mini|hochkant=1.5|Der Schweriner Markt, Blick vom Dom mini|hochkant=1.5|Übersichtskarte mini|hochkant=1.5|Panoramablick nach Nordost
Der Markt in Schwerin ist ein rechteckiger historischer Marktplatz in der Schweriner Altstadt, dessen Geschichte bis auf die Stadtgründung im Jahr 1160 zurückgeht. Zur Abgrenzung gegenüber dem Schelfmarkt der bis 1832 eigenständigen Neustadt (Schelfe) wird er auch als Altstädtischer Markt bezeichnet. Er befindet sich südlich des Doms. Vier der den Platz umrahmenden Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Beschreibung
mini|links|Altstädtisches Rathaus
Der Altstädtische Markt erhielt seine Grundfläche nach dem großen Stadtbrand des Jahres 1651.Hahn/Polenz/Lösler/Schaeffer/Menzel: Architekturführer DDR. Bezirk Schwerin. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1984, S. 22 Diese Fläche wurde 1783–1785 noch einige Meter nach Norden ausgedehntNils Rühberg: Markt und Rathaus. Zur Geschichte der Schweriner Marktbebauung. Schwerin-Information, Schwerin 1988, 24 S. und misst heute 60 × 52 Meter. Der Markt wird im Norden vom Neuen Gebäude (Säulengebäude) begrenzt, im Osten vom Rathaus, vom Bürgerhaus mit 1975 nach historischem Vorbild rekonstruierter Fassade, drei 1975 neu errichteten Giebelhäusern, im Süden von Wohnhäusern mit spätklassizistischer Fassade aus den Jahren nach 1840 und im Westen von weiteren Bürgerhäusern, von denen ein Fachwerkhaus teilweise erhalten blieb.Landeshauptstadt Schwerin (Hrsg.): Stadtführer. Daten, Fakten, Zahlen und Straßenverzeichnis. 4. Auflage, 2006, S. 11 Vor dem Neuen Gebäude steht das Löwendenkmal.
Zum Markt führen zumeist als Fußgängerzone die Schmiedestraße, die Schuster- und die Puschkinstraße sowie zwei Durchgänge vom Schlachtermarkt. Nördlich des Marktplatzes befindet sich der Schweriner Dom.
Unter Denkmalschutz stehen das Neue Gebäude (Am Markt 1), zwei Wohn- und Geschäftshäuser (Am Markt 3, Am Markt 7) und das Altstädtische Rathaus (Am Markt 14).
Geschichte des Marktes
mini|links|Das Rathaus vor 1651 Der Markt war bereits bei der Stadtgründung Schwerins als zentraler Platz vorhanden. Die Bedeutung der Stadt für den Handel machte die Einrichtung eines Marktplatzes notwendig, unter anderem als Standort für Jahrmärkte.http://www.hartmutstein.com/markt.html Stadtgründer Heinrich der Löwe förderte die Entwicklung des Fernhandels dadurch, dass Schweriner Kaufleute Zollfreiheit in ganz Sachsen genossen und sich zwei Koggen sowie beliebig viele kleinere Schiffe im Hafen von Wismar halten durften. Nur auf dem Marktplatz war es gestattet, mit Lebensmitteln und handwerklichen Erzeugnissen zu handeln. Kleinhandwerker besaßen Buden, in denen sie produzierten und verkauften. Schlachter, Bäcker und Fischer boten ihre Produkte von überdachten Verkaufsständen, Scharren oder Bänken in nach Berufsgruppen unterteilten Bereichen des Marktes an; so wurde beispielsweise im nordöstlichen Teil des Marktes mit Fisch gehandelt. Nur an besonderen Tagen, wie etwa seit 1171 dem 9. September eines Jahres, war auch auswärtigen Händlern der Vertrieb ihrer Produkte auf dem Schweriner Marktplatz gestattet. Der Markt war auch Versammlungsplatz. Bevor Zeitungen aufkamen, wurden hier ein- bis zweimal jährlich und bei besonderen Ereignissen neue Gesetze, Satzungen und Verordnungen vorgelesen oder es gab Bürgeraussprachen.Gerhard Steiniger: Die Altstadt in Schweriner Straßengeschichten, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 2000, S. 54–67 Wie der Markt damals bebaut war, ist nicht gesichert überliefert. Der Geologe und Denkmalpfleger Nils Rühberg geht von eingeschossigen Fachwerk-Lehmhäusern aus, deren Dächer mit Stroh gedeckt waren. Straßenbefestigungen gab es, wo nötig, wohl nur in Form von Holzbohlen. Das Rathaus wird einst frei auf dem Markt gestanden haben, wovon ein 1284 erwähnter Friedhof zeugt, dessen Gräber 1983/84 aufgedeckt wurden.
