Der Sprachwissenschaftler und Romanist Gerhard Rohlfs hat in den 1940er und 1950er Jahren einige Etymologien von italienischen Ortsnamen zusammengetragen, die im Folgenden wiedergegeben werden.Gerhard Rohlfs: Streifzüge durch die italienische Toponomastik. In: Reinhold Kontzi (Hrsg.): Substrate und Superstrate in den romanischen Sprachen. Darmstadt 1982, ISBN 3-534-06680-4, S. 451–481
Hinweis: Unterstreichung bedeutet in diesem Artikel, dass der unterstrichene Vokal betont ist. Italienische Ortsnamen ohne Unterstreichung werden auf der vorletzten Silbe betont.
Namensgebende Völker in Italien In den italienischen Ortsnamen haben verschiedene Völker ihre Spuren hinterlassen. Siehe auch: Geschichte Italiens, Römisches Reich und Sprachen im Römischen Reich.
Unbekannte Völker Manche Ortsnamen in Italien können keiner bekannten Sprache zugeordnet werden.
Zum Beispiel gibt es in den italienischen Alpen einige Namen von Bergen, die von einem rekonstruierten Wort *kripp oder *gripp (‚Felsspitze‘) abgeleitet sind. Es ist nicht bekannt, aus welcher Sprache diese Namen stammen. Man weiß nur, dass sie vorrömisch sind. Beispiele: Crep, Crepa, Creppo, Greppolungo, Greppon.
Weitere Gruppen von Ortsnamen, die keiner bekannten Sprache zugeordnet werden können, sind die Namen auf -ósine und -ésine sowie die Namen auf -ego und -ega (mit Betonung auf der drittletzten Silbe). Beispiele: Tremosine, Agnosine (Lombardei), Malcesine (Veneto), Bellesine (Friaul), Levego (Veneto), Marzenego (Veneto), Albignasego (Veneto), Nosarego (Ligurien), Resinego (Veneto), Sessarego (Ligurien), Tranego (Veneto), Vetrego (Veneto), Cornosega (Veneto), Germenega (Veneto).
Vorrömische Ortsnamen aus Sardinien sind: Ardara, Banari, Sassari, Birori, Bolotana, Bonarcado, Borore, Bunnari, Desulo, Isili, Mogoro, Usini, Ussana, Baunei, Lanusei, Orosei, Urzulei, Ollolai, Ulassai, Ussassai.
Phönizisch Bei manchen küstennahen Ortsnamen auf Sardinien, Sizilien und im Westen der Italischen Halbinsel ist von einem phönizischen Ursprung auszugehen. Zum Beispiel entspricht Magomadas (Name eines Dorfes auf Sardinien) dem Ortsnamen Macomades, der im antiken Nordafrika mehrfach vorkam. Im Hebräischen, einer anderen semitischen Sprache, bedeutet maqom hadaš ‚neuer Ort‘.
Ligurisch Ligurischen Ursprungs sind die Ortsnamen auf -asco (siehe unten, Abschnitt -asco). Ebenfalls ligurisch sind die Ortsnamen auf -anco und -anca, die im Piemont und Tessin häufig vorkommen. Beispiele: Altanca, Aranco, Noranco, Pizzanco, Ruminca, Schieranco.
Die Tauriner (lateinisch Taurini) waren ein ligurischer Stamm. Ihr Name lebt fort im Ortsnamen Torino (Turin). In römischer Zeit hieß die Stadt Augusta Taurinorum.
Bei den Ortsnamen Bergamo und Genova (Genua) nimmt man ebenfalls an, dass sie ursprünglich ligurisch sind.
Keltisch Einen keltischen Ursprung haben die Ortsnamen auf -ago, -one und -ate (siehe unten, Abschnitte -ako, -one und -ate).
