Aktiv und Passiv sind die beiden „Handlungsrichtungen“ oder Diathesen in der Konjugation des Verbs in der deutschen Grammatik. Sie werden in der traditionellen Grammatik auch Tätigkeitsform und Leideform genannt.
Der Ausdruck des Passivs erfolgt im Deutschen nicht durch eine Wortform des Verbs im engeren Sinn, sondern in der Regel durch eine Kombination mit Hilfsverben, vor allem werden und bekommen zusammen mit einer sogenannten Partizipform des Verbs (z. B. wird gefressen). Diese Konstruktionen werden im weiteren Sinn aber mit unter die Konjugation des Verbs gerechnet („periphrastische Konjugation“). Das Aktiv hat keine eigenständige Markierung, sondern versteht sich als Abwesenheit einer Passivmarkierung.
Das Aktiv fungiert im Deutschen als „Normalform“ des Verbs. In Aktivsätzen, die Handlungen beschreiben, erhält der handelnde Teilnehmer, der das Ereignis verursacht (das sogenannte Agens), eine hervorgehobene Position als Subjekt. Die Funktion des Passivs ist es dann, die normale grammatische Darstellung dieser Verbergänzung zu unterdrücken, die im Aktiv die Subjektstelle besetzen würde. Sie fällt zunächst weg, kann aber wahlweise mit einer Präposition als weglassbare Angabe wieder eingeführt werden (in Fettschrift markiert): „Die Katze fraß die Maus.“ „Die Maus wurde gefressen.“ „Die Maus wurde von der Katze gefressen.“ In diesem Beispiel sieht man auch, dass der Teilnehmer, der in dem Ereignis eine Veränderung erfährt (Patiens oder Thema genannt) und der in solchen transitiven Aktivsätzen Objekt wird, im Passiv dann in die Subjektposition aufgerückt ist (kursiv gesetzt). Dieses Aufrücken eines Patiens bzw. Akkusativobjekts zum Subjekt ist für das Passiv etwas Typisches, tritt jedoch nicht in allen Arten von Passivkonstruktionen auf.
Der folgende Artikel behandelt Erscheinungsformen des Passivs im Deutschen und die Herleitung der Eigenschaften von Passivsätzen auf Grundlage des jeweils entsprechenden Aktivsatzes. Für eine allgemeine Einordnung des Passivs gegenüber verwandten Kategorien siehe den Artikel Diathese (Linguistik). Zur Wahl von Subjekt und Objekt im Aktivsatz siehe unter Semantische Rolle.
Allgemeines zur Definition von Aktiv und Passiv
Aktiv
Die Bezeichnung „Aktiv“ und die in der Schulgrammatik verbreiteteVgl. z. B. Bildungsserver des Landes Baden-Württemberg #Deutsch Eindeutschung „Tätigkeitsform“ scheinen, wörtlich genommen, nahezulegen, dass Aktivsätze solche Sätze sind, die „Tätigkeiten“ bezeichnen. Zumindest im System des Deutschen ist dies jedoch keine zutreffende Definition des Aktivs, sodass die traditionellen Bezeichnungen hier eigentlich irreführend sind.Deutsche Grammatik auf LEO.de, Kap. 1.3.2.5 „Aktiv und Passiv“. Denn Verben wie z. B. zusammenbrechen, herausfallen, gefrieren, erleiden, finden, bekommen, heißen, liegen (isb. von Gegenständen), übrigbleiben bezeichnen keine „aktiven Tätigkeiten“, aber bilden genauso eindeutige Fälle von Aktivsätzen.
Beim Aktiv handelt es sich stattdessen einfach um die „Normalform“Dudengrammatik (2022), S. 374, Randnr. 602. des Verbs; im Wesentlichen ist ein Aktiv also alles, was nicht passiviert wurde. Daher sind die Typen von Aktivsätzen genauso vielfältig, wie es die Verben selbst sind, und es ergibt sich keine inhaltliche Beschreibung für die Kategorie Aktiv. (Dies kann in anderen Sprachen anders sein, insbesondere im Altgriechischen, für das die Kategorien der traditionellen Grammatik ursprünglich aufgestellt wurden; siehe hierzu Diathese (Linguistik) #Das Medium des Altgriechischen sowie dort auch #Der Sonderfall „Aktiv“.)
