Lebensreform ist der Oberbegriff für verschiedene soziale Reformbewegungen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere von Deutschland und der Schweiz ausgingen. Gemeinsame Merkmale waren die Kritik an Industrialisierung, dem Materialismus und der Urbanisierung verbunden mit Streben nach dem Naturzustand. Als bedeutender Vorkämpfer der Lebensreform-Ideen gilt der Maler und Sozialreformer Karl Wilhelm Diefenbach. Eine übergreifende Organisation besaßen die verschiedenen Bewegungen nicht, jedoch bestanden zahlreiche Vereine.
Die Reformbewegungen der Lebensreform tragen sowohl progressive wie traditionalistische Züge. Es ist umstritten, ob die Bewegungen eher als fortschrittlich oder als anti-modern und reaktionär einzuordnen sind. Beide Thesen werden vertreten.
Geistesgeschichtliche Einordnung mini|Das Reformhaus hat seine historischen Wurzeln in der alternativen Ernährung der Lebensreform.
Der Terminus Lebensreform zur Bezeichnung der sozialreformerischen Bewegung kam im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf.Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68 Die einzelnen Bewegungen entstanden als Reaktion auf Entwicklungen der Moderne und der Industrialisierung, die sie nicht als Fortschritt, sondern als Fehlentwicklung oder Verfallserscheinungen ansahen. Wesentlich für ihre Entstehung war die Befürchtung, dass die moderne Gesellschaft beim Einzelnen zu „Zivilisationsschäden“ und Zivilisationskrankheiten führe, die durch eine Rückkehr zu „naturgemäßer Lebensweise“ vermieden und geheilt werden könnten. Wolfgang R. Krabbe: Lebensreform/Selbstreform. In: Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Hammer, Wuppertal 1998, ISBN 3-87294-787-7. S. 74.
Vorausgegangen war die Volksaufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert, die sich als Teil der umfassenderen Aufklärung an Bauern und Arbeiter richtete und etwa in Person von Bernhard Christoph Faust die medizinische Volksaufklärung und die Verbesserung der Lebensverhältnisse anstrebte (→ Sonnenbaulehre).
Vertreter der Lebensreform propagierten eine naturnahe Lebensweise mit ökologischer Landwirtschaft, vegetarischer Ernährung ohne alkoholische Getränke und Tabakrauchen, Reformkleidung und Naturheilkunde. Sie reagierten damit auf die aus ihrer Sicht negativen Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert. In geistiger Hinsicht wandte sich die Lebensreform neuen religiösen und spirituellen Anschauungen zu, unter anderem Theosophie, Mazdaznan und Yoga. Auch viele spätromantische Elemente wurden aufgegriffen, einhergehend mit einer Verklärung des „einfachen Lebens auf dem Lande“.
Ihre architektonische Ausprägung erhielt die Lebensreform zunächst in Siedlungsexperimenten wie dem Monte Verità, später in der Gartenstadtbewegung wie der Siedlung Hellerau und vieler anderer, deren bekanntester Vertreter der Reformarchitekt Heinrich Tessenow (1876–1950) war, sowie dem Bauhaus. Die erste Gründung einer Siedlungsgenossenschaft in Deutschland war im Jahre 1893 die Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg.
Die Lebensreform war eine hauptsächlich bürgerlich dominierte Bewegung, an der auch viele Frauen teilnahmen. In der Körperkultur ging es darum, unter dem Eindruck von Industrialisierung und Verstädterung den Menschen zum Ausgleich viel frische Luft und Sonne zu verschaffen.
Einige Bereiche der Lebensreformbewegung, wie die Naturheilkunde oder der Vegetarismus, waren in Vereinen organisiert und erfuhren regen Zulauf, was sich in den Mitgliederzahlen widerspiegelt.Siehe dazu: Eva Barlösius: Naturgemäße Lebensführung : Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende. Campus Verlag, 1997. ISBN 978-3-593357591. Zur Verbreitung ihrer Inhalte und Prinzipien gaben sie Zeitschriften wie Der Naturarzt oder Die vegetarische Warte heraus.
