mini|hochkant|Wilhelm Schmid (2025) Wilhelm Schmid (* 26. April 1953 in Billenhausen) ist ein deutscher Philosoph, Sachbuchautor und Publizist mit dem Schwerpunkt Lebenskunst.

Leben Wilhelm Schmid wurde am 26. April 1953 in Billenhausen bei Krumbach in Bayerisch-Schwaben geboren. Er wuchs als eines von sechs Kindern auf einem Bauernhof auf. Nach der Mittleren Reife absolvierte er auf Wunsch seiner Mutter eine dreijährige Lehre als Schriftsetzer in Augsburg. Anschließend diente er vier Jahre bei der Bundeswehr. Danach verweigerte er den Kriegsdienst. 1980 holte Schmid am Bayernkolleg Augsburg das Abitur nach.

Während seiner Zeit in Augsburg schloss sich Schmid der 1969 gegründeten Künstlergruppe Der Kreis an, deren Spiritus rector der Grafiker, Drucker und Schriftsteller Michael Tonfeld war. Von 1977 bis 1980 war er Vorsitzender der Augsburger Jungdemokraten, der damaligen Jugendorganisation der FDP.

Ab 1980 studierte Schmid Philosophie und Geschichte an der Freie Universität Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen. 1991 promovierte er in Tübingen mit einer Arbeit über Michel Foucault. 1997 habilitierte er sich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit seiner Arbeit Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst. 2004 erfolgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Erfurt, wo er bis zur Altersgrenze unterrichtete. Er lehrte zudem als Gastdozent (u. a. DAAD-Kurzzeitdozenturen) an der Universität Lettlands in Riga und an der Staatlichen Universität Tiflis (Georgien).

Von 1998 bis 2007 arbeitete Schmid regelmäßig als philosophischer Seelsorger am Spital Affoltern am Albis bei Zürich, worüber er in seinem Buch Das Leben verstehen (2016) berichtet.

Neben seinen akademischen und seelsorgerischen Tätigkeiten entfaltet Schmid eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Von 2002 bis 2004 verfasste er die wöchentliche Kolumne „Lebenskunst“ für die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, deren Beiträge 2005 im Buch Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst gesammelt wurden. Zudem erscheinen regelmäßig Essays und Artikel von ihm in überregionalen Medien wie Die Zeit und Psychologie Heute. Er ist häufiger Gast in Hörfunk- und Fernsehsendungen, beispielsweise bei SRF, SWR2, BR und Deutschlandfunk, und war mehrfach als Experte in der Talkshow Nachtcafé zu Gast.

Schmid lebt in Berlin, ist verwitwet und hat vier Kinder.

Werk und Wirken Philosophie der Lebenskunst Schmids Schwerpunkt ist eine Philosophie der Lebenskunst. In diesem Rahmen setzt er sich mit der menschlichen Suche nach Sinn sowie mit Themen wie Glück, Unglück, Liebe und Gelassenheit auseinander. Schmid knüpft an die antike Ethik der Lebensführung an (Eudaimonia), stellt aber die Frage nach der Möglichkeit von Lebenskunst unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft in den Vordergrund. In der Moderne fehlten, so Schmid, die traditionellen Vorgaben für ein gelungenes Leben, weshalb sich Individuen bewusst für eine der vielen möglichen Lebensformen entscheiden müssten; als Anregung hierfür schlägt er 55 Beispiele vor.

Ein zentraler Begriff in Schmids Denken ist die Sorge um das eigene Selbst. Schmid grenzt sich dabei jedoch von einem übersteigerten Individualismus ab und warnt vor einer Ideologisierung der Autonomie. So kritisiert er in seinem Buch Selbstfreundschaft (2018) den „Ichismus“ und betont, Selbstverwirklichung bleibe ohne „Beziehungsverwirklichung“ unvollständig. Jeder Mensch sei .

