mini|hochkant|Gustav Wyneken (1932) Gustav Adolf Wyneken (* 19. März 1875 in Stade; † 8. Dezember 1964 in Göttingen) war ein deutscher Reformpädagoge und Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Eine führende Rolle spielte Wyneken zeitweise in der Jugendbewegung, insbesondere anlässlich des Ersten Freideutschen Jugendtages 1913 auf dem Hohen Meißner. Kurzzeitig gelangte Wyneken nach der Novemberrevolution 1918 in schulpolitische Verantwortung. Bald darauf wurde er, nach Wickersdorf zurückgekehrt, wegen Kindesmissbrauchs mit einer Gefängnisstrafe belegt. Seine anschließenden Versuche, als Pädagoge erneut Einfluss zu gewinnen, scheiterten. Auch als Schriftsteller und Redner gelang ihm späterhin keine Wiederbelebung seiner reformpädagogischen Ideen.
Leben Anfänge als Neuerer im Schulwesen Wyneken wurde in einem evangelisch-lutherisch geprägten Elternhaus in Stade geboren. Sein Vater Ernst Friedrich Wyneken war Lehrer, ab 1883 Pfarrer in Edesheim (heute Stadtteil von Northeim); auch die Vorfahren der Mutter waren Pfarrer. Von 1894 bis 1897 studierte er Theologie und Philologie in Berlin, ebenso an den Universitäten Halle, Greifswald und Göttingen. 1898 wurde er mit einer Arbeit über Hegels Kritik Kants promoviert. Im Herbst 1900 heiratete er die Lehrerin Luise Margaretha Dammermann (1876–1945), genannt Lisbeth, mit der er einen Sohn, Wolfgang Günther (1901–1902), und eine Tochter, Ilse Irene (1903–2000), bekam. Beim dritten Kind, Annemarie Elisabeth Wyneken (1906–1942), genannt Anne, bestritt er die Vaterschaft, musste aber für dessen Unterhalt aufkommen. 1906 trennte sich das Ehepaar, 1910 ließ es sich scheiden.Peter Dudek: Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe! Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1864) – Eine Biographie. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017, ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 39 ff. Von 1900 bis 1906 arbeiteten Wyneken und seine Ehefrau als Lehrer in den Landerziehungsheimen Ilsenburg und Haubinda; dort war er Mitarbeiter von Hermann Lietz, mit dem er sich aber überwarf.
1906 war er Teil einer Gruppe „pädagogischer Rebellen“ um Rudolf Aeschlimann, Paul Geheeb, August Halm und Martin Luserke, welche die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald gründete. Als Ziel setzte man sich die Erneuerung des Schulwesens. Dieses reformpädagogische Projekt sollte der Idee der Erziehung als Formung des Menschen im Sinne einer Weltanschauung dienen. Für Wyneken ging es um eine Neubestimmung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Dieses sollte auf Kameradschaft und Führertum basieren. Er öffnete die Schule für Koedukation und Sexualerziehung. Im Gegensatz zum christlich geprägten Unterricht in herkömmlichen Schulen legte der Atheist Wyneken einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die künstlerische, besonders die musische Erziehung. Bemerkenswert war der große Anteil jüdischer Schüler, die aber von Wyneken skeptisch betrachtet wurden. Die jüdische Schülerschaft „verursache eine gewisse Einseitigkeit und senke das Niveau der körperlichen Tüchtigkeit“.Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Wissenschaft und Politik, Köln 1978, S. 91. Schülermitbestimmung bekam im Rahmen der Schulgemeinde einen wichtigen Stellenwert. 1909 verließ Geheeb Wickersdorf im Streit mit Wyneken.
Das Schulprojekt wurde von konservativer Seite wegen seiner Neuerungen angefeindet. 1910 wurde Wyneken vom Ministerium entlassen. Er erhielt aber weiterhin seinen Einfluss auf Wickersdorf aufrecht, z. B. über die seit 1913 erscheinende Jugendzeitung der Schulgemeinde Der Anfang, die durch Schmähungen immer wieder für Aufsehen sorgte. Ab 1910 war er Vorsitzender des Bundes für freie Schulgemeinden und Herausgeber von dessen Zeitung. Er versuchte auch, eine neue Schule oder aber eine „Jugendburg“ zu gründen und sich damit ein Feld für seine pädagogischen Ideen zu schaffen.
