mini|Brieftaube mini|Brieftaubenweibchen mit einem Jungtier mini|Männchen der Brieftaube Die Brieftaube ist eine Taubenrasse, die sich durch ihre besondere Orientierung, ihr ausgeprägtes Heimfindevermögen und ihre Fähigkeit, in kürzester Zeit weite Strecken zurückzulegen, auszeichnet. Brieftauben stammen von den Haustauben ab.

Früher wurden Brieftauben verwendet, um Nachrichten zu übermitteln; die Taubenpost war der Anfang der Flugpost. Heute werden die Fähigkeiten der Brieftauben durch die Brieftaubenzucht erhalten. Dazu werden die Brieftauben auf Distanzflügen trainiert. Die Brieftaubenzüchter verstehen ihr Hobby im Allgemeinen als Sport, ähnlich dem Pferde- und Hundesport.

Geschichte

Nachrichtenübermittlung und Heimfindevermögen mini|links|Brieftauben im Anflug auf den Heimatschlag mini|Taubenpost mini|Brieftaubenfotografie, vermutlich während des Ersten Weltkriegs mini|Brieftauben-Rucksack der Schweizer Armee Zum Transport einer Botschaft muss eine Brieftaube von ihrem Heimatschlag an den Abflugort gebracht werden, wo sie bis zu ihrem Einsatz festgesetzt wird. Die Nachricht wird auf einem zusammengerollten Zettel in einem Behältnis am Fuß oder Rücken der Taube befestigt. Nach dem Auflass fliegt sie zu ihrem Heimatschlag zurück, wo die von ihr mitgebrachte Botschaft in Empfang genommen werden kann.

Eine vollständige Erklärung des Heimfindeverhaltens der Brieftauben ist bis heute noch nicht gefunden. Es wird vermutet, dass Brieftauben wie auch Zugvögel den Stand der Sonne und Sterne sowie das Magnetfeld der Erde als „Kompass“ verwenden können und zusätzlich visuelle Anhaltspunkte nutzen.Klaus Schmidt-Koenig: Das Rätsel des Vogelzugs. Faszinierende Erkenntnisse über das Orientierungsvermögen der Vögel. Hoffmann und Campe, Hamburg 1980, ISBN 3-455-08840-6 Bereits Mitte der 1960er Jahre war von Wolfgang Wiltschko bei Rotkehlchen und Haustauben ein Magnetsinn nachgewiesen und im Auge lokalisiert worden,Wolfgang Wiltschko, Roswitha Wiltschko: Magnetic compass of European robins. In: Science. Band 176, 1972, S. 62–64, doi:10.1126/science.176.4030.62. der die Inklination, also den Neigungswinkel der magnetischen Feldlinien relativ zur Erdoberfläche, zur Richtungsfindung nutzt. In den Jahren 2000 und 2001 publizierte Studien wiesen – zunächst bei Tauben – zusätzlich in der Haut des Oberschnabels entdeckte Anhäufungen von sehr kleinen Kristallen nach, die sich mit Hilfe kristallographischer Methoden als superparamagnetisch erwiesen und vom Trigeminus innerviert werden.Matthew N. Williams, J. Martin Wild: Trigeminally innervated iron-containing structures in the beak of homing pigeons, and other birds. In: Brain Research. Band 889, Nr. 1–2, 2001, S. 243–246, doi:10.1016/S0006-8993(00)03114-0.Marianne Hanzlik, Christoph Heunemann, Elke Holtkamp-Rötzler, Michael Winklhofer, Nikolai Petersen, Gerta Fleissner: Superparamagnetic Magnetite in the Upper Beak Tissue of Homing Pigeons. In: Biometals. Band 13, Nr. 4, 2000, S. 325–331, doi:10.1023/A:1009214526685. In Kooperation mit dem Experimentalphysiker Gerald Falkenberg vom Hamburger Synchrotronstrahlungslabor (HASYLAB) am Deutschen Elektronen-Synchrotron wurde das „Schnabelorgan“ 2010 im Sinne eines biologischen Magnetometers interpretiert: Die Strukturen im Oberschnabel der Vögel vermögen demnach die örtlich unterschiedliche Feldstärke des Erdmagnetfelds zu messen und so zum Erzeugen einer „geomagnetischen Landkarte“ beizutragen, während die lichtabhängigen Zellen im Auge die Ausrichtung des Erdmagnetfelds detektieren.Gerald Falkenberg, Gerta Fleissner et al.: Avian Magnetoreception: Elaborate Iron Mineral Containing Dendrites in the Upper Beak Seem to Be a Common Feature of Birds. In: PLoS ONE. Band 5, Nr. 2, e9231, doi:10.1371/journal.pone.0009231. Ein Magnetometer im Oberschnabel aller Vögel? Auf: idw-online.de vom 22. Februar 2010.