Hatte Schmid bereits 1998 in Philosophie der Lebenskunst eine „Politik der Lebenskunst“ und „Formen des gesellschaftlichen Umgangs“ skizziert, widmete er sich erst 2025 mit dem Buch Die Suche nach Zusammenhalt explizit dem „schönen und schwierigen Leben in Gesellschaft“. Gesellschaft entstehe durch „Geselligkeit“, um die sich die Mitglieder aus Eigeninteresse bemühen müssten: . Schmid beruft sich dabei auf Alice Salomon, die Begründerin der Sozialen Arbeit, für die es dabei explizit um Lebenskunst ging, sowie auf Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialkunst“ (im Film Beuys von Andres Veiel als „Soziale Plastik“ erläutert). In seinem Buch berichtet Schmid von den Erfahrungen einer jahrelangen „Reise durch die Gesellschaft“, deren Einsicht er so zusammenfasst: .

Schmid äußerte dabei wiederholt scharfe Kritik an der zeitgenössischen akademischen Philosophie. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche wirft er ihr vor, zu verfehlen und zentrale Lebensthemen systematisch auszublenden. Themen wie Lebenskunst, Gelassenheit oder die praktische Tätigkeit von Philosophen in Krankenhäusern, Gefängnissen und Unternehmen kämen in der akademischen Philosophie . Stattdessen plädiert Schmid für eine Rückkehr zu den praktischen Grundfragen des Lebens, wie sie in der antiken Philosophie zentral waren.

Leben nach dem Tod In seinem Buch Den Tod überleben (2024) vertritt Schmid die These, dass die Energie eines Menschen den Tod überdauere. Er begründet dies philosophisch mit dem Energieerhaltungssatz und verweist auf die durch EEG und EKG messbare physikalische Energie des Körpers. Gleichzeitig betont er die Unmöglichkeit, endgültige Wahrheiten über den Tod zu finden. Schmid untermauert seine Überlegungen mit persönlichen Erlebnissen wie einer Nahtoderfahrung in seiner Jugend und als Synchronizität gedeuteten Phänomenen, wie dem 11:11-Phänomen, nach dem Tod seiner Frau.

Transhumanistische Bestrebungen, den Tod technologisch zu überwinden, sieht Schmid kritisch und warnt vor einer durch Unsterblichkeit drohenden Langeweile. Die Rezeption seiner Thesen ist gemischt. Während das Buch oft als persönlich und trostreich gelobt wird, kritisieren Rezensenten die Übertragung des physikalischen Energiebegriffs auf eine metaphysische Ebene als Kategorienfehler. Die Betonung persönlicher, als esoterisch anmutender Erfahrungen wird zudem als eine Verwischung der Grenzen zur Ratgeberliteratur bewertet.

Rezeption Die akademische Rezeption von Schmids Lebenskunst-Philosophie ist durch grundsätzliche Kritik an fehlenden Kriterien geprägt. Wolfgang Kersting und Claus Langbehn bemängeln in ihrem Sammelband Kritik der Lebenskunst (2007), dass sich bei Schmid nicht erschließe, könne. Gerade weil das Schicksal der Freiheit des Subjekts in der modernen Disziplinierungsgesellschaft auf dem Spiel stehe, benötige man Kriterien, mit denen man die ästhetische Selbstsorge identifizieren könne. Ähnlich argumentiert Michael Höffner (2009) aus theologischer Perspektive: Schmids Behauptung, wonach wir zwischen verschiedenen Lebensformen beliebig wählen könnten, scheitere an der biografischen Gebundenheit des Menschen.Michael Höffner: Die Philosophie der Lebenskunst und das Dilemma der Freiheit, in: ders., Berufung im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit. Echter, Würzburg 2009, ISBN 978-3-429-03090-2, S. 95ff.

In seiner Dissertation unterzieht Stephan Thiele Schmids Philosophie einer kritischen Würdigung und gelangt darin zu einer fundamentalen Ablehnung:

Konstruktiver setzen sich der Sammelband Philosophie als Lebenskunst sowie Beiträge von Christoph Hübenthal und Volker Caysa mit Schmids Ansatz auseinander, indem sie ihn in den zeitgenössischen eudaimonistischen und lebenskunstphilosophischen Diskurs einordnen.Gerhard Ernst (Hrsg.): Philosophie als Lebenskunst. Antike Vorbilder, moderne Perspektiven. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-518-29795-7.Christoph Hübenthal: Eudaimonismus, Das Lebenskunstmodell. In: Marcus Düwell u. a. (Hrsg.): Handbuch Ethik. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-476-01749-9, S. 90–92.Volker Caysa: Aktuelle deutschsprachige Konzeptionen einer Philosophie der Lebenskunst. In: Information Philosophie. Dezember 2000.

