Roger Masson (* 1. Juli 1894; † 19. Oktober 1967), heimatberechtigt in Veytaux, Kanton Waadt, war ein Schweizer Militär, Oberstbrigadier und Chef des militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs.

Leben mini|Organigramm des Nachrichtendienstes; vereinfachte Version Roger Masson absolvierte eine Ausbildung zum diplomierten Militärwissenschaftler an der ETH Zürich. Anschliessend war er Instruktionsoffizier der Schweizer Armee und übernahm 1937 die Leitung der Nachrichtensektion des Generalstabs, deren Vorgängerin nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafft wurde. Am 28. Februar 1938 erteilte der Chef der Generalstabsabteilung die Weisungen für den Neuaufbau des Nachrichtendienstes. Die Nachrichtensektion wuchs von fünf Mitarbeitern im Jahre 1938 auf zehn Mitarbeiter im Jahre 1939. Während des Aktivdienstes der Schweizer Armee von 1939 bis 1945 wuchs der Personalbestand auf 120 Personen und schmolz dann auf 66 Personen im Juni 1945 und 40 Personen im August 1945 ab.Hans Rudolf Kurz: Nachrichtenzentrum Schweiz. Die Schweiz im Nachrichtendienst des Zweiten Weltkriegs. Frauenfeld 1972, S. 13–15. Masson war ausserdem Chefredakteur der Revue militaire suisse von 1931–1967 und stellvertretender Chef des Generalstabs von 1942 bis 1945. Während des Weltkrieges organisierte er eine geheime Nachrichtenverbindung zum nazideutschen Sicherheitsdienst (SD), geführt durch den SS-Standartenführer Walter Schellenberg. Sie wurde von General Henri Guisan gefördert, vom Bundesrat abgelehnt.