Weitere Beispiele: Milano (Mailand), vom keltischen Wort mediolanum (‚Mittenfeld‘) Verduno (einmal in der Lombardei und einmal im Piemont, siehe Verduno), vom keltischen Wort virodunum (‚starke Burg‘) Duno (Provinz Como), vom keltischen Wort dunum (‚Burg‘) Brianza (Landschaft in der Provinz Como), von einem rekonstruierten keltischen Wort *Brigantia, in dem das keltische Wort briga (‚Berg‘) enthalten ist Monte Barro (bei Lecco), von einem keltischen Wort barros (‚Gipfel‘) Reno, der Name von zahlreichen Flüssen in Lombardei, Toskana und Veneto, von einem keltischen Wort renos (‚Fluss‘) Nant, Nant Borrant, Nant Bozona, der Name zahlreicher Bäche in den piemontesischen Westalpen, die Ortsnamen Nante (in Airolo, Tessin) und Nanto (bei Vicenza), von einem keltischen Wort nant (‚Tal‘, ‚Bach‘)
Etruskisch Etruskisch sind wahrscheinlich diejenigen Namen, die innerhalb des alten Etruriens häufiger vorkommen und außerhalb gar nicht.
Ein Beispiel ist der Name Monte Murlo (in den Provinzen Pisa, Siena, Arezzo und Perugia), Montemurlo (Provinz Prato) und Murlo (Provinz Siena).
Weitere Beispiele sind die Ortsnamen Pescia und Elsa.
Lateinisch Lateinischen Ursprungs sind die Ortsnamen auf -anus, -anicus und -aticus (siehe unten, Abschnitte -anum/ana, -anico und -aticus).
In den Ortsnamen mit lateinischem Ursprung sind auch Wörter erhalten, die im Italienischen nicht mehr vorkommen: lateinisch albus (‚weiß‘): Fiumalbo (bei Modena), Sassalbo (bei Lucca), Cornalba (bei Bergamo) lateinisch calcatorium (‚Kelter‘): Calcatoggio (Korsika) lateinisch domus (‚Haus‘), sardisch domu: Domodossola (Piemont), auf Sardinien Domu ’e s’Orcu, Domus de Maria, Domusnovas lateinisch forum (‚Marktplatz‘): Fornovo (bei Bergamo und bei Parma), Forlì (Romagna, von Forum Livii), Forlimpopoli (Romagna, von Forum Pompilii), Fordongianus (Sardinien, von Forum Trajani) lateinisch lucus (‚Hain‘): Luco (Abruzzen), Lugo (Ravenna und Vicenza, siehe Lugo (Emilia-Romagna))
Ortsnamen können auch dialektal geprägt sein. Zum Beispiel kommen in Lombardei und Piemont verschiedene Ortsnamen mit Co- vor, die das lombardische Wort co ‚Kopf‘ enthalten, vom lateinischen caput ‚Kopf‘. Beispiele (in Klammern toskanische Entsprechungen): Codelago (Capo di Lago), Codemonte (Capo di Monte), Codiponte (Capo di Ponte), Codevilla (Capo di Villa).
Oskisch Die Osker haben wahrscheinlich auch zu den italienischen Ortsnamen beigetragen. Das kann man aber nur dort feststellen, wo sich das Oskische deutlich vom Lateinischen unterschieden hat. Dort, wo das Lateinische zwischen Vokalen den Laut -b- hatte, hatte das Oskische den Laut -f-. Statt lateinisch -br und -lb hatte es -fr- und -lf-. Bei Ortsnamen mit diesen Lauten ist es wahrscheinlich, dass ein oskischer Ursprung oder eine oskische Beeinflussung vorliegt.
Beispiele: Biferno (Fluss in den Abruzzen), Ofanto (Nordapulien), Ofena (nördliche Abruzzen), Alife (Kampanien), Carife (Kampanien), Monte Tifata (bei Capua), Tifa (Fluss im umbrischen Apennin), Ufente (Fluss bei Sezze), Ufita (Fluss im östlichen Benevent), Bufurneto (Kalabrien) Venafro (Kampanien, in der Antike Venafrum), Massafra (Apulien), Solofra (Kampanien), Bonefro (Abruzzen), Bisafro (Kalabrien), Trinefrio (Bach bei Cosenza) Melfi (Lukanien), Alfedena (Abruzzen), Melfa (Fluss in den Abruzzen), Alfano (Provinz Salerno, vom Personennamen Alfius = lat. Albius), Rofrano (Provinz Salerno, vom Personennamen Rufrius = lat. Rubrius)
Griechisch Im Süden von Italien haben griechische Siedler ihre Spuren hinterlassen. Siehe auch: Magna Graecia und Griechische Kolonisation.