1913 veröffentlichte er die Schrift Schule und Jugendkultur, in der er die in Wickersdorf entwickelte Praxis metaphysisch begründete. Demnach gäbe es einen objektiven Geist, in dem die Menschheit im Denken zum Bewusstsein ihrer selbst käme. Jeder Mensch sei somit eine von vielen „Brechungen“ dieses einen Geistes. Dienst an ihm sei der Sinn des Lebens und damit auch die Aufgabe aller Erziehung. Da die Kunst unmittelbarer Ausdruck für den Glauben an diesen Geist sei, legte er großen Wert auf musische Erziehung, einschließlich des Laienspiels. Organisatorisch schlug er für alle Schulen eine so genannte „Schulgemeinde“ vor, die dem Zweck der Aussprache zwischen Schülern und Lehrern, nicht jedoch der demokratischen Entscheidungsfindung dienen sollte.Jutta Neupert: Wyneken, Gustav. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck, München 1988, S. 374 f.
Reformpädagogische Leitfigur der Jugendbewegung Mit seinen pädagogischen Ansätzen beeinflusste Wyneken als Erwachsener die aufkommende Jugendbewegung, zu der er ab 1912 in Verbindung stand. Wyneken kreierte den Begriff der „Jugendkultur“ gegen die Unterwürfigkeit der wilhelminischen Zeit wie auch gegen Schule und Familie. Er beeinflusste 1913 die Vorformulierung der „Meißner-Formel“ des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner, war aber letztlich vom Resultat nicht begeistert. Auch hier kam es zu Spannungen, da Wyneken einen Führungsanspruch stellte, was von vielen Gruppen des Jugendtages abgelehnt wurde.
In einer Anfang 1913 erschienenen Publikation hatte Wyneken dem Wandervogel bescheinigt, die Hälfte des Weges zu einer vollwertigen Jugendkultur geschafft zu haben:
Kritik an der Wandervogelbewegung übte Wyneken hinsichtlich eines nur oberflächlichen Bemühens um Kunst und Kultur. Man habe in Lied und Tanz einen Ausdruck jugendlichen Frohsinns gefunden, sich damit aber auch bereits zufriedengegeben und habe es sich wohl sein lassen. Die ganze künstlerische Einstellung des Wandervogels sei auf bloßen Stimmungsgenuss gerichtet, „und zwar auf einen ziemlich bequemen und billigen. […] Es ist eben tatsächlich nicht möglich, das Wesen der Kunst in seiner ganzen Heiligkeit in den jungen Seelen aufleuchten zu lassen und daneben ihnen allerlei Splitter und Abfälle der Kunst zu beliebigem Spiel und Genuß zu überliefern.“ Anders als die Wandervögel nehme die Wickersdorfer Schulgemeinde in der Kunstaneignung auch ein mit Entbehrungen verbundenes ernsthaftes und gründliches Arbeiten auf sich.Gustav Wyneken: Wandervogel und Freie Schulgemeinde. Aus: Die Freie Schulgemeinde, Heft 2 vom Januar 1913. Zit.n. Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 87f.
