Mit Kulturphilosophie wird eine Philosophie bezeichnet, die Kulturtheorien formuliert, dabei Distanz zu traditionellen Auffassungen zum Ausdruck bringt und kulturelle Phänomene reflektiert. Sie entwickelte sich um die Wende des 19./20. Jahrhunderts im Zusammenhang gesellschaftlicher und politischer Veränderungen der Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges. Intellektuelle (z. B. Simmel und Valéry) stellten anlässlich der Millionen von Toten und eines allseitigen Normenverlustes die kulturtragenden Theorien idealistischer Philosophien, vor allem der Hegels und Kants in Frage oder verwarfen sie. Heute wird Kulturphilosophie auch der in den 1980ern aufkommenden Kulturwissenschaft zugeordnet. Ihre Vertreter distanzieren sich von der Begrenzung ihrer Wissenschaft auf eine Schulwissenschaft der Philosophie.Vgl. Böhme/Matussek/Müller: Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will. 2. Aufl., Reinbek b. Hamburg 2002, S. 56–65.

Kultur als gemeinsame Aktivität Einige Kulturkritiker dieser Zeit (u. a. Oswald Spengler) sahen das Ende der Kultur gekommen. Mehrheitlich vertrat man ein idealismuskritisches Programm und knüpfte damit auch an Ideen des 19. Jahrhunderts anZ. B. an Feuerbach, Laas und Wahle. Dieses Programm wollte die Reform des philosophischen Denkens einleiten: philosophische Theorien sollten den Bedürfnissen der Menschen und den wissenschaftlichen Ansprüchen der Zeit angepasst werden. Man verabschiedete die Auffassung, dass Kultur ein Gebilde verschiedener "Seinsbereiche" sei, die aus qualifizierten Produkten der Künste und Wissenschaften bestanden. Durch den Gebrauch dieser Produkte, so hatte man behauptet, entwickelten sich "Menschen mit Kultur".

Diese Vorstellung hatte durch die Ereignisse des Krieges und der vorangehenden und nachfolgenden gesellschaftspolitischen Veränderungen ihre Allgemeinverbindlichkeit verloren. Kulturphilosophen gingen Anfang des 20. Jahrhunderts dazu über, Kultur als gemeinsame Aufgabe aller Menschen zu betrachten. Als Ausdrucksformen von Kultur galten nun die sich wandelnden Produkte und Strukturen des gemeinsamen Handelns. Man betrachtete Kultur als ein dynamisches Gebilde, als "ein Ensemble von Wechselwirkungen", das Menschen gemeinsam hervorbringen und das dem Einzelnen zur Lebensorientierung dient. Das „eigentümliche Wechselverhältnis“ zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft ist Kultur. “Ihr Gehalt besteht für uns nur dadurch, dass es (das gemeinsam Geschaffene) ständig von neuem angeeignet und dadurch stets aufs neue geschaffen wird.”Ernst Cassirer: Die Tragödie der Kultur (1942). In Ralf Konersmann: Kulturphilosophie. 2. Aufl., Leipzig 1998, S. 117.

Die Umstellung auf dieses funktionale (positivistische) Denken über Kultur prägt das Selbstverständnis der Kulturphilosophie und schlägt sich in Theorien nieder, die auf die Kulturwissenschaften innovativ wirken. Ein charakteristisches Merkmal ist die kritische Reflexion kultureller Phänomene, wie sie in Anknüpfung an Ideen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach dem Zweiten Weltkrieg (u. a. Arendt, Horkheimer, Marcuse) gefordert wurde.Vgl. Ralf Konersmann: Aspekte der Kulturphilosophie in “Kulturphilosophie” ders., als Hrsg., Leipzig 1998, S. 9–24. – Jürgen Mittelstraß (Hrsg.)Enzyklopädie, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Stuttgart 2004, Bd. 2, S. 511. - Ralf Konersmann (Hrsg.): Grundlagentexte der Kulturphilosophie. Hamburg 2009, S. 7–14. Ursula I. Meyer: Der philosophische Blick auf die Kultur. Aachen 2013, S. 28–30; S. 94 f.

Skizze eines kulturellen Umbruchs Zeiten des "Umbruchs" sind von kulturphilosophischem, bzw. kulturwissenschaftlichem Interesse.Zur Dokumentation dieses Interesses siehe Wilhelm Perpeet: Kulturphilosophie. Archiv Für Begriffsgeschichte, vol. 20, 1976, pp. 42–99. JSTOR. Der folgende Abschnitt enthält einige Phänomene der Umbruchszeit, bzw. der 'Zäsur' des 19./20. Jahrhunderts. Kulturphilosophen, bzw. Kulturwissenschaftler haben diese Zeit bis heute immer wieder thematisiert und untersucht.Eine Übersicht bieten Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch (Hrsg.): Erster Weltkrieg: Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart 2014, S. 1–4.