Massons Kontakte zum Deutschen Reich Ursprung der Kontakte zu Schellenberg Meyer-Schwertenbach Am Anfang des Kontakts zu Schellenberg stand der Zürcher Rechtsanwalt Paul Meyer-Schwertenbach. Er wurde am 4. August 1894 als Paul Eduard Meier in Dübendorf geboren. 1920 wurde er nach dem Jurastudium zum Doktor der Philosophie promoviert. Er war dann bei einem Zürcher Bezirksgericht tätig, und ab 1923 in der Anwaltskanzlei Chiodera.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 353, Fußnote 130. Ab 1930 veröffentlichte er Abenteuer- und Detektivgeschichten unter dem Namen Wolf Schwertenbach. Später nannte er sich Paul E. Meyer und verschmolz den Namen zu Paul Meyer-Schwertenbach.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 122. Als Oberleutnant Paul Meyer trat er am 29. August 1939 seinen Dienst in einer Grenzfüsilierkompanie an.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 124. Der Chef der Militärischen Abwehr, Oberstleutnant Werner Müller, suchte einen Juristen, der die Berichte der Nachrichtensammelstellen bewerten, sichten und weiterleiten sollte. Empfänger der Berichte waren sowohl die Unterabteilungen der Nachrichtensektion wie die Spionageabwehr, die Polizeiabteilung des Territorialdienstes, als auch die Grenzbehörden, die neugeschaffene Bundespolizei und die Bundesanwaltschaft.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 335 Fn. 20. Meyer war durch seine Beobachtungsgabe und seinen scharfen Verstand aufgefallen.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 122. Am 7. November 1939 wurde Meyer-Schwertenbach auf Antrag von Roger Masson zum Armeestab nach Interlaken versetzt.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 124. Zu den Aufgaben Meyer-Schwertenbachs gehörte es auch, die Nationale Bewegung der Schweiz zu beobachten, einen nationalsozialistischen Dachverband, der verschiedene nationalsozialistische Organisationen zu einer nationalsozialistischen Einheitspartei verschmelzen sollte.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 336 Fn. 25. Geschäftsverbindungen von Henri Guisan jr. 1941 war Hauptmann Meyer-Schwertenbach Trauzeuge von Oberstleutnant Henri Guisan jr. General Guisan sr. war erfreut, dass Meyer-Schwertenbach auf seinen Sohn aufpasste.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 341 Fn. 1. Am 23. August 1941 ernannte General Guisan sr., der Oberbefehlshaber der Armee, Meyer-Schwertenbach zu seinem persönlichen Nachrichtenoffizier und betraute ihn auch mit Aufgaben seiner Personensicherheit.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 126. Henri Guisan jr. wandte sich im Herbst 1941 an seinen Freund Meyer-Schwertenbach, mit der Bitte, ihm bei der Beschaffung eines Einreisevisums für Hans-Wilhelm Eggen behilflich zu sein.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 138 Meyer-Schwertenbach gelang dies in Absprache mit seinen Vorgesetzten Werner Müller und Masson. Die Bundespolizeiabteilung erteilte das Visum, und Eggen reiste am 30. Oktober 1941 nach Zürich. Eggen erklärte ihm, dass die von ihm im Auftrag der SS gegründete Warenvertriebs-G.m.b.H., eine Beschaffungsgesellschaft für die SS, Holzbaracken kaufen wollte.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 140. Als Verkäufer hatte Eggen die am 29. August 1941 gegründete Extroc SA im Sinn. Henri Guisan jr. war Vorstandsmitglied der Extroc SA, Aktionäre die Basler Kaufleute Rudolf Haenger sr. und Rudolf Walter Haenger jr.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 141. 3000 Baracken wurden an die Warenvertriebs G.m.b.H. geliefert, und Meyer-Schwertenbach vertrat zuerst die Extroc SA und später die Warenvertriebs-G.m.b.H. und bezog hierfür zuerst von der einen, dann von der anderen Seite erhebliche Honorare.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 142. Das Entgelt für die Baracken belief sich auf 12 Mio. Franken,Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 142. welche das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt des Reichsführers SS zur Verfügung stellte.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 144. Dieses Amt benötigte für die Freigabe des Geldes die Zustimmung des Leiters des Auslandsnachrichtendienstes im Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes, Brigadeführer Walter Schellenberg.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 151. Eggen und Schellenberg waren sich näher gekommen und arbeiteten oft zusammen. Dabei vermied es Eggen, Schellenberg unterstellt zu werden, damit er seine persönliche Unabhängigkeit behielt, und blieb im SS-Führungshauptamt.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 151.

Deutsche Pressekampagne gegen die Schweiz Im Herbst 1941 führten deutsche Zeitungen eine Kampagne gegen die Schweiz, weil diese ihr selbst gegebenes Neutralitätsversprechen nicht einhalte.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 158. Masson befürchtete deswegen einen Präventivangriff auf die Schweiz.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 159. Für einen Präventivangriff sprach auch, dass der soeben begonnene Russlandfeldzug für Deutschland noch günstig verlief, und noch Reserven vorhanden waren.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 158. Mit der Respektierung der Schweizer Souveränität war langfristig nicht zu rechnen. Sie war im Gedankengebäude Adolf Hitlers grundsätzlich nicht vorgesehen. Der im Völker- und Staatsrecht führende deutsche Jurist Carl Schmitt formulierte dies so, dass Deutschland wie jedes Reich seinen Grossraum habe, in den seine politische Idee ausstrahle und der fremden Interventionen nicht ausgesetzt sein dürfe.Lothar Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung. Die Konstruktion einer deutschen Monroe-Doktrin. Stuttgart 1962, S. 130. In einer Grossraumordnung gewähre das Führungsvolk den geführten Völkern allenfalls eine abgestufte Autonomie.Dan Diner: Rassistisches Völkerrecht. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. München 1983, S. 23–56 mit Verweis auf Gustav Adolf Walz: Völkerrechtsordnung und Nationalsozialismus. München 1942, S. 41. Im Grossraum gäbe es für die geführten Völker keine Souveränität, keine Unabhängigkeit und keine territoriale Unversehrtheit.Dan Diner: Rassistisches Völkerrecht. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. München 1983, S. 23–56 mit Verweis auf Lothar Gruchmann: Nationalsozialistische Großraumordnung. Die Konstruktion einer deutschen Monroe-Doktrin. Stuttgart 1962, S. 130.