Beispiele aus dem Raum Neapel: Napoli (Neapel), das vom griechischen (Neápolis) Nisida (Insel bei Neapel), vom griechischen (nē̃sis ‚kleine Insel‘) Forio (auf Ischia), vom griechischen (tò chōríon ‚Dorf‘)
Beispiele aus dem Cilento: Agropoli, von (àkrópolis ‚hohe Stadt‘) Foria, (tà chōría ‚Dörfer‘) Papajanni ‚Pfarrer Janni‘ (siehe unten, Abschnitt Persönlichkeiten) Policastro, (palaiókastron) Montecorice, von (kórax ‚Rabe‘)
Beispiele aus Kalabrien: die Ortsnamen auf -à, -adi, -oni (siehe unten, Abschnitte -à, -adi, -oni) Calimera, von dem griechischen Gruß „Guten Tag“, wahrscheinlich ein Neckname Papaglionti (‚Pfarrer Leóntios‘, siehe unten, Abschnitt Persönlichkeiten) Cataforia ‚unteres Dorf‘ Paracorio ‚jenseits des Dorfes‘ Dinami, benannt nach der heiligen Dynamis Pentedattilo, vom griechischen (pénte dáktyloi ‚fünf Finger‘), benannt nach einem fünfzackigen Berg Squillace (Skylákion) Stilo (stýlos ‚Säule‘) Valanidi (balanídi ‚Eichel‘) Nicastro (Neókastron) Ceramida (keramís ‚Tonerde‘) Anoja (, anṓgeia ‚obere Häuser‘) Nicotera, vom Personennamen (Nikóteras) Panaja, (‚Madonna‘) Spilinga, vom altgriechischen (spḗlynga ‚Höhle‘) Siehe auch: Griechisch-kalabrischer Dialekt.
Beispiele aus dem Nordosten von Sizilien (Provinz Messina): die Ortsnamen auf -à (siehe unten, Abschnitt -à) Ableitungen von römischen Gentilnamen mit der Endung -anus (griechisch -anós) mit griechischer Betonung: Cagnano (von Canius), Frazzanò (von Flaccius), Magnano (von Mannius) Bafia ( batheĩa ‚Tal‘) Bronte ( brontḗ ‚Donner‘) Calamona ( kalamṓn ‚Schilf‘) Calispera (vom griechischen Gruß „Guten Abend“, wahrscheinlich ein Neckname) Castanea (‚Kastanienbaum‘) Catalimita ( tá kataleímmata ‚Ruinen‘) Limina ( límnē ‚Sumpf‘) Linguaglossa (benannt nach einer Lavazunge am Ortsrand, aus lateinisch oder italienisch lingua ‚Zunge‘ und griechisch glō̃ssa ‚Zunge‘) Melia ( melía ‚Esche‘) Mili ( mýlē ‚Mühle‘) Potame ( potámion ‚kleiner Fluss‘) Palostraco (früher Palocastro, entstanden aus palaiókastron)
Arabisch Auf Sizilien gibt es Ortsnamen mit arabischem Ursprung. Siehe auch: Geschichte Siziliens, Abschnitt Arabische Vorherrschaft.
Das arabische Wort qal'at (‚Felsen‘, ‚Burg‘) steckt in folgenden Ortsnamen: Caltanissetta, Caltagirone, Caltavuturo, Caltabellotta, Calatafimi.
Das arabische Wort beni (‚Söhne‘) ist in folgenden Ortsnamen enthalten: Benarifi, Benagoli, Benimingallo.
Das arabische Wort dschebel (‚Berg‘) ist in folgenden Namen von Bergen enthalten: Mongibello (der volkstümliche Name des Ätna), Monte Gibele (auf Pantelleria), Gibli, Gibilgabbi (= Gibil Habib), Gibilmesi, Gibilmanna, Gibliscemi.