Ebenso wie Verben verschiedene Bedeutungen haben, verlangen sie auch Ergänzungen – hier (eindeutiger) auch „Argumente“ genannt – in verschiedener Art und Anzahl. Daher ist auch keine einfache Aussage über einen Bedeutungsgehalt der Funktionen Subjekt bzw. Objekt möglich und auch keine Voraussage darüber, welche Art von Subjekt ein Aktivsatz haben müsste.Vgl. Dudengrammatik (2022), S. 488, Randnr. 802. Nur die relative Anordnung der Argumente als Subjekt und Objekt in einem bestimmten Satz folgt einer allgemeingültigen Hierarchie von Bedeutungseigenschaften (siehe hierzu den Artikel Semantische Rolle). Es ergibt sich dann nur: Wenn in einem Satz ein aktiv handelnder Teilnehmer (fachsprachlich: Agens) vorkommt, dann hat dieses Argument das Vorrecht auf die Subjektposition im Aktivsatz. Sonst wird das nächstbeste Argument Subjekt.
Definition des Passivs Das Passiv bewirkt eine Abwandlung dieser normalen grammatischen Darstellung der Argumente (was in diesem allgemeinen Sinn dann eine Diathese genannt wird). Das Passiv ist daher eine abgeleitete Form, deren Beschreibung an der Beschreibung des jeweiligen Verbs im Aktiv ansetzt. Es gibt unterschiedliche Aspekte, die gemeinhin angeführt werden, um die Kategorie Passiv zu erklären: Die Passivform führe zur „Verschweigung des Täters“ einer Handlung, sie wird dann auch als die „täterabgewandte“ Verbform bezeichnet.Dudengrammatik (2022), S. 378 / Randnr. 605. Im Passiv werde das Ereignis vom Patiens her betrachtetPittner & Berman (2010), S. 69. (d. h. von dem Teilnehmer her, der eine Einwirkung oder Veränderung erfährt). Dies führt zu der traditionellen Bezeichnung „Leideform“ für das Passiv.
Der zweite Punkt kann jedoch nicht für eine Definition des Passivs benutzt werden, denn nicht jeder Passivsatz enthält ein solches Patiens.Dudengrammatik (2022), S. 378 lediglich: „Beim persönlichen Passiv tritt häufig ein Patiens-Argument in den Vordergrund.“ Vor allem ein unpersönliches Passiv (wie „Jetzt wird wieder gearbeitet“) muss gar keinen weiteren Teilnehmer enthalten, ist aber zweifellos auch ein Passiv (siehe den eigenen Abschnitt weiter unten). Umgekehrt ist zu beachten, dass die Typen möglicher Aktivsätze so vielfältig sind, dass es auch Aktivsätze gibt, auf die die Beschreibung zutrifft, dass die Situation „vom Leidenden her betrachtet wird“: Mehrere Mitarbeiter erlitten Gesundheitsschäden. Dieses Verb kann sogar passiviert werden. In diesem Beispiel wird also der leidende Teilnehmer durch die Passivierung gerade aus der Subjektposition entfernt: Wenn keine Körperschäden erlitten wurden, ist das Formular „Antrag auf Sachschadenersatz“ zu verwenden.
Anstatt inhaltlicher Beschreibungen ist also eine Definition mithilfe grammatischer Begriffe nötig:So wie in der Dudengrammatik (2022), S. 376 und Pittner & Berman (2010), S. 69 tatsächlich durchgeführt, wenngleich am Beispiel eines agentiven Verbs. Definierend für das Passiv ist, dass das jeweils ranghöchste Argument des Verbs, das im Aktiv als Subjekt erscheinen würde, nicht mehr mit der Subjektstelle verbunden wird. Es bleibt im Satz unausgedrückt oder wird nur optional mit einer Präposition eingeführt. Als Folge davon kann im Passiv ein anderes Argument an die Subjektposition aufrücken („persönliches Passiv“). Dies gilt (im gewöhnlichen, werden-Passiv) aber nur für ein Akkusativobjekt des Aktivs.
Es trifft jedoch zu, dass einschränkende Bedingungen existieren, die mit semantischen Rollen wie Agens erfasst werden können: Viele Verben, deren Subjekt kein Agens ist, können tatsächlich nicht passiviert werden (mehr dazu siehe unten) – aber, wie im Fall „erleiden“, einige eben doch. Beim Gebrauch des Passivs finden sich auch durchaus Effekte eines Perspektivenwechsels, in Abhängigkeit von Subjektwahl, Wortstellung, Betonung und anderen Eigenschaften, die mit dem eigentlichen Passiv verbunden auftreten. Diese werden weiter unten im Abschnitt zu den Textfunktionen des Passivs behandelt.
