miniatur|Bohumil Hrabal 1988, Fotoporträt von Hana Hamplová Bohumil Hrabal (* 28. März 1914 in Brünn als Bohumil František Kilian; † 3. Februar 1997 in Prag) war ein tschechischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Leben Bohumil Hrabal kam in Brünn als unehelicher Sohn von Marie Kilianová und dem österreichischen Offizier Bohumil Blecha zur Welt. Sein leiblicher Vater war nicht bereit, ihn als Kind anzuerkennen, weshalb er bis zum dritten Lebensjahr bei den Großeltern in Brünn lebte. Als seine Mutter 1916 den Buchhalter der Brauerei in Polná František Hrabal heiratete, nahm dieser Bohumil als seinen Sohn an. Die Familie zog 1919 nach Nymburk an der Elbe, wo Hrabal seine Kindheit und Jugend verbrachte.Ivana Mudrová. Kam značky nevedou III. a další podivuhodné cesty. Praha 2007. ISBN 978-80-7106-891-4. S. 155–158.

Das Aufwachsen in Nymburk verarbeitete Hrabal in verschiedenen seiner literarischen Werke, etwa der Trilogie Das Städtchen am Wasser (Die Schur, Schöntrauer, Harlekins Millionen) und in Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb.

Hrabal war kein besonders guter Schüler. Sein Interesse galt dem Geschehen in der Brauerei und Josef, genannt Onkel Pepin, dem Bruder seines Stiefvaters František, der „zu Besuch kam und bis zum Tode blieb“. Der Redefluss Onkel Pepins diente Hrabal als Inspiration für seinen charakteristischen literarischen Stil, für den er das Fantasiewort „pábit“ (deutsch „bafeln“) erfand. Ein langer stilisierter Monolog Onkel Pepins findet sich in den Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene.Chiffre meines Schreibens Prager Zeitung am 10. Oktober 2012

Hrabal schrieb bereits seit den 1930er Jahren literarische Texte, die zunächst unveröffentlicht blieben. Nach seiner Matura im Jahr 1935 studierte Hrabal an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Karls-Universität in Prag. Er besuchte gleichzeitig auch Vorlesungen über Literaturgeschichte, Kunst und Philosophie. Aufgrund der Schließung der tschechischen Hochschulen während der NS-Protektoratszeit konnte er das Studium erst 1946 abschließen. Während des Zweiten Weltkriegs war Hrabal bei der Eisenbahn als Fahrdienstleiter in Kostomlaty nad Labem beschäftigt, was später ebenfalls in seinem Werk Niederschlag fand (Reise nach Sondervorschrift – Zuglauf überwacht). In der Folge war er als Versicherungsagent, Handelsreisender und schließlich ab 1949 als Hilfsarbeiter in einer Stahlhütte tätig. Nach einem schweren Unfall arbeitete er dort von 1953 bis 1959 als Verpacker von Altpapier in einem Rohstofflager. Diese Zeit ist literarisch verarbeitet in einer seiner bekanntesten Erzählungen Allzu laute Einsamkeit sowie im ersten Teil der autobiographischen Romantrilogie Hochzeiten im Hause. 1956 heiratete Hrabal auf Schloss Libeň in Prag Eliška Plevová.

mini|Hrabals Ferienhaus in Kersko Erste Texte Hrabals erschienen vereinzelt in den 1950er Jahren. Zum Beruf machte er das Schreiben 1963. 1965 kaufte sich Hrabal ein Ferienhaus in Kersko, einer Siedlung in der Gemeinde Hradištko, die zur Inspiration für die Sammlung Schneeglöckchenfeste wurde.

mini|links|hochkant|Hrabal 1985, Foto von Hana Hamplová Zur Zeit der Normalisierung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings galt ab dem Jahr 1970 ein Publikationsverbot für Hrabals Werke. Er schrieb daher in Samisdat- oder Exil-Zeitschriften. 1975 veröffentlichte er in der Zeitschrift Tvorba einen selbstkritischen Aufsatz, der es ihm unter teilweise strenger Aufsicht der Zensur ermöglichte, wieder zu publizieren. Eine Reihe seiner Werke wurde vom Verlag Pražská imaginace („Prager Imagination“) herausgegeben, anfänglich ein Samisdat-Verlag. In den Jahren 1991 bis 1997 erschien dort sein gesammeltes Werk in 19 Bänden.

Bohumil Hrabal starb in Prag, nachdem er beim Füttern von Tauben aus dem 5. Stock des Krankenhauses Na Bulovce stürzte, in dem er in Behandlung war. Ob Hrabals Tod ein Suizid oder ein Unfall war, ist nicht endgültig geklärt. Spekulationen über einen Freitod nährte die ungewöhnliche Todesart, die Gemeinsamkeiten mit Szenen aus Hrabals Werk aufweist. In diesem Zusammenhang wird auch auf die drei berühmten Prager Fensterstürze angespielt, Hrabals Tod soll demnach den vierten Prager Fenstersturz darstellen.

