mini|Georg Dertinger (1949) Georg Dertinger (* 25. Dezember 1902 in Friedenau; † 21. Januar 1968 in Leipzig) war ein deutscher Politiker (DNVP, Ost-CDU). Er war der erste Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR. Nach einem stalinistischen Geheimprozess war er zehn Jahre in der DDR inhaftiert.
Leben Schulbildung, Studium und Beruf Georg Dertinger besuchte ab 1910 das Realgymnasium in Lichterfelde und Dahlem. Nach dem Tod seines Vaters Rudolf Dertinger, der im Oktober 1914 als Leutnant in Ostpreußen fiel,Auszug aus den Deutschen Verlustlisten vom 5. November 1914 konnte der Halbwaise Ostern 1916 eine Freistelle in der KadettenanstaltSiehe Abschnitt Kadettenanstalt Plön 1867–1920 in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel) Heft 26 (November 1994) S. 3–100, Digitalisiert. im Schloss Plön in Holstein bekommen. Von dort kam er zwei Jahre später an die preußische Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde, wo er nach deren Umwandlung in eine staatliche Bildungsanstalt Anfang 1922 sein Abitur ablegte.Peter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. 2005, S. 22 ff. und S. 296. Er arbeitete während seines Studiums der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft an der Universität Berlin sowie auch nach dessen Abbruch bei der Magdeburgischen ZeitungPeter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. 2005, S. 296. und später in der Magdeburger Redaktion der Bundeszeitung des Stahlhelm. Bis 1930 war er Berlin-Korrespondent für mehrere Provinzzeitungen.
Mitgliedschaft bei der DNVP Dertinger war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und gehörte dem Deutschen Herrenklub an. Er hatte enge Kontakte zum Tat-Kreis und wurde Chefredakteur der 1930 gegründeten DNVP-Korrespondenz Dienst Nationaler Tageszeitungen (Dienstag).
Dertinger war Mitglied im Berliner Verband der auswärtigen Presse, einem Zusammenschluss von Berlin-Korrespondenten inländischer Provinzzeitungen; und da die nationalen Blätter als Partner der Nationalsozialisten galten, wurde er 1933, im Zuge der Gleichschaltung der Presse, als stellvertretender Vorsitzender des Vorstands gewählt.
Dertinger begleitete 1933 Papen bei den Verhandlungen um das Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl. Ab 1934 war er Mitarbeiter des Dienstes aus DeutschlandPeter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. 2005, S. 52: Dertinger wurde 1938 als Parteiloser so genannter Hauptschriftleiter von Dienst aus Deutschland (D. a. D.), des sog. Dertinger-Dienstes für verschiedene Provinzzeitungen und das Ausland.Müller-Enbergs, Wielgohs, Hoffmann (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Bonn 2001, S. 147
Mitgliedschaft bei der Ost-CDU Dertinger gehörte 1945 zu den Mitbegründern der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) in der Sowjetischen Besatzungszone und war ihr Pressereferent sowie ab 1946 Generalsekretär der CDU.J. B. Gradl: Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, S. 192, Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung Archiv für Christlich Demokratische Politik, Köln, 1981; ISBN 3-8046-8584-6 Er gehörte ihrem Vorstand sowie dem Verfassungs- und Koordinierungsausschuss an. Dertinger war seit Absetzung von Andreas Hermes einer der engsten Mitarbeiter von Hermes’ Nachfolger im Parteivorsitz, Jakob Kaiser, und Leiter des persönlichen Stabes beim CDU-Vorsitzenden. Im Zuge des politischen Sturzes von Kaiser und der Gleichschaltung der Ost-CDU machte ihn die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMA) auch zum Hauptgeschäftsführer.Vgl. den entsprechenden Artikel im Spiegel vom 12. Februar 1949 Digitalisat Nach Kriegsende mietete sich Dertinger das Haus Ernst-Thälmann-Straße 8 in KleinmachnowPeter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. 2005, S. 91 und zog mit seiner Familie im Dezember 1948 in den Berliner Vorort. Dort besuchte er die Mitgliederversammlungen der von Peter Bloch geleiteten CDU-Ortsgruppe.Peter Bloch: Zwischen Hoffnung und Resignation. Als CDU-Politiker in Brandenburg 1945–1950, Köln 1986, S. 135
