Die Geschichte der Stadt Bad Hersfeld umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Bad Hersfeld von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Sie ist eng mit der Geschichte der Abtei Hersfeld verbunden, die seit dem achten Jahrhundert existiert.
Zahlreiche historische Namensformen sind urkundlich dokumentiert, z. B. Haerulfisfelt (775), Hariulfisfelt (779), Erulvisfeld (780), Harulfisfelt (782), Herocampia und Herolfesfeld in pago Hassiae (968), Herosfeld (1099), Herveld (1107), Herschfeld und Hersfeld (1134) oder Hirschfeld (1617). mini|Altstadt von Bad Hersfeld
Vorgeschichte Bei Ausgrabungen gab es Funde aus der Latènezeit um 400 v. Chr. unter dem Westwerk der Stiftskirche und am Kirchtor.
Frühmittelalter
Zwischen 736 und 743 kam der aus Bayern stammende Mönch Sturmius, nach Haerulfisfelt (Hersfeld). Er erbaute, nach den Überlieferungen von Abt Eigil in der Vita Sturmi, eine mit Rinden gedeckte Kirche am Frauenberg. Nach der Vita Sturmi gab es hier bereits eine verlassene Siedlung, die einem Mann namens Haerulf gehört haben soll. Somit ergab sich die Ortsbezeichnung Haerulfisfelt („Feld des Haerulf“). Sturmius kam nach Haerulfisfeld in die Einöde Buchonias (Bezeichnung eines alten Gaues, der bis zum 10. Jahrhundert die Landschaft des mittleren und östlichen Vogelsberges umfasste), um hier Gott zu dienen, nachdem er unter Abt Wigbert drei Jahre lang als Priester und Heidenbekehrer in der Umgebung Fritzlars gewirkt hatte. Sturmius zog 744, wegen der Nähe der Sachsengrenze auf Anweisung von Bonifatius, weiter in das Innere der Buchonia und gründete das Kloster Fulda. Es ist nicht bekannt, ob die Einsiedelei (cella) bis zur Gründung des Klosters weiter bestand.
754 wurde Lullus (Lul) Nachfolger von Bonifatius auf dem Bischofsstuhl in Mainz. Zwischen ihm und Sturmius entstand Streit über Privilegien des Klosters Fulda, das direkt dem Papst unterstand und nicht dem Mainzer Bischof. Im Jahre 772 unterwarf Kaiser Karl der Große die Sachsen. Daher gründete Lullus, wegen der Nähe zur Sachsengrenze und aus Konkurrenzgründen zu Fulda (Trutzfulda), zwischen 769 und 773 ein Benediktinerkloster in Hersfeld. Auf dem Reichstag von Quierzy (bei Soissons) im Jahre 775 nahm Karl der Große das Kloster unter seinen Schutz. Es war damit eine Reichsabtei (abbatia regalis) und bekam dadurch außergewöhnliche Vorrechte, unter anderem die freie Abtswahl durch die Mönche und die Befreiung von jeder bischöflichen und gräflichen Gewalt. In weltlicher Hinsicht unterstand das Kloster dem König, und die Stellung des Hersfelder Abts als Reichsfürst bahnte sich an. In geistlicher Hinsicht unterstand das Kloster direkt dem Papst. Das Kloster wurde durch Schenkungen Karls des Großen (Landbesitz, Ortschaften, Zehntabgaben, Kirchen und anderes) rasch ein reicher und machtvoller Faktor im östlichen Hessen und westlichen Thüringen. Nach dem Breviarium Lulli, einem um 810 angefertigten Zehntverzeichnis des Klosters, besaß es in karolingischer Zeit rund 60.000 Morgen Land, verteilt auf 193 Ortschaften, von denen 132 Ortschaften mit etwa 3/4 des gesamten Besitzes in Thüringen lagen.
780 ließ Lullus die Gebeine des Heiligen Wigbert, des ersten Abtes von Fritzlar, nach Hersfeld überführen. Das Kloster wurde dadurch zum Wallfahrtsort. Am 28. Juli 782 besuchte Karl der Große die Abtei Hersfeld. Vier Jahre später, am 16. Oktober 786, starb Lullus. Er und Witta, erster und einziger Bischof von Büraburg, wurden in der Klosterkirche begraben. Wittas Sarkophag, mit einem steinernen Kopfkissen, ist noch heute in der Stiftsruine zu sehen. Das Grab von Lullus gibt es nicht mehr.
Für Siedler, die nicht dem Kloster angehörten, war die Klosterkirche nicht zugänglich, da sie in der Klausur der Mönche lag. Man erbaute daher um 800 eine kleine Frauenkirche oberhalb des Klosters. Sie wurde der Gottesmutter (Unserer lieben Frau) geweiht; daher hat auch der Frauenberg seinen Namen erhalten. 820 nahm Kaiser Ludwig der Fromme die Abtei Hersfeld in seinen Schutz und bestätigte die Schenkungen seines Vaters Karl.