Brieftauben waren vor der Erfindung von Telegrafie und Telefonie die einzige Möglichkeit, Informationen schneller zu übermitteln als durch einen Boten. Zudem konnten Tauben Nachrichten auch ohne Aufsehen über feindliche Stellungen hinweg transportieren. Dazu mussten sie allerdings zuvor vom gewünschten Zielort herbeigeschafft sein, was naturgemäß schwierig war. mini|hochkant|links|Patrouillenkorb mit Brieftauben für Radfahrer und Gebirgstruppen (Schweiz, Erster Weltkrieg) Historische Beispiele für einen Langstreckeneinsatz von Brieftauben sind die Taubentürme der Republik von Genua im Mittelmeer oder die Übermittlung der Nachricht vom Sieg in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 an die britische Regierung. Reuters begann seinen Pressedienst mit Brieftauben. Vor dem Ersten Weltkrieg versuchten die russische und die britische Regierung, eine Brieftaubenverbindung zwischen Libau und Dünkirchen aufzubauen; dabei sollte Esbjerg in Dänemark als Zwischenstation dienen. Dieser Versuch schlug ebenso fehl wie der einer Linie zwischen Odessa und dem französischen Protektorat Tunis. Auf Kurzstrecken wurden Brieftauben im Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs auf deutscher wie auf französischer Seite eingesetzt, wenn Telefon- und Telegrafenleitungen zerstört und optische oder drahtlose Telegrafie ebenso wenig möglich waren wie eine Übermittlung durch Melder.

Die Schweizer Armee etablierte 1917 einen Brieftaubendienst, der 1951 den Fernmeldetruppen angegliedert wurde und seine Basis auf der Armeebrieftaubenstation Sand-Schönbühl (Kanton Bern) hatte. Der Dienstzweig wurde zwar formell schon im Zuge der Armeereform 1995 abgeschafft, doch die Auflösung des Brieftaubendienstes der Schweizer Armee wurde erst 1996 abgeschlossen, nachdem die 30.000 Tauben der neu gegründeten Schweizerischen Brieftaubenstiftung (SBS) als gemeinnützige Organisation übergeben und die Tauben „in die zivilen Lüfte entlassen“ worden waren.Auflösung des Brieftaubendienstes abgeschlossen. Die Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Pressemitteilung, 2. Juli 1996.

Mit dem Internet Protocol over Avian Carriers existiert seit 1990 ein (scherzhaftes) Netzwerkprotokoll für drahtlose Punkt-zu-Punkt-Verbindungen mittels Brieftauben, das im Jahr 2011 erweitert und damit IPv6-tauglich gemacht wurde.

Brieftaubensport Anfänge Mutterland des Brieftaubensportes ist Belgien. Hochburgen sind neben Belgien auch die Niederlande und Deutschland, besonders das Ruhrgebiet. Dort heißen die Brieftauben auch Rennpferde des kleinen Mannes, der Taubenzüchter nennt sich Taubenvatta. Dabei können wertvolle Zuchttiere durchaus mehrere tausend Euro kosten.

Ruhrgebiet mini|links|Taubenvatta-Denkmal in Castrop-Rauxel Die Anfänge des Taubensports im Ruhrgebiet fallen in die 1860er Jahre. Die Zuwanderer aus der Zeit der Industrialisierung, die aus den landwirtschaftlich geprägten Ostprovinzen Preußens kamen, hielten neben anderem Kleinvieh auch Tauben. Die sogenannten Kolonien bestanden aus ein-, anderthalb oder zweistöckigen Häusern mit Ställen, die stellenweise noch heute das Bild der unter Denkmalschutz gestellten Zechensiedlungen prägen. Durch die Konzeption der Siedlungen wurde versucht, an ländliche Elemente anzuknüpfen. So verfügten im Jahre 1900 etwa 86 % der Wohnungen über einen Garten und 96 % über einen Stall. Von etwa 12 % im Jahre 1893 stieg der Anteil der Zechenwohnungen bis zum Jahre 1914 auf 35 %.

Die Taubenhaltung und -zucht erfreute sich großer Beliebtheit, so dass die Brieftaube als „Rennpferd des Bergmanns“ bezeichnet wurde. 1869 gab es in Bochum bereits ein Reisetauben-Sporthaus. Sportliche und patriotische Gründe führten in Bochum im Jahre 1881 zur Gründung der ersten Brieftaubenreisevereinigung für die dortigen vier Vereine. Durch sie wird der Transport der Tauben zu den Auflassorten, besonders bei Weitstreckenflügen, z. B. auch von Königsberg/Preußen, organisiert.

