Wolgograd ( ), bis 1925 Zarizyn (russisch ), von 1925 bis 1961 Stalingrad (russisch ), ist eine russische Millionenstadt an der Wolga mit 1,01 Millionen Einwohner (Stand: 2025). Sie ist die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast und das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der unteren Wolgaregion. Die für ihre langgestreckte Form bekannte Stadt entlang der letzten großen Flussbiegung der Wolga vor ihrer Mündung ins Kaspische Meer erstreckt sich über eine Fläche von 859,4 Quadratkilometern. Wolgograd ist die 16.-größte Stadt Russlands, die drittgrößte Stadt im Südlichen Föderationskreis und die viertgrößte Stadt an der Wolga.
Wolgograd wurde 1589 als Festung von Zarizyn gegründet. Bis zum 19. Jahrhundert hatte sich Zarizyn zu einem wichtigen Flusshafen und Handelszentrum entwickelt, was zu einem raschen Bevölkerungswachstum führte. Im November 1917, zu Beginn des russischen Bürgerkriegs, geriet Zarizyn unter bolschewistische Kontrolle. Mitte 1919 fiel die Stadt kurzzeitig an die Weiße Armee, kehrte aber im Januar 1920 wieder unter bolschewistische Kontrolle zurück. Im Jahr 1925 wurde die Stadt zu Ehren von Josef Stalin, der an der Verteidigung der Stadt gegen die Weiße Armee beteiligt war und anschließend das Land regierte, in Stalingrad umbenannt. Während des Zweiten Weltkriegs griffen die Streitkräfte der Achsenmächte die Stadt an, was zur Schlacht von Stalingrad führte, eine der größten und blutigsten Schlachten in der Geschichte der Kriegsführung, aufgrund derer die Stadt den Titel Heldenstadt erhielt. Im Jahr 1961 benannte die Regierung von Nikita Chruschtschow die Stadt im Rahmen der Entstalinisierung in Wolgograd (= Wolgastadt) um. Der sowjetische Sieg bei Stalingrad wird weithin als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs angesehen, der zur Vernichtung der deutschen Armee im Osten führte.
In Wolgograd steht heute die 85 Meter hohe Mutter-Heimat-Statue, die den Helden der Schlacht von Stalingrad gewidmet ist und die höchste Statue in Europa sowie die zweithöchste Frauenstatue der Welt ist. Die Stadt verfügt darüber hinaus über zahlreiche weitere touristische Attraktionen wie Museen, ein Planetarium, weite Sandstrände und auf der Wolga schwimmende Kirchenschiffe. Wolgograd war außerdem einer der Austragungsorte der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2018.
Geographie Wolgograd liegt knapp 1000 Kilometer südöstlich von Moskau am westlichen, rechten Ufer der Wolga, rund 400 Kilometer nördlich der Mündung des Flusses ins Kaspische Meer. Die Stadt erstreckt sich in einer Breite von bis zu 10 Kilometern über 60 Kilometer am Ufer der Wolga entlang. Jene weite Flussbiegung ist außerdem die Stelle der Wolga, welche die kürzeste Entfernung zum weiter westlich gelegenen Fluss Don hat, weshalb der Wolga-Don Kanal im Süden Wolgograds erbaut wurde und seitdem eine Verbindung zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer darstellt.
Zum Stadtkreis Wolgograd gehörten neben der Stadt Wolgograd bis 2009 auch die Siedlungen städtischen Typs Gorkowski (16.436 Einwohner), Gumrak (6053), Wodstroi (4483) und Juschny (1914) sowie 18 Dörfer mit zusammen 6286 Einwohnern (Berechnung per 1. Januar 2009). Diese Ortschaften wurden im März 2009 eingemeindet,Anordnung Nr. 20/652 der Oblastduma Wolgograd vom 11. März 2009 (russisch) sodass die Stadt Wolgograd nun die einzige Ortschaft des Stadtkreises ist und ihre Bevölkerungszahl wie schon in den 1990er-Jahren trotz eines fortgesetzten Rückgangstrends wieder leicht die Millionenmarke übersteigt.
Geschichte Zarizyn Die Gegend um Wolgograd war aufgrund ihrer geographischen Lage an der Landenge zwischen Wolga und Don schon im Altertum eine wichtige Handelsroute. Hier siedelten im 5. Jahrhundert v. Chr. Skythen. Im 8. und 9. Jahrhundert gehörte das Gebiet zum Reich der Chasaren, im 11. und 12. Jahrhundert hielten sich hier verschiedene Stämme und Horden auf, unter anderen die Polowzer oder die Goldene Horde, die etwa 50 km östlich von Wolgograd, am Fluss Achtuba, mit der Stadt Snamensk eines ihrer Zentren errichtete und Wolgograd seit dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert beherrschte. Die Anfänge des russischen Wolgograds sind nicht näher beleuchtet. Als offizielles Gründungsdatum gilt aber der 2. Juli 1589, als die Stadt vom Fürsten Grigori Sassekin als Festung gegründet wurde, die Russland vor den Nomaden aus dem Süden schützen sollte. Der erste Name der Stadt war Zarizyn, abgeleitet von dem nahegelegenen Nebenfluss der Wolga.