Er wurde im Familiengrab auf dem Friedhof in Hradištko u Sadské bestattet. In demselben Grab sind auch seine Mutter „Maryška“, Stiefvater „Francin“, Onkel „Pepin“, Ehefrau „Pipsi“ und Bruder „Slávek“ begraben.

Literarische Einordnung Hrabal setzte sich im literarisch produktiven Klima der 1960er-Jahre als eine der prägendsten Gestalten der tschechischen Literatur durch, wobei die wechselnden äußeren Bedingungen der Zensur dazu führten, dass die Publikations- und Wirkungsgeschichte seiner Werke nicht immer parallel zu ihrer Entstehung verlief. Typisch für Hrabals Stil sind die Vermischung verschiedener Sprachebenen, (Selbst-)Ironie, stark stilisierte Autofiktion und zahlreiche intertextuelle Bezüge zu anderen Werken. Hrabal verweigert sich der ideologisch engagierten Literatur und schreibt konsequent apolitisch. Jeremy Adler, britischer Schriftsteller und Professor für deutsche Literatur, berichtet in seinen Erinnerungen an Bohumil Hrabal, Hrabal sei manchmal der Kollaboration mit dem kommunistischen Regime bezichtigt worden, wegen Sätzen wie "Es würde mir nicht im Traum einfallen, die politischen Verhältnisse, in denen ich lebe, verändern zu wollen." Aber Hrabal habe sich einfach als Zeitzeuge, Beobachter verstanden und habe als Autor seinen eigenen, vom Staat unabhängigen Standpunkt beansprucht.Jeremy Adler: Erinnerungen an Bohumil Hrabal,. In: Sinn und Form 3/2026, S.376-383.

Hrabal richtet seinen Fokus auf die alltäglichen Erscheinungen, häufig an der Peripherie der Gesellschaft, mit teils bizarren Figuren und Schauplätzen. Hrabal entwickelte einen eigenen Figurentypus, den redseligen Bafler (pábitel), der durch weitschweifende Monologe und dadurch, wie und wovon er erzählt, seine Weltsicht offenbart.Bohumil Hrabal Slovník české literatury po roce 1945, Ústav pro českou literaturu AV ČR

Laut Karl-Heinz Jähn ist „Hrabal […] ein echt tschechischer Schriftsteller, dessen künstlerische Vorbilder vor allem in der Literatur seiner Heimat zu finden sind, obwohl eine entfernte Verwandtschaft zu Schelmuffsky oder Colas Breugnon spürbar wird.“Nachwort zu Der Tod des Herrn Baltisberger, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1970, S. 164

Nachleben und Würdigung Er erhielt unter anderem folgende Literaturpreise und Auszeichnungen:Bohumil Hrabal Online-Enzyklopädie der Stadt Brünn 1968: Klement-Gottwald-Staatspreis 1992: Premio Letterario Internazionale Mondello 1993: Jaroslav-Seifert-Preis 1996: Ehrendoktorwürde der Universität Padua 1996: tschechische Verdienstmedaille

Am 1. September 1993 wurde der Asteroid (4112) Hrabal nach ihm benannt.Minor Planet Circ. 22500

In Prag-Libeň befindet sich an Hrabals ehemaligem Wohnort der Bohumil-Hrabal-Platz (náměstí Bohumila Hrabala). In Brünn tragen eine Straße und ein Park, in Nymburk eine Straße sowie ein Gymnasium seinen Namen. Neben mehreren weiteren Straßenbenennungen in tschechischen Städten wurde 2010 eine Bohumil-Hrabal-Brücke über die Elbe in Lysá nad Labem benannt.

Das Theaterstück Hrabal und der Mann am Fenster von Bernhard Setzwein erzählt aus der Perspektive des Nachlebens. Die Uraufführung unter der Regie von Mia Constantine fand am 6. Juni 2015 im Theater am Haidplatz in Regensburg statt.