Erste Treffen von Masson und Eggen mini|Einschätzung der deutschen Wehrmacht von Roger Masson (unten auf der Seite) Meyer-Schwertenbach kannte die Überlegung seines Vorgesetzten Masson und schlug ihm vor, einen näheren Blick auf Eggen zu werfen. Masson willigte ein und beauftragte Meyer-Schwertenbach, ein Treffen zu organisieren.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 159. Am 24. November 1941 trafen sich Masson, Eggen und Meyer-Schwertenbach im Hotel Schweizerhof in Bern. Eggen vermittelte Masson den Eindruck, er sei schweizfreundlich und ideenreich, und er habe Zugang zu deutschen Schlüsselfiguren.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 159. Masson entschied sich, Eggen noch einmal zu treffen, weil er in seinen Augen den falschen Eindruck Deutschlands von der Schweiz gerade rücken konnte.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 159. Im frühen Dezember 1941 bat Masson Eggen um den ersten Gefallen: Man möge deutscherseits dem nationalsozialistischen Schweizer Journalisten Franz Burri untersagen, gegen die Schweiz hetzende Informationsbulletins zu veröffentlichen. Burri behauptete darin, dass der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, General Henri Guisan sr., unter dem Einfluss von Juden, Plutokraten und Freimaurern stehe und ein Lakai der angelsächsischen Politik sei.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 358 Fn. 187. Eggen konnte den Wunsch Massons erfüllen mit Hilfe seines Vorgesetzten Jüttner, dem Leiter des SS-Führungshauptamts, und des Leiters des SS-Hauptamts, Gottlob Berger.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 160 Fn. 194. Anfang Dezember 1941 meldete Masson seine Kontakte zu Eggen dem Leiter des persönlichen Stabes von General Guisan sr., Bernard Barbey. Barbey gab ihm den Rat, über den Kontakt Stillschweigen zu bewahren.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 161.

Freilassung von Ernst Mörgeli Anfang 1942 wandte sich Masson an Eggen mit der Bitte, auf die Freilassung von Ernst Mörgeli hinzuwirken. Mörgeli war Bediensteter beim Schweizer Konsulat in Stuttgart und war gleichzeitig für das Deutsche Büro des Nachrichtendienstes tätig. Mörgeli war unter dem unzutreffenden Vorwurf der Spionage für Grossbritannien verhaftet worden und später in das Konzentrationslager Welzheim eingewiesen worden.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 163, 172, 174. Eggen erklärte wahrheitsgemäss, dass er darauf keinen Einfluss nehmen könne. Helfen könne aber der SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Walter Schellenberg, der Leiter des Amtes VI im Reichssicherheitshauptamt, des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS, Heinrich Himmler. Masson wusste nichts über Schellenberg, aber schlug Eggen ein privates Treffen mit Schellenberg in der Schweiz vor. Schellenberg liess Masson über Eggen ausrichten, dass er keine Zeit für einen Urlaub in der Schweiz habe, und lud Masson nach Berlin ein. Dies lehnte wiederum Masson ab.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 164. Schellenberg lud daraufhin Meyer-Schwertenbach nach Berlin ein und empfing ihn am 8. Juli 1942 in einem Gästehaus der SS am Wannsee.Pierre Th. Braunschweig: Secret Channel to Berlin. Philadelphia 2004, S. 166.

Gespräch zwischen Schellenberg und Meyer-Schwertenbach am Wannsee mini|Gempenplateau