Das arabische Wort rahal (‚Landgut‘) ist in folgenden Ortsnamen enthalten: Racalmuto, Racalmari, Regalbuto, Regalmici.
Slawisch Im östlichen Friaul und in Istrien gibt es slawische Ortsnamen. Vereinzelt gibt es sie auch an der Ostküste von Süditalien, zum Beispiel Lesina (Nordapulien), das zu slawisch lěsьno gehört, einem Adjektiv von lesь ‚Wald‘.
Germanisch Germanische Ortsnamen finden sich in Italien vor allem im Norden des Landes. Auf Sardinien, Korsika und Sizilien kommen sie gar nicht vor.
Der Name der Goten ist in verschiedenen norditalienischen Ortsnamen erhalten: Godia (Friaul), Godo (Friaul), Godega (Provinz Treviso).
Der Name der Langobarden hat sich im Namen Lombardia (Lombardei) erhalten, sowie in Lombardore (zweimal im Piemont) und in Longobardi (zweimal in Kalabrien).
Die Ortsnamen auf -engo sind ebenfalls langobardisch, siehe unten, Abschnitt -engo.
Verschiedene langobardische Wörter sind in Ortsnamen enthalten: fara (‚Sippe, Reisegemeinschaft‘), in norditalienischen Ortsnamen bis nach Lukanien: Fara Novarese, Fara in Sabina, Fara Gera d’Adda, Fara Olivana con Sola,Fara Vicentino, Farra d’Isonzo, Farra d’Alpago usw. wald (‚Wald‘) in norditalienischen Ortsnamen bis nach Lukanien: Gualdo, Galdo, Gualda, Gualdo di Macerata, Gualdo Tadino, Gaudo staffal (‚Grundlage‘): Staffolo, Staffola, Staffora, Staffoli braida (‚Ebene‘, vgl. dt. Breite): Braida, Breda, Braidabella, Bredafranca, Bredalunga, Breda Azzolini blahha (‚Brachfeld‘, vgl. mhd. blach ‚flach‘): Biaca, Le Biache und eventuell Bracca
Ursachen der Namensgebung Bodenbeschaffenheit
Einfache Benennung Prato (‚Wiese‘), Fiume (‚Fluss‘), Flumene (Sardinien, ‚Fluss‘), Lago (‚See‘), Arena, Ponte (‚Brücke‘), Poggio (‚Anhöhe‘), Rocca (‚Burg‘), Borgo (‚Vorstadt‘), Villa, Vico (‚kleiner Ort‘).
Einfache Benennung mit Adjektiv Manchmal auch mit Adjektiv: Pratolungo (‚lange Wiese‘), Fiumefreddo (‚kalter Fluss‘), Fluminimaggiore (Sardinien, ‚größerer Fluss‘), Lagonegro (‚schwarzer See‘), Pontenuovo (‚neue Brücke‘), Poggioreale (‚königliche Anhöhe‘), Roccaforte (‚starke Burg‘), Borgosatollo, Villafranca (‚freie Stadt‘), Vicopisano (‚pisanisches Örtchen‘). Gelegentlich auch mit Adjektiv vor dem Substantiv: Altavilla (‚hohe Stadt‘), Altomonte (‚hoher Berg‘), Biancavilla (‚weiße Stadt‘), Lungavilla (‚lange Stadt‘), Malcantone (‚schlechte Gegend‘), Chiaravalle (‚helles Tal‘), Francavilla (‚freie Stadt‘), Belmonte (‚schöner Berg‘), Malalbergo (‚schlechte Herberge‘).
Mit einem Suffix, das Größe oder Kleinheit ausdrückt: Fiumicello (Friaul), Vallecchia (Toskana), Pontecchio (Provinz Rovigo), Roccella (Kalabrien), Rocchetta (Ligurien), Monticello (Piemont), Civitella (Abruzzen), Castelluccio (Lukanien), Castellucchio (Lombardei), Fiumone, Petrone, Vallone, Castellazzo.