Co-Abhängigkeit ist ein Sammelbegriff für verschiedene Verhaltensweisen gegenüber einem Suchtkranken (beispielsweise als Co-Alkoholiker), die in Teilen der Suchtliteratur als suchtaufrechterhaltend verstanden werden. Das Verhalten kann seinerseits suchtähnliche Aspekte enthalten.Jörg Fengler (Hrsg.): Handbuch der Suchtbehandlung. Hüthig Jehle Rehm, 2002, ISBN 978-3-609-51980-7, S. 100–105. (Google-Buchvorschau)
Es ist umstritten, ob Co-Abhängigkeit als abhängige oder gemischte Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60) eingestuft werden kann. Nicht jedes co-abhängige Verhalten ist pathologisch.
Verhaltensformen in Bezug auf Süchtige Beispiele für Co-Abhängigkeit sind Familienangehörige bzw. Lebenspartner, die den Suchtmittelkonsum finanzieren oder den Süchtigen beim Arbeitgeber krankmelden, sowie Freunde, die den Konsum beispielsweise bei gemeinsamen Feiern legitimieren. Co-abhängiges Verhalten reduziert den Leidensdruck des Suchtkranken und verlängert so seine Krankheits- und Leidensdauer.
Eine Co-Abhängigkeit kann nach einem in der Fachliteratur beschriebenen Phasenmodell in drei Phasen verlaufen:
In der Beschützerphase erfährt der Suchtkranke besondere Zuwendung und Mitgefühl. In der Kontrollphase übernehmen die Bezugspersonen die Aufgaben und Probleme des Süchtigen, wodurch sie die Sucht gegenüber dritten Personen verdecken. Die Anklagephase ist durch zunehmende Aggression und Verachtung dem Kranken gegenüber geprägt. Am Ende kann eine vollständige Hilflosigkeit der Co-Abhängigen entstehen.Holger Thiel, Markus Jensen, Siegfried Traxler: Psychiatrie für Pflegeberufe. Elsevier, Urban&Fischer, 2006, ISBN 978-3-437-26551-8, S. 160. (Google-Buchvorschau)
Sucht- und Helferrolle
In traditionellen Beschreibungen von Co-Abhängigkeit wird angenommen, dass der Süchtige alles tut, um seine Sucht weiter ausleben zu können. Gelingt dies nicht ohne Hilfe Dritter, z. B. weil die finanziellen Mittel nicht genügen, wird der Süchtige teils bewusst, teils unbewusst Hilfe Dritter in Anspruch nehmen und verstrickt dabei andere in co-abhängiges Verhalten. Er verhält sich dabei typischerweise manipulativ.
Der Co-Abhängige hat dabei eigene Motive. Co-abhängiges Verhalten ist aus Sicht der Psychoanalyse eine Form der Abwehr eigener ängstigender Bedürfnisse und Gefühle, kann aber auch Hinweis auf eine andere, eigene Sucht sein. Eine andere Erklärung für Co-abhängiges Verhalten ist, dass diese Menschen die erkrankte Person in einer bestimmten Weise brauchen oder nicht verlieren wollen. Das Helfersyndrom zeigt nach dieser Auffassung eine besonders ausgeprägte Form dieser Abwehr. Co-Abhängige machen den Abhängigen manchmal zum Mittelpunkt ihres Lebens. Sie erfahren dafür teilweise zunächst die Anerkennung des Süchtigen und der sozialen Umgebung. So kann es z. B. zur finanziellen Überschuldung bei dem Versuch kommen, einem Heroinsüchtigen zu helfen. Als Folge solcher Co-Abhängigkeit können die Kinder leiden, beispielsweise durch mangelnde Zuwendung, oder die eigene Arbeitsfähigkeit im Beruf. Nach einer Trennung sucht sich der Co-Abhängige nach dieser Auffassung oft wiederum einen Süchtigen als neuen Partner, bei dem er seine eigene Co-Abhängigkeit wieder durch Verhaltensmuster ausleben kann.
Andere fachliche Einordnungen und Kritik Das Konzept der Co-Abhängigkeit ist in der Suchtforschung umstritten. Es gibt keine einheitliche Begriffsdefinition und keine formalen diagnostischen Kriterien. Angehörige können durch die Suchterkrankung erheblich belastet sein, ohne deshalb selbst als „mitabhängig“ oder mitverantwortlich für deren Entstehung und Fortdauer eingeordnet zu werden.
Systemische und relationale Ansätze betrachten das Verhalten von Angehörigen vor allem im Zusammenhang mit Belastungen innerhalb der Beziehung und Familie. Dabei stehen etwa Schutzversuche, Konfliktvermeidung, finanzielle oder emotionale Überforderung sowie Schwierigkeiten beim Setzen von Grenzen im Vordergrund. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen empfiehlt deshalb, Angehörige und andere nahestehende Personen als eigenständig Unterstützungsbedürftige anzusprechen und das Konzept der Co-Abhängigkeit kritisch zu hinterfragen.
Eine neuere Übersichtsarbeit unterscheidet unter anderem sozio-kulturelle, relationale, entwicklungspsychologische, psychoanalytische und kognitiv-persönlichkeitsbezogene Konzeptualisierungen. Sie schlägt vor, Co-Abhängigkeit nicht als eigenständige Diagnose, sondern allenfalls als belastendes Beziehungsmuster zu verstehen.
