mini|Titelseite der ersten zweisprachigen und von Wittgenstein überarbeiteten Druckfassung unter dem Titel Tractatus Logico-Philosophicus von 1922 Der Tractatus logico-philosophicus oder kurz Tractatus (ursprünglicher deutscher Titel: Logisch-philosophische Abhandlung) ist das erste Hauptwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) und das einzige buchförmige philosophische Werk, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.
Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wurde der Tractatus von Fachleuten einzelner positivistischer Logikergruppen als bewundernswerter Geniestreich aufgenommen.Siehe R. Monk (1992), hier in der Literatur: S. 62, 184 und 261. Wittgensteins Lehrer und Förderer Bertrand Russell und der Wiener Kreis um Moritz Schlick sind für seine schnelle, fachinterne Verbreitung verantwortlich gewesen. Mit der Schrift, „das bedeutendste Werk“ seiner Zeit, so Schlick, sei der Weg zur sprachanalytischen Philosophie „erstmals aus der Tiefe begründet, […] an einem Wendepunkt angelangt“.M. Schlick, Vorrede von 1930 zu F. Waismann, Logik, Sprache, Philosophie. Reclam, Stuttgart 1976, S. 20 f. Schlick selbst hat, neben weiteren Befürwortern eines logischen Empirismus, seine Positionen und Formulierungen nach Wittgensteins Werk neu ausgerichtet. An erster Stelle stehe die Einsicht, dass alle Erkenntniskritik (im klassischen Kantischen Sinne) auf logische Klärung der Sprache hinausläuft, mit dem Tractatus sich der so genannte „Linguistic Turn“ in der Philosophie vollzogen hat.Siehe M. Geier (2017), hier unter Literatur: S. 192 f., worin Schlicks Die Wende der Philosophie (1930) genannt wird. In M. Schlick, Gesammelte Aufsätze (1926–1936), hrsg. v. F. Waismann, Gerold, Wien 1938, online unter archive.org, heißt es auf S. 33 f.: Die Wege zur Sinnklärung der Sprache „gehen von der Logik aus. Ihren Anfang hat Leibniz undeutlich gesehen, wichtige Strecken haben in den letzten Jahrzehnten Gottlob Frege und Bertrand Russell erschlossen, bis zu der entscheidenden Wendung aber ist zuerst Ludwig Wittgenstein (im „Tractatus logico-philosophicus“, 1922) vorgedrungen.“
Aus heutiger philosophiehistorischer Sicht enthält der Tractatus die wohl wirkungsmächtigste „Vision eines im Sinne der Idealsprache vollendeten Programmes“, die in ihrer geschlossenen Formgebung auf gleicher Stufe „mit der Aufhebung der Philosophie“ selbst stehe.J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Einleitung zur Philosophie der Gegenwart. Kröner, Stuttgart 2007, S. XXVI f. In diesem einschränkenden Sinne bleibt er Ausgangspunkt für vielfältige logisch-analytische Entwicklungslinien der heutigen Philosophie, vor allem im europäischen und anglo-amerikanischen Raum.W. V. O. Quine etwa hat für sein ebenso einflussreichen Klassiker Word and Object (1960) das „Leiter-Bild“ (siehe hier unter Einzelaspekte) vom Schluss des Tractatus aufgenommen und semantisch neu interpretiert. In der Übersetzung (Reclam, Stuttgart 1980, S. 22): „Um Wittgensteins Bild … zu setzen: Wir können unsere Leiter erst dann wegstoßen, wenn wir auf ihr emporgestiegen sind.“ Nicht zuletzt gehört die Abhandlung seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu den einflussreichsten Werken der Logikgeschichte: Zahlreiche Kommentarbände, Lehrveranstaltungen und Qualifikationsschriften sind allein diesem Werk gewidmet.Siehe W. Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur, Seite 2 der Einleitung.Vgl. die Bemerkung in der Einführung, S. 15, zu Ray Monk (1992), hier angegeben unter Literatur: damals kam er auf 5868 Bücher über Wittgenstein, die meisten davon akademischer Natur.