Allgegenwärtige traditionelle Sichten Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war im Zuge der deutschen Einheit von inneren und äußeren politischen Veränderungen geprägt. Menschen dachten und fühlten politisch mehrheitlich nationalistisch. Sie folgten einer PopularphilosophieVgl. Gerd Ueding: Rhetorik und Popularphilosophie. In: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. Hrsg. v. Neuber, Wolfgang / Oesterreich, Peter L. / Ueding, Gert / Vidal, Francesca. Online erschienen: 19.05.2010 | DOI:10.1515/9783110244489.122., die je nach Neigung und konfessioneller Bindung von Variationen kantischer, hegelianischer und romantischer Vorstellungen beeinflusst war. An den Universitäten herrschten Konformität und für jeden Gehorsamspflicht gegen die preußische Bürokratie. Philosophische Fakultäten sahen es als ihre Aufgabe an, den preußischen Staatsidealismus zu rechtfertigen. Reformen waren im Wesentlichen eine staatliche Aufgabe. Lehrpläne, Prüfungen und Berufungen unterstanden hauptsächlich den preußischen Behörden und dem Einfluss der Korporationen. Es wurden Professoren unterstützt, die sich dem 'Geist des Idealismus' bzw. der gängigen Popularphilosophie verpflichtet fühlten. Philosophische Orientierungen, wenn sie als metaphysikfeindlich eingestuft wurden, führten zur Ablehnung von Berufungen. Marxistische und sozialistische Ideen waren verbannt, auch liberale Professoren waren selten. Der Standard der Forschung war hoch und international anerkannt.Vgl. Hans Ulrich Wehler: Das deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918. Göttingen 1994, S. 128–134. Ferner: Wilfried Barner, Christoph König (Hrsg.): Jüdische Intellektuelle und die Philologien in Deutschland 1871 bis 1933. Göttingen 2001, S. 25f.

Neue Sichtweisen verbreiten sich Neue naturwissenschaftliche Arbeitsweisen und Theorien, die Metaphysik ablehnten und auch das klassische Weltbild der Physik in Frage stellten, wie z. B. Ernst Mach, wurden für die Universitäten zum Problem. Sie stellten die selbstverständliche Überzeugung in Frage, mit empirischen und metaphysischen Mitteln Wahrheiten finden zu können. Die Relativität von Forschungsergebnissen, die, wie viele annahmen, Kants Transzendentalphilosophie ausschloss, wurde für die Naturwissenschaften selbstverständliche, wissenschaftliche Grundlage.

Dies hatte Folgen in den Geisteswissenschaften. Während Ranke noch geglaubt hatte, dass sich die Weltgeschichte auf eine gottgewollte höhere und letztlich harmonische Ordnung zu bewegte, operierten seine Nachahmer (Epigonen) an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten des Kaiserreichs mit einem eher säkularisierten Machtbegriff. Am Ende der Geschichte sollte der Sieg der tüchtigsten Nationen im Überlebenskampf stehen. Macht und Kultur so meinte man, würden sich mit den Leistungen des Kaiserreichs zum Sieg vereinen.

Der Kulturphilosoph und Kulturhistoriker Karl Lamprecht suchte nach Gesetzen der historischen Entwicklung und vertrat eine Konzeption, die dem des französischen und englischen Positivismus nahekam. Auch bei den Neukantianern deutete sich eine Abkehr von alten Gewissheiten an. Heinrich Rickert, Georg Simmel, Max Weber, und Georg Jellinek traten für einen wissenschaftlichen Werterelativismus ein. Es verbreitete sich zunehmend der Verdacht, dass die Erkenntnis von den Sichten des Beobachters abhänge und absolute Wahrheiten sich den Menschen entziehen.

Marxistische Ideen drängten durch die Mauern der Universität und machten eine geistige Auseinandersetzung unabwendbar. Gustav Schmoller, Lujo Brentano und Adolf Wagner suchten nach einem Weg zwischen dem klassischen Wirtschaftsliberalismus und Marxismus und trafen sich mit Historikern und Juristen zur Diskussion in dem 1872 gegründeten „Verein für Sozialpolitik“. Die Herausforderung durch den Marxismus hat vermutlich den Aufstieg der Soziologie begünstigt.