Dertinger wurde am 23. Januar 1950 als provisorischer Landesvorsitzender der CDU von Sachsen berufen, nachdem gegen Hugo Hickmann eine Untersuchung des Politischen Ausschusses des Hauptvorstandes der CDU in Berlin eingeleitet worden war.Neue Männer in Sachsens CDU. In: Berliner Zeitung, 25. Januar 1950, S. 2. Am 29. Januar 1950 stellte Dertinger im Hinblick auf die Erklärung von Hickmann die Erledigung der von ihm übernommenen Aufgabe der kommissarischen Leitung des Landesverbandes fest. Mit dem Rücktritt von Hickmann ging die Funktion des Landesvorsitzenden in Sachsen nach der Satzung auf den zweiten Vorsitzenden, Otto Freitag, über.J. B. Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, S. 159, ISBN 3-8046-8584-6. Dertinger forderte 1951 in einer Sitzung des Politischen Ausschusses der CDU-Parteileitung mit Hinweis auf sich ereignete „zahlreiche Fälle“, in denen Lehrer „auf Grund ihrer christlichen Haltung in ernste Gewissensnöte gekommen“ seienVerhandlungsniederschrift über die Sitzung des Politischen Ausschusses vom 20. Februar 1951, Ausgabetag des Protokolls: 3. April 1951 und dazugehörige Berichtigung: „kein Gewissensbekenntnis verlangt werden darf.“ (Archiviert: Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)). Digitaler Lesesesaal der KAS, dass von den der CDU angehörenden Lehrern „kein Gewissensbekenntnis“ beim Studium des Marxismus-Leninismus „verlangt werden darf“. Gerald Götting sprach danach in dieser Angelegenheit mit dem Minister für Volksbildung Paul Wandel und der damaligen Staatssekretärin Elisabeth Zaisser.Bericht Göttings in der „Lehrerfrage“ auf der Sitzung des Politischen Ausschusses am 17. April 1951, Protokoll unter "Verschiedenes; Digitaler Lesesesaal der KAS Am 30. September 1952 wurde Dertinger mit seiner als Parteiauftrag formulierten Forderung auf einer Arbeitstagung des Wissenschaftlichen Arbeitskreises der Ost-CDU in Vorbereitung des 6. Parteitages öffentlich zitiert: Christentum und deutsches Volk sind in der Wurzel nicht zu trennen.Neue Zeit, 30. September 1952, S. 3
Nach seinem Ausschluss aus der Ost-CDU im Zusammenhang mit seiner Verhaftung 1953 erschien in der DDR erst wieder 1983 eine über 30 Jahre alte Abbildung von ihm – Blick Gerald Göttings auf Georg Dertinger und umgekehrt – zusammen mit weiteren Mitgliedern einer Sitzung des Politischen Ausschusses der CDU im Berliner Haus der Parteileitung aus dem Sommer 1952.Gerhard Fischer: Otto Nuschke. Ein Lebensbild, Union Verlag Berlin, 1. Auflage, 1983, Bildteilseiten 39/40 zwischen den Text-Seiten 144 und 145
Abgeordneter und Minister miniatur|Rede zur DDR-Gründung Von 1949 bis 1953 war Dertinger Abgeordneter der Volkskammer und erster Minister für Auswärtige Angelegenheiten. Am Entwurf der ersten Verfassung der Demokratischen Deutschen Republik hatte er entscheidenden Anteil und die CDU-Zeitung Neue Zeit veröffentlichte im Oktober 1949 seine außenpolitische Zielstellung. Am 6. Juli 1950 unterzeichnete er als solcher das Görlitzer Abkommen mit Polen über die Oder-Neiße-GrenzeAls ehemaliger DDR-Außenminister wurde er bei späteren DDR-Veröffentlichungen von zeitgenössischen Fotos zur Unterzeichnung des Grenzabkommen von 1950 wegretuschiert. Solch ein retuschiertes Foto verwendete noch die Zeitung Neues Deutschland in der Ausgabe vom 7./8. Juli 1990, S. 13, worauf ein Leser in der Ausgabe vom 4. August 1990, S. 13, kritisch aufmerksam machte. und zusammen mit dem amtierenden polnischen Außenminister Stanisław Skrzeszewski das Abschlussprotokoll der Grenzmarkierung am 27. Januar 1951 in Frankfurt/Oder. in Neues Deutschland, 28. Januar 1951, S. 1, gleiches Bildmotiv: Hauptabteilungsleiter Dr. Reintanz über die Urkunden gebeugt, während Dertinger und Skrzeszewski im Beisein der weiteren Delegationsteilnehmer unter dem Wandbild von DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck sich die Hände reichen.
