in den 1960er-Jahren behandelt hatte (zwei, die sie als schwer zwangsneurotisch, und zwei, die sie als „Zwangscharaktere“ auffasste);Seite 656.. Sie reichte ihn im Juli 1970 bei der psychoanalytischen Fachzeitschrift Psyche ein, wo er 1971 veröffentlicht wurde.Seite 641.

Konzentration auf publizistische Tätigkeit

Im April 1978 – Miller hatte zu dieser Zeit ihre Praxis am Zollikerberg bei Zürich –Seite 155. reichte sie das Typoskript zu dem Artikel Depression und Grandiosität als wesensverwandte Formen der narzißtischen Störung wieder bei der Zeitschrift Psyche ein.Seite 132. Der Artikel wurde dort im Jahr darauf veröffentlicht und mit kleinen Änderungen als Teil II in die Originalausgabe ihres ersten Buches Das Drama des begabten Kindes (1979) übernommen.Teil II: Seite 55–103. Es erschien im selben Verlag wie die Bücher des Psyche-Gründers und -Herausgebers Alexander Mitscherlich bei Suhrkamp in Frankfurt am Main.

Etwa zur gleichen Zeit erschien im englischen Sprachraum von ihr ein Artikel unter dem Titel Seite 47. (dt. Das Drama des begabten Kindes und die narzisstische Störung des Psychoanalytikers), der in dasselbe Buch als Teil I übernommen wurde.Teil I: Seite 15–54.

Nach 20-jähriger Tätigkeit als Psychoanalytikerin und als Lehranalytikerin gab Alice Miller 1980 „ihre Praxis und ihre Lehrtätigkeit auf, um die Kindheit systematisch zu erforschen“.

Aus ihrer Zeit als Psychoanalytikerin zog sie 1985 das Fazit:

Abkehr von der Psychoanalyse Alice Miller veröffentlichte 1980 ihr zweites Buch Am Anfang war Erziehung,[Seitenangabe fehlt]. ihm folgte 1981 Du sollst nicht merken – Variationen über das Paradies-Thema.[Seitenangabe fehlt]. Dazu verfasste sie 1983Seite 20, Spalte 2. ein neues Nachwort,Seite 398 ff. in dem sie schrieb: „Nur die Befreiung von pädagogischen Tendenzen führt zu Einsichten in die tatsächliche Situation des Kindes“Seite 408. und anschließend ihre Positionen in 21 Absätzen zusammenfasste, von denen keiner länger als zwei Sätze ist, beginnend mit dem Satz „Das Kind ist immer unschuldig“.Punkt 1. Der Text wurde später unter dem Titel Einundzwanzig Punkte auch eigenständig veröffentlicht und Nachauflagen anderer Bücher Millers angefügt.Seite 323 f (nicht paginiert).

Beide Bücher stellten eine Auseinandersetzung mit und Weiterentwicklung des Begriffs der Schwarzen Pädagogik dar. Sie sah die Schwarze Pädagogik als Grundlage einer von ihr so bezeichneten Schwarzen Psychoanalyse, was zu einem Teil ihrer Psychoanalyse-Kritik wurde.

1984 formulierte sie einen weiteren, etwa doppelt so langen Text mit dem ähnlichen Titel Zwölf Punkte über die Kind-Eltern-Beziehung, in dem sie schrieb „Bisher schützte die Gesellschaft die Erwachsenen und beschuldigte die Opfer“.Punkt 8. Er erschien zuerst in , der englischen Ausgabe ihres Buches Am Anfang war Erziehung.Seite 175.

Noch Mitte der 1980er Jahre bot Alice Miller psychotherapeutische Workshops an der Universität Zürich an.

In dem Buch Bilder einer Kindheit veröffentlichte Alice Miller 1985 „einen kleinen Teil“ ihrer „in Postkartengröße gemalten Aquarelle“ aus der Zeit seit 1983. Darin war zum ersten Mal eine deutsche Fassung des Textes Zwölf Punkte enthalten.

Im April 1987 erklärte sie schließlich in einem Interview für die Zeitschrift Psychologie Heute ihre Abkehr von der Psychoanalyse.Seite 20, Spalte 1. Im Jahr darauf trat sie sowohl aus der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse als auch der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus, „weil sie der Meinung ist, daß die psychoanalytische Theorie und Praxis den ehemaligen Opfern der Kindesmißhandlungen verunmöglicht, dies zu erkennen und die Folgen der Verletzungen aufzulösen“.Seite III.

Über diese Zeit schrieb sie zwei Jahre später:

Folglich wies Miller seither die Bezeichnung als Psychoanalytikerin energisch von sich:

Leben in Frankreich Alice Miller lebte seit 1985 im südfranzösischen Saint-Rémy-de-Provence.Martin Miller, 2013, S. 59

Seit 2007 beantwortete sie auf ihren Webseiten Briefe von Lesern, die sich auf die Themen ihrer Bücher oder Artikel beziehen. Einen Teil ihrer Antworten hat sie 2009 in dem nur als PDF-Datei erschienenen Buch Jenseits der Tabus zusammengefasst.Seite 1.

Am 5. April 2010 teilte sie mit, die Arbeit auf ihrer Website wegen eines „starken Muskelverlustes“ einstellen zu müssen; dabei sprach sie bereits von ihrem bevorstehenden Tod. Am 23. April 2010 gab ihr Verlag bekannt, dass sie am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben und im engsten Kreis beigesetzt worden sei.

In seiner Biografie über seine Mutter schildert Martin Miller, dass Alice Miller Anfang 2010 ernsthaft erkrankt war. Nachdem Pankreaskrebs in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert worden war, bemühte sie sich um aktive Sterbehilfe und setzte am 14. April ihrem Leben selbst ein Ende. Der Leichnam wurde verbrannt und die Asche an einem kleinen Bergsee bei St. Rémy verstreut.Seite 21–23. Der selbstgewählte Todestag, der 14. April, war der Hochzeitstag von Alice und Andreas Miller von 1949.

Kinder

Alice Mille wurde einmal unterstellt, dass sie keine eigenen Kinder habe und deshalb mangels eigener mütterlicher Erfahrung Kinder idealisiere.Seite 62.Seite 69. Tatsächlich hatte sie zwei Kinder, Martin (* 1950) und Julika (* 1956).

Erfahrungen des Sohnes Martin