Seit 1905 hat die Brieftaubenreisevereinigung (RV) ihren Sitz in Hattingen. 1891 hatte die RV bereits 24, im Jahre 1895 36, im Jahre 1897 48 und für 1899 meldete das Protokoll, dass 72 über das Ruhrgebiet verteilte Vereine der RV angehören. 1894 geht die Mitgliederzone der RV bereits bis Bottrop, Duisburg-Meiderich, Dortmund, Gladbeck, Moers, Mülheim (Ruhr), Neviges, Velbert, Volmarstein, Vorhalle bei Hagen und Witten. In dieser Zeit gründeten sich weitere Reisevereinigungen. Die drei ältesten Vereinigungen an Rhein und Ruhr sind:

RV des Rheinisch-Westfälischen-Industriegebiets, gegr. 1881; RV Gelsenkirchen 1894; RV Essen 1898.

Bereits vor Gründung der RV Gelsenkirchen gab es im Umland drei Brieftaubenvereine: Gelsenkirchen-Horst, den Verein 0191 „Vorwärts“ Rotthausen, in der damals noch selbständigen Gemeinde Rotthausen 1889 0208 „Heimkehr“ Gelsenkirchen wurde 1890 gegründet. Er gilt als erster Mitgliedsverein der RV Gelsenkirchen 1894.

Vom deutschen Brieftaubenverband wurde der Verein, dem im Jahre 1890 15 Züchter angehörten, unter der Registriernummer 0208 geführt. 1899 kam es zur Vereinigung der RV Gelsenkirchen 1894 mit einer zweiten Gelsenkirchener Reisevereinigung. Die Vereinigung führte den Namen Reisevereinigung für Gelsenkirchen und Umgegend gegr. 1894.

Bereits seit 1875 wurde in Herne, das damals noch ein bescheidenes Kirchspiel war, in dem die ersten Zechenabteufungen begannen (Shamrock – Mont Cenis), der Brieftaubensport gepflegt. In Herne schlossen sich die Taubenliebhaber zum ältesten Ortsverein, der Heimkehr 011, zusammen. Die Dachorganisation der deutschen Brieftaubenliebhaber, der Verband Deutscher Brieftaubenliebhabervereine, wird im Jahre 1884 gegründet. 1885 hat der Verband schon 68 Mitgliedervereine in Deutschland.

Der erste Taubenverein im Vest Recklinghausen wird 1890 gegründet. Der Name des Vereins lautet zunächst Kriegspost. Die Züchter des Vereins orientieren sich anfangs an der 1894 gegründeten Brieftaubenreisevereinigung Gelsenkirchen und Umgebung 1894 e. V., da es in Recklinghausen und Umgebung keine Reisevereinigung gab. Bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist das Ruhrgebiet das Zentrum der deutschen Taubenzucht mit der größten Vereinskonzentration. 1908 besitzt das Ruhrgebiet die meisten Brieftaubenvereine in Deutschland. Der erste Taubenverein im Vest Recklinghausen wird 1890 gegründet. Er trägt später den Namen BZV Vest Recklinghausen 0467 und ist der älteste Brieftaubenverein in einem Bezirk, dem im Jahre 1994 immer noch zwölf Reisevereinigungen angehören. 1896 hat der Verein bereits 24 Mitglieder mit 447 Tauben.

Die Verleihung von Medaillen setzt seinerzeit eine Flugstrecke von über 300 km voraus. Die Angaben stammen aus alten Vereinsprotokollen, das älteste erhaltene stammt vom Dezember 1918, und aus Unterlagen des Archivs des Verbandes Deutscher Brieftaubenliebhaber. Im Jahre 1897 wird der erste Brieftaubenverein im Recklinghäuser Ortsteil Süd mit Namen Blitz gegründet. Die Preisflüge dieser Zeit gehen angepasst an die damalige Bahnverbindung, von Haltern, Appelhülsen, Lengerich oder Lehmförde aus.

Nach wechselvoller Geschichte und unterbrochen von den beiden Weltkriegen, erlebt der Taubensport im Ruhrgebiet mit Beginn der 1950er Jahre und im folgenden Jahrzehnt seine Blütezeit.

Organisation Heute werden Brieftauben fast ausschließlich für sportliche Wettbewerbe gehalten und gezüchtet. Die Züchter schließen sich in Brieftaubenzuchtvereinen zusammen, welche wiederum Reisevereinigungen bilden, die den eigentlichen Wettbewerb durchführen. Dachorganisation des Brieftaubensports in Deutschland ist der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter e. V. mit Sitz in Essen.

Wettbewerbe mini|Brieftaubentransporter