Der Bau einer Basilika wurde 831 begonnen und 850 abgeschlossen. Die Überführung der Gebeine des heiligen Lullus im Jahre 852 in diese neue Stiftskirche gab den Anlass für das Lullusfest, das noch heute gefeiert wird. Der Marktplatz, früher Ebenheit genannt, wurde 915 als Fliehburg angelegt, zur Zeit der ersten Ungarneinfälle. Um 1000 wurde ein Kloster auf dem Petersberg dem heiligen Petrus geweiht. Durch ein Papstdekret von 966, das durch den Einfluss von Kaiser Otto I. zustande kam, wurde die Abtei unmittelbar dem päpstlichen Stuhl unterstellt. Dies bedeutete das Ende des Mainzer Einflusses in Hersfeld. 1058 trat der Mönch Lambert, später als Lampert von Hersfeld bekannt (ein bedeutender Geschichtsschreiber des Mittelalters), in das Kloster ein und leitete die Klosterschule. Man vermutet, dass er die Vita Lulli (Lebensbeschreibung von Lullus) zwischen 1063 und 1073 schrieb.
Hochmittelalter mini|Einer der Nordschulteiche (Reste des ehemaligen Stadtgrabens), dahinter die Reste der Stadtmauer mit einem Perfort (ein viereckiger Turmstumpf, auf den später ein Fachwerkaufbau gesetzt wurde)
Um 1070 wurde Asbach in der Vita Lulli das erste Mal urkundlich erwähnt. Zwischen 1073 und 1074 sammelte Kaiser Heinrich IV. sein Heer bei Hersfeld, um dem Aufstand der Sachsen und Thüringer zu begegnen. Im Jahre 1074 wurde sein Sohn Konrad in Hersfeld geboren. Um 1100 baute man auf dem Frauenberg eine größere Frauenkirche, die später zu einer Klause der Beginen wurde.
Durch die Lage der Stadt an der am Kreuzungspunkt einiger Altstraßen, wie zum Beispiel der Via Regia oder Geleit- und Heerstraße durch die kurzen Hessen, die hier die Fulda und Haune auf Brücken überquerte, wurde Hersfeld 1142 erstmals als Marktort erwähnt. Dies begünstigte auch die weitere Entwicklung der Siedlung. So wird Hersfeld 1170 erstmals als Stadt (civitas, d. h. Stadt mit Mauer, Graben und Marktrecht) erwähnt. Am 4. April 1182 setzte Abt Siegfried den ersten Schultheißen („scultetus“) namens Beringerus ein.
Von 1249 bis 1252 wurde die Stadt vom Gegenkönig Wilhelm von Holland als Reichsstadt anerkannt. In dieser Zeit wanderten hier auch Flamen ein. Der Straßenname Vlämenweg erinnert noch heute daran. Flamen brachten die Technik der Wolltuchbereitung und der Tuchfärberei mit. Schon im folgenden Jahrhundert waren die Wollweber einer der führenden Zünfte in der Stadt. Dies schuf die Grundlage für das blühende Textilgewerbe im 18. und 19. Jahrhundert.
Spätmittelalter mini|links|Rathaus von Bad Hersfeld Ab etwa 1230 begann man die Stadt zu erweitern und die Stadtmauern zu verlegen. Die Arbeiten an der neuen Stadtmauer, dem Stadtgraben und der davorliegenden Zwingermauer dauerten etwa einhundert Jahre an. Sowohl in der Straßenführung als auch im Stadtbild lässt sich heute noch der Verlauf der Befestigungsanlagen erkennen. Die Stadt hatte nun vier Tore, die nach den nächstliegenden Kirchengebäuden benannt wurden. Sie hießen im Einzelnen Peterstor (Südosten), Johannistor (Südwesten), Frauentor (Norden) und Klaustor (Nordosten). Vom Peterstor aus kam man über die alte Fulda- und Haunebrücke zur Propstei Petersberg. Über die Brücken führte auch die Altstraße „durch die kurzen Hessen“ über die Vorstadt auf das Peterstor und auf die „Breite Straße“ in der Stadt zu. Vom Johannistor aus kam man zur Propstei Johannesberg, vom Frauentor aus kam man zur ersten Pfarrkirche der Stadt auf dem Frauenberg und vom Klaustor aus kam man zur Klauskirche (eine Kirche auf freiem Feld am Ufer der Fulda).