Entstehungsgeschichte mini|Erste Druckfassung von 1921 in den Annalen der Naturphilosophie (Bd. 14, S. 185). Wegen der zahlreichen Druckfehler, und wegen der länglichen und eigentümlichen Einleitung Russells, hat Wittgenstein sie als „Raubdruck“ bezeichnet.Siehe M. Geier (2017), hier unter Literatur: S. 113. Ein Link zum vollständigen Druck der Abhandlung befindet sich hier unter Literatur. Sie enthält das Motto nach Ferdinand Kürnberger. Wittgenstein hat seine Abhandlung nur unter diesem Titel bezeichnet.Siehe W. Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur, Seite 2 der Einleitung. Die Konzeption zu der Abhandlung ist aus den philosophischen Studien Wittgensteins und seinen zahlreichen Diskussionen mit Russell entstanden, den Wittgenstein schon 1911 in Cambridge aufsuchte und der das Zustandekommen der Schrift und ihre erste Veröffentlichung zehn Jahre später maßgeblich förderte. Wittgenstein setzte die Berarbeitung des Werks während des Ersten Weltkriegs fort, um es 1918 abzuschließen.Das zeigen seine Tagebücher (1914–16), siehe hier in der Literatur.Davon berichten auch die Briefwechsel zwischen Wittgenstein und dem Verleger Ludwig von Ficker aus den Jahren 1919–20, die in der Online-Edition zugänglich sind: Ludwig-von-Ficker-Gesamtbriefwechsel.
Es erschien mit Unterstützung von Russell zunächst 1921 in Wilhelm Ostwalds Annalen der Naturphilosophie. Diese von Wittgenstein nicht gegengelesene Fassung enthielt grobe Fehler. Eine korrigierte, zweisprachige Ausgabe (deutsch/englisch) unter Mitwirkung Wittgensteins erschien 1922 bei Kegan Paul, Trench, Trubner & Co. in London in der Reihe International Library of Psychology, Philosophy and Scientific Method und gilt als die offizielle Fassung. Die englische Übersetzung stammte von C. K. Ogden und Frank Ramsey. Eine zweite zweisprachige Ausgabe erschien 1933.
1929 legte Wittgenstein den Tractatus (der lateinische, an Spinozas Tractatus theologico-politicus erinnernde Titel geht auf G. E. Moore zurück) als Dissertation am Trinity College der Universität Cambridge vor, zur Begutachtung durch Russell und Moore, um dort eine behördliche Anstellung zu erwirken.Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Überarbeiteter, zweisprachig herausgegebener Neudruck von Kegan Paul, London 1922. Side-by-side edition, Version 0.59 (May 12, 2021), containing the original German, alongside both the Ogden/Ramsey, and Pears/McGuinness English translations. (writing.upenn.edu)M. Geier (2007), hier in der Literatur: S. 299.
Inhalt Allgemeine Merkmale Inhaltlich setzt der Tractatus bei der sprachanalytischen Philosophie Gottlob Freges und Bertrand Russells an und bei deren, zu damaliger Zeit weit verbreiteten logizistischen Sichtweise auf die allgemeine Syntax der Sprache. Unter diesen Voraussetzungen stehend, umfasst Wittgensteins Werk die gesamte Wirklichkeitserkenntnis.P. M. Sullivan Wittgenstein’s Context Principle. Kap. 5 in Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur: S. 79. Das ist die Grundidee des Kontextprinzips der sprachanalytischen Philosophie, dass mittels der Sprache und ihrer logischen Form eine Abbildung der Wirklichkeit hergestellt wird. In Wittgensteins Worten: „5.6.: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Er gilt als der erste Begründungsversuch des damaligen Standpunktes des Logischen Atomismus.Russell selbst begründet im Vorwort zur Philosophy of Logical Atomism (The Monist, 1918): „Die folgenden Artikel […] befassen sich hauptsächlich mit gewissen Ideen, die von meinem Freunde und früheren Schüler Ludwig Wittgenstein stammen“. So übersetzt in: Bertrand Russell, Die Philosophie des Logischen Atomismus – Aufsätze zur Logik und Erkenntnistheorie (1908–1918). Nymphenburger, München 1976, S. 178.S. Haack, Philosophy of Logics. Cambridge University Press, Cambridge, London, New York 1978, S. 91, Anm. 1: “Wittgenstein was the originator of logical atomism, but Russell’s version appeared first”.J. Proops (2022), Wittgenstein’s Logical Atomism, hier unter Weblinks.U. Metschl, Ein Platz für alles Mögliche. In Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur: S. 141 f.W. Stegmüller (1969), hier in der Literatur: S. 535 f.