Die aus Holz gebaute Anlage befand sich zunächst auf einer heute nicht mehr existierenden Wolgainsel gegenüber der Mündung des Flusses Zariza (von tatarisch sari su „gelbes Wasser“). Nach einem Brand wurde sie auf das rechte Wolgaufer verlegt. Das erste steinerne Gebäude entstand 1664. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die wenige hundert Einwohner zählende Stadt mehrfach von aufständischen Kosaken belagert und eingenommen: 1670 unter Stenka Rasin und 1774 unter Jemeljan Pugatschow. Nach der Eroberung der Krim und des Kuban-Gebietes 1783 verlor Zarizyn seine militärstrategische Bedeutung und entwickelte sich allmählich zu einem Handels- und Wirtschaftszentrum. Vor allem der Bau der Eisenbahnlinie nach Kalatsch am Don 1862 und nach Grjasi 1872 führte zu einem wirtschaftlichen Aufschwung und machten Zarizyn zu einem Knotenpunkt der Ölversorgung und der Verkehrsverbindungen vom Kaspischen Meer zum Schwarzen Meer und vom Kaukasus nach Zentralrussland. In der Folge siedelte sich hier auch Großindustrie an, darunter metall- und holzverarbeitende Betriebe, Erdölraffinerien für das Rohöl aus Baku, mehrere Mühlen und Gerbereien.
Umbenennung zu Ehren Stalins Im Russischen Bürgerkrieg von 1917 bis 1920 gab es hier im Rahmen der Schlacht um Zarizyn schwere Kämpfe, denn die Stadt befand sich an der Kreuzung der Transportwege für Lebensmittel vom Süden des Landes nach Moskau und Petrograd. Am 10. April 1925 wurde sie zu Ehren Josef Stalins, der hier im Bürgerkrieg als Armeekommissar tätig gewesen war, in Stalingrad („Stalinstadt“) umbenannt. Im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion wurde im Jahre 1926 14 km von der Stadtmitte entfernt das Wolgogradski Traktorny Sawod errichtet.
Zweiter Weltkrieg
Während des Deutsch-Sowjetischen Krieges war Stalingrad eines der Ziele der Offensive „Fall Blau“ und wurde in der Schlacht von Stalingrad von über 230.000 Soldaten der deutschen 6. Armee im Spätsommer 1942 an drei Seiten eingekesselt. Die Kämpfe begannen am 23. August 1942 mit einer tagelangen flächendeckenden Bombardierung unter Führung von Generaloberst Richthofen. Dabei kamen schätzungsweise 40.000 Menschen um, eine bis dahin unerhörte Zahl ziviler Opfer.Der Spiegel: Hitlers Bomben auf Europa, abgerufen am 3. November 2023 Im September erreichten die Kämpfe die Innenstadt, wobei mehrere zentrale Punkte (darunter der Hauptbahnhof und der Mamajew-Hügel) mehrmals den Besitz wechselten. Die verteidigenden Truppen der Roten Armee konnten nur durch Schiffe ihren Nachschub vom unbesetzten Ostufer der Wolga erhalten. Taktisches Ziel der Wehrmacht war es, durch die Einnahme der Stadt den Schiffsverkehr auf der Wolga, über die u. a. Hilfslieferungen der Alliierten vom Persischen Korridor und Kaspischen Meer nach Nord- und Zentralrussland transportiert wurden, zu unterbinden.