mini|Wiederaufbauplan Wedels nach dem Stadtbrand von 1651, die gestrichelten Linien zeigen die alten Straßenverläufemini|Detail des Plans nach Stadtbaudirektor Heinrich Hübbe, die gestrichelten Linien zeigen die neuen Straßenverläufe Nur ein Teil der ursprünglich etwa 75 × 75 Meter großen und heute größtenteils bebauten Marktfläche überschneidet sich im Südosten mit dem heutigen Grundriss. Dadurch, dass neu gegründete Städte wie Wismar und Parchim günstiger an schiffbaren Wasserwegen lagen, ging der Handel in Schwerin zurück, der Markt wurde nach und nach bis auf eine kleine Restfläche (60 × 20 m) bebaut.S. 10 Selbst Marktbuden wurden aufgrund des Bevölkerungszuwachses in Wohnhäuser umgestaltet. Es war eine enge Wohnbebauung mit hohen, schmalen Häusern ohne Hof und Garten. Erst nach dem verheerenden Stadtbrand 1651, der in einer Schmiede hinter dem Rathaus ausgebrochen war und mit 150 Häusern beinahe die gesamte Altstadt in Schutt und Asche gelegt hatte, erhielt der Markt nach den Plänen des Stadtbaumeisters Johann Wedel in etwa seine heutige Grundfläche, wobei sich der Mittelpunkt leicht nordwestlich verlagerte. Wedel erstellte 1651 einen Wiederaufbauplan, in dem neben dem neuen Grundriss auch die alten Straßenverläufe eingezeichnet waren. Stadtkommandant Oberst Görzen verlangte die Errichtung ansehnlicher barocker Giebelhäuser am Markt, dabei sollten Häuserreihen geradlinig verlaufen und zum Schutz vor Bränden keine Reet- oder Strohdächer erhalten. Da vielen Bürgern für den Wiederaufbau der Häuser das Geld fehlte, wurde im Reich um Spenden gebeten. Von den erzielten über 3000 Reichstalern wurden 1200 für den Wiederaufbau des Rathauses verwendet, der Rest wurde an die Bürger verteilt. Von ihnen erhielten die meisten etwa 10 bis 20 Reichstaler, was ohne Eigeninitiative nicht zum Aufbau einer neuen Existenz genügte.S. 28f. Das neue barocke Rathaus wurde 1654 vollendet, wobei nur wenige Bauteile aus der Renaissance Verwendung fanden. Auch die sonstige Wohnbebauung muss bis 1654 fast fertiggestellt worden sein, wobei größtenteils Fachwerkhäuser, deren Giebel in Richtung Markt zeigten, errichtet wurden. Mit dem Bau des Neuen Gebäudes von 1783–1785 an der Nordseite des Marktes war die Marktfläche um einige Meter erweitert, planiert und gepflastert worden.
mini|Einzug von Friedrich Franz I. auf dem Marktplatz im Jahr 1807Über Jahrhunderte bildete der Markt das politische, wirtschaftliche und religiöse Zentrum der Stadt, wenngleich aufgrund der ungünstigen Lage zu den Verkehrswegen der Fernhandel nicht florieren konnte.S. 106 1807 war der Marktplatz Schauplatz der pompösen Einzugszeremonie von Herzog Friedrich Franz I., als dieser nach dem Frieden von Tilsit wieder in seine Rechte als Landesherr eintrat.
mini|Der Marktplatz mit wartenden Kutschen auf einem Foto von 1856. Blickrichtung Am Markt 2 und Schmiedestraße. Ganz links eine der neuen Laternen. 1835 erhielt das Rathaus sein heutiges Aussehen im Tudorstil nach Plänen von Georg Adolf Demmler. Bei Umgestaltungsarbeiten des 19. Jahrhunderts entstanden die spätklassizistischen Fassaden der Südfront des Platzes.Horst Ende im Mecklenburgmagazin der Schweriner Volkszeitung, 15/1997 Um 1838 wurde die Marktfläche mit einem neuen Pflaster versehen, wobei die Erwähnung von Asphalt einen Fugenguss vermuten lässt. Ein fünfarmiger Kandelaber diente der abendlichen Beleuchtung. 1848 wurde auf dem Marktplatz die zentrale Droschkenstation eingerichtet. 1853 erhielten der Platz und die Altstadt eine Gasbeleuchtung. Damals wurden die Laternen bei Mondschein jedoch nicht entzündet. Die Bürgersteige wurden 1866 mit Granitsteinen belegt. In den 1890er Jahren machte ein Kanalisationsprojekt auch auf dem Markt umfangreiche Erdarbeiten erforderlich. In der Folge wurde der Markt neu gepflastert. Der sorgfältig ausgeführte Unterbau, die Packlager und die kubischen Pflastersteine wurden 1975 freigelegt. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein quirliges Handelsleben am Markt. In diese Zeit fällt auch der Kauf der an das Rathaus grenzenden Gebäude Am Markt 10–13, sowie von Bauten in der Dom- und Schlachterstraße zur Rathauserweiterung. Die Häuser am Markt wurden jedoch nicht verändert, da die Erweiterungsabsichten nicht umgesetzt wurden.