Was gesagt wurde, wurde erst in der Wiedergabe in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und Broschüren verbreitet. Wurden die Meinungen zu freizügig, so standen die Sanktionsmittel der Staatsgewalt bereit und wurden für illiberale Zwecke mobilisiert.Vgl. Volker Berghahn: Das Kaiserreich 1871 bis 1914. Industriegesellschaft, bürgerliche Kultur und autoritärer Staat. In: Bruno Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 16., 10. (revidierte) Aufl., Stuttgart 2011, S. 255–273.

Der Erste Weltkrieg Historiker charakterisieren den Ersten Weltkrieg heute als Ende einer Ära, die durch die soziopolitische Macht des Kaiserreiches und daran gebundener Ideologien gekennzeichnet war. Man kann das Scheitern in Krieg und Revolutionen als Resultat seiner Politik und Gesamtverfassung verstehen. Starrheit der Institutionen, der Interessen und Ideen während der Kaiserzeit können als Hinweise auf Brüchigkeit gelten.Vgl. Hans Ulrich Wehler: Das deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918. Göttingen 1994, S. 227.

"Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. In den vier Kriegsjahren seit 1914 hatten mehr als neun Millionen Menschen ihr Leben verloren, 20 Millionen waren verwundet worden. Zum Ende des Krieges befanden sich 25 Staaten mit rund 1,4 Milliarden Menschen im Kriegszustand, das waren etwa drei Viertel der damaligen Erdbevölkerung."Informationen der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg Die Folgen des verlorenen Krieges wurden der deutschen Bevölkerung erst durch den Friedensvertrag von Versailles bewusst. "Engländer, Franzosen und Belgier machten Deutschland und Österreich-Ungarn für die Auslösung der Katastrophe verantwortlich."Volker R. Berghahn: Der Erste Weltkrieg. München 2003, S. 18.

Intellektuelle in Deutschland streiten in Kriegszeiten darüber, ob es sich um einen "gerechten" oder "ungerechten" Krieg handle. Max Scheler hält ihn für einen gerechten Krieg, weil es um die richtige Politik gehe.Vgl. Max Scheler: Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg. Leipzig 1917, S. 164–167. Er unterstellt den Engländern die Tendenz, die 'geistige Qualität' zentraler philosophischer Begriffe misszudeuten, indem sie "Kategorienfehler" begehen. Georg Simmel sieht in einer Rede 1914 den Sinn dieses Krieges in der Festigung der Deutschen Einheit, die alle Mächte um Deutschland herum seit 1870 torpedieren. Diese 'Einkreisungsfantasie' ist ein vielgebrauchter Topos in der Diskussion um den Krieg. Simmel, der sich in seiner Rede auch über die unauslotbaren Ausmaße dieser Katastrophe äußert, entscheidet sich für die These, dass dieser Krieg den Wandel zu einem 'neuen Menschen' herbeiführen könne.Vgl. Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch (Hrsg.): Erster Weltkrieg: Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart/Weimar 2014, S. 149–151.

Reaktionen nach dem Krieg Das Lebensgefühl und Denken vor, während und nach der Kriegszeit verbinden Intellektuelle mit Termini wie 'Verschwinden der Weltvertrautheit' (Max Weber), 'Krise des Geistes' (Paul Valéry), 'gottverlassene Welt' (Georg Lukács), 'Verlust der alten Ideenwelt', 'Untergang des Abendlandes' (Oswald Spengler), 'transzendentale Obdachlosigkeit' (Neukantianer).

Es wird auch Persönliches angemerkt: Georg Simmel erläutert, seine Generation stehe an einem Abgrund zwischen gestern und morgen, zwischen Metaphysik, bzw. Idealismus und einer noch unbekannten Philosophie, die einen neuen Menschen entwerfen werde. Paul Valery sieht sich außerstande den gegenwärtigen Zustand Europas zu beschreiben: Wir haben erlebt, so Valery, dass unsere Kultur untergeht: Europa "hat in allen seinen Nervenzentren empfunden, dass es sich nicht mehr erkennt, dass es aufgehört hat, sich selbst zu gleichen, dass es das Bewusstsein seiner selbst verliert". Die Ideen vor dem Krieg sind unbrauchbar geworden. Kriegsveteranen bezeichnen "die Idee zu den Waffen zu greifen" als den Triumph der Dummköpfe" und warnen, dass von Dogmatikern jeder Richtung eine ständige Kriegsgefahr ausgehe. (Émile Chartier).