mini|Ruine einer Werkhalle des Stahlwerks „Roter Oktober“, Januar 1943
Anfang November hatte die Wehrmacht 90 Prozent des Stadtgebiets erobert. Doch gelang die vollständige Eroberung der Stadt aufgrund des fortgesetzten Widerstands der Roten Armee nicht, obgleich Hitler in seiner Rede am 8. November 1942 die Schlacht als weitgehend gewonnen darstellte. Stattdessen wurden die deutschen Truppen und ihre Verbündeten (vor allem Rumänen und Kroaten) am 19. November 1942 durch die sowjetische Gegenoffensive „Operation Uranus“ eingekesselt. Ein deutscher Entsatzversuch mit dem „Unternehmen Wintergewitter“ scheiterte. Am 31. Januar 1943 (Südkessel unter Gen. Paulus), bzw. 2. Februar 1943 (Nordkessel unter General Karl Strecker) stellten die Reste der Sechsten Armee unter Generalfeldmarschall Friedrich Paulus die Kampfhandlungen ein. Um die 108.000 deutsche und verbündete Soldaten gingen in Gefangenschaft. Während der Kämpfe wurde die Stadt nahezu vollständig zerstört. Mit dem Wiederaufbau wurde unmittelbar nach der Befreiung im Februar 1943 begonnen. Im selben Jahr wurde auch die Städtepartnerschaft mit dem englischen Coventry geschlossen. 1945 wurde der Stadt der offizielle Titel Heldenstadt durch die Führung der Sowjetunion verliehen.
In der Stadt befanden sich die drei sowjetischen Kriegsgefangenenlager 108, 361 und 362 für Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, dazu das Kriegsgefangenenhospital 5771.Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977. Das Lager 362 bestand bis 1954.
Im August 2023 wurden die Handlungen der Deutschen in den Jahren von 1942 bis 1943 auf dem Gebiet des Stalingrader Oblast vom Wolgograder Landgericht zum Völkermord erklärt.Ирина Волкова: Геноцид. ГТРК Волгоград-ТРВ, 2024. Die Dokumentation (dt.: Genozid) wurde am 27. Februar 2024, 10:00-10:40 (UTC+3) in russischer Sprache auf dem staatlichen TV-Kanal Волгоград24 ausgestrahlt.
Umbenennung in Wolgograd Im Rahmen der Entstalinisierung wurde am 7. November 1961 der Name der Stadt in Wolgograd geändert. Seitdem kam immer wieder der Vorschlag auf, die Stadt wieder in Stalingrad umzubenennen oder diesen Namen zumindest zeitweilig oder alternativ zu verwenden. So beschloss die Stadtduma im Jahr 2013, die Bezeichnung „Heldenstadt Stalingrad“ anlässlich der Feiern zum 70. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Truppen und an weiteren Gedenktagen zu verwenden. Im Jahr 2015 forderte eine von 50.000 Personen unterschriebene Petition von Präsident Putin die Wiedereinführung des alten Namens, was dieser nicht ausschloss und wozu er eine Abstimmung empfahl.Russia’s resurgent love for Josef Stalin. Al Jazeera, 3. Juni 2015. Für Gedenkveranstaltungen trug die Stadt seit zirka 2017 wieder temporär den Namen Stalingrad.Die Jahrhundertschlacht an der Wolga, NZZ, 1. Februar 2018, Seite 7. Die Errichtung einer Stalinstatue wurde in Wolgograd abgelehnt und erfolgte 2023 stattdessen in Welikije Luki. Ein neuer russischer Eisbrecher erhält den Namen Stalingrad.
Anschläge 2013
Gegen Ende des Jahres 2013 kam es in Wolgograd zu einer Reihe von Anschlägen, die von nordkaukasischen Terroristen verübt wurden, die ihre Heimatregion von Russland loslösen und dort ein muslimisches Emirat errichten wollen. Im Oktober sprengte eine Selbstmordattentäterin einen Bus und tötete dabei sechs Passagiere. Am 29. Dezember zündete ein Attentäter im Hauptbahnhof einen Sprengstoffgürtel und riss 17 Menschen in den Tod.„Terroranschlag im Bahnhof: Putin schickt Spezialflugzeug nach Wolgograd“, RIA Novosti vom 29. Dezember 2013 (aktualisiert am 5. Oktober 2015). Am Tag darauf tötete ein weiterer Selbstmordattentäter in einem Bus mindestens 16 Menschen.
Klima
Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1897 55.186 1926 147.900 1939 445.312 1959 593.844 1970 817.647 1979 928.692 1989 998.894 2002 1.011.417 2010 1.021.215 Anmerkung: Volkszählungsdaten (1926 gerundet)
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Monumentalstatue Mutter Heimat ruft in Wolgograd
Die Stadt ist von der typischen Architektur des Spätstalinismus der 1950er und 1960er Jahre der Sowjetunion geprägt. Zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt zählt die Gedenkstätte der Schlacht von Stalingrad auf dem Mamajew-Hügel. Dort steht auch die Mutter-Heimat-Statue, die ein 33 Meter langes Schwert trägt und 7900 Tonnen wiegt (inkl. Fundament). Das Schwert der Statue wiegt allein 14 Tonnen. Sie ist mit 85 Metern (gemessen von der Fußsohle bis zur Schwertspitze) eine der höchsten Statuen der Welt.