mini|Gürtelrose (Herpes zoster)
Herpes zoster, und kurz Zoster,Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 266., aktualisierte Auflage. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-033997-0, S. 2326.Helmut Ruska: Über das Virus der Varicellen und des Zoster. In: Klinische Wochenschrift. Band 22, 1943, S. 703–705. deutsch Gürtelrose, umgangssprachlich auch KopfroseAnna Nilsson: Gürtelrose am Kopf. guertelrose-infektion.de, 9. September 2013; abgerufen am 24. März 2016. oder Gesichtsrose genannt,Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. Piloty & Loehle, München 1899 (reprografischer Nachdruck: Olms, Hildesheim / New York 1970 und 1979, ISBN 1-174-35859-9), S. 519. ist eine Viruserkrankung, die hauptsächlich durch einen schmerzhaften streifenförmigen Hautausschlag mit Hautbläschen auf einer Körperseite in Erscheinung tritt. Der Bläschenausschlag entsteht durch das Übergreifen einer Entzündung von einem Nerv (z. B. eines Ganglions) auf das umliegende Dermatom (Hautgebiet).
Bereits 1861 beschrieb Friedrich Wilhelm Felix von Bärensprung den Herpes zoster als infektiöse hämorrhagisch-entzündliche Erkrankung entsprechender Spinalganglien.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 44.
Die Krankheit wird durch das zur Familie der Herpesviridae gehörende Varizella-Zoster-Virus (VZV) ausgelöst. Sie tritt meist bei älteren Menschen oder solchen mit geschwächtem Immunsystem (durch Stress, infolge anderer Erkrankungen wie beispielsweise bei AIDS oder durch eine spezielle immunsuppressive Therapie) auf. Das Virus wird häufig bereits in der Kindheit übertragen und verursacht bei der Primärinfektion die Windpocken. Ein Herpes zoster ist immer eine endogene, d. h. von innen erzeugte Reaktivierung einer alten VZV-Infektion (Erregerpersistenz). Herpes Zoster darf nicht mit dem Lippen-Herpes (Herpes simplex) gleichgesetzt werden.
In Deutschland ist ein Impfstoff zugelassen, um einer Erkrankung vorzubeugen. Hierbei empfiehlt die STIKO die Impfung mit einem Totimpfstoff generell für Personen ab 60 Jahren und außerdem bei Personen mit einer erhöhten gesundheitlichen Gefährdung ab 18 Jahren.
Etymologie mini|Gürtelrose am Hals im Bereich des Dermatoms C3 mit Schmerzen hinter dem rechten Ohr
Die volkstümliche deutsche Bezeichnung Gürtelrose entstand, weil sich der rötliche Ausschlag bei besonders ausgeprägten Erscheinungsformen von der Wirbelsäule ausgehend halbseitig oder (selten) ganz gürtelförmig um den Körper schlingt und dort eine Wundrose hervorruft.Gürtelrose. Auf: gesundheit.de; abgerufen am 15. September 2013. Dabei ist Wundrose ein altertümlicher Ausdruck für eine akute, lokal begrenzte Hautentzündung, der oft undifferenziert für verschiedene Krankheitsbilder unterschiedlicher Ursachen verwendet wurde.
Die Bezeichnung Herpes zoster leitet sich ab von lateinischzōstēr. in Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. bzw. (‚Leibgurt‘,Herpes zoster. auf: www.brockhaus.de. ‚Gürtel‘ in Bezug auf den „gürtelartigen“ Verlauf erstmals bei Plinius dem ÄlterenG. Plinius Secundus: Naturalis historia. Band XXVI, Kapitel 74, § 121.). Vergleiche auch .
Auf Englisch wird der Herpes zoster genannt, was wiederum dem lateinischen für ‚Gürtel‘ entlehnt ist, auf Französisch zona und zoster.
Alte Bezeichnungen sind unter anderem FieberflechteA. Müller, R. W. Schlecht, Alexander Früh, H. Still: Der Weg zur Gesundheit: Ein getreuer und unentbehrlicher Ratgeber für Gesunde und Kranke. Band 2, 1929, S. 230: Die Fieberflechte (Gürtelrose, Bläschenflechte). sowie „Feuergürtel“ (), in Frankreich und England auch Zone bzw. Zona, und der ansonsten für den Ergotismus („Antoniusfeuer“) verwendete Ausdruck („Heiliges Feuer“).Albrecht Scholz: Herpes zoster. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 579. Den Herpes zoster nannte man früher auch Gürtelausschlag und GürtelflechteFriedrich Copei, Ad Quest: Der biochemische Ratgeber. 5. Auflage. Weichert, Lage in Lippe 1922, S. 92. sowie Zona serpiginosa.Günter Thiele (Hrsg.): Handlexikon der Medizin. Band 4: S–Z. Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr, S. 2739.