Außenminister Dertinger stellte im Sommer 1952 den Antrag an die Parteileitung der Ost-CDU, eine Glocke zu stiften und sie in Frankfurt an der deutsch-polnischen Grenze aufzustellen. Sein Parteifreund, das Mitglied des Sekretariats der Parteileitung, Willi Leisner, setzte sich dafür ein, dem Antrag zu entsprechen, und begründete das Vorhaben u. a. damit, dass diese Glocke „… eines Tages den Frieden und ein einigendes Deutschland in Freundschaft mit den friedliebenden Völkern einläuten (soll)“.Neue Zeit, 25. Juni 1952, S. 1
Politische Verfolgung Am 15. Januar 1953 wurde Dertinger vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen „feindlicher Tätigkeit“ verhaftet und in über 16-monatiger Haft mit Folterungen und Geständniserpressung in einer unterirdischen Zelle des U-Boots in Berlin-Hohenschönhausen für einen Geheimprozess vor dem Obersten Gericht der DDR „präpariert“.Karl Wilhelm Fricke: (PDF; 132 kB) Entsprechend den Vorgaben des Politbüros der SEDFalco Werkentin: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Christoph Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-069-4, S. 319 verurteilte es Dertinger zusammen mit Helmut Brandt und vier weiteren Angeklagten, weil sie es sich zum Ziel gesetzt hätten, die DDR zu beseitigen „und die Ausbeutungsverhältnisse der Monopolisten, Großgrundbesitzer und Faschisten wiederherzustellen“. Dertingers Tatbeitrag sei gewesen, „das Eindringen faschistischer bewaffneter Banden über die Demarkationslinie“ in die DDR zu organisieren. Unter dem Vorsitz Walter Zieglers erhielt Dertinger eine Strafe von 15 Jahren Zuchthaus.Auszug aus dem Urteil bei Karl Wilhelm Fricke: Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968. Bericht und Dokumentation. Wissenschaft und Politik, Köln 1979, ISBN 3-8046-8568-4, S. 279 Bereits 1952 war das MfS an Dertingers persönlichen Presse-Referenten, Gerold RummlerEin prominenter Flüchtling aus dem Osten: Gerold Rummler, persönlicher Pressereferent des sowjetzonalen Außenministers Dertinger, gibt einen Bericht über die Gründe seiner Flucht; vom 10. Mai 1952, herangetreten, um von ihm belastende Informationen über seinen Vorgesetzten zu erhalten. Rummler floh daraufhin nach West-Berlin. Nach dem Prozess war Dertinger in Haft in der Sonderhaftanstalt Bautzen II. 1964 wurde Dertinger nach Fürsprache Göttings bei Walter Ulbricht nach einer Sitzung des DDR-Staatsrats begnadigt. Dertinger, der in der Haft zum Katholizismus konvertiert war,Günter Wirth: Wege und Wirkungen christlicher Literatur in der DDR. In: Frank-Lother Kroll (Hrsg.): Landschaft des Bürgerlichen. Ausgewählte Abhandlungen, Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12651-4, S. 240. arbeitete nach seiner Entlassung für den St. Benno Verlag in Leipzig. Götting äußerte dazu 1991, nach der Wiedervereinigung Deutschlands:
mini|Grabstätte Georg Dertinger und Frau auf dem Südfriedhof in Leipzig