Gemäß der gerade gegebenen Beschreibung bewirkt das Passiv in seiner Reinform also keine Bedeutungsveränderung eines Verbs, sondern nur eine Abwandlung in der grammatischen Darstellung seiner Argumente (zu Konstruktionen, die nicht der „Reinform“ des Passivs entsprechen, siehe den späteren Abschnitt Weitere passivähnliche Konstruktionen). Konstruktionen, in denen keine ausdrückliche Passivierung im Sinne einer grammatischen Form vorliegt, sondern bei denen aufgrund der beteiligten Verbbedeutungen ein Agens grundsätzlich ungenannt bleibt, werden als Aktiv eingeordnet, etwa: „in Verdacht geraten“ (ähnlich: „verdächtigt werden“).Einordnung und Beispiel in: Petra Szatmári: aktivisch In: Stefan Schierholz, Pál Uzonyi (Hrsg.): Grammatik: Formenlehre. (= Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK), 1.1). Walter de Gruyter, Berlin 2022, e-ISBN 978-3-11-070591-1, S. 165–167. Siehe auch den späteren Abschnitt Abgrenzung zum Antikausativ.
Typen des Passivs im Deutschen
Passiv transitiver Verben mit „werden“ Das typischste Beispiel für die Anwendung des oben allgemein beschriebenen Mechanismus ist die Ableitung eines Passivsatzes wie Der Rasen wird gemäht, also das sogenannte werden-Passiv. Die Ableitung beginnt mit einer Darstellung des Aktivs: Aktivsatz: Der Vater mäht den Rasen. Argumente des Verbs mähen (x,y) x = Verursacher (Agens) als Subjekt, y = veränderter Gegenstand (Thema) als direktes Objekt Passivierung: Der Rasen wird [vom Vater] gemäht. Argumente des passivierten Verbs mähen ( [x], y), [x = Agens unterdrückt] y = Thema als Subjekt. In der passivierten Form wird das Agens von „mähen“ nicht mehr an die Subjektstelle gesetzt, es ist aus der Wortbedeutung des Verbs jedoch weiterhin erschließbar und wird daher als implizites Argument bezeichnet, das in der logischen Darstellung als eine Variable x erhalten bleibt. Dieses kann auch mithilfe der Präposition von aufgegriffen werden; in Grammatiken wird ein solcher Ausdruck teils als Adverbial eingeordnet„Adverbiale Ergänzung“ lt. Dudengrammatik (2022), S. 378, Randnr. 607. und ist jedenfalls kein „Kern-Argument“ des Satzes mehr.
Das transitive Verb (etwas) erleiden verhält sich genauso wie das Beispiel mähen, auch wenn die Rolle des Subjekts nicht als „Täter“ / Agens beschrieben werden kann; entscheidend ist die Hierarchie der beiden Argumente.
Somit bezeichnet die (unmarkierte) Aktivform des Verbs die normale Abbildung von Argumenten auf grammatische Positionen, die Passivform bezeichnet eine Abwandlung dieser Abbildung (eine Diathese).
„Langes Passiv“ Eine auffällige Sonderform des werden-Passivs sind Konstruktionen, die als „langes Passiv“ oder Fernpassiv bezeichnet werden,Müller (2002), S. 136–138 (Abschnitt 3.1.4.1), worauf die nachfolgenden Erläuterungen gestützt sind. Vgl. auch Pittner & Berman (2010), S. 122, sowie: Hubert Haider: The Syntax of German. Cambridge University Press 2010, ISBN 978-0-521-86525-8, S. 319. zum Beispiel: Der Wagen wurde zu reparieren versucht. Der Arzt wurde kommen gelassen. Formell erscheinen hier nur versuchen bzw. lassen in der passivierten Form, das abgeleitete Passivsubjekt Wagen bzw. Arzt wäre aber kein Objekt dieser Verben für sich genommen. Die Passivkonstruktionen entstehen dadurch, dass in Wirklichkeit nicht ein einzelnes Verb passiviert wird, sondern dass ein zusammengesetztes Prädikat aus mehreren Verben im Ganzen einer Passivierung unterworfen wird. Der Verbkomplex wird also wie ein einziges transitives Verb behandelt, obwohl seine Argumente sinngemäß verschiedenen Verben zuzuordnen wären. Aktiv: kommen-lassen (x,y) wobei x das Agens von lassen ist und y das Argument von kommen Passiv: wird kommen-gelassen ([x], y) Aktiv: zu-reparieren-versuchen (x,y) wobei x das Agens von versuchen und von reparieren ist; y das Thema von reparieren Passiv: wird zu-reparieren-versucht ([x], y) Mehr zu diesem Phänomen des Verbkomplexes findet sich unter dem Stichwort Kohärente Konstruktion.
Unpersönliches Passiv: Passiv von intransitiven Verben Im Deutschen kann das Passiv auch von Verben gebildet werden, die kein Objekt oder kein direktes Objekt (Akkusativobjekt) haben. In diesem Fall entsteht ein sogenanntes unpersönliches Passiv, in dem das Verb sogar auch ohne jede Ergänzung stehen kann, nämlich wenn das einzige Argument des Verbs vom Passiv unterdrückt wurde: Aktivsatz: Man darf hier nicht rauchen. Passivierung: Hier darf nicht geraucht werden.