Teil der Lebensreform waren darüber hinaus die Freikörperkultur (FKK, auch Naturismus), die Turnbewegung und der Ausdruckstanz. Es bestehen Bezüge zur Bodenreformbewegung Adolf Damaschkes, zur Freiwirtschaft Silvio Gesells, zur frühen Jugendbewegung sowie zu anderen sozialreformerischen Bewegungen und Künstlergruppen wie der Brücke Brücke und die Lebensreform Ausstellung vom 2. Juli bis 9. Oktober 2016 im Buchheim-Museum, Pressemitteilung vom 2. Juli 2016 und der damaligen Künstlerkolonie Worpswede.Renate Foitzik Kirchgraber: Lebensreform und Künstlergruppierungen um 1900. Dissertation an der Universität Basel 2003, S. 53 ff.
Einzelne Reformbewegungen Naturheilkunde
Die Grundgedanken der Naturheilkundebewegung oder Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts stammen von Jean-Jacques Rousseau, der seinen Erziehungsroman Émile oder über die Erziehung 1762 mit dem Satz einleitete: . Er forderte eine Rückkehr zu naturgemäßer Lebensweise, postulierte eine körpereigene „Naturkraft“, die durch Abhärtung zu fördern sei, und lehnte Medikamente ab.
Als erste moderne Vertreter der Naturheilbewegung gelten Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, beide Landwirte und medizinische Laien. Sie setzten bei den nach ihnen benannten Kuren nur auf natürliche Heilmittel wie Wasser, Wärme und Luft und wurden bald als „Wunderdoktoren“ bezeichnet, wobei sie dieselben Krankheiten teilweise völlig gegensätzlich behandelten. Wesentliches Merkmal der entstehenden Naturheilkunde war die Überzeugung, dass der Körper über Selbstheilungskräfte verfüge, die lediglich angeregt und unterstützt werden müssten. Im deutschen Sprachraum wurden so genannte Naturheilanstalten gegründet. 1891 waren 131 davon im Dachverband der Naturheilvereine organisiert.Wolfgang R. Krabbe: Naturheilbewegung. In: Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Hammer, Wuppertal 1998, ISBN 3-87294-787-7.
1888 gründete der Mediziner Christoph Hartung von Hartungen am Gardasee das Reform-Sanatorium von Hartungen in Form einer Natur- und Wasserheilanstalt mit Lufthütten-Kolonie. Es handelte sich dabei um eines der ersten dieser Art in Österreich, wo unter Einschluss der Hygiene und Diätetik Heilung nach einer ökologisch orientierten Medizin angestrebt wurde.
Zentrale Ansichten der Naturheilkunde nannte Meyers Konversationslexikon Ende des 19. Jahrhunderts: Artikel Naturheilkunde. In: Meyers Konversationslexikon, ca. 1895
1883 wurde der Deutsche Verein für Naturheilkunde und für volksverständliche Gesundheitspflege gegründet. Im Jahr 1900 benannte er sich um in Deutscher Bund der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise. 1889 waren in diesem Dachverband 142 Ortsvereine mit etwa 19.000 Mitgliedern organisiert, 1913 waren es bereits 885 Vereine mit 148.000 Mitgliedern. Der Verband besaß einen Verlag, der die Zeitschrift Der Naturarzt herausgab.
Auch die ältere pseudomedizinische Methode der Homöopathie erfuhr ab 1870 einen verstärkten Zulauf, der zur Gründung zahlreicher homöopathischer Laienvereine in Deutschland führte.
In den 1920er Jahren verlor die Naturheilkunde insgesamt an Popularität, der Zenit dieser Bewegung war vorerst überschritten. Eine Ausnahme bildete nur der 1897 gegründete Kneipp-Bund, der in den 1960er Jahren etwa 65.000 Mitglieder hatte.
Nach 1933 wurde die „Deutsche Lebensreform-Bewegung“ gleichgeschaltet und ging in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweise der NSDAP auf. Die NSDAP propagierte die Einbeziehung von Naturheilverfahren in die allgemeine Medizin unter dem Begriff Neue Deutsche Heilkunde. Die entsprechenden Pläne scheiterten aber letztlich am Widerstand der Ärzteschaft.