Im Jahre 1255 schloss sich die Stadt dem Rheinischen Städtebund an. Es erfolgten in kurzen Abständen die ersten urkundlichen Erwähnungen der Orte Heenes („villa Heynes“) im Jahre 1322, Allmershausen im Jahre 1331, Beiershausen („Beigershusen“) im Jahre 1332 und Kathus („Katens“) im Jahre 1340. Die ersten Unabhängigkeitsbestrebungen der Stadt von der Abtei zeigten sich 1323 durch die Einweihung des gotischen Chors der Stadtkirche und 1344 durch den Kauf des Hospitals am Johannestor mit der Hospitalkirche von der Abtei. Im Jahre 1356 kam es zur ersten großen Pestepidemie, bei der 3000 Einwohner der Stadt umkamen. Weitere Epidemien gab es 1410, 1470 und 1486. 1362 wurde Kohlhausen („Collhusen“) das erste Mal urkundlich erwähnt und von 1371 gibt es erste Urkunden über das gotische Rathaus der Stadt. Es wurde im 16. Jahrhundert erweitert und im 17. Jahrhundert im Stil der Weserrenaissance umgestaltet. Ein Bündnis zwischen der Stadt und dem hessischen Landgrafen wurde am 28. Januar 1373 geschlossen, 1414 und 1430 erneuert. Darin verpflichtete sich der Landgraf die Stadt bei Fehden zu unterstützen. mini|Vitaliskreuz in Bad Hersfeld Am 28. April 1378 wollten die Hersfelder einen neuen Schultheiß wählen. Dadurch verlor der Abt die direkte Kontrolle über die Stadt. Um dies zu verhindern, überfiel der amtierende Abt Berthold II. von Völkershausen in der Vitalisnacht mit Hilfe verbündeter Ritter die Stadt. Der Ritter Simon von Haune warnte jedoch zuvor die Stadt und der Angriff konnte zurückgeschlagen werden. Beim Ersteigen der Stadtmauer wurde der Ritter Eberhard von Engern, ein Anführer des Sternerbundes, durch einen Armbrustschuss tödlich getroffen. Seine durchlöcherte Sturmhaube hing lange Zeit am Rathaus; heute ist sie im Stadtmuseum Bad Hersfeld ausgestellt. An dem Ort, wo die Sterner die Stadtmauern übersteigen wollten, stellten die Hersfelder das Vitaliskreuz auf. Neben der Jahreszahl steht auf der Basis des Kreuzes: „ISTIC HERSFELDIS FRUT TRADITA POST VITALIS“ (Hier wurde Hersfeld in der Vitalsnacht verraten). Die Bürger gelobten außerdem zum Dank für den vereitelten Überfall jedes Jahr eine Prozession zu Ehren des Heiligen Vitalis durchzuführen. Dies belastete das Verhältnis zwischen Stadt und Abtei jedes Jahr von neuem.
In den folgenden Jahren gab es weitere Streitigkeiten zwischen der Stadt bzw. dem verbündeten hessischen Landgrafen und dem Abt. Diese Streitigkeiten gingen meistens zum Nachteil für den Abt und das Kloster aus, und die Abtei verlor damit an Einfluss und Besitz. 1432 schloss Abt Albrecht von Buchenau mit Landgraf Hermann einen Erbschutzvertrag, der 1458 und 1490 erneuert wurde. Das Fürstentum Hersfeld galt seitdem als ein zu Hessen gehörendes Land.
Reformation 1518 wurde das erste Mal ein Heilbrunnen in Hersfeld erwähnt. Mit dem Pfarrer Heinrich Fuchs begann 1520 in Hersfeld die Reformation. Fuchs und ab 1523 sein Kaplan Melchior Rinck predigten in der Stadtkirche, dass kein Mensch sich durch eigenen Werke den Himmel verdienen könne. Auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms predigte Martin Luther 1521Wann predigte Luther tatsächlich in Hersfeld?. Website hersfelder-zeitung.de. Abgerufen am 7. November 2015. auf Einladung des Hersfelder Abtes Crato I. in der Stiftskirche. Der Pfarrer Fuchs heiratete unter dem Eindruck der persönlichen Begegnung. Abt Crato verwies daraufhin Pfarrer Fuchs und seinen Kaplan aus der Stadt. Am 17. Dezember 1523 wurden wegen der Ausweisung und nach Predigten von Fuchs und Ringk das Haus des Stiftskanzlers und einige Häuser im Stiftsbezirk von Hersfeldern geplündert. Fuchs und Ringk wurden auf Befehl des Landgrafen gefangen genommen. Sie wurden jedoch von Hersfeldern befreit und über die hessische Grenze gebracht. Die Flucht der beiden wurde nicht weiter untersucht. 1524 wurde Magister Adam Krafft, der in Fulda im lutherischen Sinn predigte, aus Fulda vertrieben und in Hersfeld aufgenommen. Er wurde der eigentliche Reformator Hersfelds. Neben Martin Bucer gilt Krafft als der Reformator der Landgrafschaft Hessen.