Im englischsprachigen Raum führte Christoph Teschers 2010 Schmids Lebenskunst-Konzept in die akademische Diskussion ein, da die Hauptwerke bislang nicht ins Englische übersetzt wurden.

Schmids populärphilosophische Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt und werden in Feuilletons ambivalent aufgenommen. Seit 2010 hält er regelmäßig Vorträge in China und Südkorea. Während Steffen Graefe die Philosophie der Lebenskunst als allgemeinverständlich und fundiert lobt, kritisiert Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung in seiner Rezension zu Schaukeln Schmids , das in eine Welt unglücklicher Egomanen führe.

Schmids persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Frau in Den Tod überleben erfährt überwiegend positive Resonanz. Tobias Becker lobt im Spiegel Schmids sowie seinen Witz, konstatiert aber auch ein Wandeln .

Ehrungen 2012: Meckatzer-Philosophiepreis 2013: Preis der Dr. Margrit Egnér-StiftungWilhelm Schmid erhält den Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung 2013, suhrkamp.de, Meldung vom 14. November 2013.

Veröffentlichungen (Auswahl) Monographien Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-39715-X. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-29087-8.

Neuauflage: Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-45664-4. Neuausgabe 2017, ISBN 978-3-518-46796-1.

Neuauflage: Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-45882-2.

Wer ruhig ist, wird hier noch ruhiger in FAZ vom 15. Mai 2013, S. 26.

Herausgeberschaften

Literatur Volker Caysa: Aktuelle deutschsprachige Konzeptionen einer Philosophie der Lebenskunst. In: Information Philosophie, Claudia Moser, Lörrach Dezember 2000. Christoph Hübenthal: Eudaimonismus, Das Lebenskunstmodell. In: Marcus Düwell u. a. (Hrsg.): Handbuch Ethik. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01749-4, S. 90–92. Elke Schmitter: Den Schmerz ausloten. In: Der Spiegel, 17/2004, S. 177–179. Wolfgang Kersting, Claus Langbehn (Hrsg.): Kritik der Lebenskunst. Suhrkamp-TB Wissenschaft 1815, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-29415-4. Ferdinand Fellmann: Philosophie der Lebenskunst zur Einführung. Junius, Hamburg 2009. Michael Höffner: Die „Philosophie der Lebenskunst“ und das Dilemma der Freiheit, in: ders., Berufung im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit (Studien zur systematischen und spirituellen Theologie Band 47). Würzburg 2009, S. 95ff. Peter Lückemeier: Die innige Liebe zu jedem einzelnen Wort. Ein Besuch bei Wilhelm Schmid. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 30. August 2015, S. 11. Julia Witt: Claiming the right to be unhappy – Der Glücksbegriff bei Wilhelm Schmid und Aldous Huxley. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, Jg. 38 (2016), Heft 1, S. 51–62. Gerhard Ernst (Hrsg.): Philosophie als Lebenskunst. Antike Vorbilder, moderne Perspektiven, Suhrkamp TB Wissenschaft 2195, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-29795-7.

Weblinks

Website von Wilhelm Schmid Wilhelm Schmid auf der Website des Suhrkamp Verlags Kulturfragen. Debatten und Dokumente vom 1. Januar 2016: „Glück ist nur ein Wort“ – Der Philosoph Wilhelm Schmid im Gespräch Vortragsarchiv der Lindauer Psychotherapiewochen: Wilhelm Schmid

Einzelnachweise

Kategorie:Philosoph (20. Jahrhundert) Kategorie:Philosoph (21. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Erfurt) Kategorie:Mitglied der Jungdemokraten Kategorie:Absolvent der Freien Universität Berlin Kategorie:Person (Krumbach (Schwaben)) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1953 Kategorie:Mann