Eine bis in die 1940er Jahre bestehende Deutsche Gesellschaft für Lebensreform gab die Zeitschrift Reformrundschau heraus. Das in Dresden sitzende Forschungsinstitut der Deutschen Lebensreformbewegung war ab 1941 auch für das 1939Franken, wieder voran! Im Kampf um die Volksgesundheit. Eröffnung eines Prüfungs-Institutes für biologische Heilmittel durch Julius Streicher. In: Fränkische Tageszeitung. Vom 18. Januar 1939, S. 8. von Julius Streicher in Nürnberg eröffnete Forschungs- und Prüfungsinstitut für biologische Heilmittel zuständig und befasste sich mit unterschiedlichen „Richtungen besonderer, meist von naturgemäßer Lebens- und Denkweise ausgehender Lebensgestaltung“.
Ab der Nachkriegszeit wurde Naturheilkunde in Deutschland wieder zunehmend beliebter. Während 1970 rund die Hälfte der Bevölkerung auf Naturheilmittel zurückgriffen, nutzten 2013 über 70 % der Bevölkerung Naturheilmittel.: Naturheilkunde immer beliebter und geschätzter. Daten basierend auf der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse.
Kleidungsreform
Im Umfeld der Lebensreform-Bewegungen gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland mehrere Ansätze zu einer Reform der Kleidung, wobei sich die ersten Überlegungen auf die Männerkleidung bezogen. Heftige Kontroversen gab es zur Frage, welches Material der Gesundheit besonders zuträglich sei. Gustav Jäger hielt ausschließlich Wolle für geeignet, während Heinrich Lahmann Baumwolle befürwortete und Sebastian Kneipp vor allem Leinen. Jäger gründete ein eigenes Bekleidungsunternehmen für die von ihm entworfene Normalkleidung für Männer, die einige Jahrzehnte lang recht erfolgreich auf dem Markt war, nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch in England. Er gründete einen eigenen Verein und gab eine monatliche Zeitschrift heraus.Karen Ellwanger, Elisabeth Meyer-Renschhausen: Kleidungsreform. In: Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880–1933. Hammer, Wuppertal 1998, ISBN 3-87294-787-7. S. 87 ff.
Bei den Reformansätzen der Frauenkleidung ging es um die Abschaffung des Korsetts, die nicht nur von Frauenrechtlerinnen, sondern auch von einigen Medizinern nachdrücklich gefordert wurde. Der Arzt Samuel Thomas Sömmering hatte schon 1788 einen Aufsatz mit dem Titel „Über die Schädlichkeit der Schnürbrüste“ geschrieben. In der Folgezeit häuften sich öffentliche Vermutungen, die starke Einschnürung führe zur Deformierung innerer Organe und vor allem zur Schädigung der Gebärmutter, begünstige Verstopfung und könne zu einer Schnürleber führen. Tatsächlich nachweisbar waren Atemnot und eine Neigung zu Ohnmachten sowie eine stark eingeschränkte Beweglichkeit.
In den USA forderte Amelia Bloomer als eine der ersten Frauen um 1850 ein Reformkleid und trug es auch einige Zeit. Die amerikanische Reformbewegung scheiterte jedoch. 1881 wurde in England die Rational Dress Society gegründet, 1896 folgte in Deutschland der Allgemeine Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung mit zunächst 180 Mitgliedern. Im Jahr 1900 entwarfen bekannte Künstler sogenannte Künstlerkleider ohne Korsett, unter anderem Henry van de Velde und Anna Muthesius. Diese Modelle waren aber nicht für die Massenproduktion gedacht. 1903 entstand die Freie Vereinigung für Verbesserung der Frauenkleidung, die 1912 in Deutscher Verbund für Frauenkleidung und Frauenkultur umbenannt wurde. Nach 1910 verzichtete die Haute Couture auf das Korsett, ohne dass die Damenmode dadurch bequem wurde. Erst der Stoffmangel und ein verändertes Frauenbild zur Zeit des Ersten Weltkrieges sorgten für eine starke Veränderung der Frauenkleidung im Sinne der Reformer.
Freikörperkultur
mini|Der ehemalige Konsul Joseph Salomonson beim Ackerbau auf dem Monte Verità, 1907Bernd Wedemeyer-Kolwe: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland. Philipp von Zabern/WBG, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-8053-5067-9, S. 139.
Auch die FKK-Bewegung entstand als Teil der Lebensreform-Bewegungen. Der Schweizer Arnold Rikli gründete bereits 1853 eine „Sonnenheilanstalt“ und verordnete seinen Patienten „Lichtbäder“ ohne jede Bekleidung. 1906 gab es in Deutschland 105 so genannte Luftbäder.