mini|Gustav Wyneken (5. v. links) mit Paul Reiner und dessen Ehefrau Anna Sara, geb. Hochschild (6. + 7. von links), um 1917 Wyneken stand im Austausch mit freidenkenden Intellektuellen wie Walter Benjamin (der sein Schüler war), Max Kommerell, Magnus Hirschfeld, Siegfried Bernfeld oder Martin Buber. Er war auch mit dem Naturpropheten Gusto Gräser befreundet. Nach einem im Herbst 1914 gehaltenen Vortrag „Der Krieg und die Jugend“, in dem Wyneken den Krieg als ethisches Erlebnis feierte, sagte Benjamin sich von ihm los und bezichtigte ihn des Verrats an seinen eigenen Ideen. 1918 war Wyneken kurzzeitig in Bayern und Berlin im Kultusministerium beschäftigt und für mehrere Erlasse für die Erneuerung der Schule verantwortlich (Schülermitbestimmung, Organisationsrechte und Aufhebung des Religionszwangs). Für den sozialdemokratischen preußischen Kultusminister Konrad Haenisch verfasste er einen Aufruf an die Jugend zur Schaffung einer neuen Schule, frei von Unterwürfigkeit, gegenseitigem Misstrauen und Heuchelei. Die Schülermitverantwortung sollte durch Wahlen und die Bildung von Schülerräten gefördert werden. Widerstände dagegen gab es nicht nur im Lehrkörper, der überwiegend von anderen Erziehungszielen und -methoden geprägt war, sondern auch bei den zu neuem Denken und Handeln aufgerufenen Jugendlichen:
Sexueller Missbrauch mini|Gustav Wyneken (rechts) mit Schülern der Freien Schulgemeinde aus Wickersdorf, um 1925 mini|Gustav Wyneken: Schule und Jugendkultur – Aufmacher: „Das Programmbuch des vielumstrittenen Jugenderziehers!“ (Schutzumschlag), Jena 1928 mini|Gustav Wyneken (rechts) bei einer Wanderung mit Schülern und Kollegen durch den Thüringer Wald, 1931 1919 wurde Wyneken wieder Leiter in Wickersdorf. Dort sah er sich bald Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs an zwei Schülern ausgesetzt und musste den Dienst 1920 quittieren. Der Tatbestand, den Wyneken auch einräumte, trug sich auf einer mehrtägigen gemeinsamen Pfingstwanderung zu. Wyneken hatte einen 12-jährigen Jungen und einen 17-Jährigen „in völliger Nacktheit umarmt und geküßt“. Diese Vorgänge kamen auf Betreiben eines Hilfslehrers vor Gericht. Dieser hatte Wynekens Verhalten als sexuellen Missbrauch angesehen und ihn beschuldigt, die beiden Schüler und auch andere zum homosexuellen Geschlechtsverkehr missbraucht zu haben.Peter Dudek: Liebevolle Züchtigung. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2012, ISBN 978-3-7815-1843-8, S. 50. In dem 1921 gegen ihn geführten Prozess wurde in zweiter Instanz auf Antrag der Verteidigung ein Freund Wynekens, der Schriftsteller und Propagandist der These von „heroischen Männerbünden als Grundlage des Staates“Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5. Hans Blüher, als Sachverständiger geladen, der Wyneken entlasten sollte. Einem Zeitungsbericht zufolge attestierte er Wyneken eine „schicksalhafte“ Beziehung zu den Jungen des eigenen Geschlechts, in der sich mehr Erotik äußere als in einem „väterlich-onkelhaften Verhältnis“, so im Kuss, in Umarmungen und bestimmten Zärtlichkeiten. Mit homosexueller Veranlagung und Wollust habe das aber nichts zu tun.Zit. n. Ulfried Geuter: Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Jugendfreundschaft und Sexualität im Diskurs von Jugendbewegung, Psychoanalyse und Jugendpsychologie am Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1994, S. 209 f. Wyneken, der 1921 den Essay Eros zu seiner Verteidigung veröffentlichte, beschwor den „pädagogischen Eros“ als auf den Ideen der griechischen Antike über die Knabenliebe beruhend. Das Gericht verurteilte ihn dessen ungeachtet wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu einem Jahr Gefängnis; im Revisionsverfahren wurde das Urteil im Oktober 1922 bestätigt.Christian Füller: Missbrauch, Gewalt, Ideologie. Wie Ideen sexuelle Gewalt ermöglichen. In: Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Pfadfinderische Beziehungsformen und Interaktionsstile: Vom Scoutismus über die bündische Zeit bis zur Missbrauchsdebatte. Springer VS, Wiesbaden 2017, S. 246. Der Fall wurde deutschlandweit kontrovers diskutiert. Werner Helwig berichtet von einem Solidaritätstreffen des Nerother Wandervogels, das von etwa 300 Jungen und Mädchen besucht wurde. Dazu wurde eine Grußbotschaft Wynekens verlesen, in der er schrieb: