Der Begriff Gütekraft wurde von Martin Arnold geprägt und stellt einen Versuch dar, den Begriff der Satyagraha von Mahatma Gandhi ins Deutsche zu übertragen und den Begriff der Gewaltfreiheit zu vermeiden, der zu eng greift.
Gütekraft beinhaltet sowohl Entwicklung und Anwendung gewaltfreier Aktionen im politischen Raum als auch immer eine Entscheidung für einen Wert (Gerechtigkeit, Freiheit usw.) sowie die Verantwortung des Einzelnen, wertbegründete Entscheidungen zu treffen und die Folgen dieser Entscheidungen zu tragen. Das erfordert Mut, „soul force“, das Wirken einer Kraft.
Gütekraft wird durch eine Reihe von Eigenschaften charakterisiert, die Haltung, Lebensweise, Beziehungen, Aktionen, Handlungen und Kommunikation bestimmen: geduldig, konstruktiv, kreativ, aktiv und offensiv, verändernd, gerecht, vielfältig, wahrhaftig, nicht verletzend, prozesshaft, selbstbestimmt, freiwillig (Birgit Berg).
Die Gütekraft-Forschung, als eine Antwort auf die allgemein angemahnte Friedensursachenforschung, beschäftigt sich mit Fragestellungen, die eine systematische Bestimmung von Gewaltfreiheit bzw. Gütekraft ermöglichen. Ein Forschungsprogramm von Martin Arnold fragt nach individuellen Voraussetzungen, Einstellungen und Haltungen, Deutungsmustern und Handlungsstrategien, Auswirkungen, allgemeinen und situativen Faktoren, nach Veränderungsfaktoren und notwendigen Modifikationen der bekannten Konfliktlösungsmodelle.Ein Forschungsprojekt an der Universität Siegen zur Gütekraft von Martin Arnold
Entstehung des Begriffs Der Begriff Gütekraft ist entstanden, weil „Gewaltfreiheit“ das Konzept von Gandhi und anderen, die sich erfolgreich für mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit einsetzten, nur unzulänglich wiedergibt. Gandhi gebrauchte für seine Streitkunst im Indischen zwei Ausdrücke: Ahimsa und Satjāgrah (das zweite a wird lang gesprochen, engl. Schreibweise: satyagraha). Bisher haben er und andere aber nur Ahimsa = Nicht-Verletzen ins Englische übersetzt: non-violence. Dieser Ausdruck wurde in weitere Sprachen übertragen. Daneben schuf Gandhi 1908 das neue Sanskrit-Wort Satjāgrah. Er erklärte es als love-force, truth-force und soul-force und als Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird.Gandhi, Mahatma (1999): Electronic Book of The Collected Works of Mahatma Gandhi. Publications Division (Hg.). New Delhi: Icon Softec. Vol. 19, S. 206 und Vol. 34, S. 93. Britische Freunde von Gandhi gebrauchten auch den Begriff goodness-forceDiwakar, Ranganath Ramachandra (1948): Satyagraha. The Power of Truth. Hinsdale Ill.: H. Regnery Co., S. XXI. Gütekraft ist die Übertragung von Satjāgrah ins Deutsche.
Der Begriff wird in der Friedensforschung und der Friedensbewegung seit Mitte der 1990er Jahre benutzt. Er bezeichnet die Kraft, die bei gewaltfreiem Vorgehen zum Abbau sozialer Missstände zur Wirkung kommt und entscheidend für dessen Erfolg ist. Die Gütekraft-Forschung ist ein Teilbereich der Friedensforschung und untersucht Elemente, Bedingungsfaktoren, Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen dieser Kraft. Entscheidende Beiträge zum Verständnis der Gütekraft haben der Psychotherapeut Robert AntochAntoch: Gütekraft: Kraft der Liebe, 1999., der Psychologe Burkhard BläsiBläsi: Konflikttransformation durch Gütekraft. Interpersonale Veränderungsprozesse, 2001. und zuletzt der Essener Friedensforscher Martin Arnold geleistet.Arnold: Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt. 2011. Arnold verglich die Konzepte gewaltfreien Handelns von Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt und beschrieb die ihnen gemeinsame Vorstellung von der Wirkungsweise der Gütekraft. Mit einem idealtypischen Modell beantwortet er die Frage: Wodurch kommt gewaltfreies Vorgehen in gesellschaftlichen und politischen Konflikten zum Erfolg?
Non-violence, Gewaltlosigkeit, Gewaltfreiheit, kam im Westen vor allem als Appell oder Forderung „Keine Gewalt!“ an. Das lenkt vom Wesentlichen der Gandhi’schen Streitkunst ab: von der verändernden Kraft, wie die Quäker seit langem sagen. Von Gütekraft und gütekräftigem Vorgehen zu sprechen, bringt die Stärke von Gandhis Konzept besser ins Bewusstsein. Gandhi verstand sich nicht als Apostel der Gewaltlosigkeit, sondern als Experimentator mit einer Kraft, als Experimentator der Gütekraft.
Die Wirkungsweise der Gütekraft Grundannahmen Wer gütekräftig handelt, geht von der Annahme aus: Alle Menschen neigen zumindest unbewusst dazu, wohlwollend und gerecht zu handeln. Anders gesagt: Die Potenz zu gütekräftigem Handeln ist allen Menschen eigen. In Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen wird diese Kraft Vernunft, Gewissen und Geist der Geschwisterlichkeit genannt. Bereitschaft und Neigung zu Kooperation wurden in jüngeren Forschungen von der Biologie und GehirnforschungHüther, Gerald/Christa Spannbauer (Hrsg.) (2012): Connectedness – Warum wir ein neues Weltbild brauchen. Huber Verlag. über die VerhaltensforschungTomasello, Michael/Henriette Zeidler (2010): Warum wir kooperieren. Suhrkamp Verlag., die SozialpsychologieBierhoff, Hans-Werner (2009): Psychologie prosozialen Verhaltens: Warum wir anderen helfen. Kohlhammer Taschenbücher. und anderen bis zur Neurologie und PsychiatrieBauer, Joachim (2006): Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Heyne Verlag. als elementare Kategorie des Menschseins wiederentdeckt. Das Vertrauen auf die allgemein-menschliche Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit ist die Grundlage der Wirksamkeit gütekräftigen Vorgehens.
Gemeinwohl-Orientierung Das Gütekraft-Konzept gilt nicht nur für Konflikte, sondern darüber hinaus für gesellschaftliche und politische Missstände, das heißt für allgemein erkennbare Mängel an Freiheit, Gerechtigkeit oder Menschlichkeit. Das Modell ist am Gemeinwohl nach dem Maßstab der Fülle des Lebens für alle ausgerichtet. Für die Durchsetzung von Partikularinteressen und rein egoistische Ziele einschließlich politischem Hegemoniestreben ist es nicht geeignet.
Stufenmodell: Vom Wahrnehmen der Eigenverantwortung zum zivilen Ungehorsam Der Essener Friedensforscher Martin Arnold beschreibt die Wirkungsweise der Gütekraft auf sechs Stufen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad. In der Praxis lassen sich mehrere Stufen zugleich nehmen, für hohe Wirksamkeit darf aber keine Stufe übersprungen werden. Zum Konzept gehört auch die selbstkritische Auswertung aller Aktivitäten.
Erste Stufe: (Selbst erkennen und risikobereit handeln) Wer sich gütekräftig engagiert – einzeln oder als Gruppe –, fragt sich zunächst nach eigenen Anteilen am Missstand und ist bereit, Kosten oder auch Risiken auf sich zu nehmen, um zu dessen Behebung beizutragen.
Zweite Stufe: (Auswertung der ersten Aktivität und Verbesserung der eigenen Handlungsmöglichkeiten) Wenn der Missstand durch Aktivitäten der ersten Stufe nicht behoben werden konnte, folgen die Auswertung der Ereignisse und weitere Anstrengungen zum Abbau des Missstandes. Stärkung und Ausbildung der eigenen Fähigkeiten spielt dabei eine wichtige Rolle (Empowerment). Dazu kann auch Persönlichkeitsentwicklung gehören. Falls klar ist, dass für den Abbau des Missstandes außer den bisher engagierten weitere Personen nötig sind, kommt es zu Aktivitäten der dritten Stufe.
Dritte Stufe: (Mit anderen gemeinsam den Missstand abbauen) In dieser Stufe erfolgt der Schritt auf die Personen zu, welche zum Abbau des Missstands wesentlich beitragen können. Alle an einem Missstand Beteiligten werden von vornherein und durchgehend als potenziell Verbündete zum Abbau des Missstands angesehen und angesprochen, nicht als „Gegner“. (Kampfvokabular gegen Personen passt nicht zum gütekräftigen Vorgehen.) Allen, auch denen, die in der Sache Gegner sind, wird zugetraut und zugemutet, wahrhaftig, gerecht und verantwortungsbewusst handeln zu können. Diese Haltung schließt die absichtliche Schädigung dieser Personen aus, auch abwertende Äußerungen über sie privat und in der Öffentlichkeit. Wenn die Angesprochenen die Lage nicht als Missstand beurteilen, ist der Dialog über diese Frage die erste Aufgabe. Beim Dialog ist wichtig, zwischen den Personen und ihren Handlungen zu unterscheiden und die für den Missstand Verantwortlichen nicht negativ zu etikettieren. Für gütekräftig Handelnde sind dagegen positive Handlungen oder Eigenschaften der anderen Beteiligten wichtig, zum einen, um die Kontaktaufnahme mit ihnen zu erleichtern, zum andern, damit sie sich leichter innerlich ansprechen lassen. Mit Respekt vor den Personen wird die Kritik an ihren Handlungen bzw. deren Folgen im Dialog ganz deutlich gemacht. Bei größeren Konflikten geht die Auseinandersetzung auf der nächsten Stufe weiter.
Vierte Stufe: (Eskalation I) Einbeziehung der Öffentlichkeit und Intensivierung des Einsatzes. Die Gruppe der Unterstützenden wird verbreitert. Appelle oder auch dramatisierende Aktionen dienen dazu, allgemein anerkannte Personen und die Öffentlichkeit anzuregen, das Anliegen ebenfalls zu vertreten. Der Dialog mit den anderen Beteiligten wird so in der Öffentlichkeit fortgesetzt. Bei Aktionen vermeiden die Engagierten, andere Personen zu schädigen. Lässt sich das nicht vermeiden, so werden die Schäden nach Möglichkeit ausgeglichen (Beispiel: Gegner von genverändertem Saatgut entfernen die genmanipulierte Saat und säen anschließend natürliche Saat auf den Feldern aus). Derartiges wohlwollend-gerechtes Streiten regt andere Menschen und die Öffentlichkeit dazu an, ebenfalls tätig zu werden („Mitschwingen“). So kann bei den vorrangig Verantwortlichen innerer Druck entstehen, den Weg des Unrechts zu verlassen und bei der Behebung des Missstandes mitzuwirken. Das wird eher wahrscheinlich, wenn sie nicht in ihrer Person angegriffen werden und sich von den Betroffenen nicht persönlich bedroht fühlen (gewaltfreies Vorgehen). Falls die Unterstützer des Missstandes zu Gegenmaßnahmen greifen, ist die fünfte Schwierigkeitsstufe erreicht.
Fünfte Stufe: (Eskalation II) Ausdauer, Vorbereitung und Erhöhung des Einsatzes. Die Aktiven bereiten sich rechtzeitig darauf vor, mit Schmerzen und Schädigungen so umzugehen, dass die aktive Ablehnung des Unrechts nicht in Hass und Kampfbereitschaft gegen die Verursacher der Schädigung umschlägt. Workshops oder Seminare zur Persönlichkeitsbildung helfen dabei, Möglichkeiten zu finden und einzuüben, wie sich Wohlwollen und Dialogbereitschaft auch unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten lassen. Zur Vorbereitung gehört außerdem die Entwicklung methodischer Fähigkeiten bis hin zu konkreten Vorbereitungs- und Vorsorgemaßnahmen bei Gütekraft-Aktionen (herkömmlich gewaltfreie Aktionen genannt). Auch können Aktivitäten wichtig sein, die die eigene Seite an die gütekräftige Vorgehensweise erinnern. Als beispielsweise die jahrelangen, zu weltweiter Solidarität führenden Bemühungen für die Rechte der mexikanischen Landarbeiter in Kalifornien 1968 durch brutale Gegenmaßnahmen der Unternehmer an einen kritischen Punkt kamen und in Gewalt umzuschlagen drohten, fastete der Gewerkschaftsführer Cesar Chavez 25 Tage. Das führte in der Bewegung zu einem neuen Aufbruch und zu wachsender Unterstützung immer breiterer Kreise aus allen Teilen der USA. Wenn die vorrangig Verantwortlichen zu extremen gewaltsamen Gegenmaßnahmen bereit sind, können freiwillige wohlwollend-gerecht-streitbare Aktionen zeigen, dass die Engagierten auch zu hohem Einsatz bereit sind und sich nicht einschüchtern lassen.