Die teils uneinheitlichen und teilweise widersprüchlichen Definitionen werden kritisiert. Insofern wird vorgeschlagen, in begründeten Fällen eher von suchtförderndem Verhalten zu sprechen als den ungenauen und potenziell stigmatisierenden Begriff Co-Abhängigkeit zu verwenden.Alfred Uhl, Alexandra Puhm: Co-Abhängigkeit – ein hilfreiches Konzept? In: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, Band 30, 2007, S. 13–20. () Es gibt kaum Forschung dazu, wie viele Menschen indirekt von Sucht betroffen sind. Dafür müsste man das Konzept der Co-Abhängigkeit erst einmal exakter umschreiben und messbar machen.
Bekannt ist, dass von den derzeit rund drei Millionen Kindern aus Suchtfamilien ein Drittel, vor allem die Söhne, selbst suchtkrank wird. Bei einem weiteren Drittel, das sind eher die Töchter, entwickelt sich in Folge der Belastungen und Traumata eine psychische Erkrankung.
Ferner ist eine Neigung zu beobachten, sich im späteren Leben gezielt suchtkranke Partner zu suchen und sich in helfenden Beziehungen zu suchtkranken oder anders psychisch labilen Menschen zu verstricken. Es besteht ein deutlicher Gender Bias: Männer können sich besser abgrenzen. Frauen fühlen sich dafür zuständig, sich um andere zu kümmern. 90 % der Co-Abhängigen sind Frauen.
Co-Abhängige können gleichzeitig mit dem Wunsch, zu helfen, auch Wut oder andere als schwierig erlebte Gefühle in Bezug auf den Abhängigen empfinden und schwere Auseinandersetzungen mit ihm führen. Für Kinder in solchen Beziehungen ist es schwierig, soziale Kompetenzen zu erwerben – z. B. die Beurteilung, wann und wie auf einen Anlass adäquat zu reagieren ist. Diese soziale Unsicherheit wird als Negativfaktor für das Risiko später entstehender Suchterkrankungen bei den betroffenen Kindern im Erwachsenenalter gesehen.K. Raabe: Die Rolle des Partners in der Suchtberatung zwischen Co-Abhängigkeit und Unterstützung. GRIN Verlag, 2009, ISBN 3-640-28427-5. (Google Books)
Therapie Angehörige können in eine Suchtbehandlung einbezogen werden, um sie über die Erkrankung zu informieren, eigene Belastungen zu bearbeiten und einen hilfreichen Umgang mit Konflikten und Grenzen zu entwickeln. Ob und in welcher Form dies geschieht, richtet sich nach der jeweiligen Behandlungs- und Familiensituation. Zentral für Angehörige kann das Entwickeln der Bereitschaft sein, sich vom Suchtverhalten klar abzugrenzen. Ziel der Abgrenzung ist es, das eigene Leben nur in einem bewusst in Kauf genommenen und begrenzten Maß durch die Sucht beeinträchtigen zu lassen.
Der jeweilige Angehörige muss erkennen, welche Rolle er übernimmt und wodurch er die Abhängigkeit möglicherweise unterstützt, und vor allem welchen Schaden er sich durch dieses Verhalten selber zufügt. Oft ist das der erste Schritt für die eigene Entwicklung.
Kontaktsperren, Trennungen oder vergleichbare Schritte sind keine allgemeinen Therapiemaßnahmen. Sie können jedoch bei Gefährdung, Gewalt oder unzumutbarer Belastung persönliche Schutzentscheidungen sein.
Ein verhaltensorientierter Ansatz ist das Community Reinforcement and Family Training (CRAFT). Er richtet sich an Angehörige von Personen, die zunächst keine Behandlung in Anspruch nehmen wollen, und vermittelt unter anderem Kommunikations- und Abgrenzungsstrategien. Eine randomisierte Studie mit Angehörigen alkoholabhängiger Personen fand sowohl eine häufigere Behandlungsaufnahme der erkrankten Person als auch Verbesserungen der psychischen Gesundheit und des familiären Zusammenhalts bei den Angehörigen. Eine systematische Übersichtsarbeit bestätigte, dass die Ergebnisse je nach Ausgestaltung der Intervention unterschiedlich ausfallen.
Selbsthilfegruppen bieten Hilfen für Angehörige und Partner an. In Selbsthilfegruppen für anonyme Co-Abhängige (CoDA) tauschen Betroffene in regelmäßigen Treffen an verschiedenen Orten ihre Erfahrungen aus und lernen, sich verantwortlich um ihr eigenes Leben zu kümmern.
Für Erwachsene, bei denen Partner oder Freunde Alkoholiker sind oder waren, gibt es Al-Anon, die nach dem Zwölf-Schritte-Programm in etwa 450 Selbsthilfegruppen an verschiedenen Standorten in Deutschland arbeiten.
Speziell auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt gibt es Alateen, eine Untergruppe von Al-Anon.
Siehe auch Gegenabhängigkeit
Literatur Monika Rennert: Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, ISBN 978-3-7841-2089-8. Pia Mellody, Andrea Wells Miller, J. K. Miller: Verstrickt in die Probleme anderer. Über Entstehung und Auswirkung von Co-Abhängigkeit. Kösel, München 1991, ISBN 3-466-30309-5. Reinhold Aßfalg: Die heimliche Unterstützung der Sucht: Co-Abhängigkeit. Neuland, Geesthacht 2005, ISBN 3-87581-251-4. Melody Beattie: Mut zur Unabhängigkeit. Wege zur Selbstfindung und inneren Heilung. Das Zwölf-Schritte-Programm. Heyne, München 1992, ISBN 3-453-07863-2.
Weblinks Nicholas Jenner, 2013: When Co-dependency becomes Counter-dependency Homepage von Co-Dependents Anonymous in Deutschland
Einzelnachweise
Kategorie:Abhängigkeit (Medizin)