Werke In deutscher Übersetzung Die Bafler. Erzählungen. ISBN 3-518-39263-8. Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht. Erzählungen. Dt. v. Franz Peter Künzel. ISBN 978-3-518-24037-3. Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene. Dt. v. Franz Peter Künzel. ISBN 978-3-518-24038-0. Moritaten und Legenden. Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb. ISBN 3-518-39267-0. Die Schur. Dt. v. Franz Peter Künzel. ISBN 3-518-38113-X. Abendkurs. Ein fader Nachmittag. Das Haaropfer. Der Tod des Herrn Baltisberger, Emánek. Engelsaugen. Die Schwindler. Baron Münchhausen. Taufe. Prager Krippenspiel. Jarmilka. Die Beerdigung. Automat Welt. Wollen Sie das Goldene Prag sehen? Die Kameliendame. Diamantenauge. Romanze. Scharf überwachte Züge. Schöntrauer. Dt. v. Franz Peter Künzel. ISBN 978-3-518-38114-4. Harlekins Millionen. Dt. v. Petr Simon und Max Rohr. ISBN 978-3-518-38115-1. Bambini di Praga. Allzu laute Einsamkeit. Leben ohne Smoking. Die Katze Autitschko. Sanfte Barbaren. Schneeglöckchenfeste. Dt. v. Petr Simon. ISBN 978-3-518-24136-3. Ein Heft ungeteilter Aufmerksamkeit. Dt. v. Susanna Roth. ISBN 978-3-518-24036-6. Ich habe den englischen König bedient. Dt. v. Karl-Heinz Jähn. ISBN 978-3-518-38254-7. Hochzeiten im Hause. Ein Mädchenroman. Dt. v. Susanna Roth. ISBN 978-3-518-40530-7. (Original: Svatby v domě. 1987) Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will. ISBN 3-518-39266-2. Ich dachte an die goldenen Zeiten. ISBN 978-3-86615-526-8. Die Zauberflöte.

In tschechischer Sprache mini|Hrabal und seine Katzen, Street Art in Prag-Libeň Automat Svět, 1966 Bambini di Praga, 1978 Barvotisky, 1990 Bohumil Hrabal uvádí..., 1967 Chcete vidět zlatou Prahu?, 1989 Domácí úkoly, 1970 Domácí úkoly z pilnosti, 1982 Domácí úkoly z poetiky, 1984 Dopisy Dubence (4 díly) Harlekýnovy milióny, 1981 Hovory lidí, 1956 Inzerát na dům, ve kterém už nechci bydlet, 1965 Každý den zázrak, 1979 Kličky na kapesníku, 1989 Kluby poezie, 1981 Kopretina, 1965 Krásná Poldi, 1990 Krasosmutnění, 1979 Listopadový uragán, 1990 Listování ve stínech grafických listů, 1983 Městečko u vody, 1982 Městečko, kde se zastavil čas, 1978 Morytáty a legendy, 1968 Můj svět, 1989 Něžný barbar, 1973 Obsluhoval jsem anglického krále, 1980 Ostře sledované vlaky, 1964 Pábitelé, 1964 Perlička na dně, 1963 Ponorné říčky, 1991 Postřižiny, 1976 Poupata, 1970 Proluky, 1987 Příliš hlučná samota, 1980 Schizofrenické evangelium, 1990 Skřivánek na niti, 1959 Slavnosti sněženek, 1978 Svatby v domě, 1987 Taneční hodiny pro starší a pokročilé, 1964 Toto město je ve společné péči obyvatel, 1967 Tři novely, 1989 Vita nuova, 1986 Ztracená ulička, 1948 Život bez smokingu, 1986

Verfilmungen Drehbuch 1966: Liebe nach Fahrplan (Ostře sledované vlaky) 1969/90: Lerchen am Faden (Skřivánci na niti) 1980: Kurzgeschnitten (Postřižiny) 1983: Das Wildschwein ist los (Slavnosti sněženek) Literarische Vorlage 1965: Fádní odpoledne (Kurzspielfilm) 1965: Perlen auf dem Meeresgrund (Perličky na dně) (Episodenfilm nach fünf Kurzgeschichten) 1965: Intime Beleuchtung (Intimní osvětlení) 1987: Engelsaugen (Kurzspielfilm, HFF Potsdam-Babelsberg) 1989: Něžný barbar 1994: Příliš hlučná samota 2006: Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále)

Literatur Péter Esterházy: Das Buch Hrabals Originaltitel: Hrabal Könyve. Budapest 1990, übersetzt von Zsuzsanna Gahse). Residenz, Salzburg 1991, ISBN 3-7017-0690-5 (Neu durchgesehene Fassung: BvT, Band 32, Berliner Taschenbuch-Verlag, Berlin 2004, ISBN 978-3-8333-0032-5) Alexander Götz: Bilder aus der Tiefe der Zeit. Erinnerung und Selbststilisierung als ästhetische Funktionen im Werk Bohumil Hrabals. In: Heidelberger Publikationen zur Slavistik. B, Literaturwissenschaftliche Reihe, Band 7. Peter Lang, Frankfurt 1998, ISBN 3-631-32840-0 Susanna Roth: Laute Einsamkeit und bitteres Glück. Zur poetischen Welt von Bohumil Hrabals Prosa. In: Slavica Helvetica. Band 25. Lang, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-261-03651-6 (Zugleich Dissertation an der Universität Zürich 1984/1985). Susanna Roth (Hrsg.): Hommage à Hrabal. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-518-40166-1. (Texte von Hrabal und über Hrabal) Susanna Roth (Hrsg.): Wer ich bin. In Erinnerung an Hrabal besorgt von Susanna Roth. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40961-1.