Das am 1. Juli 1894 eröffneteDie Enteignung der Kychenthals, Beitrag des NDR Nordmagazins am 1. Februar 2011 Kaufhaus Kychenthal, das sich in zwei aufeinanderfolgenden, in einer Häuserfront befindlichen, gründerzeitlichen Gebäuden am Markt 4/5 und in der Schusterstraße 1 befand, war bis zum Beginn der Zeit des Nationalsozialismus ein traditionsreiches Handelsunternehmen, vornehmlich für die „einfachen“ Schichten und für junge Leute. Als Warenhaus in jüdischem Besitz wurde es ab 1933 von den Nationalsozialisten mit Boykottmaßnahmen bekämpft. Unter anderem wurden Kunden, die in diesem und anderen jüdischen Geschäften einkauften, namentlich in der Rubrik Am Pranger im Niederdeutschen Beobachter abgedruckt. Das NSDAP-Blatt gab jedoch 1935 selbst ein teilweises Scheitern der Maßnahmen zu. Noch im Oktober 1938 wurde der Familie Kychenthal ein Vertrag vorgelegt, nach dem das Geschäft, dessen Weiterführung geplant war, für 140.000 Reichsmark verkauft werden sollte. Die Kychenthals unterschrieben das Papier nicht. In der Reichspogromnacht wurden das Kaufhaus und die darüber befindlichen Wohnräume der Familie Kychenthal verwüstet, Louis und seine beiden Söhne Ludwig und Willy tags darauf verhaftet und in das Zuchthaus Neustrelitz verbracht, aus dem sie nach kurzer Zeit wieder entlassen wurdenMatthias Baerens: Die „Arisierung“ des jüdischen Kaufhauses Kychenthal in Schwerin (PDF; 118 kB), nachdem sie einen noch niedrigeren als den zuvor festgesetzten Kaufpreis akzeptierten. Ludwig entging nur knapp einem Weitertransport ins KZ Sachsenhausen. Das Kaufhaus wurde unter Marktwert verkauft, außerdem wurden der Familie baupolizeiliche Maßnahmen auferlegt, nach denen sie selbst für die Beseitigung der durch die Verwüstung entstandenen Schäden und baulichen Veränderungen aufzukommen hatten. Die zur Geschäftsaufgabe gezwungenen Familienmitglieder flüchteten 1939 – mit Ausnahme des inzwischen 75-jährigen Louis Kychenthal – ins Ausland. Louis Kychenthal wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er 1943 starb. Das Kaufhaus wurde durch Bernhard Knop aus Neukloster erworben, der im Krieg fiel. Er stand jedoch bis in die DDR-Zeit, in der das Kaufhaus durch die Kommunale Wohnungsverwaltung bewirtschaftet wurde, im Grundbuch. Die Geschäftsräume wurden durch eine Uniformfabrik genutzt. Nachdem sowohl Hans Kychenthal, Enkel von Louis Kychenthal, sowie auch Nachfahren Knops Anträge auf Rückübertragung stellten, erhielten die Erben Kychenthals als Erstgeschädigte das Haus zurück, diese verkauften es an eine Schweriner Immobilienfirma. Vor dem Gebäude erinnern heute sogenannte Stolpersteine an das Schicksal der Kychenthals.
mini|Brunnen Rettung in Seenot von 1910 an seinem heutigen Standort vor dem Hauptbahnhof
An der südlichen Marktfront befand sich in dem viergeschossigen spätklassizistischen Gebäude Markt 7 das lebhafte Residenz-Café des Konditormeisters Erich Weist, das sich über zwei Etagen erstreckte. Das Resi war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Treffpunkt geradezu eine Institution.
Gegenüber dem Rathaus standen früher ein Marktbrunnen, der bis zur Einrichtung eines Wasserleitungssystems Ende des 19. Jahrhunderts zur Wasserversorgung der Bürger dienteS. 132 und ein Pranger.