Häufig werden die verkürzten Fachausdrücke Zoster (für Herpes zoster, ausgelöst durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV)) und Herpes (für Herpes simplex, eine durch Herpes-simplex-Viren hervorgerufene Erkrankung) verwechselt, obwohl es sich um zwei verschiedene Erkrankungen handelt, die sich im Erreger und insbesondere in den Folgeerkrankungen deutlich unterscheiden.
Pathophysiologisch wurde der Herpes zoster auch als Poliomyelitis acuta posterior der Poliomyelitis acuta anterior (Kinderlähmung) gegenübergestellt.Fr. Hiller: Organische Nervenkrankheiten. In: Lehrbuch der inneren Medizin. Band 2. 4. Auflage. Springer-Verlag, Berlin 1939, S. 590.
Epidemiologie In Deutschland erkranken jährlich etwa 350.000 bis 400.000 Menschen an einem Herpes zoster,Flyer des Pharma-Herstellers GSK im Zusammenhang mit der Schutzimpfung; Stand vom Sommer 2021. rund 2/3 davon sind über 50 Jahre alt, wie eine Studie aus den 2010er Jahren gezeigt hat. Daraus resultiert eine Inzidenz von 9,6 pro 1000 Personen pro Jahr.B. Ultsch et al.: Herpes zoster in Germany: Quantifying the burden of disease. In: BioMed Central (BMC): Infectious Diseases. 2011, Nr. 11, S. 173, doi:10.1186/1471-2334-11-173.
Da bis zum vollendeten 40. Lebensjahr rund 98 % der Bevölkerung mit dem Varizella-Zoster-Virus meist entweder klinisch manifest in Form der Windpocken oder in Form einer stillen Feiung Kontakt hatten, sind nahezu alle erwachsenen Menschen gefährdet. Dies beruht auf der Tatsache, dass die Varicella-Zoster-Viren lebenslang inaktiv im Körper verweilen. Rund 25 bis 30 % der Bevölkerung erleiden im Laufe ihres Lebens einen Zoster. Bei den 85-Jährigen hat bereits die Hälfte eine Erkrankung durchlebt. Wie die seit 2004 empfohlene Impfung im ersten Lebensjahr sich darauf auswirkt, ist noch nicht bekannt. mini|Hospitalisierung aufgrund von Herpes zoster 2021 in Deutschland Die Wahrscheinlichkeit einer Herpes-Zoster-Infektion steigt mit zunehmendem Alter. Frauen sind häufiger betroffen. Weitere Risikofaktoren sind Autoimmunerkrankungen.Florian Prechter et al.: Therapie mit Wermutstropfen: Reaktivierung von Herpes zoster Deutsches Ärzteblatt 2019, Jahrgang 116, Heft 35–36 vom 2. September 2019, Seiten A-1541–A-1542. Eine Metaanalyse von 2024 untersuchte weitere Risikofaktoren, jedoch haben die zugrunde liegenden Studien nur die klinische Diagnosen ohne labordiagnostische Validierung genutzt.
Einfluss haben: Erkrankungen des Immunsystems: erhöhen das Risiko erheblich, so Krebserkrankungen (Odds-Ratio OR=2,42), hämatologische Erkrankungen (OR=2,16), HIV-Infektion (OR=1,81), Transplantationen (inklusive Stammzelltransplantation) (OR=4,51). Erkrankungen mit indirekter Schwächung des Immunsystems bzw. Autoimmunerkrankungen (OR=1,33): systemischer Lupus erythematodes (OR=2,87), Rheumatoide Arthritis (OR=1,62), chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (OR = 1,68), Chronische obstruktive Lungenerkrankung (COPD, OR =1,55), Asthma (OR=1,3), Diabetes (OR=1,26), Schuppenflechte (OR=1,25) Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems (OR=1,39): Herzinsuffizienz (OR=1,35). Weitere Risikofaktoren sind psychische Störungen (OR=1,43) oder Depressionen (OR=1,27).