Logisches (Sinn und Bedeutung einer Aussage): Als logisches Werk beschreibt der Tractatus die Bedingungen, unter denen allgemein eine AussageDas meint sowohl den Aussagesatz und seine Struktur als auch den Aussageinhalt. Im Tractatus sind beides Gegenstände einer allgemeinen Semiotik. (1) einen „Sinn“ hat (im Sinne Freges), und (2) eine „Bedeutung“ hat (im Sinne Freges), also wahr oder falsch sein kann. Das erste Merkmal einer sinnvollen Aussage (1) betrifft die Bedingungen, wie ein Satz Sachverhalte darstellen kann und mündet in der Abbildtheorie, wie Tatsachen erkannt werden können. Wittgenstein sagt das so: „Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.“ (2.221). Hierbei geht es um eine umfassende Ausarbeitung der Bildtheorie nach der damals viel beachteten Einleitung zu Hertz’ Prinzipien der Mechanik.Der volle Titel des postum erschienenen Meisterwerks von H. Hertz lautet Die Prinzipien der Mechanik – in neuem Zusammenhange dargestellt, im Verlag A. Barth, Leipzig 1894, erschienen, online verfügbar: archive.org. Diese unvollendet gebliebene Schrift eröffnete neue Perspektiven (Hertzsche „Bilder“) zu einer positivistischen Mechanik, die den als metaphysisch verstandenen, von J. d’Alembert gar als unwissenschaftlich verschrienen Kraft-Begriff der Klassischen Mechanik eliminieren sollte, und zwar mittels des – heute so genannten – Hertz’schen Minimalprinzips der Mechanik, das hierin grundgelegt wird (siehe dazu G. Hamel, Theoretische Mechanik, Springer, Berlin 1967, S. 366 f., §180: Das Prinzip von Hertz). Die Bezeichnung „Einleitung“ darf gut und gerne als irreführend bis fehlerhaft gesehen werden, denn sie umfasst mehr als 50 Seiten und bildet eine eigene Abhandlung wissenschaftstheoretischer Natur, ein philosophisches Vermächtnis Hertz'. Schon als Jugendlicher ist Wittgenstein von der darin beschriebenen, neuartigen Bild-Theorie beeindruckt worden. Siehe dazu R. Monk (1992), hier unter Literatur: S. 43.M. Geier (2017), hier unter Literatur: S. 98 f.
Das zweite Merkmal einer sinnvollen Aussage (2) betrifft dann die internen semantischen Regeln zur Beurteilung ihrer Gültigkeit: Das fügt sich ein in Wittgensteins Konzeption einer Korrespondenztheorie.S. Haack, Philosophy of Logics. Cambridge University Press, Cambridge, London, New York 1978, S. 92. Wittgenstein sagt das so: „In der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung seines Sinnes [des Bildes] mit der Wirklichkeit besteht seine Wahrheit oder Falschheit.“ (2.222). Hierbei geht es um allgemeine („logische“) Bewertungsregeln, die im logischen Atomismus mit Russells Darstellung übereinstimmen, Wittgenstein erläutert sie nur anders.Ein entscheidender innersemantischer Unterschied zwischen beiden Pionieren ist hingegen die Bewertung der Falschheit eines Satzes. Siehe dazu insbes. W. Stegmüller (1969), hier in der Literatur: S. 552; sowie Bertrand Russell, Die Philosophie des Logischen Atomismus – Aufsätze zur Logik und Erkenntnistheorie (1908–1918). Nymphenburger, München 1976, S. 210 f. Ein entscheidender äußerer Unterschied betrifft die Frage nach der Darstellbarkeit dieser Semantik selbst. Wittgenstein lehnte eine solche innerlogische, formale Repräsentation entschieden ab und betont im Tractatus mehrfach die Nicht-Übertragbarkeit zu einem semantischen Regelkalkül, distanzierte sich am deutlichsten von Russells logischem Konzept einer Typentheorie für umgangssprachliche Bezeichnungen, womit wir die Welt und ihre Tatsachen erkennen und bewerten.Anlehnend an W. Vossenkuhl, Sagen und Zeigen – Wittgensteins „Hauptproblem“. Kap. 2 in Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur. Hierin wird der entscheidende Unterschied bei Wittgenstein zwischen der Systematisierung des Gesagten durch die Analyse in logische Satzkonsituenten einerseite und dem unsystematischen Aufzeigens der Satzelemente und ihrer Bedeutungen andererseits gesehen, die außerhalb der logischen Form stehen (vgl. S. 43 und 59). Konsequenterweise könne Russells Typentheorie für diese Art von Selbstreferentialität gar nicht auftreten.