Erreger
Als Erreger dieser Erkrankung ist das Varizella-Zoster-Virus (VZV) – auch als Humanes Herpes-Virus-3 (HHV-3) bezeichnet – nachgewiesen. Dieses Virus ist ein behülltes, doppelsträngiges DNA-Virus (dsDNA) und gehört zur Familie der Herpesviridae, zur Unterfamilie Alphaherpesvirinae und zur Gattung Varicellovirus. Alle Viren dieser Familie sind mit einem ikosaedrischen Kapsid ausgestattet, das von einer Virushülle umgeben ist. Dazwischen findet sich als Besonderheit das Tegument aus verschiedenen funktionellen Proteinen. Das Varizella-Zoster-Virus ist mit den Herpes-simplex-Viren relativ nahe verwandt, dennoch gibt es keine Kreuzprotektion. Schätzungen zufolge sind rund 90 Prozent der über vierzehnjährigen Europäer durch Windpocken-Infektionen Träger von Varizella-Zoster-Viren.
Übertragung Die Erstinfektion eines gesunden Menschen äußert sich üblicherweise in der weitverbreiteten Kinderkrankheit Windpocken. Die hochansteckenden Erregerviren werden per Tröpfcheninfektion, also direktes Einatmen von Ausatmungströpfchen (Exspirationströpfchen) infizierter Personen, oder über Kontaktinfektion beziehungsweise Schmierinfektion mit den Viren der auf Gegenständen oder Körperoberflächen niedergegangenen infektiösen Exspirationströpfchen übertragen, wenn sie anschließend sofort über die Schleimhäute beispielsweise in Mund, Nase oder Augen in den Körper gelangen.Dietmar Busch: Varizella-Zoster-Virus: Windpocken und Herpes Zoster – Eine szientometrische Analyse. Dissertation, Institut für Arbeitsmedizin der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin 2011, S. 3: 1.3.1 Primärinfektion. (Volltext als PDF). Da die Erreger an der Luft nur für etwa zehn Minuten infektiös sind, ist eine Übertragung durch herumliegende Kleidung oder Spielzeug in der Regel nicht zu befürchten. Weiterhin ist durch den virushaltigen Bläscheninhalt des Hautausschlags eine Schmierinfektion möglich. Auch der Speichel und die Tränenflüssigkeit (Konjunktivalflüssigkeit) infizierter Personen sind infektiös. Sehr selten ist die Möglichkeit einer diaplazentaren Übertragung des Varizella-Zoster-Virus durch die Schwangere auf den Fetus. Dabei kann es in etwa ein bis zwei Prozent der Varizellenerkrankungen bei Schwangeren zum fetalen Varizellensyndrom führen.Windpocken, Herpes zoster (Gürtelrose). Abschnitt: Infektionsweg. RKI-Ratgeber für Ärzte, Stand: 30. März 2016; abgerufen am 11. Januar 2017.
Auch wenn die Betroffenen normalerweise nach einer Windpocken-Erkrankung ein Leben lang immun gegen die Krankheit sind, verbleibt das Virus nach Abklingen der Symptome im Körper und kann später, beispielsweise ausgelöst durch Stress oder ein altersbedingtes nachlassendes Immunsystem, in seltenen Fällen auch durch Sonneneinwirkung (UV-Licht), reaktiviert werden. Die Viren verbleiben latent in den Nervenwurzeln des Rückenmarks, den Spinalganglien sowie in den Ganglien der Hirnnerven. Der Herpes zoster kann nicht direkt übertragen werden; es erfolgt immer nur eine Reaktivierung einer bereits stattgefundenen Infektion („Kein Zoster ohne vorherige Windpocken“) oder einer Impfung mit Lebendimpfstoff gegen Varizellen. Herpes zoster ist demnach keine Infektion im eigentlichen Sinne, sondern die erneute Aktivierung des Varizella-Zoster-Virus nach einer mehr oder weniger langen Latenzzeit. Für Menschen, die in der Kindheit an Windpocken erkrankt waren und über ein vollkommen aktives Immunsystem verfügen (d. h. immunkompetent und nicht immunsupprimiert sind), besteht in der Regel keine Gefahr, sich an einem Herpes-Zoster-Erkrankten anzustecken. Eine Übertragung der Viren erfolgt bei Herpes zoster nur durch den virushaltigen Bläscheninhalt (Schmierinfektion), nicht aber über die Atemwege als Tröpfcheninfektion. Nur bis zur Verkrustung der Bläschen bleibt der Erkrankte über den Bläscheninhalt ansteckungsfähig. Es können durch Herpes zoster – ohne eine frühere Windpocken-Erkrankung oder Windpocken-Lebendimpfung – im Infektionsfall dann die Windpocken ausgelöst werden.
Krankheitsverlauf/Symptome mini|Verlauf von Herpes zoster. a) Hautoberfläche; b) Nervenfaser; c) aktivierte Viren; d) inaktive Viren
Verlauf